— von Judith Conrad, GK 12, Gymnasium Finow

Titelblatt Metamorphosen

 

Inhaltsverzeichnis

  • Metamorphosen
  • Ovid
  • Deucalion, Pyrrha und die Sintflut
  • Europa und Jupiter
  • Apollo und Daphne
  • Arachne
  • Daedalus und Icarus
  • Echo und Narcissus
  • Orpheus und Eurydike
  • Philemon und Baucis
  • Byblis und Caunus

Für die Träumer, die an das Fantastische glauben.

Dies ist eine Mahnung, dass nicht jeder Zauber

Gutes bringt.


 

1. Metamorphosen – Das Meisterwerk der Verwandlungen

Der antike römische Dichter Publius Ovidius Naso wurde am 20. März des Jahres 43. v. Chr. in der italienischen Stadt Sulmo geboren. Gemeinsam mit den Dichtern Horaz und Vergil gehörte er zu den 3 großen Poeten der klassischen römischen Epoche. In der Frühphase seines künstlerischen Wirkens schrieb er Liebesgedichte, später Sagen und Klagelieder. Das bekannteste Werk seiner Frühphase heißt »Ars amatoria«, übersetzt Liebeskunst, welches im Jahre 4 nach Christus veröffentlicht wurde. In diesem Werk geht es unter anderem darum, wie ein Mann ein Mädchen für sich gewinnen kann. Die »Ars amatoria« wurde ein großr Erfolg und verkaufte sich in ganz Rom. Sein Hauptwerk jedoch, das bis heute noch das bekannteste seiner Werke ist, erschien erst 4 Jahre später. Nachdem er 7 Jahre lang an dieser Sammlung von Mythen, Sagen und Dichtungen geschrieben hatte, veröffentlichte er im Jahre 8 nach Christus die »Metamorphoseon libri«, auf Deutsch »Bücher der Verwandlungen«. Das gesamte Werk besteht aus 15 Büchern, die je aus mehreren hundert Versen bestehen. 

Das kürzeste Buch ist das 12. Buch, das aus 628 Versen besteht, während das längste 15. und letzte Buch aus 968 Versen besteht. Die einzelnen Bücher werden zudem nochmal in Kapitel unterteilt, in jedem Kapitel kommt eine andere Geschichte vor. Insgesamt umfassen die »Metamorphoseon libri« rund 250 verschiedene Geschichten. In diesen werden die Geschichte und Entstehung der Welt aus Sicht der griechischen und römischen Mythologie sowie unzählige griechische und römische Sagen aus der gesamten Welt der Götter überliefert. Ohne das Werk Ovids wären viele dieser Sagen heute unbekannt, da die Metamorphosen für viele der Geschichten die heute einzig bekannte Quelle sind.  

Die Versform ist der Hexameter, der je aus 6 Daktylen besteht. Das zentrale Element dieser Geschichten sind die Verwandlungen, nach denen das Werk benannt ist. 

Bei den Verwandlungen handelt es sich meistens um Verwandlungen von Menschen oder Göttern in Tiere, Pflanzen oder Gegenstände. Bekannte Verwandlungen sind zum Beispiel die Verwandlungen des Titanen Atlas in einen Berg, des Königs Lycaon in einen Wolf, die der Nymphe Perimele in eine Insel oder auch die Verwandlung von Reis und Traubensaft in Gold. Die Motive der Verwandlungen reichen von Bestrafung über die Erfüllung von Wünschen bis hin zur Rettung des Verwandelten. Die Verwandlungen prägen das Werk und machen es bis heute zu einem der populärsten Bücher im Bereich der Mythologie. Der Künstler selbst jedoch bekam davon in seinen späten Jahren nicht mehr sehr viel mit, da er noch im Jahr der Veröffentlichung der Metamorphosen vom damaligen Kaiser Augustus ins heutige Rumänien verbannt wurde. Dort starb er vermutlich im Jahre 17 nach Christus im Alter von rund 60 Jahren.

2. Ovid – Der Meister der Verwandlungen

Es war einmal ein kleiner Junge namens Publius Ovidius Naso. Er lebte lange vor unserer heutigen Zeit – so etwa vor 2000 Jahren – im alten römischen Reich. Sein Vater war ein reicher römischer Bürger und so hatte die Familie keine Sorge um Geld und Ovid wuchs in einem großen, schön ausgestatteten Haus auf. Vor allem mit seinem Bruder verbrachte er viel Zeit und die beiden wurden zu richtig guten Freunden. Schon von klein an liebte es Ovid Bücher und Geschichten zu lesen und so beschloss er Dichter zu werden, um selber eigene Gedichte, Erzählungen und Sagen für die Menschen zu schreiben. Ovids Vater allerdings hatte andere Pläne. Er wollte viel lieber, dass seine Söhne in der Politik arbeiten und genügend Geld verdienen. Daher schickte er sie auf mehrere Reisen, z.B. nach Griechenland, sodass Ovid und sein Bruder die unterschiedlichsten Schulen besuchen konnten und ganz viel lernten. Vor allem das Erzählen von Geschichten und das Schreiben von Gedichten bereiteten Ovid immer mehr Freude und so wurde er sich schnell sicherer später einmal als Dichter zu arbeiten. 

Um seinen Vater aber nicht allzu sehr zu enttäuschen, begann er erst einmal im römischen Reich in der Politik zu arbeiten. Er war sogar sehr erfolgreich und verdiente viel Geld, doch er merkte einfach, dass das nicht das Richtige für ihn war und beschloss mit der Geschichte namens »Medea« als Dichter tätig zu werden. Sein Vater leider fand die Idee von Ovid nicht sehr toll, ließ seinen Sohn aber sein eigenes Leben gestalten. 

Bald darauf verstarb Ovids Papa und auch seinen Bruder verlor Ovid. 

