— von Michael Krewet

I Aristophanes’ Komödie zwischen Ernsthaftigkeit, Politikbezug und karnevalesker Freude

Man muss leider festhalten, dass Aristophanes, der große Komödiendichter des ausgehenden fünften und beginnenden vierten Jahrhunderts v. Chr., allenfalls einen Randplatz in den Schulcurricula der Gegenwart ergattern konnte. Dabei könnte man durchaus für ihn als Schulautor plädieren. Immerhin handelt es sich bei einem Stück wie der Lysistrate um ein Drama, über dessen Behandlung eine Fülle von Bezügen zu verbindlichen Inhalten der Curricula der Sekundarstufe I hergestellt werden könnte. Um nur einige Punkte anzuführen: Das Drama wurde im ausgehenden fünften Jahrhundert v. Chr. während des Peloponnesischen Kriegs in einer Phase, als die athenische Demokratie ins Wanken geraten war, erstmals aufgeführt. Es ermöglicht tiefe Einblicke in das Alltagsleben, das Verhältnis, das konventionell Frauen und Männern in der athenischen Gesellschaft zugedacht war, die Akropolis bildet einen wichtigen Ort für die dramatische Handlung im Theater. Zudem wird seiner Dichtung von einem nicht unerheblichen Teil gegenwärtiger Interpreten eine politische Bedeutung beigemessen. Als ,politisch‘ werden die Dramen insofern begriffen, als sie Angelegenheiten der Polis – zumindest die, die der Dichter für wichtig erachtete – auf die Bühne brachten, nicht insofern sie sich streng an der konkreten Politik abarbeiteten.1 Wenn das so ist, könnte Aristophanes auch durchaus im Curriculum der Sekundarstufe II im Rahmen der Behandlungen des Individuums und der griechischen Gesellschaft ein Platz zugedacht werden.2

Allerdings stehen den Meinungen, die Aristophanes als politischen Dichter in diesem Sinne sehen, auch bedeutende gegenwärtige Forschungspositionen entgegen, die die Intention der Dichtung des Aristophanes primär als „Spaß um des Spaßes willen“ beschreiben.3 Einem solchen Urteil zufolge sollen die Komödien als „Lachen über alles und jeden“ interpretiert werden.4 Diese Position, wie sie auch Niklas Holzberg in seiner aktuellen Aristophanes-Monographie vertritt,5 richtet sich damit gegen die verbreitete Deutung, dass Aristophanes dadurch, dass er Probleme der Polis auf die Bühne brachte, auch einen Einfluss nehmen wollte auf sein Publikum, indem er z. B. auf Fehltendenzen von Demagogen und anderen bekannten Personen des öffentlichen und politischen Lebens aufmerksam machen und diese bloßstellen wollte. Holzberg begründet seine Ansicht u. a. damit, dass die auf der Bühne gefundene Lösung etwa zum Beheben eines politischen Problems nicht vereinbar sei mit der historischen Wirklichkeit, so etwa auch der Sexstreik der Frauen in der Lysistrate.6 Die Wahrscheinlichkeit, dass das Drama gemessen an der Lebensrealität etwas lehren könne, scheint damit nicht gegeben zu sein. Ein weiteres gewichtiges Argument für diese Position ist nach Meinung Holzbergs, dass die öffentliche persönliche Anklage gegen einzelne Personen im Spott der Komödien des Aristophanes keine öffentlichen Konsequenzen gehabt hätten. Ein Kleon, der in den Rittern übel von Aristophanes verunglimpft wird, sei etwa nicht angeklagt, sondern unmittelbar im Anschluss an das Drama sogar wiedergewählt worden.7

Es herrscht in der Debatte zwar eine weitgehende Einigkeit darin, dass eine zentrale Eigenheit der Stücke der Alten Komödie – und damit auch des Aristophanes – das ὀνομαστὶ κωμῳδεῖν, der persönliche Spott gegenüber Personen der Polis sei.8 Ob dieser Spott aber nur um des Lachens und Spaßes willen da sei oder in dem genannten Sinne politisch sei, wird kontrovers diskutiert – und dies schon seit langem. 

Die Forschung zeigt sich damit uneins in der Frage, ob die Alte Komödie des Aristophanes als ,ernst‘, d. h. als Drama mit ‚ernster Intention‘ zu begreifen ist und die Komödie einen Bezug zur Lebensrealität aufweist, oder ob sie eine eher karnevaleske Funktion besitzt. Als Form eines karnevalesken Bühnenstückes habe sie keinen solchen ernsten Kern oder sie nehme eine Ernsthaftigkeit zumindest nicht primär in den Blick.9 Ein wiederkehrendes Argument bei den Anhängern der letzteren Position ist dabei, dass ein konkreter Bezug zur historischen Lebensrealität, zum historischen Zeitgeschehen fehle oder ein solcher Bezug zumindest nicht konkret nachweisbar sei, bzw. dass der von der Protagonistin oder dem Protagonisten gefundene ,große Plan‘ (oder die ,kritische Idee‘ oder das ,komische Thema‘)10 als Lösung eines erkannten Missstandes jeglicher Wahrscheinlichkeit entbehre, dass dies auch im realen Leben – also in Wirklichkeit – so geschehen könne.11 Das, woran diese Positionen bemessen, ob der ,große Plan‘ wahrscheinlich ist, ist damit die äußere Lebenswirklichkeit.12

II Poetologische Aussagen in Aristophanes’ Dramen

Dieser letzteren Position zufolge, die keinen wichtigen Bezug der Aristophanischen Komödie zur historischen Lebensrealität und Wirklichkeit sieht, stehen in den Dramen des Aristophanes selbst vor allem autoreferentielle Aussagen des Dichters entgegen, die sich auf die Poetik seines Dichtens beziehen. Die folgenden Ausführungen betreffen besonders die älteren seiner Komödien. In den Parabasen dieser Stücke können die Mitglieder des Chors der Komödie die Masken von ihren Gesichtern nehmen und das Publikum direkt adressieren. Sie fungieren so u. a. als Sprachrohr des Dichters. Letzterer kann sich mithin über den Chor an das Publikum wenden. Er äußert sich dabei wiederholt auch zu den Intentionen seiner Dichtung. Darüber hinaus beinhaltet Aristophanes’ Drama der Frösche einen Dichterwettstreit zwischen Aischylos und Euripides. Auch diese beiden Figuren des Dramas treffen metapoetische Aussagen z. B. über die Ziele der Dichtung. Diese sind besonders dann relevant und beachtenswert, wenn sie den poetologischen Ausführungen aus den Parabasen der älteren Stücke entsprechen.

Aristophanes zeigt in den Parabasen als zentrales Ziel seiner Komödiendichtungen auf, dass diese dem Demos, dem Volk, einen Nutzen bringen (Acharner vv. 633ff., Wolken v. 577, Wespen v. 1017 und v. 1037; ferner auch Frösche v. 686f., vv. 971ff. und v. 1030f.), die Menschen besser machen  (Acharner v. 650) und viel Gutes lehren solle (Acharner v. 656).13 Er will mit seiner Dichtung einen Beitrag dazu leisten, das Richtige aufrecht zu erhalten (Acharner v. 655, Ritter v. 510, Frösche v. 686.). Der Dichter habe für Gerechtigkeit, ferner für die Erziehung des Menschen und dessen (richtigen) Geschmack zu sorgen (Frösche vv. 889ff., vv. 1043ff, vv. 1069ff. und vv. 1077ff.). Er sei mit seinem Lehren (διδάσκειν) ein Erzieher des Volkes (Frösche vv. 1033ff. und vv. 1054ff.). 

Auch die Voraussetzung, dass die Dichtung das Volk überhaupt belehren könne, dringt in den Worten des Aristophanes durch, in denen er seine eigene Kunst lobt. In seinen Wespen preist er (v. 1059) die Schicklichkeit und Klugheit (δεξιότης) seiner neuen Ideen (καιναὶ ἰδέαι). In den Acharnern (v. 629) sieht er sich ebenfalls als klug (δεξιός). In den Wolken (v. 520) bezeichnet er sich als weise (σοφός). Auch die Figur des Euripides verlangt in Aristophanes’ Fröschen (v. 1009) vom Dichter Klugheit (δεξιότης) und behauptet, seinen Zuschauer durch seine Dichtung urteilsfähig gemacht zu haben (Frösche v. 971ff., ähnlich auch Wolken v. 521).

Für das Erkennen der Qualität seiner Stücke scheint Aristophanes allerdings auch eine gewisse Urteilsfähigkeit des Zuschauers vorauszusetzen, wenn er in den Wespen (v. 1045 und v. 1058) seine Meinung anführt, dass die Zuschauer ihre Urteilsfähigkeit überhaupt erst dadurch beweisen, dass sie die Qualität der Stücke erkennen (γνῶναι).

