— von Michael Krewet

Zentrale Merkmale des Lachens und der Komödie im Urteil der antiken und spätantiken Literaturkritk und die Frage ihrer Applikabilität für die Deutung der Aristophanischen Komödie

Es finden sich bereits bei Platon und Aristoteles, aber auch in der Spätantike und byzantinischen Zeit eine Reihe von Äußerungen zum Wesen oder zur Wirkmacht der Komödie und des Komischen. Bei diesen oft auch sehr kurzen Behandlungen ist umstritten, ob sie einen Mehrwert für eine Deutung der Stücke der Alten Komödie des Aristophanes besitzen. Im Anschluss an die erfolgte Deutung von Aristophanes’ Lysistrate1, werden im Folgenden die zentralen Erwähnungen und Ausführungen zum einen in ihrem Kontext angeführt. Zum anderen werden diese literarturkritischen Zeugnisse unter dem Fokus betrachtet, ob sie womöglich dazu verhelfen können, einen Kern des dichterischen Schaffens des Aristophanes auf eine allgemeine Reflektionsstufe zu erheben, die das Wesen der Aristophanischen Dichtung noch besser begreifbar machen kann. Es geht mithin darum, am Stück der Lysistrate zu prüfen, ob die Autoren dieser Behandlungen des Komischen oder der Komödie etwas erkannt und festgehalten haben, was auch uns die Eigenheiten der komischen Dichtung des Aristophanes noch besser verständlich macht.

(1) Platon

Ein Zeitgenosse des Aristophanes (450/444–ca. 380 v. Chr.) war Platon (428/27–348/347 v. Chr.). Erkenntnisse über das Lächerliche – also das, was Lachen evoziert – und das richtige Maß lassen sich vor allem aus seinen Dialogen Sophistes (226a–231c7) und Philebos (47d7–50e4) gewinnen.2 Platon stellt im Philebos im Kontext seiner Behandlung von mit Lust und Unlust gemischten Gefühlen fest, dass man sich freue, wenn einer beneideten Person ein Übel (κακόν) widerfahre. Zu diesen Übeln zählt Platon auch die Unwissenheit und Einfältigkeit (ἄγνοια und ἀβέλτερα ἕξις, 48b11–c3). Platon erkennt das Lächerliche als einen Teil der Schlechtigkeit, der das Gegenstück zur Selbsterkenntnis bildet (48c7–11), wobei unter Selbsterkenntnis wohl auch die Kenntnis der eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten zu verstehen ist (s. z. B. 48d9). Menschen verfehlen die Selbsterkenntnis v. a. mit Blick auf „das, was in ihrer Seele ist, weil sie sich hinsichtlich ihrer Tugend für besser halten, als sie es in Wirklichkeit sind.“ (48e8-10).3 Dass Platon im Kontext seiner Behandlung des Lächerlichen beiläufig auf die Komödie verweist (s. 48a8-10 und 50c10–11), macht deutlich, dass eine Unwissenheit etwas Lächerliches darstellen kann und ein solches Lächerliches auch Gegenstand eines Verlachens in Komödiendichtungen seiner Zeit war. Der zu berücksichtigende Kontext, dass Platon an dieser Stelle nur mit Unlust und Lust gemischte Gefühle behandelt, ermöglicht nun allerdings keinen Aufschluss darüber, wie sich ein solches Lächerliches nach Platons Ansicht in Komödiendichtungen wie der des Aristophanes oder auch des Krates einfügten. Zumindest Hinweise darauf, dass diese Art des Lächerlichen und das Verlachen von Platon – und damit womöglich auch in den Diskursen dieser Jahre – nicht als Ideal betrachtet wurden, geben Stellen aus Platons Staat und aus dem Sophistes, die wiederum die Unwissenheit (ἄγνοια) aufgreift.

In Platons Staat (v. a. 388e5–389b1) werden die Wächter, die sich einem heftigen Lachen (ἰσχυρῷ γέλωτι) ergeben, kritisiert. Folglich sollten im Idealfall keine bedeutenden Menschen dargestellt werden, wie sie von dem Lachen bezwungen werden. Es wird an dieser Stelle damit nicht die Darstellung von etwas, das Lachen erregt, schlechthin kritisiert, sondern der Fokus der Kritik richtet sich gegen ein zu heftiges Lachen und gegen eine Darstellung von bedeutenden Personen, die dem Lachen gänzlich unterliegen. Eine Handlung wie die der Lyistrate, die Lachen und Freude evoziert, fällt nicht notwendigerweise unter diese Kritik.

In Platons Dialog Sophistes sprechen Theaitetos und der Fremde an einer frühen Stelle über die Unterscheidungskunst (διακριτική). Wesentlich für diese ist, dass sie das Bessere bewahrt und das Schlechtere aussondert (226c8–d7). Eine solche Aussonderung werde ,Reinigung‘ (καθαρμός) genannt (226d9–10). Gereinigt werde durch ein richtiges Unterscheiden (226e8ff.) – und damit in diesem Kontext auch durch ein richtiges ,Aussondern‘ für die Bewahrung des Besseren. Im Falle der Reinigung der Seele gehe es nun darum, alles Schlechte auszusondern (227d2ff.). Die Gesprächspartner unterscheiden zwischen zwei Arten des Schlechten: der Krankheit (νόσος), zu der sie Feigheit, Zügellosigkeit und Ungerechtigkeit zählen, und der Hässlichkeit (αἶσχος), zu der sie die Unwissenheit (ἄγνοια) rechnen (v. a. 228e1–5). Ein unfreiwilliges Verfehlen des eigenen Ziels aus solchen Gründen haben sie zuvor dem Bereich der Maßlosigkeit (ἀμετρία) – oder auch Verfehlung des rechten Maßes – zugewiesen und einer Einhaltung des rechten Maßes (συμμετρία) gegenübergestellt (228c1–5). Die Heilkunst gegenüber dem Hochmut, der Feigheit und Ungerechtigkeit sei nun die strafende Kunst, die unter allen Künsten der Gerechtigkeit am nächsten komme. Die Heilkunst gegenüber der Unwissenheit, die zu einer Verfehlung des rechten Maßes führt, sei die belehrende Kunst (διδασκαλική). Als eine Art der Unwissenheit bestimmen Theaitetos und der Fremde nun das, was man zu wissen glaubt, obwohl man es nicht weiß (229c5–6 und c9: ἀμαθία). Gemeint ist damit auch an der vorliegenden Stelle eine Fehleinschätzung des eigenen Wissens oder der eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten. Es handelt sich, wie im weiteren Gespräch der beiden noch deutlich wird, um eine falsche ,Meinung‘ (s. z. B. 230b1–2). In dieser sehen die Gesprächspartner den Grund für alles, worin wir uns in unserem Denken täuschen. Immer noch in diesem Kontext, in dem es um die Reinigung (καθαρμός / κάθαρσις) geht, erklären sie zu ihrem Ziel, dass diese falsche Meinung beseitigt werden müsse. Die Heilung von dieser Art der Unwissenheit (ἀμαθία als Unterart der ἄγνοια) erfolge nun im besten Fall nicht nur durch eine Ermahnung, sondern indem sie die falsche Meinung in ihrer Widersprüchlichkeit zeigen, damit sich die, die diese hartnäckigen Meinungen besitzen, von ihnen befreien können. Entscheidend ist, dass der Fremde in diesem Kontext es aber nicht bei der Reinigung, d. h. der Aussonderung von den falschen oder auch hinderlichen Meinungen (ἐμποδίους δόξας) belässt, sondern die Aussonderung ist nur ein Mittel, damit die ,richtige Nahrung‘, dies sind die richtigen Kenntnisse, auch ihren Nutzen entfalten kann, bzw. entfalten können (s. 230b4–e3). Oder anders formuliert: Die Reinigung erfolgt in dem Sinne, dass falsche Meinungen und ein falsches Denken als Fehltendenzen ausgesondert werden, damit das richtige Denken seine Wirkung entfalten kann.