Nun fasste er all seinen Mut zusammen und entschied sich noch einmal in die Schule zu gehen, um seine Ausbildung zum Dichter zu beenden. Schon kurz darauf veröffentlichte er die „Amores“, die Liebesgedichte. Diese Werke waren ein voller Erfolg und die Menschen liebten seinen Schreibstil, der voller Witz und Grazie war. Ovid wollte das Volk unterhalten und gleichzeitig bilden. Das beides schaffte er mit seinen Werken. Voller Spaß und Freude schrieb er weiter und verfasste sein Hauptwerk die „Metamorphosen“, die ebenfalls ein voller Erfolg waren. 

Während das Volk seine Geschichten liebte, schwärmte Ovid zu dieser Zeit für eine wunderschöne Frau. Er war glücklich und lebte ohne Sorgen. Doch er hatte nicht mit dem Kaiser Augustus gerechnet … 

Der nämlich mochte Ovids Erzählungen gar nicht. Nie hatte Ovid ihn auch nur einmal erwähnt in seinen Werken und oft drehte es sich alles nur um die Liebe und davon hielt Augustus nicht allzu viel. Von einem auf den nächsten Tag beschloss Kaiser Augustus, dass Ovid sein geliebtes Zuhause in Rom verlassen muss. Nur seine Frau und einen Koffer durfte er mitnehmen und wurde an die äußerste Grenze des Reiches gebracht – nach Tomis. Weit weg von Rom, weit weg von seinen Freunden, weit weg von seinen vielen Fans… Schockiert und traurig versuchte Ovid unerschütterlich den Kaiser Augustus mit Briefen zu überzeugen wieder zurück in seine Heimat zu dürfen. 

Doch leider ohne Erfolg. Es blieb ihm nichts anderes übrig als seinen neuen Wohnort zu akzeptieren. Auch wenn Kaiser Augustus Ovid die Heimat nahm, das Talent und die Leidenschaft am Schreiben von Geschichten konnte er ihm nicht rauben. Und so schrieb Ovid weiter, jetzt vor allem aber traurige und sehnsüchtige Geschichten, wie z.B. „Tristia“, um sein Heimweh zu zeigen. Als alter Mann verstarb Ovid in seinem kleinen Haus in Tomis. Vergessen wird ihn allerdings niemand. Mit all seinen verfassten Werken wird er den Menschen immer in Erinnerung bleiben, sie bilden und lehren. 

Wir alle können bis heute viel von ihm lernen. Obwohl sein Vater seinen Beruf als Dichter nicht sehr gut fand und Kaiser Augustus letztendlich dafür sorgte, dass Ovid seine Heimat verlassen musste, verfolgte Ovid immer seine eigenen Ideen und Vorstellungen, lebte seine Leidenschaft aus und gestaltete sein Leben weitestgehend so, wie er es wollte und das ist doch am Ende das Wichtigste.

3. Deucalion, Pyrrha und die Sintflut – Wie der Mensch neu erschaffen wurde

Vor vielen tausend Jahren regierte der Gott Jupiter über die Welt, er war der berühmte und hochangesehene Göttervater und herrschte auch über den Olymp, eine Stadt im Himmel. 

Zu dieser Zeit teilte er die Jahrhunderte in Weltalter ein, so wie wir das Jahr in Frühling, Sommer, Herbst und Winter einteilen, also in die Jahreszeiten. 

Die ersten beiden Weltalter waren schön anzusehen und die Menschen lebten in Ruhe und Frieden. Doch dann kam das Eiserne Weltalter, zu Beginn dieses Zeitalters wurden die Menschen verflucht. Dies hatte zur Folge, dass sie böse wurden und viele schlechte Sachen taten. Das hatte Jupiter sehr traurig gemacht, denn er mochte die Menschen sehr. Sie konnten ihn aber auf einmal nicht mehr leiden. 

Er wusste sich nicht weiter zu helfen und sprach eines Abends zu seiner Frau, »Oh Juno!« – so hieß sie nämlich – „Bitte hilf mir doch, ich brauche einen Rat von dir. Die Menschen auf der Erde werden immer böser und sind gemein zueinander. 

Was kann ich nur tun?“.  Daraufhin überzeugte sie ihn den Götterrat einzuberufen. 

Im Olymp lebten 12 Götter, diese trafen sich eines Nachmittags zu Tee und Kuchen. Jupiter schilderte sein Problem und vertraute sich ihnen an. Seine Freunde sprachen ihm Mut zu und gemeinsam beschlossen sie die böse gewordenen Menschen zu bestrafen und ihnen zu zeigen, dass es ihnen viel besser geht, wenn sich alle wieder lieb haben und nett zueinander sind und vor allem, wenn jeder jedem hilft. Ihren Plan nannten die Götter »Das Strafgericht über die Menschen«.  Nun musste sich Jupiter noch überlegen, wie er die Menschen auf der Erde belehren kann. Es waren einige Tage vergangen und das Geschehen auf der Erde hatte sich nicht verbessert, also musste sich der Gott der Blitze etwas einfallen lassen. Beim Golfen mit seinem Bruder Neptun erzählte er von seinem Vorhaben. Jupiter wollte ein paar Blitze zur Erde schicken, welche die auf der Erde lebenden Menschen erschrecken. Doch da fiel ihm auf, dass die Erde anfangen könnte zu brennen und die Flammen auch zum Olymp kommen würden. Das würde dazu führen, dass alle Menschen ihr Zuhause verlieren. Neptun fiel dann ein, dass er eine große Welle an Land schicken könnte, um die Menschen zu belehren. Dies taten die Brüder dann auch und der Gott der Winde half ihnen.  

