— von Friedrich Maier

Vortrag beim Festakt der Bürgerehrung einer Stadt

Wenn man jemandem zuruft „Genieße den Tag, genieße diese Stunden!“ (Carpe diem!), so nimmt er gewiss diesen Appell mit Freude entgegen. Weiß er aber auch, dass dieser Zuruf vor etwa zweieinhalb Jahrtausenden der Leitspruch einer Philosophie, eines philosophischen Lebensmodells gewesen ist? Deren oberster Grundsatz hieß: „Lebe im Verborgenen!“ Ziehe dich zurück in dein Haus, deinen Garten, hinter den Zaun aus Hecken, Brettern oder Steinen! Lebe dort für dich, im Kreis deiner Freunde! Kümmere dich nicht, was außerhalb dieses engen Zirkels in der großen Gesellschaft geschieht! Nicht dort, sondern hier erfüllt sich dein Glück, in der Intimität des eigenen Gartens, in dem die Lust (gr. hedoné) das höchste Lebensziel ist. Begründer dieser philosophischen Lebensform war ein gewisser Epikur. Über dem Eingang des sog. epikureischen Gartens stand geschrieben: „Fremder, hier wirst du gut verweilen, hier ist die Lust das höchste Gut.“ Solche Lustlehre, solcher „Hedonismus“ ist das Programm eines völlig apolitischen Lebens. „Man muss sich aus dem Gefängnis der Geschäfte und der Politik befreien.“ Ein Lebensauftrag, der jedes politische Engagement, jede Verantwortung für das Ganze ausschließt, der auch jeden Ehrendienst für die Gemeinschaft verbietet.

Wie konnte eine solche apolitische Einstellung zur programmatischen Vorgabe einer ganzen Philosophie, der sog. „Gartenphilosophie“ werden? Und das in Athen? In jener Stadt, in der etwa  100 Jahre vorher der größte Staatsmann der Antike, Perikles, die erste Demokratie auf Erden begründet hat? Wo durch Wahl alle vollwertigen Bürger in die Volksversammlung, in das „Parlament“ zur politischen Pflichterfüllung berufen wurden, wo für nahezu alle Formen von Kunst und Wissenschaft der Grundstein gelegt worden ist, wo geradezu die „Hochburg“ der europäischen Kultur entstand, eben jene Akropolis, die heute allen als Wahrzeichen der Stadt stets vor Augen steht. Diese „Hoch-Burg“ (Akropolis) erhebt sich mächtig über der Polis, in der sich der „polites“, der „Bürger“, als staatsgestaltende Größe etabliert hat, auch in politischer Verantwortung für einander. Sokrates etwa, der erste Philosoph Europas, stellte sich – ärmlich gekleidet – ganz in den Dienst der Gemeinschaft, in dem er  der Jugend Athens angesichts einer zerfallenden öffentlichen Moral die Werte der Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit, der Frommheit und Mäßigung ins Herz zu pflanzen versuchte. Glück, so Sokrates, bestehe für ihn darin, nach Maßgabe des eigenen Gewissens das Gute zu tun. 

Doch das demokratische Athen hatte nicht lange Bestand. Es kam zum großen Krieg gegen den Militärstaat Sparta. Die Pest brach aus, der auch Perikles, „der erste Mann der Polis“, zum Opfer fiel. Zuvor hat er noch eine Rede gehalten, die man heute als das Hohe Lied auf die Demokratie nahezu in allen Geschichtsbüchern Europas abgedruckt findet. Darin stehen etwa Sätze wie: „Wir leben in einer Staatsverfassung, deren Namen Demokratie ist. … Vor dem Gesetz sind alle Bürger gleich. Das Ansehen des Bürgers richtet sich nicht nach Stand, sondern nach seiner persönlichen Leistung für den Staat. Auch den Armen ist der Weg zu solcher Leistung nicht versperrt. Denn in unserem Staatswesen herrschen Freiheit und Gleichheit.“