Übertragen auf eine Komödienhandlung würde dies bedeuten, dass auch die Art des Lächerlichen, die in der Darstellung einer ἄγνοια einer Dramenfigur – d. h. der Fehleinschätzung der eigenen Möglichkeiten – gründet, als eine ,falsche Meinung‘ auszusondern ist, indem ein Handeln aufgrund einer solchen falschen Meinung z. B. in einer Lachen evozierenden Weise scheitert, damit die im Idealfall richtigen Kenntnisse, die ebenfalls in einer – ein anderes – Lachen evozierenden Weise dargestellt werden, ihre Wirkung entfalten können.

Nach der bereits erfolgten Analyse4 kann die Handlung der Lysistrate diesem Ideal durchaus entsprechen: 

Wenn ein Zuschauer angesichts dessen, was er beim Mitverfolgen des Scheiterns der Handlung des Probulen erkennt, tatsächlich – hämisch – lacht, so findet dies zumindest nach den Ausführungen Platons seinen Grund darin, dass die beneidete Person (wobei der Neid ein Unlustgefühl ist), die offenkundig ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten in dieser Situation falsch eingeschätzt hat, gestutzt wird, diese Stutzung aber für die Person nicht schädlich oder gar verderblich endet, die Stutzung aber mit einer Freude für den Zuschauer verbunden ist – also mit einem Lustgefühl. Der Probule zieht unverrichteter Dinge wieder ab.5 Dieses – hämische – Lachen oder auch Verlachen seiner Person geht einher mit dem Bestreben und Handeln des Probulen, die gegenüber dem rechten Ziel in dieser Zeit (Frieden) und Personen, die dieses Ziel verfolgen, in Aristophanes’ Darstellung unangemessen erscheinen. Die Handlungskomposition reinigt nun aber von diesem ,falschen Denken‘ des Probulen nicht nur, indem sie ein Verlachen des Probulens und seines Denkens ermöglicht, sondern indem sie über die Darstellung der komischen Handlung der Lysistrate auch eine Freude beim Mitverfolgen eines Besseren, nämlich des verständigen Handelns und vernünftigen Bestrebens der Lysistrate ,zurücklässt‘. 

Entscheidend für die Beurteilung der Handlung der Lysistrate scheint auch aus dieser Perspektive deshalb zu sein, dass die Konzeption der Dramenhandlung dieses hämische Lachen nicht einfach so dastehen lässt und episodisch eine nächste Verspottung gleicher oder ähnlicher Art anschließt. Im Gegenteil wird dieser ἀμετρία – wenn man diesen Terminus aufgreifen will – mit dem Handeln der Lysistrate über eine verständige und richtige Einschätzung, was in dieser Situation des Krieges nötig ist, und auch mit den Möglichkeiten, die Lysistrate und die Frauen in der poetischen Wirklichkeit der Dramenhandlung selbst haben, unmittelbar – wenn man so will – eine συμμετρία (ein ,richtiges Maß‘) entgegengesetzt. Das Potenzial, Freude und Lachen an diesem Handeln zu evozieren, erhält diese Handlungsdarstellung nun dadurch, dass der Zuschauer und der Rezipient selbst erkennen können, dass Lysistrate und die Frauen, wenn sie in ihrer Leidenschaft für die Sache die Akropolis besetzen und sogar verteidigen, ihren Einfluss gemessen an ihren Möglichkeiten, sofern diese die äußere Lebensrealität dieser Jahre betreffen, an ihren Pflichten im realen Leben der Gegenwart und an ihren alltäglichen normalen Tätigkeiten in der athenischen Gesellschaft selbst falsch einschätzen. Sie verkennen, dass ihnen aufgrund ihrer Rolle in der Gesellschaft und den damit verbundenen limitierten Handlungsmöglichkeiten ein solches Handeln in der Realität nicht möglich ist. Diese Handlung besitzt nun insofern ein Potenzial zum Lachen, als die Idee des Sexstreiks (a) wider die Erwartung kommt, wobei die Erwartung selbst wieder aufgrund von Denkhabitus und damit auch von Erfahrungen und Normen der Gegenwart geprägt sein dürfte, und (b) die dargestellte individuelle Handlung der Lysistrate ein gutes Ziel hat. Als gut kann der Zuschauer dieses Ziel deshalb begreifen, weil er in dem puren Streben der Lysistrate – innerhalb der Dramenhandlung – nach Frieden nach zwei Jahrzehnten des Kriegs und Leids eine Ähnlichkeit zu seinem eigenen Streben erkennen kann. Damit wird das Lachen aber unwillkürlich gereinigt. Denn der Zuschauer vermag beim Mitverfolgen der Dramenhandlung zu lachen oder eine Freude zu empfinden, die dem Gegenstand (im Menschen liegenden ,Streben nach Frieden‘) und der handelnden Person (einem couragierten Menschen wie der ,Lysistrate‘ mit ihrem raffinierten Plan) gegenüber angemessen ist. Am Ende der Darstellung steht dieses gereinigte Lachen und die gereinigte Freude und nicht mehr z. B. ein Lachen über Obszönität oder ein hämisches Lachen über die Machtlosigkeit des Probulen. 

Auch unter Berücksichtigung von Platons Ausführungen scheint es m. E. plausibel zu sein, dass die höchst raffinierte Handlungskonzeption des Aristophanes über das Potenzial verfügt, das Lachen des Zuschauers von einem hämischen Lachen und einer hämischen Freude zu einem gemäßigteren Lachen und einer der Situation angemessenen Freude zu leiten. Es ist dabei zu betonen, dass erst die Differenz zwischen der poetischen Wirklichkeit, in der die Protagonistin ihr gutes und von vielen wohl erstrebtes Ziel in einer unkonventionellen und so noch nicht gekannten Weise erreicht, und der historischen Realität, in der aufgrund ihrer Konventionen ein solches Handeln keinen Erfolg haben könnte, überhaupt das Potenzial des Lachens und der Freude in sich birgt.6 Die komische Handlungskonzeption berücksichtigt durch diese Art der Darstellung für das Erzielen dieser Reinigung damit ganz präzise die Perspektive und erwartbaren Bestrebungen der Zuschauer.

(2) Aristoteles 

Von Aristoteles sind uns zumindest über sein Werk zerstreute und bruchstückhafte Zeugnisse eines Urteils über die Komödie – auch die des Aristophanes – überliefert. Aristophanes starb vermutlich um 380 v. Chr., Aristoteles wurde 384 v. Chr. geboren. Er ist also fast ein Zeitgenosse des Aristophanes. In jedem Fall ist aber anzunehmen, dass er poetologische Diskurse seiner Zeit auch über die Komödie des Aristophanes kannte. Im Rahmen seiner Poetik hat er ein eigenes Buch über die Komödie – vermutlich darüber, wie eine gute Komödienhandlung ausgesehen hat – verfasst, das uns aber nicht überliefert ist.7 Nun haben wir trotz dessen, dass dieses Buch verloren ist, das Glück, dass er in einigen wenigen Kontexten, in denen er die Tragödie behandelt, diese von der Komödie abgrenzt, wodurch uns einige Inhalte seines Urteils über das, was die Komödie oder auch eine gute Komödienhandlung ausmacht, erhalten sind, ferner haben wir das Glück, dass er z. B. in seinen ethischen Behandlungen Seitenblicke auf sein Urteil über die Komödie gibt.8  Aufgrund der bereits erfolgten Betrachtung der Lysistrate und der angeführten poetologischen Auffassungen des Aristophanes selbst,9 kann, wie im Folgenden gezeigt werden soll, der Wert dieser Ausführungen des Aristoteles auch für ein Begreifen einiger zentraler Charakteristika der Stücke Alten Komödie – auch der des Aristophanes – kaum gering geschätzt werden.