Angesichts des derben Spotts, der Aristophanes’ Gestaltung einzelner Szenen seiner Komödie mit prägt, mag es ferner überraschend sein, dass wir in seinen Dramen selbst Aussagen finden, denen zufolge er eine zu scharfe und sittlich verwerfliche Art des Spotts und der Possenreißerei explizit zurückweist (z. B. Frieden v. 748, Wolken v. 542, Wespen v. 57).14 Als Gegen- und Musterbeispiel betrachtet er viel eher die feine, gebildete und schöne Kunst (ἀστειότης) des Komödiendichters Krates (Ritter v. 538f.). Ein angemessenes Maß, mithin das Vermeiden eines Übermaßes (Wespen v. 56 μηδὲν λίαν μέγα) kann deshalb wohl auch als das Ideal, das Aristophanes beim Evozieren von Lachen und Freude bei der Rezeption seiner Dichtung und vor Augen hatte, betrachtet werden. Folgerichtig würde sich dieser Position zumindest seine Aussage anschließen, dass seine eigene Komödie ihrem Wesen nach ,besonnen‘ sei (σώφρων τῇ φύσει (s. Wolken v. 537 und vgl. auch: Ritter v. 545)). Der derbe – auch persönliche – Spott und auch die Obszönität der Sprache müsste dann aber einen Beitrag dazu leisten, dieses richtige Maß zu finden. Wie dies gelingen kann, scheint zunächst schwierig vorstellbar, soll im Folgenden aber am Text der Lysistrate gezeigt werden.

In diesen über das Werk des Aristophanes verstreuten Aussagen treten folglich höchst beachtenswerte Inhalte einer Poetologie zutage, die Aristophanes beim Verfassen seiner Komödien geleitet haben dürften und die auch der Interpret seiner Stücke kaum übergehen darf:

Aristophanes will durch seine Dichtungen (a) der Polis und dem Volk einen Nutzen erweisen. Dieser Nutzen bestand (b) in einem Lehren von etwas, das er für richtig befand. Dies findet sich in etwas Gutem und Richtigem für die Polis, wozu u. a. die Gerechtigkeit und ein richtiger Geschmack des Polisbürgers gehört. (c) Zu diesem Richtigen, Guten und Gerechten gehört Aristophanes zufolge auch, dass auf einen allein possenreißerischen und damit allzu scharfen Spott um seiner selbst willen verzichtet wird. Aristophanes’ Ausführungen wohnt (d) inne, dass er zwischen einer angemessenen und einer unangemessenen Art des Spotts und Lachens unterscheidet. Als sein Ziel kann mithin begriffen werden, von einer unangemessenen Art des Lachens zu einer angemessenen Art hinzulenken. Dies impliziert, dass Aristophanes (e) bei seiner Konzep-tion einer Komödie darauf geachtet hat, dass er seine Dramenhandlung mit einem ganz bestimmten Erkenntnispotenzial, das im Dienste der Polis und ihrer Bürger stand, versehen hat. Durch dieses Potenzial sollte (f) das Urteil des in gewisser Hinsicht urteils- und erkenntnisfähigen Zuschauers im Publikum weiter zum Wohle der Polis geschult werden. Die Voraussetzung, dass eine solche Lehre möglich wurde, ist, dass der Dichter selbst klug, weise und gelehrt ist und dass er für seine Komödiendichtung neue Ideen findet, die diesem Anspruch gerecht werden. Die poetologischen Ausführungen des Aristophanes weisen dabei auch auf die Art der politischen Einflussnahme hin: Im Fokus steht der Bürger der Polis, der zu einem bestimmten Geschmack oder zu bestimmten Einsichten geleitet werden soll. Die Intention seiner Dramen könnte mithin insofern als politisch beurteilt werden, als sie den Bürgern Fehltendenzen und demgegenüber richtige Intentionen vor Augen führen wollten. Die Dramen könnten dann einem Appell an das ,Innere‘ – die Meinungen – der Bürger gleichkommen. Sie wären nicht als direkter Eingriff in das politische Tagesgeschehen zu begreifen.

Diese Inhalte einer von Aristophanes selbst kundgegebenen Poetologie, die sein Dichten offenkundig geleitet haben, werden in den Betrachtungen der Stücke immer noch viel zu wenig berücksichtigt.15 Dabei können sie in ihrem Wert kaum hoch genug bemessen werden, wenn es um das Fällen von Urteilen über seine Dramen geht. Denn eine solche Poetologie, wie sie diesen Passagen aus Aristophanes’ Komödien entnehmbar ist, ist einmalig für diese Zeit. Für die Tragödien desselben Zeitraums liegen uns keine vergleichbaren Aussagen durch die Dichter selbst vor.16

III Entspricht Aristophanes’ Dichtung den poetologischen Aussagen seiner Dramen?

Nun kann man natürlich auf denkbare Widersprüche aufmerksam machen: Wie soll denn eine Komödie, wenn sie primär das Lachen und den Spott als Wirkung im Blick hat, gleichzeitig zu einem richtigen „Erkennen“ hinleiten?

Hinzu tritt ein weiteres Problem – zumindest wenn man die Positionen der Forschung berücksichtigt. Aristophanes’ Komödie wird eine einheitliche Handlung, die analog zu den Tragödienhandlungen dieser Zeit durchgestaltet ist, abgesprochen. Die Handlung gilt als paratagmatisch (im Gegensatz zu einer syntagmatischen, durchgestalteten Handlung).17 Dies heißt, dass einzelne Verspottungen oder Scherze mehr oder weniger lose ohne inneren Zusammenhang aneinandergereiht werden. Die einzelnen Szenen folgen dieser Position zufolge einander nicht in einer notwendigen oder wahrscheinlichen Abfolge. Immer wieder gebe es Auftritte, die die vorherige Handlung oder Dramenepisode nicht weitertragen. 

Diese paratagmatische Struktur kann, wenn sie denn wirklich so vorhanden ist, damit ganz im Dienste der persönlichen Verspottung stehen. Es dürfte somit für den Zuschauer auch für schwierig oder gar unmöglich erachtet werden, aus einem Drama mit solch zusammenhanglosen Szenen, die allenfalls als lockere und austauschbare Teile eines gemeinsamen Oberthemas betrachtet werden können, eine bestimmte und nicht eine beliebige Einsicht im Sinne einer Lehre zu ziehen.

Eine noch zu lösende Kernfrage lautet damit, ob Aristophanes’ Konzeption seines Dramas und der Dramenhandlung(en) seiner eigenen Poetologie überhaupt entspricht. Wie sind das derbe persönliche Verspotten und eine ebenso derbe Obszönität vereinbar mit seinem Anspruch an ein richtiges Maß? In welchem Verhältnis stehen dieser Spott und der Nutzen für die Polis? Und ist eine Erkenntnis des Richtigen oder Gerechten, wie sie Aristophanes selbst mit seiner Dichtung verbindet, überhaupt über – vermeintlich – lose zusammengefügte, episodische komische Szenen ohne einen intrinsischen Zusammenhang möglich? Oder lässt sich womöglich die Handlungskomposition unter Gewinnung einer neuen Perspektive doch als einheitlicher begreifen, als dies bislang in den meisten Fällen angenommen wurde, so dass mit dieser Einheitlichkeit auch die Möglichkeit eines Lehrens einhergeht?

Der Lösung dieser Kernprobleme wird sich die folgende Betrachtung des Textes der Lysistrate zuwenden. Der Beitrag wird dabei in Auseinandersetzung mit diesen Fragen im Folgenden für eine politische Intention der Aristophanischen Komödie Lysistrate plädieren. Im Kontext dieser Behandlung wird auch ein Vorschlag entwickelt werden, wie eine – gemessen an dem zeithistorischen Geschehen und der historischen Realität – unwahrscheinliche Handlung dennoch eine politische Bedeutung besitzen kann.

IV Aristophanes’ Lysistrate

(a) Der zeithistorische Hintergrund 

Die Lysistrate wurde Anfang des Jahres 411 v. Chr. bei den Lenäen oder Großen Dionysien aufgeführt.18 Der Peloponnesische Krieg wütet zu diesem Zeitpunkt bereits seit knapp zwei Jahrzehnten. 413 v. Chr. hatte die Sizilienexpedition im Rahmen des Peloponnesischen Kriegs, von der Thukydides in seinen Historien im sechsten und siebten Buch ausführlich berichtet, in einer Katastrophe für Athen geendet, in der ein Großteil der jungen Männer Athens den Tod fand. In der Folge der Niederlage erobert der Gegner Athens, Sparta, unter Agis II. gar den Ort Dekeleia, der sich in einer Entfernung von nur ca. 25 km von Athen befand. 

