— von Andrea Weiner

Eberswalde, 02.10.2020. 8.50 Uhr. Die tabula electronica ist hochgefahren, das leckere Buffet steht und meine Schüler sitzen teils entspannt teils gespannt im gut gelüfteten Raum. Anspannung nur in Potsdam und bei mir: wird die Technik uns heute nicht im Stich lassen? Die Einwahl in den Konferenzraum klappt sofort, Frau Dr. Tischer schickt uns freundliche Grüße und wartet auf die weiteren Teilnehmer. Dann beginnt der 16. Potsdamer Lateintag, mein 14. Wie wunderbar, dass die Universität auch in diesem Jahr an der Tradition festhält und für alle Interessierten ein spannendes Thema und ein neues Format gefunden hat – Danke an das Institut für Klassische Philologie um Frau Dr. Tischer, Dr. Forst und  Dr. Schmalzgruber.

Nach den einführenden Worten von Frau Dr. Tischer soll der Vortrag vom Nero-Experten Prof. Dr. Holger Sonnabend folgen. Die Technik sorgt für eine erste Buffet-Pause, nach dem akademischen Viertel und Neustarts der Konferenz klappt dann auch die Einspielung aus Stuttgart. Prof. Sonnabend stellt uns Kaiser Nero in all seinen Facetten vor und schlägt einen Bogen zur modernen Forschung und aktuellen Politik. Bis heute lohnt es zu hinterfragen, auf welchen Gruppierungen Macht und Herrschaft basieren, wie man Akzeptanz bekommt. Der Vergleich zu modernen Politikern drängt sich auf, noch heute werden tyrannische Herrscher als „neuer Nero“ bezeichnet. 

Bereits im Unterricht hatten wir uns mit Nero als Künstler beschäftigt, waren jedoch besonders amüsiert zu erfahren, wie die stundenlang bei Konzerten eingesperrten Zuhörer versuchten, seinem Gesang zu entkommen: ein Sprung von der Mauer mit schmerzhaften Folgen, plötzlich einsetzende Entbindungen bis hin zum vorgetäuschten Tod waren einige der Möglichkeiten. Wir erfuhren zudem, dass Nero in Griechenland insgesamt 1808 Siegerkränze errang, manche bereits vor dem Wettbewerb oder trotz Sturzes vom Pferd beim Wagenrennen.

Für den zweiten Teil, das Schnupperseminar, hatten wir uns für die Dozenten der Alten Geschichte entschieden. Hier sollen die Schüler auch einen Einblick in wissenschaftliche Arbeitsweisen erhalten, was Frau Dr. Lotz und Herrn Dr. Faber hervorragend gelang. Basierend auf Texten von Martial, Tacitus und Sueton präsentierten sie uns Neros Domus aurea – Zwischen Gigantomanie und Architekturvision. Doch es war viel mehr als das: den Historikern gelang es mit ihren zahlreichen Abbildungen und Rekonstruktionen, das Rom der Kaiserzeit für uns vorstellbar werden zu lassen. Die ersten Kaiserpaläste auf dem Palatin waren noch einzelne domus, stellten jedoch noch keinen Palastkomplex dar, hatten weder Empfangshalle noch Bankettsaal.  Nach dem Brand Roms legte Nero, so Frau Dr. Lotz, ein Konjunkturprogramm auf: er lässt Straßen verbreitern, Feuerschranken zum Schutz errichten, Tempelanlagen (pietas!) und Thermen (Volksnähe!) errichten und schließlich seinen Palastkomplex entstehen. Sueton schreibt über Lage, Größe und Ausstattung der Domus aurea: (Sueton, Nero 31.1f., ed. Wittstock) 

(1) Non in alia re tamen damnosior quam in aedificando domum a Palatio Esquilias usque fecit, quam primo transitoriam, mox incendio absumptam restitutamque auream nominavit. De cuius spatio atque cultu suffecerit haec retulisse. vestibulum eius fuit, in quo colosso CXX pedum staret ipsius effigie; tanta laxitas, ut porticus triplices miliarias haberet; item stagnum maris instar, circumsaeptum aedificiis ad urbium speciem; rura insuper arvis atque vinetis et pascuis silvisque varia, cum multitudine omnis generis pecudum ac ferarum. 

