Eingeleitet von Eugen Braun

Liebe Ursula, liebe Nicola, lieber Jörg, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Studierende, liebe Gäste, bevor ich Peter Riemers Vortrag zum heutigen Jubiläumsfest verlese, erlauben Sie mir einige persönliche Bemerkungen. Wie die meisten von Ihnen wissen, vertritt Nicola Hömke seit dem für uns schmerzlichen (aber verständlichen) Wechsel Ursula Gärtners nach Graz den Lehrstuhl für Klassische Philologie an unserer Universität. Die Art und Weise, wie sie dies tut, etwa bei dem von Frau Gärtner begründeten ‚jour fixe‘ oder im Altertumswissenschaftlichen Kolloquium finde ich hervorragend; ich bin ihr nicht nur deswegen sehr dankbar und wünsche Ihr, dass sie dies auch weiterhin so tun kann.

Als mir Nicola Hömke vor kurzem mitteilte, dass Peter Riemer seinen Vortrag an unserem Jubiläumsfest leider nicht halten könne, er es aber gut fände, wenn ich in seinem Namen seine Rede vortrüge, hatte ich aus verschiedenen Gründen zunächst große Bedenken. Einer dieser Gründe reicht bis in meine Kindheit zurück. Bei der Feier der Heiligen Messe konnte ich als Ministrant nicht selten nur zu deutlich erleben, wie sich die sonst durchaus neugierig gespannte Aufmerksamkeit meiner kleinen nordsaarländischen Heimatgemeinde just in dem Augenblick in einen – euphemistisch ausgedrückt – auffällig veränderten Ruhezustand verwandelte, in dem der Pfarrer ankündigte, er werde statt zu predigen einen Hirtenbrief des Trierer Landesbischofs verlesen. Nachdem mir Peter Riemer dann mitteilte, dass er in seinem Vortrag vor allem aus sehr persönlicher Sicht an die Anfänge des Potsdamer Instituts für Klassische Philologie erinnern wolle, haben sich meine Bedenken sofort zerstreut. Seine Gedanken und Erinnerungen, die ich Ihnen gleich vortrage, zeugen, wie ich schon beim ersten Lesen feststellen konnte, noch vom selben ansteckenden Enthusiasmus, mit dem er bereits vor zwanzig Jahren die ersten Studierenden in Potsdam für die Beschäftigung mit antiken Texten zu begeistern verstanden hat.

Erlauben Sie mir in diesem Zusammenhang noch eine weitere ganz kurze persönliche digressio. Ich lese gerade ein spannendes Buch des Jenaer Soziologen Hartmut Rosa, der darin die Frage nach dem gelingenden bzw. guten Leben mit Hilfe des Kriteriums der Resonanzerfahrung zu beantworten versucht. Seine diesbezüglichen Analysen der verschiedenen Lebenssphären, der Familie, der Arbeit, der Religion, der Kunst, des Sports führen ihn zu der nicht ganz überraschenden Diagnose, dass es für die Menschen kapitalistischer, vor allem von Entfremdung geprägter Gesellschaften der Postmoderne immer schwieriger werde, lebenswichtige Resonanz-Erfahrungen zu machen, bei denen es in unterschiedlichen Zusammenhängen nicht nur zu einer tiefen kognitiven und affektiven, sondern auch leiblichen Berührung zwischen Subjekt und Welt komme. (Wenn Ihnen dies jetzt zu unverständlich bzw. philosophisch vorkommt, so haben Sie heute ab 21 Uhr, wenn man Herrn Rosa glauben will, die Möglichkeit, ganz anschaulich auf dem Fernsehbildschirm ein zumindest „präreflexives, somatisch-soziales Resonanzgeschehen“ mit zu verfolgen, vorausgesetzt natürlich, Sie finden überhaupt Gefallen daran, 22 erwachsenen Menschen dabei zuzuschauen, wie sie einem Ball hinterherlaufen und diesen in ein Tor zu befördern versuchen).