In seiner Darstellung dieser Katastrophe und weiterer Episoden aus dem Krieg zeigt Thukydides eindrucksvoll, zu welchem – auch moralischen – Niedergang und zu welch großer Verrohung der Sitten der Krieg nach und nach schon geführt hatte. Athen ist innerlich zerrissen und befindet sich damit in einer Depression, in der auch Zweifel und Kritik an der Demokratie als Verfassungsform geäußert werden. Infolge der Niederlage, die auch der fatalen Beschlussfindung für die Sizilienexpedition zugeschrieben wurde, die eine entfesselte und radikale Form der Demokratie überhaupt erst ermöglichte, führt Athen ein erstes oligarchisches Moment ein, indem der Volksversammlung zehn ausgewählte Probulen (Ratsherren) vorgeschaltet werden. Diese sollten Entscheidungen zum Wohle der Polis gewährleisten. Opportunisten und Demagogen wie Peisander, die persönliche Motive antrieben, ging dieses oligarchische Element allerdings noch nicht weit genug. Im Jahre 411 v. Chr. ist Athen – den Ausführungen des Thukydides im achten Buch seiner Historien zufolge – innerlich derart zerrissen, dass es den Demagogen um Peisander nicht ohne Ausschalten der Anhänger der Demokratie gelingt, die Volksversammlung dazu zu bewegen, die Demokratie abzuschaffen und eine Oligarchie einzurichten (s. zu Peisander v. a. Thukydides, Historien VIII, 63,3ff.). Dies geschieht allerdings erst später im Jahr 411 v. Chr. nach der Aufführung der Lysistrate. 

Wenn Aristophanes in der Lysistrate einen Probulen auftreten lässt, so scheint es vor diesem Hintergrund erst einmal nicht undenkbar, dass er mit seinem Drama direkten Bezug auf die politische Situation und vielleicht auch bestimmte Denkhaltungen, die in diesem historischen Kontext präsent waren, genommen hat.19 Am Beispiel der Tragödiendichtung aus diesen Jahren nach der katastrophalen Niederlage Athens auf und vor Sizilien konnten z. B. an der Sophokleischen Elektra, die vermutlich ebenfalls im Jahre 411 v. Chr. in Athen aufgeführt wurde, Argumente vorgebracht werden, dass die Dramen dieser Zeit unmittelbar Bezug auf bestimmte Ereignisse und Denkhaltungen von Gruppen oder einzelnen Bürgern dieser Zeit nehmen und diese in Figuren des Dramas auf die Bühne bringen. Von vornherein ausgeschlossen scheint ein solcher Bezug damit jedenfalls nicht.20

Die Lysistrate eignet sich nun für eine erste Zuwendung zu dem angeführten Problemkomplex außerordentlich gut. Denn einerseits wird zu diesem Stück immer wieder festgehalten, dass die Handlung durchaus Züge einer Durchgestaltung besitze.21 Die Figur der Lysistrate halte die Teile der Handlung locker zusammen. Von einer lückenlosen Geschlossenheit der Handlung könne aber keine Rede sein.22 Andererseits findet sich zu Figuren fast jeder Szene in der Forschung die Position, dass ein bestimmter Auftritt unmotiviert sei oder die Handlung in keiner Weise weiterführe. Um nur einige Beispiele für das Drama  der Lysistrate zu nennen: Als Beispiel für den Prolog wird etwa die Figur der Kalonike angeführt,23 für den epirrhematischen Agon, der sich der Parodos anschließt, die Figur des Probulen (Ratsherrn).24 Als ein Grund dafür, dass ein Auftritt einer Person die Handlung nicht weiterführe, findet sich die Meinung, dass diese Person die Funktion einer Possenreißerin oder eines Possenreißers (Bomolochos) einnehme oder die Figur der Kalonike zumindest Züge einer solchen aufweise. Das Ziel eines solchen Auftritts stünde im Dienste des Evozierens eines augenblicklichen Lachens.25 Daher kann im Anschluss an diese Meinung vermeintlich die Position erhärtet werden, dass die Komödie mit ihrer paratagmatischen, d. h. episodischen und nicht nach Kriterien eines notwendigen oder wahrscheinlichen intrinsischen Zusammenhangs durgestalteten Handlung nur um des Spaßes willen gedichtet worden ist. Den Referenzpunkt für das Bemessen der Wahrscheinlichkeit bildet die Lebensrealität. So wird auch der Plan des Liebes- oder Sexstreits, wie bereits angeführt wurde, nicht nur als nicht wahrscheinlich, sondern gar als phantastisch gedeutet.26 Folgt man dieser Meinung, so würde Aristophanes’ Lysistrate damit im Widerstreit zu seinen eigenen poetologischen Aussagen stehen, dass er der Polis durch seine Dichtung auch einen Nutzen bringen und Richtiges lehren wollte.

(b) Das gute Streben nach Frieden: 

Lysistrate, Kalonike und die griechischen Frauen 

Die Lysistrate beginnt mit dem Auftritt der Protagonistin Lysistrate und der Kalonike. Lysistrate ist zunächst enttäuscht, dass noch keine anderen Frauen außer Kalonike anwesend sind. Wenn sie zu orgiastischen Festen geladen worden wären, wäre kein Durchkommen, meint Lysistrate (vv. 1-6). Aus dem weiteren Dialog der beiden geht hervor, dass Lysistrate viele Frauen Griechenlands zusammengerufen hat. Es geht ihr um eine „große Sache“ oder ein „großes Ding“ (πρᾶγμα μέγα) (v. 23) – eigentlich einen großen Plan –, das, bzw. den, sie den Frauen verkünden will. Während sie hinter diesem „großen Ding“ einen bedeutenden Plan sieht, denkt Kalonike an ein großes und auch dickes männliches Geschlechtsteil. Sie kann aufgrund dessen, was sie als „großes Ding“ begreift, auch nicht verstehen, warum die Frauen dann noch nicht da sind.27

Die Komik dieser ersten Worte liegt in der sprachlichen Doppeldeutigkeit des Wortgebrauchs, der Homonymie. Dasselbe Wort kann entsprechend der eigenen Denkhaltung anders begriffen werden (s. kurz später auch die vv. 59-60). Kalonike zeigt sich durch ihre Reaktion als eine Frau, die von sexuellen Begierden getrieben wird und die ihr Denken immer wieder von solchen Phantasien treiben und ihren Blick von anatomischen Vorzügen der Frauen und Männer bannen lässt (z. B. v. 83 und vv. 88-89). Dass Kalonike ihre Vorstellungen offen ausspricht und auch vor einem obszönen Wortgebrauch (vv. 88-89, vv. 107-110) nicht zurückschreckt, dürfte zweifelsohne allseits für Lachen und Erheiterung gesorgt haben. Durch ihre Worte und ihre Denkhaltung wird womöglich mit einem Vorurteil, das Frauen ihrer Tage von Männern entgegengebracht wurde, kokettiert.28 

Lysistrate zeigt sich selbst dagegen gleich als eine Frau mit einem langfristigeren Plan, indem sie über die Befriedigung körperlicher Lüste hinausblickt. Während sie kundgibt, dass sie sich die  ganze Nacht mit diesem bedeutenden Plan, eigentlich dem großen Ding, herumgewälzt habe, fürchtet Kalonike so schon die Erschlaffung dieses Dings, das sie im Unterschied zu Lysistrate vor Augen hat  (vv. 25ff.).

Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass Lysistrate der bloß sexuellen Lust der Kalonike von Beginn an entgegensteuert. So weist sie Kalonike etwa – zunächst ohne Erfolg – gleich darauf hin, dass es ihr nicht um ein Ding von dieser Art geht, wie es Kalonike im Blick hat und begehrt (v. 25). Auch Lysistrate muss aber zugestehen, dass die Frauen, wenn es um ein solches Ding gegangen wäre, wohl schnell zusammengekommen wären (ebda.). Schnell wird dem Rezipienten durch die Worte der Lysistrate allerdings klar, dass der langfristige Plan, den sie gefasst hat, die Rettung ganz Griechenlands im Blick hat (vv. 29ff.). Wenn die Frauen nun hier zusammenkämen, würden sie gemeinsam Griechenland retten (vv. 39–41, hier: 41: κοινῇ σώσομεν τὴν Ἑλλάδα). So formuliert dies Lysistrate. Dieses Weglenken von der Art der Freude, die Kalonike sich ersehnt, hin zu einem offenkundig ernsteren Vorhaben, nämlich Griechenland zu retten, könnte auf den ersten Blick wie eine Bremse des Spaßes an Kalonikes obszönem Denken und Sprechen erscheinen. Doch auch Lysistrate entfaltet die konkreten Mittel und das konkrete Ziel des Plans – außer dass dieser die Rettung Griechenlands bedeutet – vor Kalonike und den langsam aus ganz Griechenland hinzukommenden Frauen im Folgenden Stück für Stück in einer Weise, die beim Rezipienten Freude oder Lachen evozieren kann. Die ersten Mittel, die Lysistrate Kalonike vorstellt, sind Safrankleider, Parfüms, Schühchen, Rouge und durchsichtige Blusen.29 Mit diesen Mitteln möchte Lysistrate bewirken, dass die Männer nicht mehr den Speer gegeneinander erheben, keinen Schild mehr ergreifen und auch kein noch so kleines Schwert (vv. 46–53). 