(a) Der Gegenstand der Komödie

Im zweiten Kapitel der Poetik bestimmt Aristoteles als einen Unterschied zwischen Tragödie und Komödie ihren jeweiligen Gegenstand: Die Tragödie wolle bessere, die Komödie schlechtere Menschen im Vergleich zu den jetzt lebenden Menschen nachahmen (1448a17–18). Mit Blick auf die Komödienhandlung der Lysistrate scheint dieses Merkmal der Komödie eine gattungsspezifische Notwendigkeit auch für die Aristophanische Komödie darzustellen, damit beim Mitverfolgen der Handlung(en) überhaupt Lachen und Freude an der Komödienhandlung entstehen können. Denn es ist die überzeichnete Darstellung von schlechteren Strebetendenzen des Menschen, also eine Form der Parodie, die diese Strebetendenzen als unzuträglich für das Erreichen eines persönlichen Ziels – wie etwa im Falle des Probulen – oder für das Erreichen des Wohls der Polis deutlich macht. Gerade im Kontrast zu diesen Fehltendenzen kann im Falle der Lysistrate die Darstellung eines gutes inneren Strebens ein solches auch als vorteilhaft erweisen und als ein solches in einer literarischen Darstellung für den Rezipienten erkennbar machen.

(b) Aristophanes als Vorbild für die literarische Gattung

Im dritten Kapitel führt er Homer und Sophokles als Vertreter der tragischen Gattung an, die gute Menschen nachahmen, Aristophanes als Vertreter für die komische Gattung. Die Vertreter beider Gattungen würden nun aber Handelnde (πράττοντας) nachahmen (1448a25–28). Homer und Sophokles dienen Aristoteles in seiner Behandlung des Tragischen immer wieder als Ideale, an deren Dichtungen und Kunst er aufzeigt, was eine gute Dichtung im Allgemeinen und eine gute tragische Dichtung im Besonderen auszeichnet. Damit kann als argumentum e silentio angeführt werden, dass Aristoteles auch in den Dramen des Aristophanes die komische Kunst als in einer besonders guten Weise entfaltet gesehen hat. Eine zentrale Gemeinsamkeit, die offenbar diese gute Kunst ausmacht, ist, dass sie handelnde Menschen nachahmen. Unter ,handeln‘ (πράττειν) versteht Aristoteles im Unterschied zu ,machen‘ (ποιεῖν), wie in Analysen des Aristotelischen Handlungskonzeptes bereits festgehalten worden ist, das Verfolgen eines inneren Ziels. Es misst sich nicht primär daran, ob ein äußeres Ziel erreicht wird. Das innere Ziel gründet dabei in dem, was dem Menschen aufgrund seines eigenen und ihm spezifischen und individuellen Charakters als gut erscheint (s. Metaphysik 1025b19–1026a23, 1064a17–b5, ferner auch: Nikomachische Ethik 1140a1-23, 1140b4–7).10 Dieses Ziel wählt er für sich. Die Worte, die eine handelnde Figur auf der Bühne spricht, und die Handlungen dieser Figur sind in der guten Dramenhandlung nach Aristoteles damit der sicht- und hörbare Ausdruck eines in einem ganz bestimmten Charakter gründenden Strebens. Mit diesen Ausführungen scheint Aristoteles tatsächlich eine Charakteristik der Aristophanischen Kunst erkannt zu haben. Denn z. B. Lysistrates Worte, Entscheidungen und Handlungen können, wie gezeigt worden ist, alle als Ausfluss eines ganz bestimmten Charakters und eines in diesem gründenden individuellen Strebens nach Frieden und dem Wohle Griechenlands gedeutet werden.11

(c) Gute Komödien sind Nachahmungen von Handlungen

Im vierten Kapitel führt Aristoteles nun Homer als Archegeten in der Komposition sowohl von bedeutenden Handlungen (Tragödien) als auch von der Form der Komödie an. Dabei deutet Aristoteles Entwicklungen an, die auch eine Vorform der Komödie bildeten, die Aristoteles offenkundig noch nicht als gute Dichtung und ebenso wenig als eine Art Vollendung der Gattung zu seiner Zeit betrachtete. Eine solche Vorform der Komödie bildete der Tadel oder auch Spott (ψόγος). Die Vollendung der Entwicklung der Gattungen findet sich Aristoteles zufolge sowohl in der Komödien- als auch in der Tragödiendichtung bei Homer darin, dass letzterer Nachahmungen von Handlungen (μιμήσεις δραματικὰς) geschaffen hat. Als Beispiele für solche Handlungsnachahmungen führt er Homers Ilias, Odyssee und – für eine komische Handlungsnachahmung – den uns nicht erhaltenen Margites an (s. 1448b34–1449a15).

(d) Das Ideal der durchgestalteten und einheitlichen Handlung

Was Aristoteles unter einer solchen vollendeten Handlungsnachahmung im Gegensatz zu Vorformen wie einer Spottdichtung begreift, wird dadurch deutlich, dass er im Kontext seiner Behandlung dessen, was eine gute tragische Dichtung ausmacht, die Homerischen Epen wieder aufgreift und an diesen die Charakteristika dessen, was er unter der Nachahmung einer Handlung begreift, behandelt (v. a. Kapitel 7 und 8 der Poetik). Dass er dies innerhalb seiner engeren Behandlung der Tragödie, die mit der Definition der Tragödie im sechsten Kapitel beginnt, analysiert, heißt gerade aufgrund der allgemeinen und parallelen Zuweisung dieses Charakteristikums sowohl an die Tragödie als auch an die Komödie im vierten Kapitel also nicht, dass er die nun analysierten Charakteristika nicht auch einer guten Komödiendichtung wie der des Aristophanes zugewiesen hat, wie noch näher erläutert werden wird. Die Kapitel 7 und 8 der Poetik haben u. a. auch die Behandlung der Merkmale zum Gegenstand, die in der Forschung als Charakteristika für die Durchgestaltung einer Handlung begriffen werden. Das erste für die hier behandelte Frage zentrale Charakteristikum ist, dass die Handlung eine ganze ist. Ganz sei aber etwas, das einen Anfang, eine Mitte und ein Ende habe. Das Charakteristikum des Anfangs sei, dass dieser notwendigerweise nicht nach etwas Anderem stehe, nach ihm aber etwas folge. Das Charakteristikum der Mitte sei, dass diese dem Anfang folge, und nach dieser noch etwas Anderes folge. Und die Eigenschaft des Endes sei, dass dieses selbst etwas Anderem folge – entweder aus Notwendigkeit oder meistens, was man wohl auch als ‚wahrscheinlich‘ deuten kann –, dem aber nichts Anderes mehr folge. Hinzu kommt, dass Aristoteles zuvor bereits verdeutlich hat (1450a3–4), dass das Ideal der Handlung in einer Zusammenstellung einzelner Handlungen oder auch Teilhandlungen liege (1450b21–34). Als zweites zentrales Charakteristikum für eine vollendete Handlungsnachahmung ist anzuführen, dass es sich um die Nachahmung einer Handlung oder auch einer einheitlichen Handlung handelt. Die einzelnen (Teil-)Handlungen formen damit eine Einheit. Diese Einheit gründet nun nicht etwa darin, dass alle Ereignisse eines Lebens eines Menschen dargestellt werden, sondern sie gründet in der Nachahmung einer Handlung (1451a16–a36), was man einfacher vielleicht ausgehend von der obigen Analyse der Lysistrate auch als Nachahmung einer bestimmten Strebetendenz (nämlich der nach Frieden) deuten kann. Dies meint nun dem Handlungsbegriff des Aristoteles entsprechend, dass die Nachahmung eines inneren subjektiven Bestrebens eines ganz bestimmten und individuellen Charakters gemeint ist, der sich dazu entschließt ein bestimmtes Ziel zu verfolgen. Die Ordnung der Handlungsdarstellung oder die Komposition der Handlung gründet dann aber ebenfalls in diesem bestimmten Charakter, nämlich darin, wie er aufgrund seines charakterbegründeten Strebens dieses Ziel Schritt für Schritt verfolgt. Die Handlungskomposition ist eine Zusammenstellung von Entscheidungen, die in dem spezifischen Charakter und dessen Streben gründen. Die Einheit der Teilhandlungen findet sich in dargestellten Entscheidungen, die in gleicher Weise als Ausdruck eines Strebens erkennbar sind und die dem Erreichen eines subjektiven Ziels dienen. 