Bei der Lektüre von Herrn Rosas Buch hat sich mir unwillkürlich auch die Frage nach möglichen Resonanzerfahrungen auf der Universität gestellt; ich habe noch keine abschließende Antwort gefunden. Dass die Universität als Stätte des Lernens und Lehrens primär kein Ort zur Erfüllung lebensphilosophischer Sehnsüchte sein kann und darf, sondern vor allem einen werturteilsfreien Fachunterricht zum Ziel haben muss, der allenfalls zu einer besseren rationalen Abwägung der verschiedenen Welt- und Lebensanschauungen beitragen kann, wie sie auch in Texten der griechisch-römischen Antike paradigmatisch erkennbar sind, habe ich von Max Weber gelernt. In seinem berühmten Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ hat Weber, wie Sie wissen, ebendies vor fast genau hundert Jahren den Studenten der Münchener Universität nachdrücklich verständlich zu machen versucht.  In diesem Vortrag (Weber war übrigens  ‚Schwipp-Schwager‘ von Wilamowitz)  findet sich allerdings auch der bekannte Satz: „Nichts ist für den Menschen als Menschen etwas wert, was er nicht mit Leidenschaft tun kann.“ Wenn Studierende heute das Studium der Klassischen Philologie, wie es scheint, vor allem absolvieren  und absolvieren müssen, um sog. Leistungspunkte zu erwerben, entspricht dies einer allgemeinen Entwicklung der Universitäten, die ich nicht weiter kommentieren will. Dass Studierende sich dieser Entwicklung zum Trotz jedoch zum Glück immer noch in Seminaren, ja sogar Grammatikübungen für den ‚Stoff‘  begeistern lassen, habe ich selbst noch heute Morgen erleben dürfen und in den letzten Jahren immer wieder vereinzelten Rückmeldungen insbesondere zu Veranstaltungen Ursula Gärtners entnehmen können.

Aus der Anfangszeit unseres Instituts fällt mir in diesem Zusammenhang besonders Jörg Rüpkes Vorlesung über Römische Geschichtsschreibung ein, deren Mitschnitt bzw. Aufnahme Frau Geyer dann zu einem sehr begehrten Buch gemacht hat. Wie spannend seine fachwissenschaftliche Beschreibung religiösen Handelns in der Antike (und der damit verbundenen vertikalen Resonanzachsen) sein kann, haben Sie alle gerade selbst erleben können. (Ich persönlich bin schon sehr gespannt auf sein neues Buch über die Geschichte der antiken Religionen, das am 19. September erscheint und für das ich an dieser Stelle schon einmal Reklame machen darf). Wie es Peter Riemer in seiner Potsdamer Zeit auf  charismatische Weise verstanden hat, das Interesse der Studierenden etwa für die Aeneis in lebendigen Diskussionen immer mehr zu vertiefen, weiß ich von einzelnen Seminarteilnehmern, und wie eindrucksvoll es ihm nicht nur damals gelungen ist, sondern auch heute noch gelingt, in den akademischen Lehrbetrieb auch Erfahrungen künstlerisch-performativer Resonanz zu integrieren, geht auch aus dem folgenden Vortrag hervor, den ich nun verlesen darf. (Dabei versuche ich den möglicherweise doch aufkommenden Gedanken, dass Saarbrücken, wo Herr Riemer derzeit lehrt, nicht weit von Trier entfernt liegt, so gut es geht zu unterdrücken). Der Vortrag trägt den Titel ‚Ein Anfang mit RE und ohne Bleistift: Kuriositäten der ersten Stunde’ und beginnt mit den Worten:

 

Liebe Frau Gärtner, liebe Frau Hömke, lieber Jörg, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Studierende und, sofern anwesend, natürlich auch zu begrüßen der Dekan: Spectabilis!

