cover zetemataUrsula Gärtner, Phaedrus. 

Ein Interpretationskommentar zum ersten Buch der Fabeln. (Reihe Zetemata, Band 149) C.H. Beck, München 2015, 298 Seiten, 

ISBN 978-3-406-67363-4, 78,00 €

„Dieses Buch richtet sich an alle Phaedrusfreunde, Studierende, aber auch Lehrende an den Schulen, um die gerade bei diesen Texten so notwendige Zusammenarbeit zwischen Schule und Wissenschaft anzuregen” (Vorwort, S. 11). Die Fabeln des Phaedrus werden in der Schule nach wie vor gerne gelesen, wohl mehr als ein Dutzend lateinische Schulausgaben sind in Gebrauch, die Fachdidaktik hat sich viel mit ihm und der kleinen Gattung Fabel beschäftigt. (Bei Dieter Gerstmann, Bibliographie: Lateinunterricht/Lateinische Autoren, Paderborn 1997, 330ff findet man in 14 Spalten eine Fülle von Literatur zum Autor und zu einzelnen Fabeln!). Ein sehr effizientes didaktisches Prinzip ist dabei der Vergleich; Schülerinnen und Schüler staunen immer wieder, wenn sie die Entwicklungsgeschichte einzelner Fabeln durch die Jahrhunderte mit ihren unterschiedlichen Akzentuierungen, Textumfängen, Deutungen und Interpretamenten erleben. 

Die Wissenschaft interessierten in der Vergangenheit primär Fragen der Motivgeschichte und sozialgeschichtliche Aspekte. „Man meinte, hierdurch den ,Freigelassenen des Augustus’, die Stimme des ,Kleinen Mannes’ zu hören, der pessimistisch angesichts der Macht der Herrschenden die Anpassung predige. Ferner wurde hierzu in der Regel ein biographischer Deutungsansatz verfolgt, der die Gedichte aus der vermeintlichen
Lebenserfahrungen ableitete” (S. 10). Ursula Gärtner verweist freilich darauf, dass diese Lebensdaten mehr oder weniger aus den Fabeln erschlossen wurden, und ist überzeugt, dass sich die Vielschichtigkeit der zunächst so simpel erscheinenden Gedichte erst bei der Betrachtung der zahlreichen intertextuellen Bezüge erschließt.

Sie betonte bei ihren Vorträgen zu einzelnen Fabeln des Phaedrus (z.B. in Potsdam und Berlin) wiederholt, dass man „in jüngerer Zeit begonnen (habe), ihn in literarischer Hinsicht ernst zu nehmen. Deutlich wurde dabei, dass er sich nicht nur auf verwandte Gattungen wie die iambische Dichtung und besonders die Satire bezieht, sondern dass die Fabeln durch zahlreiche Bezüge in ein intertextuelles Gewebe eingebunden sind, das sich von der frühgriechischen Literatur bis in die augusteische Dichtung und in Phaedrus’ eigene Zeit erstreckt.” (Vgl. Ursula Gärtner, Anus diligens iuuenem, item puella – Phaedrus und die Elegie, LGBB Heft 4/2015, http://lgbb.davbb.de/home/archiv/2015/heft-4/anus-diligens-iuuenem-item-puella-phaedrus-und-die-elegie). Das ist fraglos ein neuer wissenschaftlicher Ansatz zum Verständnis der Fabeln des Phaedrus. Dieser ist maßgeblich den langjährigen Forschungen Ursula Gärtners zu verdanken, welche die römischen Werte und das poetologische Spiel bei Phaedrus thematisieren. Ihre Thesen an 31 Fabeln zu überprüfen, dazu leistet der vorliegende Band gute Dienste, ein Interpretationskommentar zu Phae-drus’ erstem Buch.

Ein Einleitungsteil von 50 Seiten beschäftigt sich mit der Gattung Fabel und ihrer Tradition sowie Leben und Werk des Phaedrus. Das ist reichlich komplex, oft auch kompliziert und verwirrend („2.4. Ein Trümmerhaufen: Die Überlieferungsgeschichte, 2.5. Überschaubar: Die Forschungsgeschichte”), die Autorin versteht es, in sorgfältiger Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur einen roten Faden zu legen. Sie beschreibt Phae-
drus als ambitionierten und eigenständigen Dichter, als poeta doctus et ludens, der in seinen heiteren und lehrreichen Gedichten stets auch ein intellektuelles Spiel mit Idealen und Topoi der kallimacheisch-kleinpoetischen Tradition treibt (vgl. S. 43f. „leui calamo ludimus: Die Auseinandersetzung mit dem Dichtungsprogramm der Vorgänger”.) 