Der Rezipient dürfte an dieser Stelle noch nicht begreifen, wie diese ,neue Idee‘, die Aristophanes seiner Handlungskonzeption einverleibt, als Teil des ,großen Plans‘ fungieren kann, der Griechenland retten soll. Für Freude oder gar ein Lachen dürfte dieser Plan beim Rezipienten allerdings dennoch sorgen. Gegenüber der Erfahrung, dass ein Krieg dadurch beendet wird, dass nach Akten der Gewalt und der Schmerzen am Ende der Stärkere den Sieg davonträgt, dürfte die Präsentation dieser gewalt- und schmerzlosen Mittel für das Beenden des Krieges den Rezipienten völlig unerwartet begegnen. Die Vorstellung, dass ausgerechnet Safrankleider, Parfüms oder auch durchsichtige Blusen Mittel für das Beenden des schon zwei Jahrzehnte andauernden Krieges sein können, dürfte dabei über das Potenzial verfügen, beim Zuschauer eine Freude mit dieser Vorstellung zu verbinden, die der Vorstellung, dass der Krieg durch weitere Menschenopfer beendet wird, entgegensteht.

Lysistrates Worte sind damit nicht als eine Spaßbremse oder als Beendigung der Freude zu betrachten. Vielmehr können sie – aus der Perspektive der Handlungskonzeption und deren potentieller Wirkmacht auf die Zuschauer – als Weglenken von einer Freude über possenreißerische Obszönitäten in Verbindung mit obszöner Sprache oder obszönen Gegenständen, wie sie das Denken und Sprechen der Kalonike bedeuten, hin zu einer Freude an einem Gegenstand (Frieden in Griechenland), der einen Nutzen für die Polis bedeutet, gedeutet werden.

Lysistrates Worte zu Beginn des Dramas zeigen damit nicht nur einen ,großen Plan‘, der gemessen an der historischen Wirklichkeit und Lebensrealität recht phantastisch oder unwahrscheinlich ist, sondern vielmehr können sie als Ausdruck eines inneren Strebens nach Frieden oder der unversehrten Heimkehr der Männer begriffen werden, wie es real und wirklich auch eine Vielzahl der Zuschauer im Theater angesichts des gesellschaftlichen und politischen Hintergrunds im Jahre 411 v. Chr. besitzen konnte.30

Sie trifft mit ihrer Intention, die Männer von den Waffen und damit vom Krieg fern zu halten, jedenfalls im Drama den Nerv ihrer ,Zuhörerin‘ Kalonike, die sich gleich bereit erklärt, die entsprechende Kleidung anzuziehen oder zu kaufen, damit die Männer den Krieg beenden.

Die Dramenhandlung der Lysistrate wird davon geprägt, dass die Protagonistin die Aufmerksamkeit der nunmehr angekommenen Frauen von ihren Lachen evozierenden Umtrieben, die ihrem momentanen Lustgewinn dienen, in einer in anderer Weise Freude bereitenden Art auf ein Handeln im Dienste eines längerfristigen Wohls und Nutzens für die Frauen und für Griechenland lenkt. 

Es soll an dieser Stelle aus dem Prolog nur noch ein weiteres Beispiel angeführt werden. Gleich nachdem Kalonike bedauert hat, dass die Milesier von Athen abgefallen seien, weil sie nun für ihre sexuelle Notdurft „nicht einmal einen 15-Zentimeter-Dildo“31 gesehen habe (v. 109: οὐκ εἶδον οὐδ’ ὄλισβον ὀκτωδάκτυλον), lenkt Lysistrate die Aufmerksamkeit der anwesenden Frauen aus ganz Griechenland auf das Ziel ihres Plans. Sie fragt, ob die Frauen, wenn sie, Lysistrate, ein Mittel dafür fände, bereit dazu seien, zusammen mit ihr dem Krieg ein Ende zu bereiten (vv. 111-112: ἐθέλοιτ’ἂν οὖν, εἰ μηχανὴν εὕροιμ’ ἐγώ, / μετ’ ἐμοῦ καταλῦσαι τὸν πόλεμον). Die Frauen reagieren – noch ohne das Mittel zu kennen – voll der Begeisterung für den Plan mit diesem Ziel und übertreffen sich untereinander damit, welche Opfer sie bringen würden, damit sie den Krieg beenden könnten (vv. 123ff.).

Das Mittel, das sich Lysistrate allerdings ausgedacht hatte, dürfte sowohl den Frauen als auch den Zuschauern im Theater bei der ersten Aufführung dieses Stücks 411 v. Chr. überraschend und völlig unerwartet begegnet sein. Denn anders als in vielen Tragödien, die einen bekannten Mythos, der trotz eigener Ausdeutung oder Umgestaltung durch den Dichter feste Eckpunkte besaß, brachten die Komödien einen neuen Stoff auf die Bühne, eine ,neue Idee‘ des Dichters. Wenn Lysistrate den Frauen als Mittel verkündet, dass sie sich vom männlichen Geschlechtsteil fernhalten sollen und dazu selbst noch ein obszöneres Wort wählt (v. 124: ἀφεκτέα τοίνυν ἐστὶν ἡμῖν τοῦ πέους. – „Also fernhalten müssen wir uns vom Schwanz.“32), so dürfte sowohl das Mittel als auch der obszöne Terminus aus dem Mund der Lysistrate den Zuschauer unerwartet treffen, aber dennoch ein Lachen und eine Freude bei ihm evozieren. Denn die Vorstellung eines solchen noch nicht gekannten Liebes- oder Sexstreiks dürfte eine lustige Vorstellung sein. Ebenso lustig dürfte die Reaktion der Frauen und das weitere Kokettieren mit dem schon angesprochenen Vorurteil für die Zuschauer gewesen sein. Wiederum aber steht dieses Mittel der Komik, das Aristophanes einsetzt, in Verbindung mit dem auf lange Sicht guten und nützlichen Ziel für die Frauen, Athen und ganz Griechenland.

Die Frauen wenden sich sofort, als sie von dem Mittel hören, von Lysistrate ab. Ein weiteres Mal sind die Worte der Kalonike bezeichnend für die ablehnende Haltung der Frauen und die in dieser hervortretenden Charakterzüge (vv. 133-135): „Alles andere, alles sonst, was du willst [ergänze gedanklich: würde ich für den Frieden machen]. Und wenn es sein muss, durchs Feuer will ich gehen! Lieber das als den Schwanz …! Denn nichts ist so wie er, liebe Lysistrate!“33

Lysistrate reagiert auf diese Worte ein weiteres Mal mit der negativen Einschätzung, die aber aufgrund ihrer Wortwahl trotz ihres Ernstes und ihrer Fokussierung auf ihr Ziel, wofür sie die Frauen braucht, einer gewissen Komik nicht entbehrt, dass ihr ganzes Geschlecht durch und durch geil sei (v. 137: ὢ παγκατάπυγον θἠμέτερον ἅπαν γένος). Die Frauen, die sich untereinander soeben noch in Opferbereitschaft überboten, um den Krieg zu beenden, zeigen sich damit ausgerechnet nicht zu dem erfolgversprechenden Opfer bereit, auf das Geschlechtsteil des Mannes zu verzichten. Lysistrate entlarvt diese Haltung, indem sie das obszöne Verhalten der Frauen auch genau als ein solches benennt.

