— von Ulrich Schmitzer

Bis weit über die Mitte des 19. Jahrhunderts war das ehemalige Tempelherrengut Mariendorf ein beschaulicher ländlicher Flecken im Kreis Teltow im Süden Berlins, der von Ackerbauern und Hirten bewohnt wurde1 und noch lange nicht ahnen ließ, dass es in der zukünftigen Großstadt Berlin aufgehen sollte.2 

Diese Bauern und Hirten verstanden sich aufs Feiern, wenn sich ein entsprechender Anlass bot. Im Jahr 1770 sah sich sogar der Inhaber der Predigerstelle in Mariendorf3 und Marienfelde, Johann Samuel Safft, dazu veranlasst, eine solche Feier im 1763 von ihm begonnenen Pfarrbuch zu vermerken4 – eine Feier allerdings, die außer Kontrolle geraten war. Der Gemeindehirt hatte die Tochter eines ortsansässigen Bauern geheiratet, doch kam es zu tiefgreifenden Unstimmigkeiten zwischen den Familien (und nebenbei erfahren wir, dass eine Mariendorfer Hochzeit im 18. Jahrhundert auch mehrere Tage dauern konnte):

Denn die Trunkenheit einiger aus der Gemeinde verwandelte das Fest am ersten Tag durch Zank in einen Gerichtstag. Die Väter verunwilligten sich über Kleinigkeiten und droheten einnander die Hälse zu brechen. Der betrunkene Bräutigam selbst soll die Braut mit Schlägen, die nicht Liebesschläge waren, eingeweihet haben. Die Zeit wird lehren, was dies für ein Omen gewesen. Doch es kam bei den übrigen nicht zu Schlägen, und der zweite Tag war ruhiger und vergnügter. 

Dieser Schilderung der dörflichen Schlägerei schickt Pfarrer Safft eine eigene Einleitung voraus, die das Lokalereignis in weltliterarische Dimensionen erhebt: 

Die Hochzeit schien mala ave angefangen zu sein, und ein böser, wahrsagender, verwünschter Uhu auf dem Dache zu sitzen, fast wie Ovidus (recte: Ovidius) von der Hochzeit des Tacius (recte: Tereus) spricht: „Es wohnte Juno nicht der Hochzeit Gasterei, noch eine Grazie, noch Hymenäus bei, die Brut der Furien trug den verbundnen Herzen die Leichentafeln vor und nicht die Hochzeitskerzen, sie rüsteten ihr Bett, die Eule flog aufs Dach und stand und heulete auf ihrem Schlafgemach." 

Safft zitiert zunächst das zur stehenden Redewendung gewordenen Dictum Hor. carm 1,15,3 mala ducis ave domum5 und leitet dann vom Unglücksvogel über zur von solchen düsteren omina begleiteten, exemplarischen Unglückshochzeit aus dem antiken Mythos über, die trotz des falsch transkribierten Namens leicht im 6. Buch von Ovids Metamorphosen zu finden ist (Ov. met. 6,428–432):

                                     non pronuba Iuno, 

non Hymenaeus adest, non illi Gratia lecto: 

Eumenides tenuere faces de funere raptas, 

Eumenides stravere torum, tectoque profanus

incubuit bubo thalamique in culmine sedit.

Ovid leitet mit diesen Worten die Schilderung der katastrophalen Ehe zwischen dem thrakischen Barbaren Tereus und der athenischen Königstochter Procne ein, die in der Vergewaltigung und Verstümmelung von Procnes Schwester Philomela kulminiert sowie in der Ermordung des Sohnes Itys, den Tereus in einem thyestartigen Irrtum schließlich selbst verschlingt:6 „il mito piu truce e sanguinario del poema, e probabilmente dell’intera mitologia greco-latina“ (Rosati 316).

Dass der Mariendorfer Pfarrer seine Gemeindemitglieder derart (und doch sehr von oben herab) in den Kontext des antiken Mythos stellt und sich selbst den Status eines Kenners der antiken Literatur und Mythologie zuweist, ist kein Zufall. Bevor er seine Pfarrstelle angetreten hatte, war er Lehrer am angesehenen Berliner Köllnischen Gymnasium (seit 1755 Subrektor) und so auch mit dem Lateinunterricht befasst gewesen. Dort hatte er sich als durchaus schwieriger Zeitgenosse erwiesen: Er war mit der Organisation der Schulspeisung beauftragt, allerdings ging er mit dem ihm dafür überlassenen Geldbetrag offenbar so geschäftstüchtig um, dass die Schüler Sturm liefen wegen der allzu kleinen Portionen und der völlig ungenießbaren Qualität der Speisen. Als nach fruchtlosen Versuchen der Besserung 1759 ein ganzer Jahrgang von Primanern deswegen das Köllnische Gymnasium verließ und an das Graue Kloster wechselte, wurde Safft die Speisung entzogen. Doch klagte er dagegen beim Berliner Magistrat, der sich auf Saffts Seite schlug und die protestierenden Schüler sogar kurzzeitig in Gewahrsam nehmen ließ. Die letztlich gefundene Lösung bestand dann darin, den Schülern das Geld zu geben, damit sie sich selbst eine Verpflegungsstelle suchen konnten.7

