— von Sonja Schreiner, Wien

Schönheit und ihr Gegenteil als Entwicklungsfaktoren in der zoologischen Fachliteratur1

Schönheit, so sagt man, liegt im Auge des Betrachters. Dies mag besonders für zwei dieser vier Hunde2 in erhöhtem Maß zutreffend sein:

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Und es impliziert, dass für Symmetrie Ähnliches gilt – und folgerichtig auch für deren Gegenteil: Doch was tun mit scheinbar Unvereinbarem wie der Ästhetik des Hässlichen oder gar Kitsch? Kann und darf es reichen, auf ein strapaziertes Diktum zurückzugreifen und sich damit zu begnügen, dass sich über Geschmack sehr gut streiten lasse? Kitsch ist Kunst,3 wie Plastiken von Jeff Koons, zu bestaunen in der Münchener Sammlung Brandhorst und im Amsterdamer Stedelijk Museum,4 eindrücklich belegen:  

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Oder wäre es an der Zeit, über menschliche Kategorisierungen etwas objektiver nachzudenken? Doch Halt. All dies ist längst geschehen und hat – abhängig von der Textsorte – unterschiedlichen Einfluss hinterlassen. Fachliterarisch nachweislich weniger als in der Philosophie oder im weiten Bereich dessen, was die deutsche „Belletristik“ unzureichender abbildet als die französischen belles lettres. Schönheitsideale sind zeitabhängig: Für das 20. oder 21. Jahrhundert gelten andere Maßstäbe als für Rubens oder für das geschönte Kleopatra-Bild. Vergleichbares mag für fragwürdige Wettbewerbe gelten, in denen der hässlichste oder der schönste Hund der Welt5 gekürt werden:

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Doch das soll nicht das Thema sein, auch nicht, wie tierisches Streben nach Symmetrie (Bsp. Bienenwaben) oder Organisationstalent (Bsp. Ameisen), menschliche Wahrnehmung auf Basis von Analogien, Imitation oder Metaphorik beeinflusst haben.6 Vielmehr geht es um eine Spurensuche außerhalb der Spezies Mensch, genauer: wie menschliche Beobachter*innen das, was nach unseren Kategorien – und als Menschen haben wir nur die – schön, hässlich, ponderiert, unausgewogen, aufeinander abgestimmt und einander ergänzend oder eben inkompatibel ist – oder mindestens so häufig: zu sein scheint.

Insekten sind ein vielversprechender Beginn. Gemäß einer traditionsbildenden Kategorisierung7 stehen sie am Ende von Plinius‘ mehrbändiger Zoologie in der Naturalis historia. Am Beginn des elften Buches macht er deutlich, dass sie für ihn viel mehr sind als krabbelnde oder schwirrende Quälgeister, die lediglich der Systematik halber auch noch einer Behandlung bedürfen: Sie werden zu einem effektvollen Vehikel, um den Lesern, die genau das nicht erwarten, sondern die wohlvertraute Mischung aus Fakten (oder dem, was Plinius – insbesondere bei Reverenz an und Referenz auf Autoritäten – dafür hielt) und Wundererzählungen in immer neuer Zusammenstellung, ihre eigene Beschränktheit vor Augen zu führen. Der Durchschnittsmensch, so Plinius, hat Interesse an starken, großen, mächtigen Tieren; die Perfektion in Lebewesen en miniature übersieht er.8 Diese Haltung manifestiert sich auch in der Kunst; denn zumeist sind es stolze Pferde, treue Hunde oder prächtige Großkatzen, die in Portraits oder Plastiken verewigt sind. Am berühmtesten (und berührendsten) ist wahrscheinlich Martials Issa-Epigramm (1, 109), in dem zunächst die kleine Hundedame Issa (kolloquial für ipsa) gepriesen und dann das lebensechte Bild, das ihr Herrchen von ihr anfertigen hat lassen, präsentiert wird.9

