— von Klaus Bartels

Stichwort »Kater«

Der Kater, von dem hier die Rede sein soll, figuriert im Wörterbuch nach einem „Erstens, siehe Katze“ unter „Zweitens“, und der Grosse Duden erklärt ihn als „schlechte seelische und körperliche Verfassung nach (über)reichlichem Alkoholgenuss“. Die Kater unter „Erstens“ heissen Minz oder Maunz, der unter „Zweitens“ heisst heute Aschermittwochs-Kater und hat eine irrlichternde Geschichte aus der Grenzregion von Herz und Hirn zu erzählen: Er ist zwei grandiosen Irrtümern des Aristoteles entsprungen und hat auch in neuerer Zeit noch zwei tolle Sprünge vollführt.

Der erste Irrtum war, dass der grosse Zoologe – anders als Platon – alle Hirnfunktionen wie Wahrnehmung, Vernunft und Sprache und mit ihnen den „Ursprung der Wärme“, den „Zunder“ des Lebens, im Herzen lokalisierte und im Hirn lediglich einen ausgleichenden Kältespeicher erblickte. Und der zweite Irrtum war, dass ebendieser Aristoteles – hier wie Platon – das Blut als eine vollends verdaute und „verdampfte“, für alle Organe gleich aufbereitete „Nahrung“ ansah, die sich vom Herzen aus durch die Adern im ganzen Körper verteile. Wann immer, heisst es da weiter, die Temperatur der Hirnregion unter das angemessene Mass absinke, komme es, meteorologisch gesprochen, an dieser „Kaltfront“ zu Niederschlägen, zu Schnupfenflüssen:

„Denn wenn die Nahrung in warmen Dämpfen durch die Adern nach oben in die Hirnregion aufsteigt, kühlen sich ihre Rückstände unter der Einwirkung der Kälte in dieser Region ab und bilden Ausflüsse von dickerem und dünnerem Schleim. Man muss sich diesen Schleimfluss, um Kleines mit Grossem zu vergleichen, geradeso erklären wie die Entstehung des Regens. Denn auch da steigt ja zunächst Dampf von der Erde auf und wird von seiner Wärme nach oben getragen; sobald er über der Erde in kältere Luft gelangt, kondensiert er durch die Abkühlung wieder zu Wasser und fällt als Regen auf die Erde herab.“

Das griechische Fachwort für diese inwendigen Niederschläge lautet katárrhus, „Katarrh“. Darin hat sich das Präfix kata-, „hinab-, hinunter-“, das uns etwa aus der „Katastrophe“, wörtlich einer „Hinabwendung“, oder aus dem „Katalog“, dieser „Herunter-“ oder dann umgekehrt „Aufzählung“, geläufig ist, mit dem Verbstamm rhe-, „fliessen“, zu einem katárrhoos, zusammengezogen katárrhus, einem „Hinabfluss“, verbunden. Der Auslaut auf ein langes -us, der einer lateinischen Endung so täuschend ähnlich sah, ist im Deutschen abgefallen.

In der Leipziger Mundart war aus dem fremd und fachlich ins Ohr fallenden „Katarrh“ ein heimisch miauender „Kater“ entsprungen, und dort in Leipzig – doch wohl in Auerbachs Keller – hat dieser Kater dann noch einen zweiten tollen Sprung getan. Da war dem Volk, das derlei Volksetymologien macht, und den Studenten vor den Zapfhähnen so „kannibalisch wohl, als wie fünfhundert Säuen“, dass sie das Wort vom Feld-Wald-und-Wiesen-Schnupfen fröhlich auf einen sozusagen „verschnupften“ Katzen- oder Katerjammer am Morgen nach dem Zapfenstreich übertrugen. Und damit hatte dieser „Kater“ nach zwei Luftsprüngen auch wieder mit einem Hinabfluss zu tun.

Noch ein Nachgedanke zu Aristoteles und seinem grandiosen Irrtum: Wie kann das sein, dass der grosse Denker dachte, dass er alle seine Gedanken wie diese zu Herz und Hirn nicht zuoberst im Hirn, sondern zuinnerst im Herzen hatte? Wer sich darüber verwundert, mag sich fragen, woran und wie wir eigentlich spüren – oder zu spüren meinen –, wo da drinnen wir sehen und hören, uns freuen oder ärgern, und wo da drinnen wir unsere richtigen und irrigen Gedanken haben ...