Eines Tages dann schickte Neptun eine große Welle in Richtung Erde. Aeolus ließ den Süd-Wind frei, wodurch es sehr kalt wurde, da wurden die anderen Winde sauer und waren sehr böse auf Aeolus. Da Jupiter sich dachte, die Menschen würden nicht genug daraus lernen, schloss er sich mit den erbosten Winden zusammen und ließ sie frei. Daraufhin schoben die Winde alle Gewitterwolken zusammen und kitzelten aus den Wolken ganz viel Regen und ein großes Donnergrummeln. Es entstand „ein einziges Meer ohne Küste“ und Jupiter war sich sicher, dass die Menschen nun wieder vernünftig sein würden. 

Was er nicht wusste, dass alle Menschen gestorben waren und nun in den Himmel kamen. Juno sprach zu ihrem Mann und erzählte ihm, sie hätte zwei Menschen am Berg Parnass gesehen. Sie sollte Recht behalten, denn Deukalion, ein lieber und gerechter Mann und seine ängstliche Frau Pyrrha überlebten das Unglück. Die beiden fragten sich, was sie nun machen sollten. Pyrrha hatte sehr Angst vor den Göttern, doch Deukalion war sich sicher, dass die Götter des Olymps ihnen verzeihen würden. 

Also sprach er zu Jupiter „Jupiter, bitte verzeihe uns! Wir waren immer gut und höflich und haben nie mit jemandem gezankt!“.  

Die Götter haben sich erneut getroffen und haben sich entschieden, sich wieder mit den Menschen zu vertragen. Aber Pyrrah hatte gemerkt, dass alle anderen Menschen weg waren. Die Menschen wollten nicht weiter allein sein, sondern etwas mit Freunden machen. Also haben die beiden zu Themis gebetet, die sagte aber nur: »Die Gebeine der großen Mutter hinter sich werfen«.  

Was sie damit meinte, wussten sie beide nicht. Da strengten sie beide ihre klugen Köpfe an und sie wussten es. Themis hatte ihnen vorgeschlagen, dass sie so viele Steine wie sie nur können, egal ob groß oder klein, auf den Boden werfen sollten. Aus den Steinen werden dann neue und liebe Menschen, aus den kleinen werden Kinder und die großen Steine werden zu Erwachsenen. „Das geht doch eh nicht“, sagte Deukalion, aber Pyrrha probierte es aus und ganz schnell hatten sie viele neue Menschen und Freunde um sich herum und wurden alle zusammen glücklich.

4. Europa und Jupiter – Wie Schönheit ihr Schicksal bestimmte 

Europa war die Tochter des Königs Agenor und somit die Prinzessin von Sidon. Die hübsche Prinzessin spielte liebend gern mit ihren Freundinnen draußen auf der Wiese. 

Einst erblickte Jupiter, der Göttervater, die junge Prinzessin und verliebte sich bis über beide Ohren in sie. Er wollte sie kennenlernen, doch seine misstrauische Gattin durfte nichts davon bemerken.  Er verwandelte sich also in einen wunderschönen Stier. In einen kräftigen, schneeweißen Stier mit kleinen Hörnern.

Als die Prinzessin Europa wieder einmal mit ihren Freundinnen draußen spielte, erblickten sie eine Herde von Stieren. Ein weißer Stier viel ihr sofort ins Auge und sie war verzaubert von seiner Schönheit. Langsam näherte sich Europa dem Stier und streckte ihre Hand aus, um ihn zu streicheln. Der Stier war sehr zutraulich und so steckte ihm die Prinzessin eine Blume an die Hörner. Als nun auch ihre Furcht überwunden war, stieg sie auf den Rücken des Stieres. Auf einmal setzte sich der Stier in Bewegung und lief auf das Meer hinzu. Vor Angst klammerte sich Europa an der Mähne des Stieres fest. Mit einem großen Satz sprang der Stier ins Wasser. 

Er schwamm und schwamm über das weite Meer bis nach Kreta, wo er die ängstliche Prinzessin absetzte. Europa weinte schrecklich aus Verzweiflung und wusste sich nicht zu helfen. Doch plötzlich tauchte ein Mann auf, der ihr seine Hilfe anbot und schwor sie zu beschützen. Es war Jupiter, der sich zurück in seine Menschengestalt verwandelt hatte. 

Auch die Göttin Venus tauchte auf und beschloss den neuen Kontinent nach Europa zu benennen und brachte den beiden die Fruchtbarkeit. Bald darauf bekamen Jupiter und Europa drei Kinder. Sie nannten sie Minos, Rhadamanthys und Sarpedon. Später aber heiratete Europa den König Asterios und wurde somit die Königin von Kreta.

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5. Apollo und Daphne – Wie der Segen der Liebe zum Fluch werden kann 

Vor längst vergangener Zeit gab es einst den mächtigen Sonnengott Apollo, doch trotz all seiner Herrlichkeit war Apollo voller Hochmut und so kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Liebesgott Amor. Er verspottete Amors kindliche Gestalt, die sich durch schneeweiße Leinenwindeln und ebenso kleine, weiße Flügelchen auszeichnete und seinen elegant geschwungenen Bogen. 

Doch dachte er dabei nicht an die Folgen, die ihn ereilen sollten. Denn der Liebesbringer war zwar unscheinbar in seinem Erscheinen, aber zutiefst in seinem Stolz gekränkt. Doch dieses geflügelte kleine Kerlchen wusste sich zu helfen. Um Apollo hautnah die Ausmaße seiner Kraft zu präsentieren zückte er aus seinem, ihn in der Größe überragenden Köcher, einen goldenen Pfeil und erwischte Apollo mit diesem treffsicher. Die goldene Pfeilspitze durchdrang Apollos Brust genau an der Stelle, wo man sein vor Eitelkeit strotzendes Herz vermutete. 