Es ist wirklich bedauerlich, dass ich am heutigen Tag nicht selbst dabei sein kann, das Institutsjubiläum zu feiern. Eine schon seit Monaten terminierte Berufungskommission mit Probevorträgen und der anschließenden Entscheidungsfindung an eben dem 7. Juli 2016 lässt mich einfach nicht aus Saarbrücken fort. Aber zumindest können diese Zeilen hier verlesen werden. Es muss wohl der 4. oder 5. Oktober 1995 gewesen sein, als wir in Golm die künftigen Räume des Instituts für Klassische Philologie aufsuchten, Eugen Braun und ich – wir waren verabredet und er möglicherweise vor mir da; Jörg Rüpke kam dann erst in der Woche darauf, wenn ich mich recht entsinne – da hatten wir die Räume schon halbwegs eingenommen, freilich noch ohne neues Mobiliar. Alles war muffig und ziemlich heruntergekommen. Das hatte nichts mit den aktuellen Anglisten zu tun, von denen wir die Räume erbten. Vielmehr fanden sich in den Schreibtischen und Schränken Abschlussarbeiten und andere Unterlagen (Korrespondenzen und Berichte) aus der Zeit der Brandenburgischen Landeshochschule, und zwar noch aus den Jahren vor der Wende. Man hatte den Eindruck, die Zimmer seien seit Gründung der Universität 1991 nur nebenbei quasi behelfsweise genutzt worden. Sie konnten 1:1, so wie sie waren, in ein DDR-Hochschul-Museum überführt werden. Dietrich Schwanitz hatte offenbar dieselben Eindrücke gehabt und in seinem Roman „Der Zirkel“ absolut treffend wiedergegeben. Schwanitz ist dem Ruf auf eine Potsdamer Anglistik-Professur bekanntlich nicht gefolgt (vielleicht deshalb?). Nun gut: Da standen wir also und mussten irgendwie anfangen. Keine Beschriftung deutete darauf hin, dass hier einmal das Institut für Klassische Philologie sein würde. Wir brauchten dringend Material: Computer, Drucker, Papier ... Nicht einmal Bleistifte waren vorhanden. 

Für Bestellungen von Material und Geräten gab es Formblätter. Die bekamen wir von Frau Schwarz, der Verwaltungschefin der Fakultät. Wir füllten die Formulare aus und mussten feststellen, dass selbst dies nicht so einfach war, wenn man noch gar nichts besaß. Denn auf den Formularen wurde ein Stempel verlangt. Man musste sogar, wenn man einen Stempel bestellen wollte, erst einmal selbst einen Stempel haben: „Stempel und Unterschrift“ hieß es unten auf dem Blatt. Kurios! Wir zogen in die Romanistik und liehen uns von dort einen Stempel aus: „Institut für Romanistik“. Natürlich strichen wir die Romanistik durch und schrieben in Druckbuchstaben, sozusagen in ‘Stempelschrift’ „Klassische Philologie“ darüber und bestellten auf diese Weise erst einmal einen Stempel ... und dann das übrige Material. So kamen wir an unsere ersten Bleistifte.

Zu einem Universitätsinstitut gehört selbstverständlich eine gut bestückte Bibliothek. Da wir ja praktisch bei Null anfingen, brauchten wir von allem alles: Lexika und Handbücher, Primärtexte und Sekundärliteratur. Weil auch andere Institute für ihre Buchbestände Geld benötigten, aber schon vor uns da waren und ihre Ansprüche längst geltend gemacht hatten, blieb für uns nur noch ein kleiner Rest aus dem Topf der Beschaffungsmittel. Der Hinweis auf die gut ausgestatteten Bibliotheken in Berlin war uns nur ein schwacher Trost. Schließlich sollten, so dachten wir, die Studenten auch draußen in Golm Bücher vorfinden, die ihrem Studium dienten. Wir skizzierten daher einen klassisch-philologischen Grundbestand und baten Frau Gaschütz, die für unsere Bibliothek zuständig war, zu kaufen, was der Markt eben hergab. Aber auf dem Büchermarkt fanden sich freilich kaum ältere Werke bis zurück ins 19. Jahrhundert. Deshalb nahmen wir Kontakt mit den Instituten in Greifswald und Halle auf, die sich gern von ihren Dubletten trennten, um dafür etwas Geld für Neuanschaffungen zu erhalten. Jörg Rüpke wird sicher noch die Fahrt zu Martin Hose in Greifswald in Erinnerung haben (ich hoffe in guter), die wir so zügig unternahmen (zugleich in Gespräche vertieft), dass uns irgendwo auf der Landstraße ein mecklenburg-vorpommersches Blitzgerät erwischte. Jedesmal wenn ich seitdem auf dem Weg an die Ostsee oder zurück geblitzt werde (und das passiert leider immer wieder; Mecklenburg-Vorpommern hat mehr Blitzgeräte als Einwohner), fällt mir die denkwürdige Tour von damals wieder ein. 