Sollte einem Kerbtier künstlerische Betrachtung gelingen, ist es parodistisch, wie im Culex, oder metaphorisch, wie im Bild der Biene(n) als Be-gleiterin(nen) von Dichtern. Eine interessante, aber erste wenige Jahre alte Ausnahme ist Diane Middlebrooks Vorstellung von Ovids Fresken in seiner domus, die Szenen aus den Metamorphosen zeigen: darunter auch eine klitzekleine Spinne, das spätere Ich der Arachne.10 

Plinius‘ Plädoyer für den Sinn, den die schöpferische Natur in Insekten sieht, ist hingegen die Quelle des für bis Carl von Linné (1707–1778)11  und weit über ihn hinaus geltenden Leitspruchs natura nil agit frustra – erwachsen aus dem Wissen, dass (wenn auch topisch) Autoapologetik zum Einsatz kommen muss, weil nicht alle Rezipienten die Wichtigkeit des Gegenstands erkennen (11, 4: in contemplatione naturae nihil possit videri supervacuum): Nach zehn Büchern seiner naturkundlichen Enzyklopädie – darunter eines zur Anthropologie12 (Buch 7) und drei weitere zur Zoologie (Bücher 8–10) – konnte Plinius jedoch selbstbewusst genug auftreten, war man doch schon seit seiner Einstufung des Menschen zugleich als – anachronistisch gesprochen – „Krone der Schöpfung“ und Mängelwesen daran gewöhnt, keine eindimensionalen Bilder präsentiert zu bekommen (7, 1–3 = praef. 7). Wer Ganzheitlichkeit und Respekt vor „Mutter Natur“ einforderte, Wohlverhalten gegenüber der schöpfenden Macht, der er am Ende der Naturalis historia (37, 205) ein hymnisches Gebet widmen wird, hatte auch das Recht, wenn nicht sogar die Pflicht, auch über Spezies zu schreiben, die in der Wertschätzung der Allgemeinheit sowieso, aber auch mancher Fachvertreter tiefer standen.

Gleichzeitig ist es interessant zu sehen, dass Plinius in seiner Bewertung nicht selten genau das widerfährt, vor dem auch Verhaltensforscher*innen und Kognitionsbiolog*innen unserer Tage zuweilen nicht gefeit sind: Menschen vermenschlichen gerne.13So ist 8, 13–14 die Rede der Liebe von Elefanten zu Menschen, wobei das Konstatieren von Interspeziesfreundschaften durchaus legitim, hier aber nicht gemeint ist (zumindest nicht vorrangig):

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Vielmehr wird der Elefant zu einem dem Menschen nahestehenden, hochintelligenten und – wie man an einigen Epigrammen Martials (z.B. spect. 20 = 17 Shackleton Bailey) sehen kann – panegyrisch idealtypisch auswertbaren Lebewesen. Solch bewährte und beliebte Motive wurden genos- und epochenübergreifend immer wieder aufgegriffen: selbst im Kinderbuch, in antikisierender Manier14 und ganz modern.15 Wenn wir den Blick wieder auf Plinius lenken, fällt auf, dass diese hohe Wertigkeit auch Fehleinschätzungen bedingt: So ist die behauptete Schamhaftigkeit der Elefanten bei der Paarung (8, 12) nicht zutreffend, sondern dem Umlegen menschlichen Wohlverhaltens auf ein in hohem Ansehen stehendes Säugetier geschuldet.

Im Gegensatz dazu gehört anderes in den Bereich der auf Autoritätsgläubigkeit fußenden Wundererzählungen, z.B. die Unterscheidung von reinrassigen Löwen (8, 42) und Verpaarungen über Artgrenzen hinweg (8, 43 und 107: mit einer Hyäne, die, wie 8, 105 nachzulesen ist, auch ihr Geschlecht zu wechseln imstande sein soll; oder 148, wo erst der dritte Wurf nach einer Paarung von Hund und Tiger Welpen mit Charakterzügen ergibt, die für den Menschen brauchbar sind, also keine Gefahr mehr darstellen). Dass sich dominante Hündinnen, somit Alphatiere, mit Wölfen und Tigern lieber paaren als mit Artgenossen, kennt man aus Grattius‘ fragmentarisch erhaltenem Lehrgedicht Cynegetica – einem Text, der abgesehen davon recht brauchbare, aber auch ethisch verwerfliche Ratschläge zur Hundezucht enthält (und den Ovid – allerdings mit deutlicher Schwerpunktsetzung auf dem jagdlichen Aspekt – lobt: ex Pont. 4, 16, 34: aptaque venanti Grattius arma daret). Die naturgegebene Feindschaft zwischen Hyänen und Löwen dürfte Plinius nicht bekannt gewesen sein, wiewohl er dem Irrglauben aufsaß, dass Pferde und Kamele sich nicht vertragen.16