Stichwort »Punkt«

Gleich am Ende dieses Satzes wird er erscheinen, der Punkt, der uns beim Lesen kurz innehalten lässt, und hier ist er schon, gleich nach dem Doppelpunkt: . Gefunden? Das Tüpfelchen Druckerschwärze am Fuss der Zeile, das der geneigte Leser da vor Augen hat, ist ein Stück antikes Erbe, das kleinste und unscheinbarste von allen, und das uns doch alle Augenblicke ins Auge fällt – da ist ja schon wieder einer: . Auch das Wort ist altes Erbe: Unser „Punkt“ steht wie seine Wortgeschwister punto und point für ein lateinisches punctum, und das ist die Lehnübersetzung einer gleichbedeutenden griechischen stigmé.

Zunächst zur Sache: Eine Interpunktion mit Punkt und Komma – auch mit dem „Paragraphen“, einer Unterstreichung am Anfang der Zeile, in der ein Satz endete – war in klassischer griechischer Zeit aufgekommen und wurde in hellenistischer Zeit zunehmend verfeinert. Sie konnte das Verständnis einer mehrdeutigen Textstelle klären und war gewiss überhaupt eine willkommene Lesehilfe. Die „fortlaufende Schreibung“, die Scriptio continua der Antike, kannte ja keine Wortzwischenräume, geschweige denn Gross- und Kleinschreibung, und so sah man doch wenigstens, wo ein Satz aufhörte und ein neuer anfing. 

Einen ersten Hinweis auf solch ein klärendes Satzzeichen finden wir um die Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. bei Aristoteles. Er bemerkt, bei dem sprichwörtlich dunklen Heraklit sei es schon gleich im ersten Satz nicht leicht, richtig zu „interpunktieren“ – griechisch: diastízein, etwa: „zwischenzupunkten“. Und um die Wende vom 3. zum 2. Jahrhundert hat der alexandrinische Philologe Aristophanes von Byzanz offenbar die Homerischen Epen, zumindest die „Ilias“, durchgehend interpunktiert; so bezeugt es die Kritik eines Späteren, der grosse Aristophanes habe dort im 1. Gesang, in Vers 72, einen Punkt – eine stigmé – falsch gesetzt.

Und nun zum Wort: Das von Aristoteles gebrauchte griechische Verb (dia-)stízein bedeutet – sprachverwandt – eigentlich „stechen“ und speziell „tätowieren, markieren“; die stigmé bezeichnet einen „Stich“ und dann ein „Mal“, einen „Punkt“, das stígma ein ganzes „Tattoo“. Auch die Lehnübersetzung ist ein wahrhaftes „Stich“-Wort: Das lateinische Verb pungere bedeutet wiederum „stechen“, sein Partizip punctum bezeichnet eigentlich wieder einen „Stich“ – daher das chirurgische „Punktieren“ – und dann im Sinne der stigmé den „Punkt“. Da haben wir des Pudels Kern: Der Punkt ist ein Mini-Tattoo, das einen Satzschluss „markiert“.

Die Griechen kannten Tätowierungen von fremden Völkern wie den Thrakern; sie selbst markierten derart allenfalls einen entlaufenen Sklaven. In Perikleischer Zeit haben die Athener ihre samischen Kriegsgefangenen mit einem Tattoo – einem stígma – der attischen Eule an der Stirn „stigmatisiert“. In seiner „Bunten Geschichte“ gibt Älian seinem Abscheu darüber Ausdruck; sein schaudernder Blick zurück auf diesen barbarischen Akt der athenischen Demokratie ist es vielleicht gewesen, der neben den „Stigmata“, den Wundmalen Christi, auch das diskriminierende „Stigma“ in unseren Fremdwortschatz hat eingehen lassen. 

Zugleich mit den Philologen haben die Mathematiker die stigmé in ihren Fachwortschatz aufgenommen, und durch sie steht der „Punkt“ seither für eine geringste Erstreckung und einen bestimmten Ort. Da gibt es bildliche Mittelpunkte und Schnittpunkte, Schwerpunkte und Standpunkte, Höhepunkte und Wendepunkte, den springenden Punkt im Ei und das Pünktchen auf dem „i“, und sogar eine eigene Tugend hat dieses Wort sich zugelegt: die punktgenaue Pünktlichkeit. 

Im neueren Polit-Jargon kann ein Politiker auf der Beliebtheitsskala „punkten“, und wenn ein Lateiner mit seinem Latein am Ende ist, ruft er einfach „Punktum!“, und prompt ist wieder einer da: .


Soeben ist im Freiburger Rombach Verlag von Klaus Bartels das Buch »Jahrtausendworte – in die Gegenwart gesprochen« in 2. Auflage erschienen. 

Die zwölf Kapitel von »Selbsterkenntnis, Gotteserkenntnis« bis »Bildung und Wissenschaft« laden immer wieder dazu ein, die Antike im Spiegel der Gegenwart, die Gegenwart im Spiegel der Antike zu betrachten.

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