Als schließlich aber die Spartanerin Lampito sich dazu bereit erklärt, Lysistrates Plan zu folgen (vv. 142–144), erklären sich nach und nach auch die anderen Frauen, nachdem Lysistrate weitere Zweifel ausräumen konnte, dazu bereit, den Plan umzusetzen und das von Lysistrate erdachte Mittel einzusetzen (vv. 146ff.). Wieder sind es die Worte der Lysistrate, als sie Lampito für ihre Bereitschaft, den Plan in die Tat umzusetzen, lobt, die wie ein Korrektiv gegenüber dem libidinösen Verhalten der anderen Frauen wirken. Lampito sei die einzige (richtige) Frau unter diesen (σὺ καὶ μόνη τούτων γυνή).34 Die richtige Frau in diesen Tagen des Krieges ist also die, die sich um das Gemeinwohl und die Rettung Griechenlands kümmert, und nicht die, die sich Sorgen um ihr triebhaftes Begehren macht. Es gehört zur meisterhaften Dichtkunst des Aristophanes, dass Lysistrate dieses ernste Anliegen immer noch – in einer für den Zuschauer vermutlich unerwarteten Weise – präsentiert, die ihm eine freudige Vorstellung oder ein Lachen abringt, wenn sie ihr gewähltes Mittel vor den Frauen weiter konkretisiert (vv. 149–154).35

Lysistrate: „Wenn wir nämlich geschminkt zu Hause säßen und in unseren durchsichtigen Hemdchen an ihnen vorbeiliefen, halbnackt und unten in Dreiecksform gezupft, die Männer dann einen Steifen hätten und geil aufs Vögeln wären, wir sie aber nicht heranließen, sondern uns enthielten, dann würden sie schnell Frieden schließen – das weiß ich genau.“

Lysistrate wendet mit diesen Worten all das, was die Frauen wie Kalonike noch kurz zuvor zur Befriedigung ihres libidinösen Triebes erhofften oder selbst einsetzen wollten, hin zum langfristigen Nutzen für ganz Griechenland. Sie setzt gewissermaßen den scharfen Waffen der Männer, den Speeren und Schwertern, nicht weniger scharfe Waffen der Frauen für die Beendigung des Krieges entgegen. Doch diese Waffen verursachen keinen schmerzhaften Tod auf dem Schlachtfeld, sondern es sind friedvolle Waffen. Der Einsatz dieser Waffen der Frauen in Verbindung mit dem Sexstreik, die eine Beendigung des Krieges erreichen sollen, dürfte für die Zuschauer unerwartet kommen, die Vorstellung dennoch so amüsant sein, dass der Zuschauer über diese Mittel für den Einsatz eines langfristig guten Ziels erheitert ist und lachen kann. Unerwartet kommt der Einsatz dieser Mittel zu diesem Zweck aber deshalb, weil er so in der historischen Realität noch nicht erfolgt ist und aus diesem Blickwinkel mithin unwahrscheinlich ist. Die Darstellung eines solchen Unwahrscheinlichen, dessen Erkennen mit Freude verbunden ist, kann damit aus produktionsästhetischer Perspektive im Dienste des Evozierens von Lachen – auch von einem angemessenen – gewählt worden sein.

(c) Wahrscheinlichkeit und Unwahrscheinlichkeit der Handlungsdarstellung

Es mag nun zu Recht festgehalten werden, dass das von Lysistrate gewählte Mittel gemessen an der Lebensrealität und historischen Wirklichkeit unwahrscheinlich ist. Nicht auszuschließen ist dagegen, dass das innere Bestreben der Lysistrate als Frau, den Krieg zu beenden, um so auch die Männer heim in die Familien zu holen, selbst aktiv zu werden für das Wohl der Polis durchaus als real und wirklich aufgefasst werden kann, insofern ihr Denken und Streben gerade vor dem historischen und politischen Hintergrund der Zeit, in der das Drama zum ersten Mal aufgeführt wurde, eine reale Entfaltung eines menschlichen Denk- und Strebevermögens darstellen konnte. Es scheint dabei ein wichtiges Merkmal für Aristophanes’ Komik zu sein, dass dieses Streben der sich leidenschaftlich für den Frieden ereifernden Lysistrate, und vor allem die Mittel, die sie zur Verwirklichung desselben gewählt hat, in der poetischen Wirklichkeit zwar erfolgversprechend dargestellt werden, in der historischen Realität dieser Zeit aber kaum wählbar wären.36 Sie würden die Möglichkeiten der Frauen in diesen Jahren um die Aufführung des Stücks herum überschätzen. Aus diesem Grund kommt das Aufbegehren der Frauen und die Wahl ihrer Mittel für den Zuschauer unerwartet. Das Erkennen des Einsatzes dieser Mittel für ein gutes Ziel dürfte für viele Zuschauer nach 20 Jahren des Krieges aber mit Freude verbunden sein, so dass der Dichter in dieser Kombination seiner Handlungsdarstellung auch das Potenzial, ein Lachen beim Zuschauer zu evozieren, einverleibt hat.

Ein solches Streben, wie es Lysistrate zeigt, kann darüber hinaus aber durchaus eine Ähnlichkeit zu den Bestrebungen und dem Denken einer Reihe von Menschen in der Polis Athen und zu Zuschauern im Theater des Jahres 411 v. Chr. aufgewiesen haben. Denn betrachten wir nur einmal exemplarisch die Ausführungen des Thukydides zum Jahre 411 v. Chr. (z. B. Historien, VIII, 63ff.), so war die Verfassungsänderung hin zur Oligarchie offenkundig auch deshalb erfolgreich, weil die Bürger des Konfliktes müde geworden waren, die Bewahrung ihres eigenen Lebens höher als alles andere setzten und ihre Sehnsucht nach persönlichem Frieden, ihr inneres Streben nach Ruhe und Unversehrtheit dazu führte, dass sie Demagogen wie Peisander nicht in einer großen Menge entgegentraten.

Solche Sehnsüchte nach Frieden und Ruhe, die vermutlich vielen Polisbürgern innewohnten, greift das Drama des Aristophanes gleich in der Anlage des Prologs in dem Streben der Lysistrate auf. Der Politikmüdigkeit und Eingeschüchtertheit eines Großteils der Polisbürger dieser Zeit führt Aristophanes nun aber ein anderes Beispiel von Tragkraft vor Augen: nämlich das Überführen eines solchen inneren Strebens in ein aktives Handeln zum Nutzen der Polis und für das persönliche Wohl. Im Prolog wird durch dieses Streben der Lysistrate bereits der Rückzug und die Beschränkung des eigenen Strebens auf einen persönlichen Vorteil im Sinne eines persönlichen Lustgewinns, wofür u. a. die Figur der Kalonike stehen könnte, zumindest kritisch hinterfragt, wenn nicht gar kritisiert.

Meines Erachtens greifen die folgenden Teile der Komödie genau dieses innere Bestreben der Lysistrate auf und führen es weiter. Es ist aus dieser Perspektive nicht so sehr zu fragen, wie wahrscheinlich es in dieser Zeit gewesen wäre, dass Frauen die Akropolis hätten besetzen können. Vielmehr wäre dem entgegenzuhalten, dass es für einen realen Charakter wie den der Lysistrate aufgrund ihrer Denkhaltung wahrscheinlich wäre, dass sie auch vor diesem Mittel, um den Krieg zu beenden, nicht zurückgeschreckt wäre. 

(d) Innere Zerrissenheit: Die alten Männer gegen die alten Frauen 

Nachdem die Frauen sich im Folgenden der Akropolis bemächtigt haben (vv. 240-253), was den zweiten Teil des Planes darstellt, um die Männer zum Kriegsende zu bewegen, folgt die Parodos. In dieser treten zwei Halbchöre – ein Chor alter Männer und ein Chor alter Frauen – auf. Es mag hier nur so viel angefügt werden, dass sie mit ihren Beschimpfungen gegeneinander wohl die innere Zerrissenheit Athens in dieser Zeit widerspiegeln.37 Die alten Männer wollen die von den Frauen besetzte Akropolis,38 in der sich auch die Staatskasse befindet, zurückerobern. Die Erinnerung an ihr einstiges Heldentum findet bereits darin ihre Komik, dass sie für dieses an eine Tat, die bereits 110 Jahre zurück liegt, erinnern, als sie Kleomenes von der Akropolis vertrieben hätten. Ihre Denkart, dass sie selbst Helden seien, wird damit in gewisser Weise gleich der Lächerlichkeit preisgegeben. Eine Zutat der Komik ist auch hier das Unerwartete in der Darstellung: dass für das eigene Heldentum die Taten anderer Menschen vor 110 Jahren herhalten müssen. Holzberg hat bereits gut gezeigt, dass sich die alten Herren auch bei ihrem weiteren Agieren – etwa beim Anheizen der Kohlen, mit denen sie die verschlossenen Tore wegbrennen wollen, wodurch sie sich letztlich aber nur in Rauch einhüllen, oder auch dadurch, dass ihre Kohlen gleich durch die alten Frauen, die mit gefüllten Wasserkrügen herbeigeeilt waren, gelöscht werden – entgegen ihrem eigenen Anspruch nicht gerade als heldenhaft erweisen.39 Vielmehr entlarvt ihr eigenes Handeln das Selbstverständnis, das sie von sich haben, und damit ihr Denken als hochmütig. Sie schätzen ihre Kräfte und Möglichkeiten falsch ein.  Wie einfach – und für den Zuschauer wohl wieder unerwartet – das in ihnen lodernde Feuer, eine neue Heldentat zu begehen, von den alten Frauen durch einfaches Wasser aus Wasserkrügen gelöscht wird, dürfte für Erheiterung und Lachen bei den Zuschauern sorgen. Die Komik, die diese Art des Lachens evoziert, kann durchaus analog zu der des Prologs gesehen werden: Die Komik – jetzt als Verlachen von Personen, die ihre eigenen Möglichkeiten überschätzen und in dieser Weise in ihrem Denken Hochmut zeigen, der sie nicht zu ihrem Ziel führt, – verbindet sich mit etwas Gerechtem oder auch Gutem: nämlich dass ein solch impulsives Streben keinen Erfolg hat und nicht (wieder) die Herrschaft über die Polis gewinnt. Im Falle der Parodos wird damit wie im Prolog eine bestimmte Denkhaltung oder auch ein bestimmter innerer Habitus als nicht zielführend erwiesen. 