Fortpflanzung, auch durch den Menschen gesteuerte, ist für Plinius generell von Interesse (und entspricht dem römischen Nutzendenken): 8, 164 behauptet er, Pferdestuten würden nach dem Abschneiden ihrer Mähne ihre Libido verlieren, was ihm einen nahtlosen Übergang zur Maultier- und -eselzucht (ab 171) ermöglicht. Ausgangspunkt ist die abgeschnittene Mähne an einer weiteren Stelle (10, 180) noch für Weitreichenderes: Esel als Paarungspartner werden nur nach dem Verlust der Haarpracht akzeptiert (comantes enim gloria superbire): Die sich nicht mehr als attraktiv empfindende equa ist weniger anspruchsvoll geworden. Diese Sichtweise hängt mit dem Stichwort generositas zusammen. Mit Vorliebe schildert Plinius, welche optischen Kriterien – welche Zuchtnorm? – Tiere unterschiedlichster Artzugehörigkeit erfüllen müssen, um edel zu sein: Bei den Haustieren ist das z.B. das Zuchthuhn, dessen generositas 10, 156 beschrieben wird. Doch auch im Bereich der Wildtiere ist es nicht anders: Dies gilt für den Löwen ebenso, wenn er eine Mähne hat, die Hals und Schultern bedeckt wie – zurück im vertrauteren Bereich – für den Stier (181) oder das Schaf (198). Der Nutzenaspekt schwingt auch hier immer mit; wie sonst wäre es zu erklären, dass Hybridkreuzungen nicht nur bei Maultieren und -eseln besondere Bedeutung zukommt, sondern auch bei Verpaarungen von Haus- und Wildschweinen? Besonderheiten beim Paarungsakt stehen bei Bären (noch in Buch 8) und dann schon in Buch 9 bei Robben, Hunden, Schildkröten und Seetieren erneut im Fokus des Interesses. Hervorzuheben ist insbesondere die etwas verquere Behauptung, neugeborene Bären seien formlose Fleischklumpen, die von ihrer Mutter erst in die endgültige Form geleckt, also erst „schön“ gemacht werden – wenngleich der Anblick von Bärenjungen und die das Immunsystem aktivierende Pflege durch das Muttertier diese Sichtweise nicht gänzlich absurd erscheinen lassen (8, 126: hi sunt candida informisque caro, paulo muribus maior, sine oculis, sine pilo. ungues tantum prominent. hanc lambendo paulatim figurant):

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Doch auch in der Tierfabel treibt das Verhalten, das sich aus dem Streben nach Schönheit ergibt, z.T. seltsame Blüten: Am deutlichsten wird dies in Phaedrus‘ Graculus superbus et pavo, einem kurzen Text (1, 3 in der Sammlung), in dem sich eine eitle Dohle als Pfau verkleidet und am Ende von beiden Gruppen ausgestoßen wird:

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Geblieben ist der sprichwörtlich „eitle Pfau“, im reichen Fundus der Sprichwörter ebenso wie in der Literaturgeschichte. Aus dem Symboltier der Juno wurde ein auf seine Optik reduziertes Wesen, eine Art Gegenentwurf zu Hans Christian Andersens „hässlichem Entlein“, das sich erst einer Entwicklung, Entpuppung und Metamorphose unterziehen muss. Aber auch Plinius kennt ihn, wenn er 10, 43 über den Zusammenhang von forma, intellectus und gloria schreibt; recht ähnlich im übrigen auch bei der Taube 10, 108, die aufgrund ihres schillernden Gefieders über gloriae intellectus verfügt. Diese (Sing)vögel charakterisiert Plinius überdies als treu und schamhaft (104), während schöner Gesang und Lernfähigkeit typisch für die Nachtigall sind (81–83). In zahlreichen locus amoenus-Darstellungen dürfen (Sing)vögel nicht fehlen; solche idealen Landschaften konnten künstlich geschaffen werden; man denke nur an die sogenannte Villa der Livia, deren Nachbau im Museo Nazionale (inkl. beeindruckender Lichtspiele, die den Tagesverlauf simulieren) bestaunt werden kann:

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https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rom-Villa-Livia.jpg gemeinfrei: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/65/Villa_di_livia%2C_affreschi_di_giardino%2C_parete_corta_meridionale_01.jpg6/65/Villa_di_livia%2C_affreschi_di_giardino%2C_parete_corta_meridionale_01.jpg

Die Sonderstellung des Plinius, die aus dem bisher Präsentierten deutlich geworden sein dürfte, erleichtert die Vergleichbarkeit mit anderen Autoren gleichsam „artverwandter“ Textsorten, nicht unbedingt – das betrifft Aelians Wundergeschichten ebenso wie Klassiker der landwirtschaftlichen Fachliteratur oder des Lehrgedichts. „Schönheit“ im eigentlichen Sinn ist – bis auf wenige, vernachlässigbare Ausnahmen; und die gibt es, weil auch Plinius zuweilen seinen allzu literarischen Quellen gefolgt ist – immer aus der menschlichen Sichtweise ein Thema: Ein Pferd – oder besser: das Pferd, nämlich Alexanders Bukephalos ist schön, weil der Makedone es so empfindet; wie anders nehmen sich da die Pferde aus, die in der Veterinärmedizin in unterschiedlichsten Kulturkreisen als optische Lehrbehelfe in die Fachliteratur (Handschriften wie gedruckte Werke) Eingang fanden:

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https://www.facebook.com/354848418302544/posts/ manchmal-wenn-ich-mich-so-auf-den-seiten-der-sozialennetzwerke- umsehe-erblicke-/369654126821973/ https://www.google.com/search?q=das+fehlerpferd& client=firefox-b-d&tbm=isch&source=iu&ictx=1&fir= ZaKoXjhLa2yf2M%253A%252C5rcsjUFiX3nVIM%252C_ &vet=1&usg=AI4_-kRxMbV5DT8OIqZHU_j9WYLaT9o_ Tw&sa=X&ved=2ahUKEwjfk56a6_7nAhWFPOwKHVJtAFs- Q9QEwAHoECAgQBA#imgrc=ZaKoXjhLa2yf2M:

Doch zurück zu Plinius; gleich im ersten Wort des siebenten Buches ist im Rückblick auf das bisher in der Enzyklopädie Abgehandelte von der Welt (und ihrem „Inhalt“) die Rede. Der terminus technicus ist mundus, weil das Gesamtgefüge als „schön“ empfunden wird (mit menschlichen Augen und typisch römischem Trend zur – oft falschen – Etymologie). Das, was der Leserschaft aus Ovids Metamorphosen vertraut ist, nämlich dass Io nach ihrer Verwandlung selbst als Kuh noch „schön“ ist (Met. 1, 612: bos quoque formosa est), ist bei Plinius keine Kategorie. Lediglich das verwendete Vokabular entstammt – er schreibt ja in derselben Sprache – zwangsläufig derselben Wortfamilie (forma, formosus). Genauso werden wir in der Naturalis historia vergeblich die Beschreibung eines Stieres suchen, dessen Schönheit so definiert ist wie diejenige des Göttervaters Iuppiter im Vorfeld der Entführung Europas: Denn wie charakterisiert Ovid diesen unvergleichlichen Stier: als dermaßen ansprechend für die tierliebende Königstochter, dass sie seinen geschickten Avancen, deren wahre Absicht sie nicht erkennen kann, nicht widersteht (Met. 2, 850–872). Doch auch das Gegenteil finden wir bei Plinius nicht, ohne es in seiner naturwissenschaftlichen Darstellung zu vermissen: Die deformes phocae aus Ovids Sintflutschilderung (Met. 1, 300) haben bei ihm nichts verloren, dienen sie doch auch im augusteischen Epos zum einen als eine Art Illustration in Worten und zum anderen als Abgrenzung von den graciles capellae, deren Habitat die Robben in dieser verkehrten Welt erobert haben. Symmetrie und Asymmetrie in unserem Sinn (oder im dichterischen Verständnis gemäß dem Prinzip ut pictura poesis) sind keine naturwissenschaftlichen Parameter, sie sind nicht objektiv. Nur im hochentwickelten Kinderbuch haben sie Platz, z.B. bei Friedrich Justin Bertuch (1747–1822), der neben vielen wissenschaftlichen Details, die es erforderlich machten, sein Bilderbuch für Kinder mit einem Hauslehrer oder einer Nanny zu lesen, durchaus auch Kategorien hat wie „Schöne Vögel“.17 Erwachsene Leserinnen und Leser erwarten striktere, wissenschaftlichere Einteilungen, solche, die dem, was die Natur geschaffen hat, den gebührenden Respekt zollen. Doch vermittelt Schönheit überhaupt Respekt? Zumeist – zumindest kann man das Plinius‘ Darstellung entnehmen – wird sie zum Nachteil: Menschen graben nach Bodenschätzen wie Gold und Silber und „vergewaltigen“ damit den Planeten (ein beherrschendes Thema in NH 33, 1–3). Menschen züchten Perlen und frönen dem Luxus. Was schon eher zutrifft, ist, dass vermeintlich „Unschönes“ Verachtung und diese „Bewertung“ folgenschwere „Abwertung“ nach sich zieht: Die obgenannten Insekten sind ein gutes Beispiel dafür. Und was hätte der „Durchschnittsrömer“ wohl zu dem hier gesagt? (Als böses Omen wäre die Geburt dieses Stubentigers in jedem Fall gedeutet worden – und hätte die entsprechenden Entsühnungsmaßnahmen nach sich gezogen, freilich zum Nachteil des betroffenen Tieres.) 

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© Steven Senne/AP

Im 21. Jahrhundert angekommen, durfte dieser Kater allerdings ein gutes Leben führen – dank eines ambitionierten Tierarztes, der bereits dem Welpen eine Chance gab. Er wurde alt und hatte zwei Namen, Frank und Louie. Das Krankheitsbild heißt „Ianus-Syndrom“ – für jemand, der in der antiken Götterwelt heimisch ist, nicht unpassend.18

Bemerkenswert ist überdies Plinius‘ wenn auch vorsichtige, aber erkennbare wiederholte Abgrenzung von Aristoteles: Folgenschwere Fehleinschätzungen wie die vom griechischen Naturphilosophen konstatierte mangelnde Intelligenz von Herdentieren, insbesondere von Schafen,19 finden sich bei Plinius nicht, hatte er doch in seinem Umfeld immer wieder die Möglichkeit, auf Basis von Naturbeobachtung, von Autopsie im besten Sinn, zu erkennen, was Herdentrieb u.dgl.m. wirklich bedeutet. Als kritischer Zeitbeobachter und Liebhaber der Natur prangert er vielmehr Auswüchse an: z.B. eingefärbte Schafe, damit anspruchsvolle Kunden am lebenden Objekt sehen könne, wie der daraus zu webende Stoff für Toga oder Palla wirken wird (8, 197). Wer nun der Meinung ist, dass es zumindest diesen dekadenten Trend nicht mehr gibt, der irrt: Einem „Modetrend“ aus dem asiatischen Raum folgend, werden Hunde als Tiger, Pandas etc. frisiert und gefärbt; von Qualzuchten, die brachyzephale „Schönheit“ auf Basis des Kindchenschemas bei Hunden und bei Katzen nach sich ziehen, gar nicht zu reden. Unweigerlich fühlt man sich an Properz erinnert: 4, 8 fährt seine Freundin Cynthia mit einem unmännlich depilierten Beau in einem seidenbespannten Wägelchen, worüber er lieber schweigen möchte (v. 23: serica nam taceo vulsi carpenta nepotis), und noch dazu geschniegelten Ponys über Land (v. 15: huc mea detonsis avecta est Cynthia mannis), überdies begleitet von riesenhaften Molossern, die als Schoßhündchen „gestylt“ sind (v. 24: atque armillatos colla Molossa canis). 