Auf 200 Seiten wird sodann im Interpretationsteil jede der 31 Fabeln des  ersten Buches der Reihe nach in ihrer überlieferten Reihenfolge interpretiert und kommentiert. Jedes Gedicht wird nach seinen Sinnabschnitten analysiert, Gärtner Darstellung besticht besonders dadurch, dass sie Phaedrus’ ausgefeiltes Spiel auf sprachlich-stilistischer Ebene und – sehr oft – seine metrischen Virtuosität minutiös darstellt. Dies gilt auch für die intra- und intertextuellen Bezüge und Anspielungen in den einzelnen Gedichten, die Gärtner detailliert benennt. Der oftmals reizvolle Blick auf das Nachleben der jeweiligen Fabel bzw. die Anmerkung, dass sich spätere Nachdichtungen nicht finden oder auch „keine Überraschungen bieten”, rundet jedes der 31 Kapitel ab; die Aufmerksamkeit gilt dabei spätantiken Prosaparaphrasen ebenso wie exemplarischen neuzeitlichen Bear-beitungen, u.a. aus der Feder von Lessing, La Fontaine, W. Busch, Arntzen und Thurber.

Ursula Gärtners Phaedrusbuch wirbt dafür (unterstützt von zahlreichen jüngeren Arbeiten), poetologische Aussagen nicht biographisch zu deuten, und  den Dichter freizulassen aus allzu engen Festlegungen: „Seine Heimat ist die Literatur, und zwar die griechische wie die lateinische.” (S. 33). Die Verse des Phaedrus dürften demnach noch manches Neue und Überraschende bereit halten. 

Übrigens: Band zwei des Interpretationskommen-
tars liege leider seit Monaten in der Warteschleife, so Ursula Gärtner. Der angekündigte Forschungsbericht zu Phaedrus erscheint aber demnächst in der Reihe Lustrum – Internationale Forschungsberichte aus dem Bereich des klassischen Altertums in Göttingen.


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Karl-Wilhelm Weeber, 

Latein – da geht noch was! 

Rückenwind für Caesar & Co. 

Mit Zeichnungen von Ferdinand Wedler, Theiss Verlag – WBG Darmstadt  2016. 352 S. mit etwa 40 zweifarbigen Abbildungen. Preis: € 24,95, ISBN: 978-3-8062-3341-4

1998 erschien bei Vandenhoeck & Ruprecht das noch immer lesenswerte Bändchen „Mit dem Latein am Ende? Tradition mit Perspektiven”. Sein Verfasser, Karl-Wilhelm Weeber, hatte sich damals (auf 150 Seiten) vorgenommen, „Eltern, Schülern und einer bildungspolitisch interessierten Öffentlichkeit die Bildungsleistungen des Fachs Latein näherzubringen.” 

18 Jahre später erscheint vom selben Autor im
Theiss Verlag ein 350 Seiten starker Band „Latein –
da geht noch was! Rückenwind für Caesar & Co”. Im Focus stehen weiterhin die Bildungsleistungen des Fachs Latein und der gleiche Adressatenkreis, aber nicht nur: „Dieses Buch möchte einen Beitrag dazu leisten, indem es aufzeigt, wie lebendig, farbig und spannend das scheinbar tote Latein in unserer gegenwärtigen Welt einschließlich der deutschen Sprache ist; wie sich vieles in der Vermittlung des Faches verändert hat und zeitgemäß geworden ist, ohne indes atemlos hinter dem Zeitgeist herzukeuchen.” (S. 8) Das Buch ist „eine schriftliche Werbung für Latein” (S.23), zerpflückt allerdings auch manches Anti-Latein-Argument, etwa die Auffassung: Latein stehe dem Idealtypus des ,trinlingualen Europäers’ entgegen, der neben seiner Muttersprache zwei moderne europäische Sprachen beherrscht. "Schaut man sich die einschlägigen Statistiken der Kultusministerien an, so ist das ein nur auf den ersten Blick einleuchtender, de facto aber widerlegbarer Anti-Latein-Einwand. Das Gegenteil ist nämlich der Fall: Wer Latein lernt, lernt durchschnittlich mehr andere moderne Fremdsprachen als der ,Nichtlateiner’”(S. 15) – sicher auch, weil Latein eine gute Grundlage für Französisch, Spanisch und Italienisch schafft..