Als Fazit dessen, was eine durchgestaltete und einheitliche Handlung, wie sie Aristoteles als charakteristisch für die zu seiner Zeit vollendete tragische und komische Kunst begreift, kann also Folgendes festgehalten werden: Eine einheitliche Handlungsdarstellung muss an den Worten und Entscheidungen der Protagonistin oder des Protagonisten eines Dramas begreifbar machen, dass alle diese Entscheidungen oder Worte in einem bestimmten Streben gründen und auf das eine, subjektiv für gut befundene Ziel hinwirken. Die einheitliche Dramenhandlung beginnt mit dem Kenntlichmachen eines solchen subjektiven Ziels und zeigt, wie die Entscheidungen einander wahrscheinlich aufgrund des bestimmten charakterbegründeten Strebens der Person, das die Dichtung in Teilhandlungen über neue Entscheidungen darstellt, folgen. 

Diesem zeitnah zu der Abfassungszeit der Aristophanischen Komödie entwickelten Kriterium für eine einheitliche und durchgestaltete Handlung zufolge ist die Handlung der Lysistrate in einem hohen Maße einheitlich. Sie besitzt den Anfang in der Darstellung der subjektiven Entscheidung der Figur Lysistrate, den Krieg zu beenden. Alle folgenden Entscheidungen (die Gewinnung der Frauen für einen Sexstreik, die Besetzung der Akropolis für die Verwaltung der Staatskasse, das Abhalten der Frauen davon, diesen Plan aus Gründen ihres sexuellen Verlangens zu früh aufzugeben, die Instruktion der Myrrhine, wie sie den Streik gegenüber ihrem Mann Kinesias konkret durchzuführen hat, als dieser zur Burg kommt, das auf das Ziel des Frieden hingeführte Verhandeln mit den spartanischen und athenischen Gesandten) sind Ausdruck eines einzigen und individuellen Strebens nach Frieden. Dabei kann es durchaus als wahrscheinlich betrachtet werden, dass die Entscheidungen aufgrund dieses Strebens in dieser Abfolge getroffen werden.

(e) Die gute Komödienhandlung folgt dem Kriterium der Wahrscheinlichkeit

Unter Berücksichtigung dieses Handlungsbegriffs kann die Dramenhandlung auch durchaus als wahrscheinlich begriffen werden oder die Wahrscheinlichkeit als Charakteristikum einer guten Tragödien- und Komödienhandlung begriffen werden. Eine Bestätigung findet dies im 9. Kapitel der Poetik.12 Dort hält Aristoteles u. a. als Eigenschaft einer Handlung fest, dass die Dichtung eher etwas Allgemeines als etwas Einzelnes darstelle. Etwas Allgemeines heiße aber, dass es einem bestimmten Charakter mit Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit zukomme, Bestimmtes zu sagen oder zu tun. Zur Plausibilität dieses Verständnisses von Wahrscheinlichkeit führt Aristoteles nun ausgerechnet die Komödie an. Denn ihre Dichter – und damit wohl auch Aristophanes, den er als exponierten Repräsentanten für diese literarische Gattung im dritten Kapitel genannt hat – konstruieren eine wahrscheinliche Handlung und geben den Personen dann passende Namen und beziehen ihre Dichtung nicht wie die Jambendichter auf konkrete einzelne Personen (1451b6–15).

Es ist mittlerweile ausreichend gezeigt worden, dass unter dem Allgemeinen der Charakter einer Dramenfigur zu verstehen ist.13 Weil dieser im Falle einer guten Dichtung, wie Aristoteles festhält, bestimmt beschaffen ist (1454b8), ist er insofern ein Allgemeines, als er als die Ursache für Einzelnes, nämlich einzelne Entscheidungen, Handlungen oder Sprechweisen erkannt werden kann. Insofern ein Charakter bestimmt ist, ist es folglich auch wahrscheinlich, dass er sich seiner Individualität entsprechend in einer bestimmten Weise und nicht in einer anderen Weise entscheidet und handelt. Angesichts der vorgelegten Analyse der Lysistrate scheint es mehr als plausibel zu sein, dass er als Beispiel die Komödie anführt. Wenn er aber an dieser Stelle die Komödie anführt und der intrinsische Zusammenhang zwischen Wahrscheinlichkeit und einheitlicher, durchkomponierter Handlung besteht, so ist auch dies ein starkes Argument für die Position, dass die Handlung der Aristophanischen Komödie nicht zwingend als episodisch zu begreifen ist, sondern auch als eine einheitliche Handlung begriffen werden kann. Selbst die Namensgebung der Protagonistin ,Lysistrate‘ scheint von dem Dichter entsprechend ihrem individuellen Bestreben, das den Kern und Konvergenzpunkt der einheitlichen Handlungsdarstellung bildet, gewählt worden sein zu können.

(f) Der komische Fehler in einer Komödienhandlung

Nun gibt die Poetik in ihrem 5. Kapitel immerhin auch noch Hinweise auf weitere Charakteristika, die die komische im Gegensatz etwa zur tragischen Handlung auszeichnen. Zunächst grenzt Aristophanes den schlechteren Charakter von einer umfänglichen Schlechtigkeit ab. Das Lächerlich sei vielmehr (nur) Teil des Hässlichen. Dies erklärt Aristoteles noch genauer, indem er sagt, dass das Lächerliche ein bestimmter Fehler (ἁμάρτημα) sei, aber keine Schmerz verursachende und verderbliche Hässlichkeit. Lobend hebt er unter den athenischen Dichtern an dieser Stelle ausgerechnet Krates hervor, weil dieser Mythen – und das sind nach dem Verständnis in der Poetik durchgestaltete Handlungen in dem erläuterten Sinn – komponiert habe. Es muss an dieser Stelle daran erinnert werden, dass dieser entscheidende Schritt vom bloßen Spottgedicht zu einer durchkomponierten Handlung von Aristoteles als Entwicklung, die diese literarische Gattung zu seiner Zeit vollendet hat, betrachtet worden ist. Und auch Aristophanes hat die Dichtung des Krates als vorbildhaft betrachtet, wie gezeigt worden ist. Es ist also plausibel, dass die Komposition einer einheitlichen Handlung auch einherging mit einem Verzicht auf einen ausufernden persönlichen Spott, insofern dieser als konkretes Ziel dieser Dichtung begriffen wurde, nicht aber, insofern eine solche Form des Spotts im Dienste der Entfaltung der einheitlichen Handlung stand, die als Korrektiv gegenüber der bloßen Verspottung wirken konnte. Das Ineinandergreifen von einer durchgestalteten und einheitlichen Handlungsdarstellung und von einer Mäßigung des Spotts im Sinne einer feinen und gebildeten Kunst der Komödiendichtung, wie sie Aristophanes selbst bei Krates emblematisch lobt, scheint, wenn man das analysierte Potenzial der Reinigung des Lachens in Aristophanes’ Lysistrate betrachtet, zum Selbstverständnis von Aristophanes’ Komödiendichtung gehören zu können. 