Mit Perikles‘ Tod trug man auch die Demokratie zu Grabe. Die Balance zwischen Freiheit und Gleichheit wurde zuschanden gemacht, durch Autokraten, deren Machtrausch, deren narzisstische, massenbetörende Selbstinszenierung, deren rhetorische Aggressivität allen Gemeinschaftssinn rücksichtslos zerstörte – und damit Athen in den Abgrund stürzte. Die Stadt verlor den Krieg, wurde von 30 Tyrannen beherrscht. In diesen chaotischen Wirren, in diesem Kampf der Demokraten gegen die Tyrannen wurde Sokrates wegen oder trotz seines politischen Engagements angeklagt und hingerichtet. Die Demokratie hatte als Staatsmodell versagt. Athen lag im politischen Chaos. Es wurde zum „Schlachtfeld“ der Philosophen: Platon und Aristoteles, die Leuchttürme der europäischen Philosophie, sowie Epikur und die Stoa. Worum ging es? Vordringlich  um das Verhältnis der Bürger zum Staat.

Der Philosoph Platon, Sokrates‘ größter Schüler, nennt die Demokratie „einen buntscheckigen Hund“, „eine Krankheit“. Sie  bringe den Bürgern kein Glück.  Dieses Urteil versenkte die Staatsform der Demokratie für mehr als zwei Jahrtausende in den Untergrund der Geschichte. In dieser Zeit der völligen politischen Verunsicherung in Athen entstand jene „Gartenphilosophie“ des Epikur. Politische Arbeit wurde den Bürgern zu einem Gräuel, der Begriff „Politik“ war offensichtlich zu einem Unwort geworden. Aristoteles, Platons Schüler, versuchte  grundsätzlich die „Politik“ wieder auf eine tragfähige Grundlage zu stellen. Staat ist für ihn die sog. „Politie“, „das Bürgersein“ schlechthin. Eine solche „Politie“ ist ohne verantwortungsbewusste Politiker hoffnungslos verloren. Seine immer wieder zitierte Maxime:  „Der Mensch ist von Natur ein Gemeinschaftswesen.“ 

Es verwundert deshalb nicht, dass sich gegen den Epikureismus damals fast gleichzeitig und in voller Absicht ein philosophisches Gegenmodell entwickelte. Die Philosophie der Stoa, begründet von Zenon. Ihr oberstes Prinzip, ihr Motto konnte gegensätzlicher nicht sein. Es lautet:„Der Mensch ist nicht für sich allein geboren.“ Der Schwerpunkt ist hier auf den Anderen, auf die Anderen in der Bürgerschaft gerichtet. Stoischer Altruismus stellte sich bewusst gegen den Egoismus der Epikuräer. Das bedingt den Einsatz für die Gemeinschaft. Das politische Engagement wird zur programmatischen Vorgabe dieser Lebensform. Nicht in der Verborgenheit des Gartens findet der Mensch sein Glück, sondern in der großen Polis, im Einsatz für die Bürgerschaft. Diese Gemeinschaft ist nicht nur der eine Staat, in dem man lebt, sondern die ganze Welt. Die Stoiker sind die ersten Kosmopoliten, sie sind „Weltenbürger“. Die Grenzen der eigenen Nation werden überschritten. Fremde gibt es demnach nicht. Die Bürger sind alle gleich, sie sind Brüder. Auch die Sklaven, auch die, die am Rande der Gesellschaft leben. Die Stoiker haben nach heutiger Erkenntnis „die ideellen Grundlagen für die allgemeinen Menschenrechte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gelegt“. So ein Rechtshistoriker. 

Der Philosoph Seneca, Roms größter Vertreter der Stoa, war beim Anblick der Gladiatoren im Kolosseum von Rom, deren Leben  bei einer Niederlage vom „Daumen rauf“ oder „Daumen runter“ des Kaisers abhing, völlig entrüstet und prägte den über alle Zeiten hin gültigen und großartigen Satz: Homo homini res sacra. „Der Mensch ist dem Menschen etwas Heiliges“. Man muss jeden Menschen schätzen, behüten, retten, ihn als ein unantastbares und wertvolles Wesen respektieren, ihn in seiner Würde achten. Heute ist man überzeugt, dass Seneca mit dem Ideengut des Urchristentums vertraut gewesen ist, dass sich also in seiner Haltung stoisches und christliches Denken vereinigen, wie es etwa in den Worten des Apostels Paulus zum Ausdruck kommt: „Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Sklave noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib; denn ihr seid allzumal einer in Christo Jesu.“ (Gal. 3, 28)                                 