Somit bekamen wir nach und nach – wie gesagt für wenig Geld – einen systematischen Buchbestand in erstaunlicher Fülle zusammen. Und da verschlug es mir den Atem, als Frau Gaschütz aus dem Magazin der Potsdamer UB eine vollständige Realenzyklopädie hervorzauberte. Eine RE in Potsdam noch aus der Gründungszeit der Pädagogischen Hochschule? Wie war das möglich? Die Klassische Philologie besaß, als wir kamen, noch keinen Bleistift, hatte aber schon eine RE im Keller? Des Rätsels Lösung: Wir waren nicht die ersten. Ende der 40-er Jahre des 20. Jahrhunderts sollte die Pädagogische Hochschule auch Latein und Griechisch im Programm haben und kein geringerer als Werner Peeck (der letzte Wilamowitz-Schüler) war mit der Einrichtung betraut worden. Auch er hatte damals mit Bücherkäufen begonnen. Doch die Aufgabe der Lateinlehrerausbildung für die Oberschulen der DDR fiel dann den Hallensern zu. Peeck ging folglich nach Halle, sicherlich auch mit einigen Büchern im Gepäck. Die RE ließ er aber in Potsdam zurück. Somit könnten, zieht man die Unterbrechung bis 1995 ab, die Peeckschen Jahre hinzugerechnet werden und das heute zu feierende Jubiläum wäre ein 25-Jähriges.

Im Wintersemester 1995/96 hatten wir selbstverständlich Lehrveranstaltungen angekündigt. Aber es kamen keine Studenten. Wie denn auch? Wir besaßen ja nicht einmal eine Studienordnung. Also setzten wir uns regelmäßig zusammen, Jörg Rüpke, Eugen Braun und ich, und bastelten an unseren Ordnungen für das Studium der Lateinischen und der Griechischen Philologie. Und es war nicht einfach, die Ordnungen in der gebotenen Eile durch die Gremien zu bringen; vor allem die sogenannte LSK, die Senatskommission für Studium und Lehre, tat sich schwer, damals geleitet von dem Mathematikdidaktiker Thomas Jahnke: Ich erwähne ihn namentlich, weil er noch ein Schüler des berühmten Frankfurter Gymnasiallehrers Eduard Bornemann war, dem wir wunderbare lateinische und griechische Grammatiken und Schulbücher verdanken. Herr Jahnke war unseren Studiengängen sehr zugetan; an ihm lag es nicht, dass sich manches verzögerte. Das der LSK angehörende Mitglied des Bildungsministeriums legte uns immer wieder Steine in den Weg. Der Mann wollte unserem Konzept eines breit angelegten Lateinstudiums unter Einbeziehung sprachwissenschaftlicher und kulturwissenschaftlicher Elemente und definitiv gestützt auf die klassischen Autoren nicht zustimmen und wollte uns glaubhaft machen, dass das Latein des Mittelalters und das Neulateinische viel wichtiger seien für einen modernen Schulunterricht. Nun gut: Irgendwie hatten wir den Kampf dann doch gewonnen und das Ministerium beruhigen können. Wir erhielten postwendend den Auftrag, über hundert Lateinlehrer für das Land Brandenburg nachzuschulen. Darin bestand dann tatsächlich die große Aufgabe der ersten Jahre des Instituts: Jeden Freitag hatten wir unseren „Lehrertag“ und ermöglichten (unterstützt von der Weiterbildungs-GmbH in Babelsberg) einer großen Reihe von schon lange tätigen Lehrerinnen und –lehrern das Erweiterungsfach Latein zu erwerben; vielleicht ist der eine oder die andere von damals heute hier: ganz herzliche Grüße! Es war eine wunderbare Zeit mit sehr schönen Erfahrungen. Aus einem Vergil-Proseminar über die Aeneis im Winter 1997/98 ist die Idee hervorgegangen, dass die Tragik der Didofigur nicht separat betrachtet werden könne; auch die Rolle des Aeneas habe tragische Züge. Die Tragik des Aeneas, wenn man sie ernsthaft in den Blick nimmt, geht auf Aischylos zurück. Diesen Kerngedanken habe ich aus den Diskussionen mit den Lehrern mitgenommen, Entsprechendes publiziert und zuletzt sogar im Rahmen eines Theaterprojekts auf die Bühne bringen können.