(e) Auftritt des Probulen: Verspotten für das gute Ziel

Die Handlung in der folgenden Sprechszene (vv. 387–466) und im folgenden epirrhematischen Agon (vv. 467–607), in denen der Probule zusammen mit zwei Sklaven und vier skythischen Bogenschützen auftritt, kann in der Darstellung des Aristophanes als Fortführung des inneren Strebens der Lysistrate im Sinne eines zweiten Teils ihres Plans, Griechenland zu retten, begriffen werden. Der Probule gilt in der Forschung als ideal gewählter Antagonist, gemessen an dem Bestreben der Frauen. So ist sein Amt überhaupt nur dadurch geschaffen worden, dass die Polis Athen an bestimmten Entscheidungen und diesen zugrundeliegenden Denkhaltungen, die in der katastrophalen Niederlage auf Sizilien 413 v. Chr. kulminierten,  mehr oder – je nach Auffassung –  weniger gescheitert ist.40 Er ist für den Zuschauer also eine Repräsentation der Folgen des Scheiterns von bestimmten Denkhaltungen, wird aber – und das ist vielleicht auch etwas Unerwartetes an der Probulenszene – nun im Folgenden selbst noch als Repräsentant genau solcher Denkhaltungen vorgestellt. 

Der Probule tritt auf, weil er Geld aus der Staatskasse holen will, um Ruderstangen zu bezahlen (vv. 421-422). Ferner hat auch er von der Besetzung der Akropolis gehört. Nur wenn man sich der Handlung äußerlich nähert und als wahrscheinlich erwartet, dass die folgende Szene gleich den Sexstreik der Frauen konkret darstellt,41 dürfte der Auftritt des Probulen unerwartet oder unmotiviert erscheinen. Betrachtet man hingegen die Handlung aus der Perspektive des Beschlusses der Lysistrate, Griechenland durch einen Friedensschluss zu retten, mit dessen Darstellung die Dramenhandlung im Prolog begonnen hat, so führt die Dramenhandlung genau dieses Bestreben konsistent weiter. So, wie Aristophanes Lysistrates Charakter durch ihr Sprechen und Agieren im Prolog gezeichnet hat, kann es als wahrscheinlich betrachtet werden, dass sie sich zur Vollendung ihres Plans auch dazu entschieden hat, mit den älteren Frauen die Akropolis zu besetzen, um den Männern den Zugriff auf die Staatskasse vorzuenthalten, bis diese bereit zum Frieden sind.

Der Anschluss an den Prolog dürfte aber auch anschaulich werden. Im Prolog beschlossen die Frauen um Lysistrate, ihre eigenen ,Tore‘ für die Geschlechtsteile der Männer zu verschließen. Nunmehr sind auch die Tore der Akropolis verschlossen. Die Brechstangen, die die Skythen um den Probulen herum tragen, um die verschlossenen Tore aufzustoßen, erinnern nun im Großen, wie Holzberg bereits treffend festgehalten hat, an die männlichen Phalloi vor den verschlossenen ,Pforten‘ der Frauen.42 Je nachdem, wie die Brechstangen geformt waren, kann auch diese Präsentation durchaus ein Lachen bei den Zuschauern evoziert haben, umso mehr, wenn auch dieser Versuch scheitert.

Genau zu beachten ist wieder, wie Aristophanes diesen Versuch in seiner Darstellung scheitern lässt. Der Probule will die Tore durch die Brechstangen mit Gewalt herausbrechen lassen (vv. 428–430).43 Der Versuch scheitert aber dadurch, dass Lysistrate herauskommt und unter anderem die Worte spricht, dass keine Brechstangen, sondern vielmehr Sinn und Verstand (νοῦς) gebraucht würden (vv. 430–432).  Lysistrate sucht offenbar das vernünftige Gespräch mit dem Probulen, während dieser sich in seiner Antwort nicht offen für ein solches zeigt. Denn er verfolgt weiter den Ansatz der impulsiven Gewalt, um das Problem zu lösen, wenn er den Skythen, die ihn begleiten, den Auftrag erteilt, sie zu packen und ihre Hände auf den Rücken zu binden (vv. 433-434 und ferner auch vv. 437–438). Doch es reicht schon die verbale Gewalt der alten Frauen, um die Skythen zum Zurückweichen zu bewegen, so dass das Bestreben des Probulen, sich Zugang zur Staatskasse durch Gewalt zu verschaffen, scheitert. 

Auch diesem Scheitern wohnt eine Komik und wohl auch das Potenzial eines Evozierens von Lachen inne. Bekannte Verhältnisse und Handlungsweisen werden verkehrt. Es ist nicht mehr der konventionell und politisch hochgestellte Mann, der die Oberhand über die Frauen besitzt. Vielmehr demonstrieren nun gerade die alten Frauen, dass sie die Oberhand über die Männer errungen haben und einem unverständigen Verhalten Einhalt gebieten können. Dem erfolgversprechenden Mittel der Gewalt wird nun die Macht der Worte entgegengesetzt. Bereits Gewalt androhende Worte, die ausgerechnet die alten Frauen sprechen, reichen aus, um den Skythen Angst einzuflößen. Es dürfte sich wieder um eine für den Zuschauer unerwartete Lösung handeln, um den Probulen in ein Gespräch zu zwingen. Dennoch dürfte die Vorstellung, dass gerade die alten Frauen ohne eine äußere Gewaltanwendung ein als unangemessen dargestelltes gewaltbereites Verhalten des Probulen stützen – und dieses unerwartet, da unkonventionell, eintreten dürfte –  auch eine angenehme und Lachen bereitende Vorstellung sein, wobei das Lachen einem Verlachen dieser Denkhaltung des Probulen gleichkommt. Wieder eröffnet die Darstellung des Aristophanes so das Potenzial, über eine Handlung zu lachen, die gemessen an der äußeren Lebensrealität unwahrscheinlich sein dürfte, nicht aber für einen Charakter und ein Bestreben, wie sie die alten Frauen besitzen. Das Lachen steht dann aber im Dienste eines Handelns, das der Polis Gutes und Nützliches erweisen kann. Auch in diesem Fall bildet die Unwahrscheinlichkeit des Geschehens (gemessen an der äußeren Lebensrealität dieser Zeit) den Nährboden für die Darstellung von etwas Unerwartetem und Unkonventionellem, das eine Art von Freude und Lachen evozieren kann – und zwar ein hämisches Verlachen eines hochmütigen Verhaltens einer Person in exponierter Stellung. Wenn ausgerechnet Frauen diese Denkhaltung und das Agieren des Probulen scheitern lassen, wobei die Frauen selbst einem verständigen Denken folgen und ein langfristig gutes Ziel verfolgen, so verfügt die Darstellung auch in dieser Szene über das Potenzial, diese hämische Freude gleich von einer Freude, die in Verbindung mit dem Verfolgen des für alle guten Ziels steht, durch eine angenehme Freude in Verbindung mit dem Erkennen der ungewohnten Mittel für das Erreichen des guten Ziels abzulösen.

Das nun folgende Gespräch stellt die Motive des Agierens des Probulen weiter bloß. Lysistrate erklärt dem Probulen, dass sie die Akropolis besetzt haben, damit das Geld in Sicherheit gebracht werde und damit sie nicht des Geldes wegen Krieg führten (v. 488). Lysistrate stellt ihm vor Augen, dass Tumulte eben wegen des Geldes angezettelt wurden. Als Beispiel führt sie explizit Peisander und andere an, die Ämter erstrebten.44 Das Geld würden sie aber jetzt, da die Burg besetzt sei, niemals in die Hände bekommen (vv. 489-492).

Selbst diese ernsten Aussagen flankiert Aristophanes mit Darstellungen, die das Potenzial, für eine Erheiterung zu sorgen, in sich tragen. Zu nennen sind etwa die ungläubige und die eigene Situation verkennende Antwort des Probulen auf Lysistrates Plan, dass die Frauen nun das Geld verwalten werden (v. 494), und demgegenüber die Überzeugung der Lysistrate, dass sie – in einer weiteren Verkehrung der Rollen – nun die Männer in Sicherheit bringen werden. Der Probule wird als machtlos in dieser Situation vorgeführt (vv. 497ff). 

Das Selbstverständnis, mit dem der Probule dagegen in dieser Situation trotz seiner Machtlosigkeit an den bestehenden Rollenverständnissen festhalten will, wirkt angesichts der Situation, in der er sich befindet, aus den schon angeführten Gründen nun umso lächerlicher. 