Wenn Plinius von „Schönheit“ spricht, ist dies ein moralischer Wert – oft in untrennbarer Verbindung mit Ethos, aber auch mit sehr pragmatischem Nutzendenken: Ein schönes (!) Beispiel ist das Gnadenbrot für alte Jagdhunde, die, auch wenn sie nicht mehr sehen oder laufen können, immer noch mit Nasenarbeit dienlich sind. Bei genauer Lektüre sind es die Hunde, die die Führungsrolle übernehmen auf der Jagd. Und gleich einleitend (8, 142) heißt es, dass Hund und Pferd –
denen mit 8, 142–166 ein auffällig langer Abschnitt gewidmet ist – die treuesten Begleiter sind (fidelissimumque ante omnia homini canes atque equus). Mit dieser Dankbarkeit für alte Wegbegleiter mutiert Plinius gleichsam zu einem Anti-Cato. D.h. er wendet sich von Überlegungen des Alten Cato ab, der explizite Ratschläge erteilte, wann alte und schwache und kranke Sklaven verkauft werden sollten, damit man nicht nur noch Kosten, aber keinerlei Nutzen mehr habe. In anderen Worten: Plinius steht wiederholt für eine positive Bewertung schönen, löblichen, ethisch richtigen und wertvollen Verhaltens. Er sensibilisiert für echte (und gleichzeitig verborgene) Schönheit. Dazu passt, dass er festhält, dass auch viele von den Tieren, quae nobiscum degunt, cognitu humano digna sunt (8, 142). Bei den Wildtieren ist der Delphin vielleicht das aussagekräftigste Beispiel für diese untypische Grundhaltung: Plinius‘ Delphine sind keine lieben „Flipper“, sie sehen aus wie Meeresmonster – wie ein missglückter Clon aus Wels und Saurier, der zudem an Morbus Basedow leidet (9, 20–34): 

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Seine Schönheit liegt in den inneren Werten, seiner Beziehung zum Menschen, zur Musik und insbesondere zu seinen Artgenossen. Diese Familienbande und Mutterliebe sind wichtige Themen in der Naturalis historia, die immer wiederkehren: besonders am Beispiel von Affen, die ihre Jungtiere voller Stolz präsentieren (8, 216).

Plinius, als früher Vorläufer von Ökologie, von Naturschutz, von einer ganzheitlichen Sicht auf die Natur, von Respekt für das, was später Evolution genannt wurde, war bestrebt, die facettenreiche Vielfalt der Schönheiten, die die Natur zu bieten hat, so farbenprächtig zu zeichnen, wie es ihm eben möglich war und damit seinen Rezipient*innen die Augen zu öffnen für das, worum es eigentlich geht: Solipsismus und Selbstzentriertheit hat mit Schönheit wenig gemein; diese Haltung bringt die Welt aus dem Gleichgewicht, sie zerstört die Symmetrie. Nicht zufällig bezeichnet er 7, 3 den Menschen als weinendes Lebewesen, das (trotzdem) allen anderen gebieten wird – und will (flens animal ceteris imperaturum).

Würde Plinius, der altruistische Flottenadmiral und Naturforscher, heute leben, wäre er bei den Fridays for Future dabei und wahrscheinlich auch bei den Exstinction Rebels. Greta Thunberg würde er schätzen, ja, er würde sie verteidigen gegen all die untergriffige Kritik, der sie ausgesetzt ist – weil sie recht hat. Und Jane Goodall hätte ihn längst zu einem ihrer Ehrenbotschafter ernannt – bevor es nämlich zu spät ist, denn es gibt keinen Planeten B. 

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