Jörg Rüpke und ich wurden ja, glaube ich, gebeten, von Dingen zu berichten, die wir aus Potsdam mitgenommen bzw. die uns beeinflusst haben. Dies wäre eines: das Aischyleische in der Aeneis. Dann wäre auf jeden Fall zu nennen eine von Jörg Rüpke, Pedro Barcelo und mir zusammen mit John Scheid im Steiner-Verlag herausgegebene Reihe, die noch im Namen ihren Ursprung verrät: „die Postdamer altertumswissenschaftlichen Beiträge“, mittlerweile 55 Bände umfassend. 

Was mir Potsdam mit auf den Weg gegeben hat, ist zudem die Interdisziplinarität. In Köln, wo ich akademisch aufgewachsen bin, konzentrierten sich die einzelnen Disziplinen sehr auf sich selbst (ich glaube, das machen sie auch heute noch). Das mag an der Größe der Fächer oder auch an der Größe der dortigen Philosophischen Fakultät liegen. In Potsdam haben wir von Beginn an unter weitaus engeren Bedingungen die Nähe zu anderen Disziplinen und das Miteinander gesucht. Ich denke gern an die gemeinsamen Lehrveranstaltungen mit dem Anglisten Peter Drexler oder mit der Germanistin Margrid Bircken zurück. Aus der Zusammenarbeit mit diesen Nachbarphilologien ist denn auch der Studiengang „Vergleichende Literaturwissenschaft“ hervorgegangen, heute –
nachdem die Kunstgeschichte, die seinerzeit noch fehlte, dazugekommen ist – „Vergleichende Literatur- und Kunstwissenschaft“. Ähnliches erlebe ich in Saarbrücken, wo wir durch die Reduktion verschiedener Fächer auf einzelne Professuren geradezu gezwungen sind, kooperativ zu forschen und zu lehren. Die Gemeinschaft der Altertumswissenschaften mit Alter Geschichte, Klassischer Archäologie, Vor- und Frühgeschichte und der Klassischen Philologie in Bachelor- und Masterstudiengängen ist ein Beispiel. Künftig werden noch die „Europäischen Literaturen“ mit alt- und neuphilologischen Angeboten an der Universität des Saarlandes dazukommen. Dies kann durchaus mit dem verglichen werden, was wir damals in Potsdam schon kennengelernt haben. Wenn ich „wir“ sage, beziehe ich immer Christoph Kugelmeier mit ein, der mir im Sommer 2000 als Assistent ins Saarland folgte und heute als außerplanmäßiger Professor zu einem unverzichtbaren Kollegen geworden ist.

Als letzten Punkt in Sachen Mitnahme und Weiterwirken möchte ich erwähnen, dass die Verbindung zwischen dem ortsansässigen Theater und der Klassischen Philologie hier in Potsdam für uns prägend war. Das Hans-Otto-Theater war damals offen für vielfältige Kooperationen mit uns Altphilologen. Wir konnten eine Tagung zum „Chor im antiken und modernen Drama“ auf der Probenbühne des Theaters durchführen, keine rein wissenschaftliche Konferenz, sondern eine Mischung aus Theorie und Praxis. Klassische Philologen, Anglisten und Germanisten kamen zu Wort: Daneben aber berichtete ein Opernregisseur, der die euripideischen Bakchen in Athen inszeniert hatte, von seiner Arbeit; der griechische Komponist, der die Original-Chorpartien der Bakchen zum Klingen gebracht hatte, erklärte uns seine Prinzipien; ein Berliner Regisseur sprach über zwei Ödipus-Inszenierungen in Afrika und Chemnitz usw.; diese Erfahrung eines produktiven Brückenschlags zwischen den Dramentexten und der Bühne prägt seitdem unsere Arbeit. Wir sind heute wieder eng verbunden mit der Bühnenpraxis, diesmal mit dem Saarländischen Staatstheater, dem wir wie seinerzeit in Potsdam hin und wieder für die Inszenierung antiker Stücke beratend zur Seite stehen und richten Konferenzen aus, auf denen Dramaturgen und Regisseure mit Literaturwissenschaftlern ins Gespräch kommen. 