Es ist auffällig, wie oft in dem, was Aristophanes den Probulen oder andere Figuren über das Verhalten desselben äußern lässt, immer wieder dieser impulsive und zornerfüllte Drang nach Gewalt hervordringt (z. B. v. 503f., v. 506).45 Diesen impulsiven Drang und das Selbstverständnis, nicht auf die Frauen eingehen zu müssen, nicht nur des Probulen, sondern auch der Männer in der Volksversammlung schlechthin hebt Lysistrate auch als einen der Gründe dafür hervor, dass sie und die Frauen nun aktiv geworden seien. Mit dem Verhalten des Probulen unmittelbar vor Augen mag man Lysistrates Worten in der Darstellung des Aristophanes nicht nur Vertrauen schenken, sondern auch still schließen, dass diese Eigenschaft des männlichen Verhaltens in dieser Zeit wiederholt der Grund für ihre schlechten Beschlüsse in einer wichtigen Angelegenheit war (vv. 507-515). Als Kontrast zu diesem Verhalten verweist Lysistrate abermals auf das besonnene Verhalten der Frauen (vv. 507-508). Die Männer hätten sich aber gegenüber dem Rat der Frauen resistent und uneinsichtig gezeigt (vv. 521-528).

Auch die Ernsthaftigkeit dieser Worte vor dem historischen Hintergrund des Jahres 411 v. Chr. wird von einer Komik, die über das Potenzial verfügt, für eine angenehme Erheiterung und ein Lachen zu sorgen, begleitet, wenn Lysistrate als Grund für den Zusammenschluss der Frauen nun gerade auf Worte letzterer hinweist, die sich angesichts des Unverstandes der Männer Sorgen machten, dass es bald keinen Mann mehr gebe (v. 524). Unwillkürlich kann der Rezipient bei diesen Worten der Lysistrate das triebhaft-sexuelle Verlangen der Kalonike oder Myrrhine nach ihren Männern aus dem Prolog vor Augen haben. Für den Rezipienten sprechen ihre Worte damit die Wahrheit. Auch wenn der Grund durchaus amüsant und erheiternd ist, wird die Erheiterung doch wieder in Verbindung mit dem Streben nach dem Wohl der Polis evoziert. Ebenfalls amüsant an dieser Stelle ist, dass Lysistrate weiter die Rollen der Geschlechter umwendet: Wenn die Männer so zuhören würden, wie sie dies lange gemacht hätten, dann würden sie diese wieder aufrichten, da sie Nützliches kundtun (vv. 527-528). Der Krieg sei nun die Sache der Frauen (v. 538), womit sie ein wohl bekanntes Wort in eigener Sache umändert. Die Komik liegt an dieser Stelle damit wieder in der Darstellung von etwas Unerwartetem begründet, das mit einer Freude verbunden ist: in diesem Fall mit der Verkehrung der konventionellen Rollen, die einen von vielen ersehnten Erfolg verspricht.

Auch das in dieser Situation angemessene konkrete Vorgehen für das Wohlergehen der Polis schildert Lysistrate. Wenn den Männern wenigstens etwas Verstand (νοῦς) innewohnen würde – den sie ihnen zuvor abgesprochen hat –, so würden sie mit allen Staatsgeschäften umgehen wie mit der Wolle (vv. 572-573). Auch das folgende Bild, das Lysistrate entwirft, entbehrt kaum des bitteren Ernstes vor dem gesellschaftlichen Hintergrund des Jahres 411 v. Chr. Allein dadurch aber, dass sie an einem konkreten Wollkorb und den Wollknäueln die Probleme der Polis aufzeigt und Auswege aus diesen entwickelt,– ein Vorgehen, das beim Probulen, noch bevor sie mit ihrer Belehrung beginnt, für völliges Unverständnis sorgt (vv. 570-571), weshalb er den Frauen selbst vorwirft, sie hätten keinen Verstand (vv. 572) –, sie sich also verständig zeigt, ist in dieser Verkehrung des Selbstverständnisses des Probulen wieder eine Komik enthalten, die den Probulen immer weiter als unverständig und verschlossen gegenüber einem verständigen Rat bloßstellt. Die Komik dient so auch in diesem Fall dazu, das Verhalten des Probulen, das der Polis nicht weiterhilft, zu verlachen. Dagegen verfügt die Handlungskomposition auch gerade in Gegenüberstellung zu diesem Verlachen ebenfalls über das Potenzial, ein angenehmes Lachen mit der unerwarteten Verständigkeit der Lysistrate als Frau und der unkonventionellen Erklärung zum Wohle der Polis zu evozieren.

Von den längeren Ausführungen der Lysistrate (vv. 574ff.) sollen im Folgenden nur die inhaltlichen Kernpunkte in aller Kürze wiedergegeben werden.46 Lysistrate seziert förmlich die Polis, wenn sie sagt, dass zunächst der Schafsdreck aus der noch rohen Wolle herausgewaschen werden müsse. Die Schurken müssten herausgeklopft werden. All das, was sich zusammenballe und verfilze, um Ämter zu ergattern, müsse durchgekrempelt und an den Häuptern beschnitten werden.47 Das Ziel müsse die große Einheit sein, die über eine einträchtige und gute Gesinnung zu erreichen sei. Am Ende dieser Szene tritt der Probule schließlich immer noch uneinsichtig ab.

Als Fazit zur Sprechszene und zum epirrhematischen Agons unter der in diesem Beitrag verfolgten Fragestellung lässt sich mithin festhalten, dass Lyistrate gerade am Verhalten des Probulen ihre feste Gesinnung und ihr inneres Bestreben, den Krieg zu beenden, weiter unter Beweis stellt. Sofern ihr Handeln in diesem Streben gründet und ihe Denkhabitus als fest und beständig dargestellt wird, folgt ihr Handeln und Sprechen stringent ihrer Denk- und Handlungsweise aus dem Prolog. Die beiden Szenen müssen damit nicht notwendigerweise als Episoden einer bloß paratagmatischen Handlung begriffen werden. Man kann dies auch anders formulieren: Für einen Charakter, wie ihn Aristophanes der Figur der Lysistrate in der poetischen Wirklichkeit seiner Handlungsdarstellung gegeben hat, ist es durchaus wahrscheinlich, dass sie die angeführten gewalt- und für den Körper schmerzlosen Mittel wählt, um den Krieg zu beenden. Die Komik ihres Handelns liegt darin, dass der Einsatz der Mittel, die sie im Einzelnen ergreift, gemessen an den Denkgewohnheiten und Konventionen dieser Zeit bezüglich des Rollenverständnisses von Mann und Frau in der Gesellschaft48 auch in diesem Fall für den Zuschauer unerwartet kommt. Der Einsatz dieser Mittel verfügt aber auch dieses Mal über das Potenzial, eine Freude, die dem guten subjektiven Ziel der Lysistrate angemessen erscheint, empfinden zu lassen. Die durch die Komik evozierte Freude und das Lachen oder Lächeln, mit dem der Rezipient ihr Handeln über unkonventionelle Mittel verfolgt, geht einher mit dem Verfolgen des angenehmen und zu dieser Zeit von vielen Bürgern Athens vermutlich als erstrebenswert betrachteten Friedens. 

Der Probule selbst dagegen scheitert beim Erreichen seines Ziels, an die Staatskasse zu gelangen. Er scheitert an seinem Unverstand, der einhergeht mit einer unbedachten, zornerfüllten Impulsivität, und seinem Verharren in Konventionen. Die Komik, die sein Agieren bloßstellt und die bedingt wird durch das Verhalten der Lysistrate, liegt gerade in der Unkonventionalität dessen, was Erfolg hat: Die Frauen um Lysistrate verlassen die ihnen von den Männern – und weniger von den Gesetzen dieser Zeit49 – konventionell zugedachten Rollen und zeigen sich darüber hinaus im Gegensatz zu den Männern, die bisher in der Komödie aufgetreten sind, verständig. Die von ihnen unerwartet und zuvor so noch nicht gewählten Mittel, um den Krieg zu beenden, sind erfolgreich. Wenn sich die Denkhaltung des Probulen somit in einer zuvor nicht erwarteten oder erwartbaren Weise durch das erfolgreiche, verständige und unkonventionelle Handeln der Lysistrate, die zudem verständig ein gutes Ziel verfolgt, als unzureichend für das Lösen der Probleme erweist, wird seine Denkhaltung dem Verlachen preisgegeben. 