Wenn Aristoteles das Lächerliche als einen bestimmten Fehler, der keinen Schmerz verursache, bestimmt, so scheint diese allgemein gehaltene und wenig konkrete Aussage die verschiedenen Arten des Lächerlichen, wie sei z. B. die Lysistrate beinhaltet, zunächst gemeinsam als eine Art kleinsten gemeinsamen Nenner zu bestimmen. Ein Fehler (ἁμαρτία / ἁμάρτημα) im eigentlichen Sinn liegt nach Aristoteles’ Lehre, um dies kurz zu fassen, dann vor, wenn ein Mensch aufgrund eines (zu starken) Gefühls ein Wissen, das er eigentlich besitzt oder besitzen könnte, zumindest temporär nicht aktualisiert und aufgrund dieses starken Gefühls oder einer starken Leidenschaft heraus sein eigenes (subjektiv für gut befundenes Ziel) verfehlt, verfehlen kann oder zu verfehlen droht..14 Als Fehler, der Lachen evozieren kann, können nach dieser Bestimmung demnach sowohl ein Handeln wie z. B. das des Probulen oder der Kalonike als auch das Handeln der Lysistrate begriffen werden. Denn das Denken und Handeln etwa des Probulen oder der Kalonike erweist sich innerhalb der Dramenhandlung auch deshalb, weil es stets direkt von Lysistrate oder auch den alten Frauen korrigiert wird, als nicht zielführend gemessen an dem, was sie eigentlich wollen: Kalonike etwa würde ihr Verlangen nach ihrem Mann oder Männern überhaupt nicht befriedigen können, wenn der Krieg nicht ein Ende fände, wofür sie das von Lysistrate gewählte Mittel des Sexstreiks akzeptieren müsste.  Aufgrund ihrer allzu großen Begierde verschließt sie sich zunächst damit gerade dem Mittel, das am Ende in der poetischen Wirklichkeit der Komödie Erfolg hat. Gerade ihre Leidenschaft für die Männer, die sie zunächst dieses Mittel ablehnen lässt, gefährdet mithin, dass sie ihr Ziel erreicht. Dieser Fehler ist aber kein Fehler, der ein Verderben nach sich zieht oder ziehen kann – wie z. B. ein tragischer Fehler.15 Auch der Probule verschließt sich aufgrund seines Starrsinns, der ihn an alten Normen und Verhaltensweisen festhalten lässt, und aufgrund seiner Impulsivität im Zorn, weil sich seine bekannte Welt und ihr Herrschaftsgefüge nun verkehrt haben, dem verständigen Denken der Lysistrate. Wenn er letzterem folgen würde, könnte er auch seine konkreten Ziele, deretwegen er zur Burg gekommen ist, vermutlich besser erreichen. Sein Zorn ist damit auch ein Grund dafür, warum er letztlich sein Ziel verfehlt. Dass er (nur) unverrichteter Dinge abziehen muss, zeigt, dass sein Fehler ihm kein Verderben bringt. Sein Denken und Handeln erweist sich aber gegenüber dem Gegenstand, den er verfolgt, oder auch gegenüber den klug und verständig agierenden Frauen zu diesem Zeitpunkt als unangemessen. Schließlich kann auch das Handeln der Lysistrate als Fehler im Aristotelischen Sinn betrachtet werden, wenn als Referenzpunkt für ihr Handeln nun nicht mehr der angenehme Erfolg in der poetischen Wirklichkeit des Dramas, sondern die historische Wirklichkeit dient. In ihrem leidenschaftlichen Ereifern für den Frieden beachtet auch sie ein Wissen, das eine Frau von der Lebensrealität haben müsste, nicht: Als Frau wäre es ihr kaum möglich die Akropolis zu besetzen und zu verteidigen. Ebenso wenig scheint es realistisch zu sein, dass sie eine Versammlung, an der nur Frauen teilnehmen könnten, überhaupt einberufen könnte, in der sie auch noch alle Frauen zu dem Eid, den sie letztlich schwören, bewegen könnte, usw.16 Die Mittel, die sie in ihrem Handeln gewählt hat, scheinen damit gegenüber dem historisch-realen Gegenstand, den sie verfolgt (Frieden), gegenüber den Personen der Politik und zu diesem Zeitpunkt im Krieg, in dem überall Zwietracht vorherrscht, unangemessen zu sein, wenn man die Perspektive des Zuschauers des Jahres 411 v. Chr. für dieses Urteil einnimmt. Auch ihr Handeln ist aber nicht mit einem Verderben verbunden, sondern in der Komödienhandlung mit Erfolg. Dass nun aber ausgerechnet ein solches – wohl unerwartetes, da gegen alle Normen und Erfahrungen, dargestelltes – Handeln, das in der poetischen Wirklichkeit erfolgreich ist, in der realen Lebenswirklichkeit dieses Ziel verfehlen würde und dass dieses Handeln ein von der Mehrheit erstrebtes gutes Ziel verfolgt, birgt das Potenzial zu einem angemessenen Lachen und einer angemessenen Freude – und dies auch gerade deshalb, weil die real-lebensweltliche Unwahrscheinlichkeit der dramatischen Handlung in diesem Punkt das Potenzial des für die Komik unerlässlichen Präsentierens von etwas Unerwartetem, noch nicht Erlebtem bietet (s. auch Rhetorik 1412a19ff.). 

(g) Die Komödie und das richtige und angemessene Lachen

Aristoteles jedenfalls fasst dieses Potenzial, dass eine bestimmte Komödie, zu der vermutlich die Aristophanische Komödie zu zählen ist, ein angemessenes Lachen evozieren kann, auch an einer Stelle der Nikomachischen Ethik ins Auge (Nikomachische Ethik, 1127b33–1128b9). Er führt in diesem Kontext aus, dass es für den Menschen auch mit Scherz verbundene Erholungsphasen gebe. Die Betrachtung des Scherzes ist nun in den größeren Diskussionskontext eingebunden, dass die vollkommenen Gefühle und Handlungen eine richtige Mitte haben und dass unvollkommene Gefühle und Handlungen ein Übermaß oder einen Mangel aufweisen (s. dazu zentral: Nikomachische Ethik, 1106b14–34), was Aristoteles für eine Reihe von Gefühlen ausführt. Das Übermaß stellt für Aristoteles einen Fehler dar (ἡ μὲν ὑπερβολὴ ἁμαρτάνεται) und gehört zu den Lastern. Als richtige Mitte meint Aristoteles allerdings keinesfalls eine messbare oder quantitative Mitte zwischen zwei Extremen – also kein ,Mittelmaß‘. Vielmehr versteht er unter dieser Mitte (μεσότης / μέσον) das Empfinden eines Gefühls, ,wann‘, ,über welche Gegenstände‘, ,gegenüber welchen Menschen‘, ,weswegen‘ und ,wie‘ es nötig oder angemessen ist, dieses Gefühl zu haben (s. ebda.).17

Menschen, die nach Aristoteles nun diese richtige Mitte im Scherz überschreiten, sind für ihn die Possenreißer oder auch die gemeinen Spaßmacher (βωμολόχοι). Ihr Kennzeichen ist, dass sie schlechthin auf das Evozieren von Lachen und Spaß aus sind. Es ist ihnen dagegen nicht wichtig, Anständiges zu sagen oder feinsinnige Scherze zu äußern oder den Verspotteten nicht zu verletzten. Im Gegensatz dazu bilden die steifen und trockenen Menschen (ἄγροικοι καὶ σκληροὶ) das andere Extrem. Sie werden dadurch charakterisiert, dass sie denen, die Scherze über sie machen, böse sind. Die Menschen, die hingegen die richtige Mitte des Scherzes finden, nennt Aristoteles die ,gut Gewandten‘ (εὐτράπελοι). Ferner nennt Aristoteles den, der in richtiger Weise Scherze macht oder über solche Scherze in richtiger Weise Freude empfindet, auch χαρίεις (,anmutig‘, ,gebildet‘, ,geistreich‘) (s. Nikomachische Ethik 1128a31–b1). Dass sie das gebührende Maß im Lachen finden, liege in ihrem (guten) Charakter begründet. Es handle sich um den Scherz eines freien und gebildeten Menschen, der sich von dem eines ungebildeten oder auch unfreien unterscheide. Bedeutsam ist nun ferner, dass Aristoteles zu der Verdeutlichung dessen, was er selbst unter ,Alter Komödie‘ und ‚Neuer Komödie‘ begreift, anführt, dass der ,Alten Komödie‘ das ,Sprechen von Hässlichem‘ (αἰσχρολογία) eigentümlich sei. Die Eigentümlichkeit der ,Neuen Komödie‘ sei dagegen die Doppeldeutigkeit oder Andeutung (ὑπόνοια). Die Ausführungen an dieser Stelle decken sich mit denen im fünften Kapitel der Poetik, dass der Gegenstand der Komödienhandlung, wie sie Aristoteles als Ideal begreift, nichts ganz und gar Schlechtes oder eine verderbliche Hässlichkeit sei, und auch mit den weiteren Ausführungen in der Poetik, denen zufolge sich die Komödienhandlungen des Krates und wohl auch des Aristophanes – wofür die vorgebrachte Interpretation18 der Lysistrate und die poetologischen Äußerungen des Aristophanes selbst jedenfalls sprechen – als Ideale für eine durchgestaltete Handlung begreifen lassen, die nicht mehr den Spottgesang (ψόγος) selbst in ihr Zentrum rücken. Die Charakteristika, die für Aristophanes’ Lysistrate festgehalten werden konnten, passen so eher zu denen, die Aristoteles für die aus seiner Perspektive ,Neue Komödie‘ festhält.19