Durch den goldenen Pfeil Amors wurde Apollo von der unaufhaltsamen Kraft der Liebe übermannt und verliebte sich augenblicklich und unsterblich in die wunderschöne Nymphe Daphne, welche er zugleich erblickte. Von nun an konnte der Sonnengott an nichts anderes mehr denken als an die bezaubernde Daphne, denn durch Amors Macht wird er sie bis zum Ende seiner Tage begehren. Doch für den beflügelten Knaben war diese schicksalsbestimmende Tat für die verletzenden Worte Apollos nicht ausreichend, so setzte er für einen weiteren Schuss den nächsten Pfeil an die Sehne und spannte den starken Bogen so weit wie er konnte. Der glänzende, aus Blei geformte Pfeil sauste beeindruckend und kraftvoll durch die Lüfte und warf Daphne mit dem Eintreffen des Pfeils in ihre Brust mit wankendem Fall zu Boden. Ab diesem Augenblick verspürte Daphne eine tiefe Abneigung, wenn nicht sogar Hass gegen die Gottheit und verlor jeglichen Glauben an die Liebe. Somit fühlte sie sich von Apollos gewaltiger Liebe zu ihr schrecklich erdrückt und Gefühle der Liebe ihm gegenüber schienen schier unmöglich.  

Zur gleichen Stund’ begann Daphne vor den heftigen Gefühlswellen des Apollos zu entfliehen. Die höchsten Berge und die tiefsten Täler der weiten Welt durchquerte sie, um der sie einengenden Liebe zu entkommen, aber Apollo ließ nicht von ihr ab und jagte sie von seiner Liebe zu ihr getrieben bis ans Ende der Gezeiten und bis ans Ende der Kräfte Daphnes. Voller Tränen der Verzweiflung, die ihr über die rosigen Wangen liefen, erreichte sie das Königreich ihres Vaters und flehte ihn erschöpft an ihr Erlösung zu bringen. Dieser erhörte nach einer ausführlichen Erzählung der Geschehnisse ihrerseits den sehnlichsten Wunsch seiner Tochter. 

Kaum verließen die Worte ihre Lippen, schon begann sie sich in ihrem Wesen zu verwandeln. Zu Laub wuchsen ihre seidigen Haare, zu Ästen ihre zierlichen Arme, der Fuß, eben noch so flink wie ein Häschen, blieb an hölzernen Wurzeln haften, die prunkvolle Baumkrone nahm das wunderschön traurige Gesicht ein. Was von ihrer grazilen Gestalt übrig blieb, ist ein ebenso schöner Lorbeerbaum. Doch Apollo, ungebremst in seiner lodernden Liebe vergötterte den Baum zutiefst und küsste zärtlich seine Äste und die kräftig dunkelgrünen Blätter. Auch in dieser Gestalt schaffte es Daphne in ihrer anhaltenden Abneigung, mit Hilfe ihrer Blätter vor dem hartnäckigen Verehrer zurückzuweichen. Um seine Geliebte nun immer bei sich zu haben, erklärte er den Lorbeerkranz zu seinem Heiligtum, er schmückt sich damit und trägt ihn fortan immer bei sich.

6. Arachne - Wie ihre Leidenschaft zum Verhängnis wurde 

Es war einmal eine schöne junge Spinnerin, welche den Namen Arachne trug. Ihr Vater Idmon war ein einfacher Purpurfärber, mit dem sie in einer kleinen altgriechischen Stadt in Lydien wohnte. Die Nymphen verbreiteten in der Gegend, ihre Webkünste wären so ohnegleichen, dass sie wohl nur von Athene, der Göttin der Weisheit und des Kampfes sowie der Schutzpatronin der Weber und Sticker selbst, unterrichtet sein könne. Diese Behauptungen ließen die junge Spinnerin hochmütig werden. Sie prahlte in der ganzen Gegend, dass ihre Webkünste sogar die von Athene übertreffen würden. In diesem Hochmut forderte sie die Göttin Athene zu einem Webwettbewerb heraus, welcher Arachnes ganzes Leben verändern sollte. 

Als die allwissende Göttin von dieser Herausforderung hörte, kam große Empörung in ihr auf, doch wollte sie der Spinnerin noch eine Möglichkeit gewähren sich zu besinnen. Athene nahm also die Gestalt einer alten, weisen Frau an und erschien in dieser Form vor Arachne. Sie versuchte sie eines Besseren zu belehren, doch von Arachne kam keinerlei Einsicht. Sie verspottete die alte Dame, deren wahre Gestalt sie nicht erahnte und fragte dreist, warum die Göttin denn nicht selbst käme. Da ließ die Göttin ihre Hülle fallen und offenbarte sich der jungen Frau. Nun wollte Athene Arachne nicht mehr verschonen, denn diese hatte ihre letzte Chance auf Glück und Frieden vertan. 

Der Wettstreit begann. Fleißig webten die Frauen um die Wette, jede von ihnen sah sich siegen. Das fertige Werk Athenes zeigte den Wettstreit Neptuns und ihr um die Stadt Athen. In den Ecken befanden sich Szenen von Menschen, die sich mit den Göttern angelegt hatten. Arachnes jedoch zeigte die zahlreichen Liebschaften zwischen Göttern und Menschen. Athene war so empört über jene Abbildungen, dass sie mit ihren Webschiffchen auf Arachne einschlug. Doch nicht nur vor Empörung, nein. Athene fühlte sich in ihrer Ehre und in ihrem Stolz verletzt, da Arachnes Weberei so makellos und gar wunderschön war. Sie übertraf wahrlich die Weberei der Göttin. 