Es dürfte sich deshalb eine gewisse Erleichterung eingestellt haben, als Safft 1763 das Köllnische Gymnasium verließ und die Pfarrstelle in Mariendorf und Marienfelde übernahm. Vor dort aus publizierte er 1766 eine Gesamtübersetzung von Ovids Metamorphosen, die erste ausschließlich in Prosa gehaltene deutsche Fassung dieses Werks überhaupt.8  Diese heute so gut wie vergessene Übersetzung ist damit ein Vorläufer der wesentlich bekannteren Prosafassung von August von Rode aus dem Jahr 1788 (ebenfalls bei August Mylius verlegt), die vor allem in der Neubearbeitung durch Gerhard Fink seit dem späten 20. Jahrhundert wieder auf dem Buchmarkt präsent ist.9 

Safft versteht sein Werk zunächst als Hilfe für Künstler, die durch mangelnde Lateinkenntnisse nur schwer Zugang zur antiken Mythologie, die in den Metamorphosen konzentriert anzutreffen ist, gewinnen können, aber auch Frauen und andere weniger Gebildete – also all diejenigen, die nicht am traditionellen gymnasialen und universitären Bildungsgang Anteil haben – sollen davon profitieren können, wie die Vorrede zeigt:10

Sollte nicht der Ovid (ich verstehe die Verwandlungen) die Hände einer Schöne (sic!) eben so gut zieren, und ihren Geschmack bilden können, als ein anderer heutiger Dichter? Sollte ein Liebhaber der eigenthümlichen Sprache des Römers, sich nicht die Erlernung derselben, und sonderlich das Lesen der Urschrift dadurch erleichtern können?

Saffts Übersetzung wurde allerdings von der zeitgenössischen Kritik mit geradezu vernichtender Schärfe aufgenommen11, wobei sowohl die muttersprachliche als auch die lateinische Kompetenz des Verfassers heftig in Zweifel gezogen wurde. Er scheint auch weder im Gelehrtenleben noch in der Berliner Gesellschaft Spuren hinterlassen zu haben, wiewohl er die Widmung an seine „verehrungswürdigsten Patronen“, an den „hochlöblichen Magistrate“
Berlins, namentlich an die „Herren Präsident, Burgermeisteren, Syndicis“ voranstellte und damit unterstrich, dass er sich weiterhin Berlin, nicht dem ländlichen Kreis Teltow verbunden fühlte. Eine Zeitlang wurde Safft von anderen Metamorphosenübersetzern noch als Negativbeispiel zur Abgrenzung ihrer eigenen Ansätze verwendet, danach verschwand das Werk in die Übersetzungsbibliographien und tauchte gelegentlich in Antiquariatskatalogen auf, bis es durch die Digitalisierung der Bibliotheksbestände im 21. Jahrhundert zumindest potenziell (aber wohl kaum tatsächlich) neue Leser gewinnen konnte.

Damit noch einmal zum Beginn der Tereus-Erzählung Ovids, die sich in Saffts gedruckter Übersetzung folgendermaßen liest (die beigegebenen Sacherklärungen sind hier weggelassen):

Allein, weder Juno, die Stifterin der Ehen, noch Hymenäus, noch die Gratien, waren bei diesem Hochzeitsfeste gegenwärtig. Nein! die Eumeniden vielmehr trugen die von Leichen geraubten Fackeln voran. Die Eumeniden machten das Brautbette. Ein verwünschter Uhu lagerte sich auf dem Pallast, und saß über dem Gipfel des Brautzimmers.

Überraschenderweise ist das nicht der Text, den Safft vier Jahre später in das Pfarrbuch eingetragen hat. Vielmehr scheint Safft dort erneut vom Lateinischen her gedacht und ad hoc übersetzt zu haben. Ob diese Neuübersetzung aus dem Gefühl heraus entstand, dass seine gedruckte Übersetzung doch nicht so gelungen war, wie er selbst gehofft hatte, oder weil es schneller ging, neu zu übersetzen als im eigenen Buch nachzuschlagen, ist nicht zu ermitteln. Doch lassen sich die Abweichungen vom Original (Grazien und Hymenaeus sind in der Reihenfolge vertauscht, die Eumeniden werden im Deutschen nur einmal genannt etc.) als Resultat eines mehr oder minder improvisierenden Übersetzens erklären. Es lässt sich aber zuversichtlich annehmen, dass die durch die Hirtenhochzeit geweckte Assoziation zu Ovid und hier wiederum statt zur wesentlich bekannteren Unglückshochzeit des Orpheus zu der des Tereus auf Saffts intensiven Umgang mit Ovid durch die Übersetzungstätigkeit doch wesentlich zu erklären ist. 

Pfarrer Safft konnte nicht mehr überprüfen, ob seine Prognose über den durch den Beginn prädestinierten Verlauf der Ehe eintreffen sollte. Er starb noch im selben Jahr 1770.12 Aber er hatte Ovids Tereus in die bukolische und georgische Welt des Berliner Südens, nach Mariendorf, gebracht – und damit auf eine Stufe mit dem mythisch-düsteren Athen (aber nicht dem Vorbild des Spree-Athen perikleischer Prägung) gestellt. 

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