Angesichts dieser Passage aus der Nikomachischen Ethik und ihrer inhaltlichen Verbindung mit seinen Hinweisen auf die ideale Handlungsdarstellung einer Komödie, hat Aristoteles offenkundig ein solches Ideal des Scherzes in den Komödien des Krates und Aristophanes gefunden, oder er hat gar seine Idealvorstellung von dieser auf der Grundlage ihrer Komödien und im Gegensatz zu noch älteren Formen der Komödie entwickelt. Die Aufgabe dessen, der eine Komödienhandlung in kunstgemäßer Form konzipieren will, sollte dieser also nach Aristoteles – wie auch nach Aristophanes und Krates –  das Potenzial einverleiben, für die richtige Mitte (kein ,Mittelmaß‘) im Scherz und damit auch im Lachen und in der Freude zu sorgen. Was als ein richtiges Lachen und eine richtige Freude angesehen werden muss, wird aus seiner Bestimmung der richtigen Mitte leicht ersichtlich. Die Komödienhandlung soll im Idealfall über das Potenzial verfügen, eine Freude und ein Lachen zu evozieren, ,wann‘, ,über welche Gegenstände‘, ,gegenüber welchen Menschen‘, ,weswegen‘ und ,wie‘ diese (Freude und Lachen) angemessen sind. Die Analyse der Dramenhandlung der Lysistrate hat nun zeigen können, dass die einheitliche Handlung der Komödie, die in dem Bestreben der Lysistrate gründet, diese Kriterien durchaus erfüllen kann. Die Handlung evoziert nun, gerade indem sie die verschiedenen Arten des Lachens und der Freude beim Mitverfolgen der Komödienhandlung – und damit der Handlungen der einzelnen Figuren – evoziert, eine angemessene Freude und ein angemessenes Lachen. Dieses angemessene Lachen und die angemessene Freude treten dann auf, wenn Lysistrate in einer unerwarteten Weise über den Sexstreik oder die Besetzung der Akropolis ein langfristig gutes Ziel sowohl für sie und die Frauen selbst als auch für die Polis verfolgt. Sie treten also in Verbindung mit einem guten Bestreben und einer verständigen, richtigen inneren Denkhaltung auf. Im Falle der Lysistrate ist mit der Person der Lysistrate auch der Grund für eine angemessene Freude verbunden: Es ist die richtige, für gut befindbare und erstrebenswerte Denkhaltung, die eine conditio sine qua non für eine angemessene Freude darstellt. Damit scheint ein Lachen und eine Freude auch dem guten Gegenstand gegenüber (dem Plan über die gewählten Mittel ,Frieden‘, die ,Rettung Griechenlands‘ und die ,Heimkehr der Männer‘ zu erreichen) angemessen zu sein. Auch der Zeitpunkt, eine solche Freude mit diesem Streben zu empfinden, scheint angesichts des historischen Hintergrunds, der in der poetischen Wirklichkeit der Komödie aufgegriffen wird, angemessen zu sein: Im Moment, in dem Unverstand herrscht und die Bürgerschaft an den Rande des Untergangs bringt, ist der Zeitpunkt der Freude und auch ein Lachen in Verbindung mit dem innerhalb der poetischen Wirklichkeit verständigen, aber dennoch ungewohnten und unkonventionellen Handeln im Dienste eines von allen erstrebten Ziels angemessen. Dadurch, dass dieses Lachen in Verbindung mit dem Weglenken von eher possenreißerischen Späßen oder Obszönitäten steht, scheint das ,Wie‘ dieses Lachens gedämpfter und weniger exzessiv und kann insofern ebenfalls angemessen – und als Ausdruck einer gebildeten und feinsinnigen Dichtkunst – begriffen werden.

Nur um ein Gegenbeispiel anzuführen: Kalonikes Art der Zurückweisung von Lysistrates Plan in obszöner Sprache, als sie zum ersten Mal von diesem erfährt, scheint z. B. dem Gegenstand (dass dieser Plan ein langfristiges Gutes verfolgt, das auch zum Vorteil der Kalonike gereichte, weil sie dann nicht fürchten müsste, dass ihr Mann im Krieg falle und sie ihn so gar nicht mehr zurückbekäme) unangemessen zu sein. Trotzdem birgt auch ihre Zurückweisung des Plans das Potenzial, Lachen und Freude zu evozieren, weil die Offenheit, in der sie sich zu ihrem sexuellen Trieb bekennt, wohl unerwartet kommt, dennoch aber mit dieser Offenheit eine Vorstellung eines Aktes kreiert, der den Menschen Freude bereitet. Das Entscheidende ist aber, dass diese Freude in der konkreten Situation und der Notlage, in der sich die Polis durch den Krieg befindet, gerade nicht angemessen ist. Denn sie würde den Plan der Lysistrate unterlaufen, der letztlich erfolgreich ist, und damit ihr eigenes Ziel – die Befriedigung ihres Triebs aufgrund des Mangels an Männern – verfehlen können. Es scheint damit naheliegend, dass auch die obszöne Art des Lachens und der Freude über diese Worte der Kalonike nicht angemessen ist. Gerade dadurch, dass aber im unmittelbaren Anschluss an diese Art des Lachens und der Freude Lysistrate über ihren Plan und ihr Handeln von dieser weglenkt und eine andere – dem Gegenstand angemessene – Art des Lachens und der Freude evoziert, kann man von einem Potenzial der Reinigung des Lachens, das die Handlungsdarstellung dieser Aristophanischen Komödie in sich trägt, sprechen. Sie reinigt das Lachen, indem es zum Abbruch des unangemessenen Lachens und des nur kurzfristigen Lustempfindens führt und auch das Verfolgen des langfristigen Lachens über die gewählte Komik des Plans als lustvoll erfahrbar macht.