Nachdem Athene etliche Male auf Arachne eingeschlagen hatte, war diese so erschüttert vor Angst, dass sie sich mit einem Strick um den Hals erhängen wollte. Doch hatte Athene andere Pläne für Arachne und während diese ihre letzten Atemzüge tätigte, bespritzte die erzürnte Göttin sie mit dem Gift des hekatischen Krautes. Beinahe sofort fielen Arachne die Haare vom Kopfe und ihre Gliedmaßen verwandelten sich in lange, haarige Spinnenbeine. Der Unterkörper machte einem dicken Spinnenkörper Platz. Nun hing dort von der Decke, an einem dicken Spinnenfaden, anstelle von Arachne eine Spinne. Athene betrachtete zufrieden ihr Werk und verließ Arachne mit den Worten, sie sei auf ewig dazu verdammt zu spinnen, sowie jeder ihrer Nachkommen.

7. Daedalus und Icarus – Wie die Sonne ihm die Flügel stahl 

Daedalus aus Athen war ein sehr kunstfertiger Mann, der sich als Baumeister und Bildhauer verstand. Als er seinen Neffen Talos in dem Handwerk unterrichtete, beobachtet Daedalus, wie sein Schüler bald geschickter und besser arbeitete als er selbst. Das konnte der Lehrmeister nicht ertragen und so stürzte er Talos in den Tod. Für diese Tat wurde Daedalus gefangen genommen, doch er floh auf die Insel Kreta und fand Unterschlupf beim dort herrschenden König Minos. Er arbeitete für Minos als Künstler und erbaute so auch das Labyrinth des Minotaurus, ein Halbwesen mit dem Kopf eines Stieres und dem Körper eines Menschen. 

Doch die Verbannung aus der Heimat machte Daedalus schwer zu schaffen und es quälte ihn, sein ganzes Leben bei einem so tyrannischen Herrscher zu leben. Minos verhinderte, dass Daedalus über Land und Wasser von Kreta fliehen konnte. So kam dem Künstler die Idee, mit Hilfe selbst angefertigter Flügel durch die Lüfte zu entfliehen. Daedalus konstruierte für sich und seinen, ebenfalls auf Kreta gefangenen Sohn Icarus Flügel aus vielen verschiedenen Vogelfedern. Bevor Daedalus und Ikarus nun ansetzten, über das Meer zu fliegen, ermahnte der Vater seinen Knaben, immer genau auf der mittleren Bahn zwischen Meer und Sonne zu fliegen. Es sei nämlich gefährlich, sich der Sonne zu sehr zu nähern, da sonst das Wachs, das die Vogelfedern verband, schmelzen würde. Ebenso bärge das Meer die Gefahr, den Sohn beim Vorüberfliegen zu benässen und mit sich zu reißen. Unter diesen Ermahnungen knüpfte Daedalus seinem Sohn die Flügel an und unter einem letzten Kuss verabschiedeten sie sich. Der Vater flog nun voraus, um seinen Sohn möglichst zu schützen. 

Doch, als sie schon weit über dem offenen Meer flogen, wurde Ikarus übermütig und begab sich alsbald in zu große Höhe. Die Strafe blieb nicht aus und bevor Ikarus es bemerkte, hatte sich das Wachs der Flügel gelöst und er stürzte mit bloßen Armen in die Tiefe. Nach einer Weile drehte sich Daedalus wieder einmal nach seinem Sohn um, um nach dem Rechten zu sehen. Er konnte den Verunglückten nicht mehr finden, geschweige denn retten. Lediglich das Federkleid fand Daedalus am Strand einer Insel.

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8. Echo und Narcissus –Wie ihre Liebe unerreichbar wurde 

Es war einmal ein wunderschöner junger Mann mit dem Namen Narcissus. Er wurde von allen geliebt, sowohl von Jünglingen als auch von jungen Frauen. Am aller meisten liebte ihn aber seine Mutter Liriope. Diese wollte wissen, ob ihr Sohn ein langes und erfülltes Leben haben wird. Deswegen ging sie zu einem Seher. Dieser sagte ihr, dass Narcissus ein langes Leben haben wird. Aber nur, wenn dieser sich nicht selbst erkennt. Zuerst waren alle von den Worten des Sehers verwirrt. Aber später sollte sich doch noch bewahrheiten. 

Als Narcissus nun mit seinen Freunden einen Ausflug machte, sah ihn die Bergnymphe Echo. Dies war keine normale Bergnymphe. Sie war verzaubert worden. Sie konnte nur noch das Gesprochene wiederholen. Grund dafür war Juno, die Göttin des Krieges und Gemahlin von Jupiter. Echo lenkte immer Juno ab, sodass die Freundinnen von Echo fliehen konnten. Diese hatten sich vorher mit Junos Gemahl Jupiter vergnügt. 

Als Bestrafung konnte Echo nur noch das zuletzt gesprochen Wort wiederholen. Als Echo Narcissus sah, verliebte diese sich auf der Stelle in ihn. Ein glücklicher Zufall trennte Narcissus von seinen Freunden. Dieser rief nach ihnen: „Ist jemand hier?“. Aber keiner von ihnen antwortete. Stattdessen rief Echo: „Hier!“. 

 Narcissus war erschrocken. Es war auch kein Mensch zu sehen. Deswegen rief er: „Komm her!“. Echo versuchte ihn dann voller Liebe zu Umarmen. Narcissus erschreckte sich aber durch das plötzliche Erscheinen und floh. Echo blieb allein und voller Liebeskummer im Wald zurück. Verzerrt von ihrer unaufhörlichen Liebe wich jede Flüssigkeit aus ihrem Körper und sie verwandelte sich in einen Stein.  