Die Historiker stimmen überein und in allen Philosophiegeschichten steht es geschrieben: Die völlig gegensätzlichen Lebensmodelle, die sog. „Glücksmodelle“ Epikurs und der Stoa haben sich über die Jahrtausende hin bis in unser heutiges Bürgerleben erhalten und durchgesetzt. Jeder Staat, jede Stadt lebt und leidet unter der Spannung zwischen diesen beiden Lebensmodellen. Das ist das Dilemma unserer heutigen Gesellschaft schlechthin, es ist der Urgrund aller gesellschaftlichen Spaltung.  Epikureer und Stoiker seien, so sagt man, Antipoden, „Gegenfüßler“. Unverhohlene Egomanie steht gegen couragierten Gemeinschaftssinn.

Da sind auf der einen Seite die Bürger, die selbstbezogen auf die Wahrung ihres Besitzstandes, auf ihr Glück in der intimen Abgeschiedenheit ihres Gartens bedacht sind, die sich gegen alle Bedrängnisse von außen abschotten, die keinen Drang in sich verspüren nach politischer Verantwortung, nach einem sozialen Dienst für Andere, ob sie nun Mitbürger oder Fremde in Not sind, denen sie an den Grenzen ihres Landes hohe Mauern oder erhöhte Kontrollen entgegenstellen, real oder in ihrer Gesinnung. Unverkennbar ihr Lebensmotto: „Lebe im Verborgenen!“ 

Da sind auf der anderen Seite die Bürger, denen jeder Mensch etwas Heiliges ist, die sich engagieren in politischen Ämtern, im Sozialdienst, im Einsatz innerhalb der Kirchen, bei Feuerwehr und Krankenpflege, in der Alten- und Flüchtlingsbetreuung, für die Integration von Fremden,  für den Schutz der Umwelt, für die Armen in rückstän-digen Ländern der Welt, aber auch für das Kulturleben, die Schönheit, die Sauberkeit und die Harmonie ihrer Heimat, ihrer Bürgerschaft, ihrer Stadt. Ihr ehernes Gesetz lautet unverkennbar: „Der Mensch ist nicht für sich allein geboren.“ 

Kaum etwas kann das Extrem dieser Gegensätze klarer vor Augen führen als zwei Bilder von heute. Auf der einen Seite das Mauerbild des Straßenmalers Pascal Dihé von 2008: es zeigt ein von dunklen schulterlangen Haaren bedecktes Gesicht, mit starr glotzenden Augen und einem breiten Mund, den die sich weit herausschiebende Zunge genüsslich nach oben abschleckt, mit dem Kommentar in Großbuchstaben daneben: „Welch ein feiner  Epikureismus!“

Auf der anderen Seite das Foto (Demo von Fridays for Future in Stockholm) zumal von jungen Menschen, die  freudig lachend nach oben schauen auf die bunte Weltkugel, die sie gemeinsam schützend in Händen halten. Garten-Mentalität gegen Globus-Begeisterung. Was für ein frappierender Kontrast! Auf der einen Seite der Ausdruck einer eigensüchtigen Wohlbefindlichkeit im Jetzt – auf der anderen Seite der Ausdruck eines weltoffenen Gemeinschaftssinns in Rücksicht auf die Zukunft. Der Bürger zwischen zwei Lebensmodellen. Das ist die Diagnose der Gesellschaft heute, kaum anders als vor zweieinhalbtausend Jahren. 

Perikles, der große Staatsmann, der die erste Demokratie begründete, hat uns das Wort hinterlassen: „Wer an den Dingen der Stadt keinen Anteil nimmt, ist kein stiller, sondern ein schlechter Bürger.“ Wer sich jedoch dafür engagiere, der stehe in hohen Ehren. Warum sollte das nicht auch heute gelten? Der Dienst von Bürgern für die Gemeinschaft ist ehrenhaft, ist anzuerkennen als Akt der Menschlichkeit, als Achtung der Menschenrechte, als Ausdruck politischer Verantwortung. Ihr Dienst ist  zu allen Zeiten verdienstvoll. 

epikureismus 1

Joomla SEF URLs by Artio