(3) Spätere Zeugnisse – Der Tractatus Coislinianus und die Definition der Komödie

Angesichts des bisherigen Befundes scheinen nun einige spätere Zeugnisse, die im Rahmen einer Definition der Komödie von einer reinigenden Kraft der Komödiendichtung mit Blick auf das Lachen oder Freude sprechen, durchaus an Plausibilität zu gewinnen. Ein zentrales Zeugnis dieser Bestimmung findet sich im so genannten Tractatus Coislinianus, der in einem Manuskript des 10. Jahrhunderts gefunden und 1839 das erste Mal ediert wurde.20 In diesem findet sich eine zusammenfassende Behandlung der Komödie, mit Blick auf welche u. a. kontrovers diskutiert worden ist, inwiefern einzelne Aussagen ihren Ursprung in der Aristotelischen Lehre von der Komödie gehabt haben können.21 Die Tendenz geht dahin, dass die Mehrheit der Interpreten zumindest einzelnen Bestimmungen der Komödie oder des Komischen einen Aristotelischen Ursprung absprechen, während bezüglich anderer Partien dieses Traktats die Meinung öfter auch dahin geht, dass sie durchaus Aristotelischen Ursprungs sein können. In diesem Fall würde der Traktat eine Kompilation von Positionen zur Komödie, die aus verschiedenen Epochen stammen oder teilweise auch nur ungeschickte Nachbildungen aristotelischer Positionen bilden, beinhalten. Weithin akzeptiert wird, dass die Behandlung der Arten, die Lachen hervorrufen, Aristotelischen Ursprungs sind.22 Dagegen findet sich eine breite Forschungsströmung, die meint, dass die Bestimmungen des Tragischen und die Wiedergabe oder auch Zusammenfassung einer Definition der Komödie nicht Aristotelischen Ursprungs sein können.23 Interessant ist in diesem Kontext besonders, dass der zentrale Satz dieser Definition von einer „Reinigung“ (κάθαρσις) spricht: „(…) mittels Lust und Lachen vollendet sie die Reinigung eben derartiger Gefühle [nach anderer Deutung des Genitivs: eine Reinigung von derartigen Gefühlen]. Sie hat das Lachen als ihre Mutter.“ – δι’ ἡδονῆς καὶ γέλωτος περαίνουσα τὴν τῶν τοιούτων παθημάτων κάθαρσιν. ἔχει δὲ μητέρα τὸν γέλωτα (IV Janko = Z.9–12 Koster). 

Bezüglich dieses Satzes wird z. B. in Zweifel gezogen, ob ,Lachen‘ für Aristoteles überhaupt ein Gefühl ist. Denn er habe an keiner weiteren Stelle seines uns erhaltenen Werks das Lachen als ein πάθημα (,Gefühl‘, ,Affektion‘) bezeichnet. Ebenso werde ἡδονή (,Lust‘, ,Freude‘) von Aristoteles nicht als Gefühl, sondern nur als Folgeerscheinung eines Gefühls betrachtet.24 Gegen beide Positionen kann man mittlerweile gute Argumente vorbringen. Denn zum einen sind Gefühle bei Aristoteles aus systematischer Perspektive nie abtrennbar von einem Akt des Erkennens, zu dem sowohl Wahrnehmungs- als auch höhere Denkakte gehören. Dass das Lachen oder auch der Scherz, der Lachen evoziert, aber immer damit in Verbindung stehen, dass der Mensch etwas erkennt – nämlich z. B. etwas Unerwartetes und Unkonventionelles (s. zum Fall des Lachens auch: Aristoteles, Rhetorik, 1412a19ff.) – und dieses Erkennen auch unmittelbar mit einer Freude oder Lust verbunden ist, dürfte evident sein. Lust und Unlust sind nach Aristoteles wiederum nichts anderes als (auch unbewusste) Wahrnehmungen von Erkenntnisakten, wobei die Art des Erkennens und Erkenntnisgegenstandes in Abhängigkeit vom individuellen menschlichen Charakter dafür verantwortlich ist, ob der Mensch sein Erkennen als eine Lust oder eine Unlust wahrnimmt. Lüste oder Unlüste nimmt man aber auch nach Aristoteles dann besonders als solche wahr, wenn sie bislang ungewohnte Erkenntnisse begleiten. Die Komödie mit ihren neuen und unerwarteten Ideen ist mithin prädestiniert dafür, das Erkennen über das Ungewohnte, Unkonventionelle o. ä., das sie in ihrer ,neuen Idee‘ erkennbar macht, auch erfahrbar zu machen. Lust und Unlust sind nach Aristoteles ferner auch intrinsische Momente komplexerer Erkenntnisakte, die z. B. im Falle einer bestimmten unlustvoll wahrgenommenen Erkenntnis als Mitleid bezeichnet werden. Das Lachen besitzt zumindest alle allgemeinen Eigenschaften, die auch andere Gefühle (z. B. Furcht oder Mitleid) aufweisen. Die Lust folgt diesem Gefühl nicht, sondern sie ist selbst das Fühlen und Empfinden (in diesem Fall gleich dem Wahrnehmen) des Erkennens.25 Dass wir nun im Werk des Aristoteles das Lachen nicht als πάθος bezeichnet finden, muss zum anderen nicht zu viel bedeuten. Denn immerhin ist mit dem zweiten Buch der Poetik der Teil seines Werkes, in dem Aristoteles diesen Zusammenhang womöglich auch ausführlicher aufgezeigt hat, verloren.

Noch wichtiger ist aber bezüglich dieses Satzes die in Forschungspositionen geäußerte Kritik daran, dass die Komödie zu ihrem Wirkziel die Reinigung (κάθαρσις) habe. Eine zentrale Rolle nimmt die frühe Betrachtung dieses Teils der Definition bei Bernays (1853) ein: „In den Anfangsworten des folgenden Paragraphen glaubt man beim ersten Blick einen köstlichen Schatz zu entdecken. Eine in unserer Poetik so schmerzlich vermisste Definition der Komödie, möglicherweise aus aristotelischer Quell! Leider erscheint schon beim zweiten Blick der Kohlenschatz, wie die Griechen sagen, in voller Schwärze. Diese seinsollende Definition der Komödie ist nichts als eine jämmerlich ungeschickte Travestie der aristotelischen von der Tragödie.“26 

Bernays hält es nicht für möglich, dass die Komödie analog zu seinem eigenen Verständnis der Tragödiendefinition, demzufolge die Tragödie von Jammer und Schauder reinigen solle, von der Freude und vom Lachen reinigen soll. Wenn man den Genitiv (τῶν τοιούτων παθημάτων) als separativ begreift, so scheint dieser Teil der Definition tatsächlich absurd zu sein. Denn eine Betrachtung der Komödien – auch eine der Lysistrate – kann zumindest nicht bestätigen, dass gänzlich von einer Freude oder einem Lachen gereinigt wird. Das Gegenteil ist der Fall: Die Konzeption der komischen Handlung evoziert gerade ein Lachen.27 Die Komödiendefinition scheint damit aus dieser Perspektive eine vermeintlich höchst ungeschickte Nachbildung der Tragödiendefinition der Poetik zu sein. Angesichts der Tatsache, dass gleich eine Reihe von Interpreten sich der Deutung Bernays anschlossen und noch weiterführten,28 scheint es verständlich, dass sich nahezu ein Selbstverständnis entwickelte, auch den zur Tragödiendefinition analogen Genitiv in der Komödiendefinition des Tractatus Coislinianus separativ zu deuten. Manfred Fuhrman etwa hält so ebenfalls fest: „Diese Definition geht auf die aristotelische Poetik zurück. Sie ist indes lediglich eine ungeschickte Nachbildung der erhaltenen Tragödiendefinition: Aristoteles hätte es sich niemals einfallen lassen, das Vergnügen und das Lachen als ,Erregungszustände‘ (Pathémata) zu bezeichnen, von denen die Komödie den Zuschauer reinigen solle. Man mag ex silentio schließen, daß Aristoteles keine spezifischen Wirkungsaffekte der Komödie – nichts, was dem „Jammer und Schaudern“ entspräche – gekannt hatte.“29

Wenn man die separative Funktion des Genitivs nicht in Frage stellt, so scheinen die Bestimmungen der Komödie über ihre emotionale Wirkung in dem Traktat über die Komödie einander gar widersprüchlich zu sein. Denn später heißt es in demselben Traktat: „Ein richtiges Maß der Furcht will in den Tragödien sein und ein richtiges Maß des Lächerlichen in den Komödien.“ – συμμετρία τοῦ φόβου θέλει εἶναι ἐν ταῖς τραγῳδίαις καὶ τοῦ γελοίου ἐν ταῖς κωμῳδίαις (VII Janko = Z. 34f. Koster). Wenn nun der ersten Definition der Komödie im Traktat zufolge die Komödie vom Lachen und der Freude reinigen soll, so scheint diese Definition in der Tat nicht mit der vorliegenden Bestimmung vereinbar zu sein.30 

Nun findet sich aber unter den Interpreten bereits seit langem (prominent ist etwa Lessing, Hamburgische Dramaturgie, 78. Stück) auch noch eine zweite Deutung des Genitivs als Genitivus Objectivus („Reinigung … der Gefühle“).31 Diese Deutung führte, so muss man wohl konstatieren, lange ein Schattendasein und ist erst in den letzten Jahrzehnten wieder stärker in den Fokus der Forschung geraten.32 Interessant ist nun, dass sich diese Deutungen für die Plausibilität ihres Ansatzes in ihrem Zentrum auf die Textstellen zur richtigen Mitte eines Gefühls aus der Nikomachischen Ethik stützen, die oben angeführt wurden. Die Reinigung in der Tragödiendefinition gehe damit mit einer Konzeption einer Handlung einher, die über das Potenzial verfüge, angemessene Gefühle zu schaffen, wie sie oben ebenfalls am Text der Nikomachischen Ethik umrissen wurden. 