Nun kam es, dass ein Jüngling, der in Narcissus einst verliebt war, Rache wollte. Er wünschte sich, dass Narcissus das gleiche fühlte wie alle anderen mit einem gebrochenen Herz. Die Göttin der Rache erhörte dies. Sie brachte Narcissus dazu, sich in sein eigenes Spiegelbild zu verlieben, als sich dieses im Wasser spiegelte. Narcissus versuchte es zu küssen und zu umarmen. Da es aber nur Wasser war, schaffte er es nicht. Nun fühlte Narcissus die gleiche unerfüllte Liebe, die er schon so vielen bereitet hatte. Auch der Spruch des Sehers hat sich bewahrheitet. Würde Narcissus sich selbst nicht erkennen im Spiegelbild, wäre dieser erlöst. So aber, mit dem Schmerze der unerfüllten Liebe in der Brust und der Gewissheit, diese niemals zu bekommen, starb er. 

Als sein Andenken und als Erinnerung an seine wunderschöne Gestalt, verwandelte man ihn aber in eine wunderschöne Blume. Diese trägt den Namen Narzisse. Und wenn man genau hinhört, kann man immer noch die klagenden Rufe von Echo hören, die um ihren geliebten Narcissus trauert.

9. Orpheus und Eurydike – Wie das Licht der Hoffnung ihm seine Geliebte entriss

Es war einmal in dem weit entfernten Land Thrakiens ein Mann namens Orpheus. Orpheus war ein großartiger Sänger. Er war so begabt, dass selbst Apollo, der Gott der Musik, ihm eine Leier schenkte. Jeden Mann und jede Frau, ja sogar Steine und Bäume konnte er mit seiner Musik verzaubern. Orpheus war sehr verliebt in die Flussnymphe Eurydike und es dauerte nicht lange, bis die beiden heirateten. Doch wurde das Liebesglück der beiden schnell von einem furchtbaren Unglück zerstört. 

Eines Tages spielte Eurydike mit ihren Freundinnen an einem Fluss, als sie plötzlich von einer giftigen Schlange gebissen wurde und augenblicklich verstarb. Orpheus war am Boden zerstört. Er sang und sang traurige Lieder, aber diese brachten ihm seine tote Frau auch nicht wieder zurück. 

So fasste der Sänger einen Entschluss, er würde in die Unterwelt, das Reich der Toten, gehen, um Eurydike wieder zum Leben zu erwecken. Mutig stieg er in das fremde Land hinab und wanderte zum Herrscher des Totenreichs. Als er den Thron des Königs Plutos erreichte, spielte Orpheus ihm und seiner Frau, der Königin Proserpina ein Lied auf seiner Leier. Er sang von seiner unendlichen Liebe zu Eurydike, von dem Schmerz, der ihn erfasste, als sie starb. Dann erinnerte er schließlich Pluto, dass er selbst von der Liebe überwältigt wurde, als er seine Frau Proserpina heiratete. Die Zeit schien still zu stehen. Um den Sänger drängten sich die weinenden Geister und selbst die gefühllosesten Dienerinnen des Herrscherpaares waren zu Tränen gerührt. 

Noch nie war es geschehen, dass der König und die Königin eine menschliche Bitte erfüllt hatten, doch auch sie waren von der Musik so verzückt, dass Proserpina den Geist von Eurydike heranwinkte. „Hier ist deine geliebte Frau“, sagte sie zu Orpheus, „und sie wird dir ins Reich der Lebenden folgen. Doch gib Acht! Du darfst dich nicht zu ihr umdrehen und sie ansehen. Tust du dies doch, bevor ihr die Grenze zur Oberwelt erreicht habt, wird sie für immer im Reich der Toten bleiben!“ 

 Orpheus stimmte der Vereinbarung zu und machte sich sofort mit Eurydike auf den Heimweg. Doch je weiter er ging, desto mehr Zweifel ergriffen ihn. Was, wenn sie nun gar nicht mehr hinter ihm war? Vielleicht war sie auf dem Weg verloren gegangen? Er versuchte den Atem seiner Frau zu hören oder wenigstens das Rascheln ihrer Kleidung – doch nichts. Um ihn herum herrschte Totenstille. Seine Angst und Sorge wuchs mit jedem Schritt. 

Nach einiger Zeit, als er bereits das Licht der Oberwelt erhaschen konnte, hielt er es nicht mehr aus und drehte sich um. Da stand seine Eurydike und lächelte ihn traurig an. Ihre Augen waren mit Liebe erfüllt, als sie ihn betrachtete und noch ein letztes „Auf Wiedersehen“ hauchte, welches seine Ohren kaum mehr vernehmen konnten. Hilflos streckte der Musiker die Arme aus, um sie an sich zu ziehen, aber seine Hände griffen ins Leere. Eurydike war bereits verschwunden. 

Verzweifelt wollte er wieder zurück in die Tiefen des Totenreiches, um seine Frau zum zweiten Mal zu holen. Aber ihm wurde der Weg versperrt. So spielte er sieben Tage und sieben Nächte und versuchte die Totenherrscher mit seiner Musik zu erweichen. Doch diese blieben unerbittlich. 

Daraufhin kehrte Orpheus wieder zurück nach Thrakien, wo er niemals fähig war eine andere Frau lieben. Jedoch fand er eine neue Liebe bei Männern, weswegen er schlussendlich doch nochmal sein Liebesglück fand.

