— von Klaus Bartels

Esoterikkurse, Esoterikläden, Esoterikmessen: Esoterik ist „in“, und mit diesem „in“ sind wir der Sache und dem Wort unversehens schon ganz nahe. Aber eines nach dem anderen; das Mysterium der Esoterik verlangt eine gemächliche Annäherung. Fangen wir ganz aussen und ganz anfangs an, mit dem weniger gebräuchlichen Gegenbegriff des „Exoterischen“. Die so nah aneinander anklingenden Wörter „Exoterik“ und „Esoterik“ sind prägefrisches altes Griechisch. Im „Exoterischen“ hat sich das Adjektiv exoterikós erhalten; darin steckt an erster Stelle das Adverb éxo, „draussen“, an zweiter Stelle ein -ter-, das im Griechischen eine Steigerung bezeichnet, und an dritter Stelle der Adjektiv-Ausgang -ikós, der sprachlich unserem „-isch“ entspricht. Fügen wir die drei Teile zusammen, so verdolmetscht sich dieses „Exoterische“ als das „weiter draussen Gelegene”.

Das Wort ist – zunächst ganz für sich – im 4. Jahrhundert v. Chr. aus der Aristotelischen Schule hervorgegangen; da bezeichnet es in der Ethik einmal die „äusseren“ Güter, Hab und Gut, gegenüber den inneren Werten, in der Zoologie einmal die „äusseren“ Glieder, Hände und Füsse, gegenüber Armen und Beinen. Mehrfach verweist Aristoteles auf seine „exoterischen“, an eine weitere Leserschaft ausserhalb der Schule gerichteten Schriften; da deutet das Wort auf das Nebeneinander der strengeren, spröderen „akademischen“ Lehre innerhalb der Schule und ihrer leichter zugänglichen „exoterischen“ Darstellung gegenüber einem weiteren Publikum. Aristoteles hat wie Platon auch Dialoge geschrieben, und die je verschiedene Überlieferung hat es mit sich gebracht, dass uns von Platon einzig die weiter verbreiteten Dialoge, von Aristoteles einzig die gelehrten Schulschriften erhalten sind.

Und das Gegenwort, das „Esoterische“? So verwunderlich es ist: Das vollkommen entsprechend mit dem richtungweisenden Adverb éso, „hinein“, vorneweg und wieder dem Steigerungs-Kennzeichen -ter- gebildete Adjektiv esoterikós, nun umgekehrt für das „weiter nach innen hin Gelegene“, erscheint erst im 2. Jahrhundert n. Chr., ein halbes Jahrtausend später, und dazu in einem eher spasshaften als ernsthaften Zusammenhang. Offenbar war den klassischen Philosophenschulen ihr Hervortreten „weiter draussen“ eine Begriffsprägung wert gewesen, der Lehrbetrieb innerhalb der Schule aber zu selbstverständlich, als dass sie diesen etwa als „esoterisch“ hätten ansprechen mögen. Und überdies: Was hätte da auch die Steigerung bedeuten sollen? „Weiter drinnen als draussen“?

Soweit wir sehen, begegnet das „Esoterische“ erstmals in Lukians satirischer „Philosophenauktion“, und es hat ganz den Anschein, als sei das Wort ebendort der spitzen Feder des grossen Spötters entsprungen. In der köstlichen Satire auf die klassische Philosophie kommen die Schulhäupter von Pythagoras bis Pyrrhon der Reihe nach unter den Hammer; der Göttervater Zeus leitet die Auktion, der Götterbote Hermes spielt den Ausrufer. Und der preist da so recht marktschreierisch ebendiesen Aristoteles, der als erster von seinen „exoterischen“ Schriften gesprochen hatte, als ein seltenes Schnäppchen im Duopack an: „Den hier, den kauft! Der versteht sich auf alles, überhaupt auf alles! Und was das Tollste ist: Der ist doppelt! Einer von aussen und einer von innen, ein exoterischer und ein esoterischer – da habt ihr zwei für einen!“ Zwei spiegelbildliche Wörterlebensläufe in seltsamer Verschlingung: Während jenes ursprüngliche Aristotelische „Exoterische“ ein wenig gebräuchliches philosophiegeschichtliches Fachwort geblieben ist, hat sich dieses fünf Jahrhunderte später ihm so witzig abgewonnene „Esoterische“ aus der vielgelesenen Lukianischen Satire in den Rang eines weltweit geläufigen Kultworts aufgeschwungen. Geht’s noch weiter nach innen? O ja, hie und da begegnet auf den Esoterik-Websites eine super-edle „Esotherik“.

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