Über den Autor Karl-Wilhelm Weeber braucht man an dieser Stelle kein Wort zu verlieren. Es gibt in Deutschland und den benachbarten deutschsprachigen Regionen keine Lehrkraft für Latein, die nicht zumindest eines seiner vielen Bücher zur römischen Kulturgeschichte und Literatur besitzt und häufig nutzt, gleich ob es um das römische Alltagsleben, die lateinische Grafittiszene, den antiken Sportbetrieb, den Luxus im Alten Rom, das alltägliche Denglisch, das stadtrömische Nachtleben, den Badebetrieb, Rennbahn und Circus als Massenunterhaltung, das Leben auf dem Land, den Weinbau, das Umweltverhalten in der Antike, den römischen Wahlkampf, spezielle Figuren wie Diogenes, Caesar und Cato oder das sprachliche Erbe Roms (und Griechenlands) in den europäischen Sprachen geht. Die Inhalte all dieser langjährigen Arbeitsfelder Karl-Wilhelm Weebers haben – wie könnte es anders sein – Eingang gefunden in dieses Buch, mit einem großen Schuss Humor und Sinn für Unterhaltsames. So ist es plausibel, dass aus den 150 Seiten von 1998 schließlich ein Kompendium von 350 Seiten entstanden ist mit Argumenten, Aspekten, Materialien und Anregungen für einen lebendigen, farbigen und spannenden Lateinunterricht. Gerne wäre ich sein Schüler gewesen in einer Anfangsklasse oder in einem Lektürekurs am Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium in Wuppertal, das er bis zu seiner Pensionierung 2010 als Oberstudiendirektor leitete!

Die zentralen Komponenten des Bildungsfachs Latein und seine Alleinstellungsmerkmale im Gesamtcurriculum (die dann im Verlauf des Buches z. T. in mehreren Kapiteln weiter ausgeführt werden) nennt Weeber schon im ersten Abschnitt „Stark in der Gegenwart, fit für die Zukunft – Warum Latein lebt” (S.8-23): „,Richtig Grammatik’ hätten sie nur im Lateinunterricht gelernt, räumen selbst Skeptiker und Kritiker des Lateinunterrichts ein.” - Übersetzen ist „eine Form gelenkter sprachlicher Kreativität”, „diese Schulung in deutschem Wortschatz und deutscher Ausdrucksfähigkeit wird bei freien Sprachproduktionen wie Aufsätzen und Berichten nicht erreicht, weil man dort aufgrund der größeren Freiheit leicht ,ausbüxen’ kann.” – Belastbare wissenschaftliche Untersuchungen zeigen die kompensatorische Wirkung des Lateinlernens für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund. – „Latein ist nicht nur ein Sprach-, sondern auch ein Sachfach, das Basiswissen (und häufig noch mehr) über die Zivilisation der Römer vermittelt, und zwar erheblich umfassender, als es der Geschichtsunterricht tut. In Sachen antiker Kulturkunde – einschließlich griechischer Mythologie und anderer kultureller Leistungen der Griechen, die sich Rom zueigen gemacht hat – ist Latein ebenfalls konkurrenzlos.” – Übersetzen, Kulturkunde und Grammatik bezeichnet Weeber denn als die drei Alleinstellungsmerkmale, die natürlich auch im Literatur-unterricht ,bedient’ werden, der auf die Spracherwerbsphase folgt. Selbstverständlich werde ,große’ römische Literatur im Lateinunterricht gelesen (Ovid, Seneca, Cicero, Vergil), in diesem Buch habe er indes „den Akzent auf literarische Newcomer” gelegt, die seit einigen Jahrzehnten in den Kanon der Schulschriftsteller aufgestiegen sind: Petrons Schelmenroman, Martials Spottepigramme, Ovids berühmte Liebeskunst. – „Und wie passt Caesars Bellum Gallicum, dieser alte Hut – manch einer wird sagen: dieser uralt Langweiler –, in dieses literaturdidaktische Novitäten-Kabinett? Weil er im Hinblick auf seine literarische Meisterschaft und geschickte manipulative Leserlenkung gelesen, alles andere als ein Langweiler ist. Und weil man ihn zudem als hochmodernen Autor lesen kann, der uns in mancher Hinsicht die Augen über uns selbst zu öffnen vermag.” –
„Wo Deutsch und Englisch draufsteht, ist oft Latein drin.” Das kann Weeber in unübertrefflicher Weise belegen: „Latein bietet neben der Fähigkeit, viele lateinstämmige Begriffe im Deutschen und in anderen Sprachen Europas – sogar den slawischen – zu durchdringen und sie auf ihren ursprünglichen Kern zurückzuführen, spannende Einblicke in die Welt der Lehnwörter, die als besonders gut integrierte ,Sprachmigranten’ ihre lateinische Herkunft zu vernebeln bemüht sind.” – Beiläufig konstatiert Weeber, dass das Schreckensklischee vom erbarmungslosen Paukfach nichts mit der Realität zu tun habe, dass die Faktoren Lernmotivation und Schülernähe im Lateinunterricht angekommen seien, dass der Typus des ,klassischen’ Lateinlehrers der Vergangenheit angehöre, dass freilich Lernen zu Latein gehöre, ganz so wie Gründlichkeit, Genauigkeit und Beharrlichkeit dazugehörten. „Man braucht einen langen Atem, wenn man Latein lernt – ein Durchhaltevermögen, das in ähnlicher Weise wie die anderen gerade genannten Dispositionen wohl auch auf andere Stoffe und Situationen transferierbar ist. Und es sind Eigenschaften, die der Einzelne in unserer Gesellschaft und auch unsere Gesellschaft als Ganzes gut gebrauchen können.” Noch eine zentrale Position Weebers: „Latein und Schule sollen Spaß machen, aber es ist eine Illusion zu glauben, dass sie immer nur Spaß machen können – und ziemlich unverantwortlich, den totalen Spaß-Eindruck zu erwecken. Lernen ist auch Arbeit, und Latein lernen ist es hier und da mehr als in anderen Bereichen. Aber es ist keine vergebene Mühe, man kriegt auch eine Menge an Bildung und Nutzen dafür – mehr als an einem pädagogisch weichgespülten Wohlfühl-Ambiente, das auf Dauer auch nicht ganz so befriedigend ist.”