10. Philemon und Baucis – Wie ihre guten Herzen den Tod überdauerten

Es war einmal ein altes Ehepaar, welches in einem kleinen Dorf auf einem Hügel lebte. Diese beiden hießen Philemon und Baucis. Seit ihrer Jugend lebten sie zufrieden und voller Liebe in einer kleinen Hütte, ihre Armut verheimlichten sie nicht. Eines Tages verirrten sich der Göttervater Jupiter und sein Sohn Merkur in dieses Dorf. Um nicht erkannt zu werden, verwandelten sich die beiden in Menschen. Sie gingen von Hütte zu Hütte, um nach einem Platz zum Schlafen zu bitten, doch niemand wollte ihnen die Tür öffnen. Bis sie an der letzten Hütte angekommen waren, welche einfach gebaut und nur mit Stroh bedeckt war. Hier wohnte unser altes Ehepaar, welches ihnen freundlich die Tür öffnete und sie hereinbat. Während Baucis das Essen vorbereitete und den Tisch deckte, kümmerte sich Philemon um das Wohlergehen der Gäste. Er machte ein Feuer, sodass es in der Stube schön warm wurde und richtete den Gästen ihre Betten her. Sogar der Wein, welcher für einen besonderen Anlass gedacht war, wurde aufgetischt. Als Philemon und Baucis auffiel, dass der Wein nicht weniger wurde, obwohl die Gäste ihn tranken, war es ihnen klar: Ihre Gäste müssen Götter sein. Im selben Moment ergaben sich Jupiter und Merkur zu erkennen. Die Götter führten das alte Ehepaar auf den höchsten Punkt des Hügels und erklärten ihnen, dass ihre Nachbarschaft nun für die Unfreundlichkeit und ihren Egoismus bestraft werde. Sogleich erschien eine riesige Welle und das ganze Dorf stand unter Wasser. Da, wo vorher die alte Hütte von Philemon und Baucis stand, erstrahlte nun ein riesiger Tempel. Das Strohdach war nun vergoldet und fing an zu glänzen und der Boden war bedeckt mit Marmor. Jupiter gab den beiden als Belohnung für ihre Gastfreundschaft einen Wunsch frei. Philemon und Baucis Wunsch war es, Priester des Tempels zu sein und weitere sorglose Jahre zu verbringen, bis sie letztendlich gemeinsam sterben würden. Dieser Wunsch wurde ihnen erfüllt. Denn nach weiteren glücklichen Jahren holte die Zeit sie beide zusammen. Beide verwandelten sie sich in zwei nebeneinanderstehende, riesengroße und vor allem wunderschöne Bäume. So reicht die Liebe von Philemon und Baucis auch noch über deren Tod hinaus. 

11. Byblis und Kaunos – Wie ihre Tränen für immer flossen 

Vor nicht allzu langer Zeit wuchsen die Zwillinge Byblis und Kaunos wohlbehütet und glücklich im alten Italien auf. Die beiden spielten für ihr Leben gerne in ihrem traumhaften Garten hinter dem Haus und tobten zwischen all den Aprikosenbäumen, Weinreben und Birnenbäumen. Besonders liebten sie den Aprikosenkuchen ihrer Großmutter, welchen sie jedes Jahr im Sommer zusammen aßen. Doch im Laufe der Jahre wurde Kaunos zu einem selbstbewussten, großen Jungen und Byblis entwickelte sich zu einem schüchternen, hübschen Mädchen. Trotz der Unterschiede, die über die Jahre entstanden, hatten sich die Zwillinge nie auseinandergelebt und waren wie beste Freunde. Unglücklicherweise traf Amors Pfeil an ihrem 16. Geburtstag die falsche Person und Byblis verliebte sich unsterblich in ihren Bruder Kaunos. Von diesem Schicksal getroffen wurden ihre Gefühle von Tag zu Tag stärker und sie konnte nichts gegen die vermehrten Umarmungen und Küsse tun, die ihr Herz verlangte. Obwohl sie wusste, wie falsch es war, so für ihren Bruder zu fühlen, rückte der Zauber all diese Gedanken in den Hintergrund, wodurch sie jegliche Moral vergaß. 

Sie machte sich nur für ihn hübsch und wenn andere Mädchen hübscher waren, wurde sie sofort eifersüchtig. So lebten sie Tag ein, Tag aus und Byblis konnte nicht aufhören, ihren Bruder zu begehren. Selbst in ihren Träumen spielte er stets die Hauptrolle. Jedes Mal, wenn sie an ihn dachte oder etwas mit ihm unternahm, erstrahlte ihr Herz aufgrund des Zaubers, von dem weder sie noch sonst jemand wusste, und schämte sich, da sie nicht wusste, warum sie so für ihn empfand. Dadurch veränderte sich natürlich die Beziehung zwischen den Geschwistern, da Byblis stets zwiegespalten handelte und sie entfernten sich voneinander.  

Aus diesen Qualen entschloss sie sich, Kaunos von ihrem Geheimnis - ihren Gefühlen für ihn - zu erzählen. Ganz aufgebracht und nervös formulierte sie einen Brief, welcher all ihre Gefühle widerspiegeln sollte. Sie schrieb, sie habe alles versucht, um gegen die Gefühle anzukämpfen, jedoch hatte all das nichts gebracht und er sei der Einzige, der sie von ihrem Herzschmerz befreien könnte. Da sie wusste, dass Kaunos nicht dasselbe empfand wie sie, traute sie sich nicht, ihm den Brief persönlich zu überreichen und schickte einen Diener. Wie erwartet war Kaunos nicht begeistert von dem Brief und warf ihn fast ungelesen wütend auf den Boden. Gekränkt von dieser Reaktion konnte Byblis ihre Liebe trotzdem nicht verstecken und versuchte immer wieder, sich ihrem Bruder zu nähern. Dieser hielt es irgendwann nicht mehr aus und floh weit weg, um Abstand zwischen sich und seine eigentlich geliebten Schwester zu bringen. Er hoffte, dass sie so über ihn hinwegkommen würde, doch so leicht konnte man den Zauber nicht aus dem Weg schaffen. Die Trennung von ihrem Bruder zerriss Byblis innerlich und es schmerzte sie noch schlimmer als vorher, als er nur ihre Gefühle nicht erwidert hatte. Deswegen versuchte sie, ihm zu folgen und rannte tagelang durch Italien. Irgendwann jedoch hatte sie keine Kraft mehr und sank erschöpft am Waldrand zu Boden. 