(2) In ceteris partibus cuncta auro lita, distincta gemmis unionumque conchis erant; cenationes laqueatae tabulis eburneis versatilibus, ut flores, fistulatis, ut unguenta desuper spargerentur; praecipua cenationum rotunda, quae perpetuo diebus ac noctibus vice mundi circumageretur; balineae marinis et albulis fluentes aquis. Eius modi domum cum absolutam dedicaret, hactenus comprobavit, ut se diceret quasi hominem tandem habitare coepisse. 

„(1) Aber nirgends war er so verschwenderisch wie beim Bauen. So errichtete er ein Haus, das sich vom Palatin bis zum Esquilin erstreckte und das er zuerst ‚Durchgangshaus‘, später, nachdem es durch Feuer zerstört und dann wieder aufgebaut worden war, ‚Goldenes Haus‘ nannte. Über dessen Größe und Ausstattung dürften folgende Angaben genügen: Seine Eingangshalle war so groß, dass in ihr eine 120 Fuß hohe Kolossalstatue von ihm selbst stehen konnte, das Haus selbst von solcher Geräumigkeit, dass es einen eine Meile langen dreifachen Säuleneingang besaß, desgleichen einen See, so groß wie ein Meer, der von Gebäuden nach dem Muster von Städten umsäumt war. Darüber hinaus umfasste es auch unterschiedliche Landgebiete mit Feldern, Weinpflanzungen, Weiden und Wäldern mit einer Vielzahl von Vieh und wildlebenden Tieren aller Art. 

(2) In den übrigen Teilen war alles mit Gold überzogen und mit Edelsteinen und Muschelperlen bunt verziert. Die Speisezimmer besaßen getäfelte Decken mit elfenbeinernen Platten, die teils drehbar waren, so dass von oben Blumen ausgestreut werden konnten, teils Düsen zum Versprühen von wohlriechenden Ölen hatten. Der Hauptspeiseraum war rund und drehte sich wie die Erdscheibe Tag und Nacht. Die Bäder führten fließendes Meer und Albulawasser. Als er dieses Haus nach Beendigung des Baues einweihte, war er gerade so weit zufrieden, dass er sagte, er habe endlich angefangen, wie ein Mensch zu wohnen.“

In unserem vierseitigen reich bebilderten Handout können wir die hypothetische Rekonstruktion der Gesamtanlage finden, die Präsentation mit Abbildungen des gesamten Areals mit See, Feldern und Wäldern faszinierte uns alle. Im Unterricht hatten wir bereits einen Artikel aus dem National Geographic 02/2015 gelesen, in dem von der prachtvollen Innenausstattung einzelner Räume berichtet wurde, die man bei Ausgrabungen entdeckt hatte. Große Künstler der Renaissance wie Raffael oder Pinturicchio studierten die prächtigen Fresken und reproduzierten sie später. 

Uns faszinierte neben der wunderschönen weiten Anlage mit Fernsicht (Tacitus) vor allem ein Raum: der prachtvolle drehbare Speisesaal auf dem Palatin, dessen Konstruktion und Funktionsweise uns Herr Dr. Faber am Ende erklärte. Wie genial! Wie wunderschön! Wir standen vor der Tafel, fragten uns, wie man vor 2000 Jahren solche Visionen entwickeln und umsetzen konnte. Und auf einmal war der Lateintag vorbei. Die Schüler wollten auf ihre Pause verzichten und hätten gern noch länger gestaunt. Unsere Fragen hat Frau Dr. Lotz per Mail beantwortet und ihr gesamtes Material zur Verfügung gestellt. Wir bleiben noch weiter bei diesem faszinierenden Thema. Danke für diesen inspirierenden, anschaulichen und fesselnden Vortrag! Sie haben auch Schüler begeistert, die es sonst nicht immer sind.

Tipps zum Weiterstaunen:

Zwei Dokumentationen, die sehr schön die wirklich sensationelle Entdeckung der cenatio rotunda im Jahre 2009 durch Françoise Villedieu, die seit 30 Jahren auf dem Palatin forscht, vermitteln und einordnen.

1. ARTE-Dokumentation: „Abenteuer Archäologie – Nero. Des Kaisers Wahnsinnsbauten” – abrufbar über MedithekViewWeb

https://mediathekviewweb.de/#query=Nero%20Des%20Kais

2. CNRS-Film: ”A Nero's Folly”

https://videotheque.cnrs.frdoc=4183?langue=EN

mit englischer Synchronisation von Françoise Villedieu: 

https://www.dailymotion.com/video/x4jxgqn

3. Filmische Rekonstruktion Edikom: 

http://edikom.pro/la-salle-des-banquets-de-neron/

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