Wenn man nun entgegen der breit unterstützten Position des separativen Genitivs (,Reinigung von … den Gefühlen‘) den Gedanken zulässt, dass in der Komödiendefinition eine Reinigung der Gefühle des Lachens und der Freude gemeint sein könnte,33 so passt dies hervorragend zu Aristoteles’ Position des Ideals eines richtigen Scherzens und dem εὐτράπελος und χαρίεις in der Nikomachischen Ethik. Darüber hinaus würde sie aber vor allem einen Kerngedanken aus der Poetologie des Aristophanes selbst aufgreifen, nämlich dass Aristophanes auf das Einhalten eines Maßes bedacht war, welches er vermutlich in der feinsinnigen Komödiendichtung des Krates verwirklicht sah. 

Es ist für den vorliegenden Beitrag weniger wichtig, abschließend geklärt zu haben, ob diese Komödiendefinition des Traktats eine Zusammenfassung der Aristotelischen Definition der Poetik ist oder auf eine Definition zurückgeht, die er in dem verlorenen Teil seiner Poetik gegeben hat. Meines Erachtens ist dies zumindest nicht zwingend auszuschließen. Eine definitive Klärung ist aber wohl kaum möglich. Wichtiger ist vielmehr, dass der hier behandelte Teil der Komödiendefinition, wenn er als Reinigung des Lachens und der Freude verstanden wird, doch ein Kernpotenzial umreißt, das auch die Aristophanische Komödie aufgewiesen hat, das die antiken und spätantiken Interpreten derselben in ihr ebenfalls erkannt haben und das mithin Möglichkeiten von Deutungsalternativen zu einer Reihe von gegenwärtigen Meinungen zur Aristophanischen Komödie eröffnet. Denn da sich noch ähnliche Bestimmungen der Komödie finden,34 scheint diese Reinigung des Lachens und der Freude als Wirkpotenzial der Komödienhandlung durchaus auch unter bestimmten Vertretern in der antiken und vormodernen Literaturkritik als ein gattungsspezifisches Merkmal der Aristophanischen Komödie  begriffen worden zu sein. Indem Aristophanes’ Dichtkunst in einer raffinierten Weise, wie dies bereits im ersten Teil des Beitrag analysiert wurde, ihre Komödienfiguren an bestimmten und voneinander verschiedenen Gegenständen unterschiedliche Arten der Freude empfinden lässt oder auch Menschen und Handlungen verlachen lässt, erhält sie das Wirkpotenzial eben diese Gefühle des Lachens und der Freude in der dargestellten Weise zu reinigen.

Wenn Aristophanes einen zu scharfen Tadel – offenbar allein um des Tadelns oder Spottes willen – und auch Formen des Übermaßes kritisiert, demgegenüber aber die feine und gebildete Kunst des Krates preist, so gehört zu dieser Kunst in ihrem Zentrum offenbar auch, dass der Dichter der eigenen Dramenhandlung das Potenzial einzuverleiben vermag, ein angemessenes Lachen und eine angemessene Freude zu evozieren, wie dies in diesem Beitrag am Beispiel der Lysistrate zu zeigen versucht worden ist.

Auch die spätantiken Zeugnisse stehen also einer Deutung der Lysistrate, wie sie oben vorgenommen wurde, nicht zwingend im Weg, sondern sie können im Gegenteil sogar als Argumente für eine solche Deutung angeführt werden und uns darüber hinaus die Eigenheiten der Stücke der Alten Komödie deutlicher konturieren.

IV Fazit zu Teil 1 und Teil 2:

Indem Aristophanes über die Handlungsdarstellung in seiner Lysistrate dem Bürger ein für das Jahr 411 v. Chr. gutes Ziel für ihn selbst und auch für die Polis als angenehm und mit einem angemessenen Lachen erfahrbar macht, ihnen Fehltendenzen eines Strebens mit Mitteln der Komik erkennbar macht und sie als unangemessen entlarvt oder (durch den Zuschauer) verlachen lässt,35  kann seine Dichtung dieser Argumentation zufolge durchaus geschmacks- und urteilsbildenden Einfluss auf den Zuschauer des Dramas nehmen, wenn dieser dazu in der Lage ist, ein solches Potenzial auch aktual zu erkennen. Insofern kann die Komödie auch als ernst und politisch begriffen werden. 

In welchem historischen Politiker oder welcher Gruppierung oder Gruppe sich diese Denkhaltungen zeigten, mag der Zuschauer des Jahres 411 v. Chr. für sich erkannt haben. Sicher äußert das Drama Zweifel, dass die derzeitigen Politiker aufgrund ihrer Denkhaltungen noch über die Fähigkeiten verfügten, vernünftig Politik zu betreiben. Denkbar ist ferner durchaus, dass Aristophanes der drohenden Verschwörung von Personen oligarchischer Gesinnung um den im Drama explizit genannten Peisander herum, in deren Sinn vielleicht gerade nicht die Aufnahme von Friedensverhandlungen war, seinem Drama die Verschwörung der Frauen entgegensetzte, die solche Friedensverhandlungen innerhalb der poetischen Wirklichkeit erreichte.36 Aristophanes würde dann „mit erstaunlich unerschrockener Deutlichkeit das wirklich bedrohende Eisen der aktuellen Politik an[fassen].“ Sein Drama würde sich in diesem Fall gerade an die Bürgerinnen und Bürger richten, die nicht von den Kriegsumständen profitierten.37

Die Lyistrate des Aristophanes kann somit durchaus als ein bedeutendes politisches Drama seiner Zeit betrachtet werden, welches das demokratische Umfeld Athens nutzte, um seinen Rezipienten über die Figuren seines Dramas auch mittels scharfer Kritik an bestehenden Denkweisen, die das Individuum und die Polis zu vernichten drohten, (allgemeine) Möglichkeiten, über die der Mensch verfügt und die in einem verständigen Denken und Handeln festzumachen sind, für die Besserung der Lage in einer angenehmen Weise vor Augen zu stellen. 

Eine Behandlung dieses Dramas des Aristophanes kann aus der hier vorgestellten Perspektive somit sehr gut Einsichten ermöglichen, wie ein Text vor seinem historischen Hintergrund zu verstehen ist. Im Rahmen der Lektüre können Kenntnisse dieser bedeutenden Epoche der griechischen Geschichte und ihrer Gesellschaftsstrukturen erworben werden. Mit der Komödie des Aristophanes kann die für die ganze europäische Literaturgeschichte zentrale literarische Gattung der Komödie in ihren Ursprüngen behandelt werden und zudem aus einer Reihe von Perspektiven produktiv auf gegenwärtige Tendenzen oder Vorverständnisse dessen, was das Komische ausmacht, bezogen werden.38 Es ist jedenfalls ein großes Glück, dass uns von einem der kreativsten Köpfe unter den Komödiendichtern in der Geschichte dieser Gattung eine Reihe von Stücken ganz erhalten sind, an denen solche Zusammenhänge, wie die in Teil 1 und Teil 2 dieses Beitrags vorgestellten, offen diskutiert werden können. Davon könnte letztlich auch der Schulunterricht profitieren.39

Joomla SEF URLs by Artio