Vielleicht haben wir damit ein Stück Potsdam an die Saar geholt. Wir denken jedenfalls mit Wehmut und Dankbarkeit an die Potsdamer Jahre zurück. Sie waren und sind nach wie vor wertvoll für uns. Und ich empfinde es als ein besonderes Glück, dass das Potsdamer Institut eine so schöne Entwicklung nach unserem Weggang genommen hat. Ein großes Kompliment an dieser Stelle an Ursula Gärtner und und das gesamte Team. Zu diesem Team gehört natürlich Frau Geyer; sie ist Herz und Seele des Instituts für Studierende und Mitarbeiter. Da haben Jörg Rüpke und ich damals wohl eine unserer besten Entscheidungen getroffen, gerade sie als Sekretärin einzustellen. Auch ihr ein herzlicher Gruß von der Saar an die Havel! Und dies leitet über zu geographisch-personalen Aspekten, mit denen ich die Rede schließen möchte. Nicht nur hat Nicola Hömke, die jetzt für einige Jahre die Geschicke der Klassischen Philologie am Neuen Palais mit bestimmt, ihren Weg nach Potsdam über Rostock genommen: Auch Frau Geyer war vor ihrer Potsdamer Zeit an der Rostocker Universität in Diensten. Dasselbe trifft auf Eugen Braun zu. Eine wahrhaft glückliche Rostock-Potsdam-Konnexion! 

Zu Ursula Gärtner: Sie war mir schon ein Begriff, als sie sich in Leipzig habilitierte; denn Ekkehard Stärk hatte 1999 in einem Potsdamer Promotionsverfahren gegutachtet (es ging um Plautus) und konnte, wie er mir im Januar 2000 schrieb, nicht an der Disputatio Anfang Februar teilnehmen, weil er aufgrund seiner gesundheitlichen Situation mit seinen Kräften haushalten musste und ihm in diesem Zeitraum die Habilitation von Frau Gärtner mehr am Herzen lag. Wir hatten dafür vollstes Verständnis. Und so war es erfreulich zu sehen, dass eben diese Ursula Gärtner sich bald darauf um die Nachfolge auf dem Lehrstuhl in Potsdam bewarb und das auch noch mit Erfolg. – Sie heute in Graz zu wissen, ist ebenfalls beglückend. Bitte nicht missverstehen! Das hat nichts mit dem Wegsein von Potsdam als vielmehr mit dem Dasein in Graz zu tun. Auch hier wieder eine kuriose Fügung: Im Jahre 2010 waren Norbert Franz für die Slavistik und ich für die Klassische Philologie als Gutachter in Graz tätig. Es ging um die Evaluation der Literaturwissenschaften dort. In dem Abschlussbericht konnten bzw. mussten wir hervorheben, dass die Grazer Klassische Philologie nie zu einer vollen Entfaltung gelangt, wenn nur die Griechischprofessur besetzt ist. Bei aller Liebe für das Griechische: Ohne Latein geht es nicht. Ob sich die Universität jene Hinweise auf die Bedeutung der lateinischen Literatur für die übrigen Literaturwissenschaften zu Herzen genommen hat, weiß ich nicht. Aber das Ergebnis stimmt: Jetzt hat die dortige Klassische Philologie mit der Besetzung der Latinistik wieder eine aussichtsreiche Zukunft. Daher mein Zuruf: Macte virtute esto!

Der Zuruf gilt auch den Potsdamern. Ich wünsche dem Institut für Klassische Philologie und der Altphilologie in Brandenburg insgesamt weiterhin größtmögliche Wirksamkeit. Und für heute: ein schönes Fest!

Ihr Peter Riemer

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