Aus Verzweiflung und Trauer weinte sie ununterbrochen. Durch ihr lautes Heulen wurden Nymphen auf sie aufmerksam, welche an diesem Ort ihr Leben verbrachten, und versuchten ihr wieder auf die Beine zu helfen. Doch all das brachte nicht. Byblis konnte man nicht mehr helfen, da sie entschieden hatte aufzugeben. Sie wollte ihrem Bruder ein erfülltes Leben voller Liebe ermöglichen. 

So sahen die Nymphen als letzten Ausweg nur noch, Byblis von ihrem Leid zu erlösen. Sie nahmen all ihre Kräfte zusammen und verwandelte Byblis in eine Quelle. Wegen des Zaubers konnte sie nicht aufhören traurig zu sein und ihre Tränen hörten nie auf zu fließen. Aus der ursprünglich kleinen Quelle wurde ein Fluss, der heute noch bis ans Ende seiner Tage fließen wird. Er  zeugt davon, wie ein Mädchen gegen einen Zauber ankämpfte, der eigentlich nicht für sie bestimmt war, nur um ihrem Bruder die Möglichkeit zu geben, ein normales - für ihn bestimmtes Leben zu führen.

Verzeichnis des Unbekannten

Apollo: der Gott des Lichts, der Heilung, des Frühlings, 

der Weissagung und der Künste 

Athen: Hauptstadt von Griechenland 

Daktylen: dreisilbige Versfüße 

Hekatisches Kraut: unheilvolles Kraut 

Hexameter: in den Metamorphosen genutztes Reimschema 

Juno:  Göttin der Geburt, Ehe und Fürsorge, Jupiters Frau 

Jupiter: oberste Gottheit der römischen Religion 

Kaiser Augustus: der erste römische Kaiser, regierte von 31 v. Chr. bis 14 n. Chr. 

Kreta: griechische Insel 

Latein: tolle Sprache, die im Römischen Reich gesprochen wurde 

Leier: ein Musikinstrument 

Metamorphosen: die Verwandlungen 

Neptun: der Gott des Meeres 

Nymphe: weiblicher Naturgeist/ Naturgottheit 

Olymp: Berg in Griechenland, den die Götter bewohnen

Mythologie: Sagenwelt

Parnass: Berg in Griechenland, er ist  Apollo geweiht und die Heimat der Musen,

der Göttinnen der Künste 

Pluto: Gott und Herrscher der Unterwelt 

Proserpina: Göttin der Toten, der Unterwelt und Fruchtbarkeit 

Rom: Hauptstadt des Römischen Reiches, heute Hauptstadt Italiens 

Römisches Reich: ehemaliges Gebiet in Europa zwischen dem 8. Jahrhundert v. Chr. 

und dem 7. Jahrhundert n. Chr. 

Schutzpatronin: eine für dem Schutz von etwas oder jemanden Verantwortliche 

Themis: Göttin des Rechtes 

Thrakien: Gebiet nördlich von Griechenland 

Titan: Riesen in Menschengestalt und ein mächtiges Göttergeschlecht 

Tomis: antiker Ort in Rumänien 

Venus: Göttin der Liebe und der Schönheit 

Vers: Zeile eines Gedichts 

Webschiffchen: Werkzeug zum Weben 

Witz und Grazie: Humor und Liebreiz/Anmut

Anlass 

Dieses Buch ist aus einer Vortragsreihe des Latein Grundkurses Jahrgang 12 von 2020 des Gymnasium Finows zustande gekommen. Ausgehend von dem Arbeitsauftrag von Frau Conrad bildeten sich Schülergruppen. Diese setzten sich mit einem der 11 angebotenen Themen rund um die Metamorphosen auseinander. Schlussendlich kam eine Reihe von 45-Minuten-Vorträgen zusammen, in welchen die Schüler die jeweiligen Geschichten vorgestellt und gedeutet bzw. analysiert haben, aber auch gemeinsam mit dem Kurs einen Ausschnitt des lateinischen Originaltextes übersetzt haben. Hier konnten wir die sprachlichen Besonderheiten und das rhetorische Geschick in Ovids Geschichten erfassen.

Bildquellenverzeichnis

S. 9 - https://www.schulbilder.org/malvorlage-roemer-i4185.htm

S. 14 - https://etc.usf.edu/clipart/4000/4062/europa_1.htm 

S. 17 - http://de.hellokids.com/c_26981/ausmalbilder/lander-und-kulturen-zum-ausmalen/griechenland-zum-ausmalen/griechische-mythologie-zum-ausmalen/eros-der-griechische-gott-der-liebe-zum-ausmalen 

S. 21 - https://www.gratis-malvorlagen.de/phantasie/icarus- stuertzt-ab/

S. 26 - https://en.wikipedia.org/wiki/Kollops#/media/File: Britannica_Cithara_Phorminx.jpg

S. 28 - https://www.pinterest.de/pin/289426713554868719/ 

S. 31 - https://www.pinterest.de/pin/332984966181986102/ 

Buch-Cover von Maxi-Chantal Traubenstein.

Autoren

Metamorphosen - Malte Reinhardt
Ovid - Johanna Pohl, Janice Bierbrauer & Nick Noack 
Deucalion, Pyrrha und die Sintflut - Melina Bruder
Jupiter und Europa - Adele Arnold, Anna Overheu &  Franziska Zelinski
Apollo und Daphne - Vivienne Krys & Lisa Gadenne Arachne - Lisa Gross & Teresa Kerkow
Daedalus und Icarus - Willem Buch & Dung Nguyen
Echo und Narcissus - Karl Schubert
Orpheus und Eurydike - Clara Grebe & Teresa Brandt 
Philemon und Baucis - Anastasia Wirtz & Michelle Turowski 
Byblis und Caunus - Luise Hanning & Hannah Benser 

Redaktionsteam

Jutta Bressel, Rita Pollock & Maxi-Chantal Traubenstein

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