Dreißig Kapitel und ein umfassendes Literaturverzeichnis mit bis zu einem Dutzend Angaben pro Kapitel machen das Buch aus. Der Leser kann sich kapitelweise in beliebiger Reihenfolge durch das Buch arbeiten, beginnt vielleicht mit „Bio-Latein –
Die Symbiose zweier Wissenschaftswelten” (293ff.), mit „Glamouröse Deponentien – Vom Zauber der Grammatik” (149ff.), oder „,Petere,
Populus, Pietas’ – Was heißt ,Übersetzen’?" (79ff.), vertieft sich in einen Lektürevorschlag „Zu Gast beim König der Angeber – Petrons vergnügliches Aufsteiger-Soziogramm” (40ff), informiert sich über Sprachförderung durch Latein in „Salve, Mehmet! Salve, Aylin!” (97ff), geht Latein-Spuren in der Gegenwart nach im Kapitel: „Voll stabile Sprache – Jugendjargon mit Latein-anleihen” (324ff) oder: „Hamburger, Hosenträger, Handy – Wie sag ich’s auf Latein?” (276ff) oder: „Schimpfen, Fluchen, Verwünschen – Ein kleiner Ausflug ins Gossen-Latein” (186ff.). Zur Wahl stehen Kapitel über sprachliche Kompetenzen: „,Re’- und ,Ex’-, ,Con’- und ,Pro’- Sprachbausteine nicht nur für Latein” (106ff), „Mitgelernte Sprachen – Wie die Mutter Brücken baut” (134ff) oder kulturgeschichtliche Themen wie „Warum 12 = 10 ist – Oder: Unser römischer Kalender” (204ff) oder „Von A wie Amulett bis Z wie Zensur – Wie die Römer unseren Kulturwortschatz bereichern” (116ff) oder „Zahnpasta und Hooligans –
Kulturgeschichte in 40 Begriffen” (210ff). Natürlich geht es auch um Juristenlatein, um Kochen mit Apicius, lateinische Grafitti, das Alte Rom im modernen Film, die Latinitas Viva und das Latein-Recykling im Denglisch-Test.

Langer Rede kurzer Sinn: dieses Buch ist wieder ein „echter Weeber”, unterhaltsam, sehr anregend – selbst für den erfahrenen Unterrichtspraktiker, ausgesprochen informativ und motivierend, also Pflichtlektüre für die neue Lateinlehrergeneration!

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