In dem Agieren des Probulen, wie Aristophanes dies gerade im Gegensatz zum Handeln der Lysistrate darstellt, kann durchaus eine politische Kritik im Sinne eines Aufdeckens von Fehltendenzen in der Polis durchscheinen. Diese Kritik betrifft dabei zuvorderst eine ganz bestimmte Denkhaltung, wie sie den Bürgern im Jahre 411 v. Chr. vermutlich vertraut gewesen sein dürfte: nämlich ein impulsives Agieren, das oft nicht die Folge von vernünftigen Argumenten ist. Dieses mag zwar Denkmustern folgen, die selbstverständlich geworden sind, die aber nicht vernünftig sind und schon gar nicht die Probleme der gegenwärtigen Polis lösen können.50 Denkbar, aber nicht notwendig ist auch, dass mittelbar über die Bloßstellung der Denkhaltung auch die Einsetzung der Probulen kritisiert wurde. Sofern auch die Probulen impulsiv und unverständig in diesem Sinne agieren, hilft auch dieses der Volksversammlung vorgeschaltete oligarchische Gremium nicht, um die Polis zu retten.

Die Komik ist in diesem Fall auch ein Mittel der Kritik: Der Dichter sorgt durch seine raffinierten neuen Ideen in seiner Handlungskomposition für ein Verlachen des unverständigen Denkens und Handelns eines politischen Amtsträgers, das, wenn man Thukydides’ Berichte dieser Jahre im Blick hat, die Polis an den Rande des Abgrunds geführt hat (s. z. B. Historien, VI, 1, 1; VI, 6, 1-3; VI, 8ff.). Dem stellt er eine feinsinnigere und gemäßigtere Komik gegenüber, die einhergeht mit den einzelnen ernsthaft zu ergreifenden Schritten (z. B. Beseitigung des Filzes, Einheit der Gesellschaft, Wohlwollen untereinander), die für das Wohl der Polis und die Rettung ganz Griechenlands unerlässlich sind. 

Abschließend zu diesem Teil soll nur noch kurz und thesenhaft angeführt werden, dass auch die folgenden Teile der Komödie die bislang erwähnten Mittel der Komik weiter einsetzen. Die folgende Chorpartie, die den Platz der Parabase einnimmt, aber in die Handlung eingebunden bleibt, führt vorangegangene Entwicklungen der Komödienhandlung weiter. Der Chorführer bringt noch einmal auf den Punkt, wie schrecklich es ist, dass jetzt die Frauen die Bürger belehren und sie vom Eisenschild reden (vv. 626-627). Der Chor der alten Frauen dagegen erklärt, dass ihr Anliegen darin liege, Nützliches für die Stadt zu äußern (v. 638-639). Die Stadt habe sie aufgezogen, deshalb seien sie es ihr schuldig, ihr etwas Nützliches zu raten (v. 640 und v. 648). Die Chorführerin verweist ferner noch einmal darauf, dass die Männer ihr nicht neidisch sein sollen, wenn sie Besseres rät im Vergleich zu den gegenwärtigen Ereignissen, auch wenn sie als Frau geboren sei (vv. 649-650: εἰ δ’ ἐγὼ γυνὴ πέφυκα, τοῦτο μὴ φθονεῖτέ μοι, / ἢν ἀμείνω γ’ εἰσενέγκω τῶν παρόντων πραγμάτων). Doch unter Verweis auf ihre Männlichkeit (v. 661) zeigen sich die Männer keineswegs dazu bereit, dem Rat der Frauen zu folgen, so dass sich der Streit der beiden Halbchöre in diesem Chorlied fortsetzt. 

(f) Lysistrate und die flüchtenden Frauen

In der darauffolgenden Sprechszene wird Lysistrate von dem Dichter weiter in ihrem Bestreben gezeigt, alles zu tun, damit ihr Plan erfolgreich ist. Sie hält Frauen, die die Akropolis aufgrund ihres sexuellen Begehrens nach ihren Männern verlassen wollen, mit aller Macht zurück. Ähnlich wie im Prolog dürfte die doppeldeutige und damit auch obszön deutbare Sprache, mit der z. B. Lysistrate das Verhalten der Frauen schildert (vv. 717-728) und mit der auch die Frauen Ausreden formulieren (vv. 731-732 und vv. 735ff.), warum sie die Burg verlassen wollen, für Lachen sorgen. Doch auch in diesem Fall fungiert Lysistrate als Korrektiv dieses Strebens, indem sie die Aufmerksamkeit der Frauen und auch der Rezipienten auf das Befolgen des Plans und ihre langfristigen Ziele zurücklenkt. Sie hält den Frauen vor Augen, dass die Männer ebenfalls Sehnsucht nach ihnen hätten, sie fürchterliche Nächte ohne sie verbringen müssten. Die Frauen sollten deshalb noch durchhalten (vv. 762-766 und vv. 778-780). Auch diese Ermahnung entbehrt in ihrem Kontext nicht der Komik. Als Begründung führt Lysistrate zwischen den beiden ernsten Ermahnungen einen Orakelspruch an.51 Dieser verweist u. a. darauf, dass die Frauen, die zuvor eine (gesellschaftliche und politische) Stellung unterhalb der Männer eingenommen haben, nun die obere Stellung, nämlich die Herrschaft, erringen, wenn sie den Anweisungen des Spruches folgen. Dadurch, dass der Wortlaut des Orakels insofern über eine Doppeldeutigkeit verfügt, als einzelne Wörter dieses Orakels, wie die Reaktion der ersten Frau zeigt, eine auch sexuell begreifbare Bedeutung haben können (vv. 769-776), wohnt dem Spruch wieder eine Komik inne. Dass einem Orakelspruch eine Doppeldeutigkeit innewohnt, ist nicht unüblich. Unüblich ist aber, dass ein Teil dieser Doppeldeutigkeit als eine sexuelle Anspielung begriffen werden kann. Dennoch aber führt der Spruch eine angenehme Vorstellung vor Augen, weshalb er ebenfalls über das Potenzial verfügt haben dürfte, beim zeitgenössischen Zuschauer ein Lachen oder eine Freude zu evozieren:

(Übersetzung nach Holzberg:) „Lysistrate: Aber wenn alle Schwalben [sie stehen für die Frauen]52  an einem Ort sich verkriechen, fliehend die Wiederhopfe, / und fern von den Phalloi sich halten, / dann ist zu Ende die Not, und es kehrt das Obre zuunterst / Donnerer Zeus -.

Erste Frau: Sollen wir / dann oben liegen in Zukunft?

Lysistrate: Wenn sich jedoch entzwein und empor mit den Fittichen fliegen / aus dem heiligen Tempel die Schwalben, dann heißt es inskünftig, / keiner unter den Vögeln sei stärker aufs Vögeln versessen.“

Wenn diese Worte eine Freude evozieren, sie aber im Dienste des Strebens nach der Beendigung des Krieges stehen und zudem noch von den beiden Ermahnungen an die Frauen, den gefassten Plan weiter zu verfolgen umrahmt werden, dann begleitet diese Freude das Erkennen und Verfolgen eines inneren Strebens, das auf ein langfristiges Gutes und auf das Wohl der Polis hinzielt. Oder anders formuliert: Aristophanes’ Handlungsdarstellung ermöglicht, das für alle angenehme Ziel des Friedens beim Mitverfolgen der Handlung über die Mittel der Komik auch als angenehm zu erfahren.

(g) Myrrhines Streik bei ihrem Ehemann

In der nächsten Sprechszene (vv. 829–1013) tritt mit Kinesias der Mann der Myrrhine auf. In dieser Szene verfolgen Lysistrate und Myrrhine nun ganz konkret ihr Vorhaben, indem sie zunächst alles dafür machen, dass der Mann sich der Befriedigung seines sexuellen Bedürfnisses nahe wähnt, sie ihm diese dann aber dennoch nicht gewähren (s. v. a. die konkrete Aufgabe, die Lysistrate Myrrhine stellt vv. 839-841). Angesichts der bisherigen Zeichnung des Charakters der Lysistrate und der Stringenz, mit der sie ihr Bestreben verfolgt und die Frauen auf ihre Linie gebracht hat, kann man es durchaus als wahrscheinlich beurteilen, dass Lysistrate und auch Myrrhine dieses Streben nun weiter auch konkret am Ehemann der Myrrhine verfolgen. Die komische Handlung der Lysistrate, an deren Anfang der Plan des Sexstreiks stand, setzt diesen nun mit der Hilfe der Myrrhine konkret um. Ohne den Anfang der Handlung – ihren Beschluss zu einem solchen im Dienste des Erreichens eines Friedens – wäre also dieser folgende Teil der Handlung nicht denkbar. 

Kinesias’ Auftreten mit erigiertem Phallos und seine Suche nach Myrrhine machen sein ,Problem‘ gleich augenscheinlich. Die Auswirkungen des Sexstreiks der Frauen auf die Männer werden damit in Verbindung mit seinen Qualen, von denen er gleich berichtet (vv. 845-846 und vv. 864-869), in einer Weise sichtbar, die dem Zuschauer jedenfalls ein Lachen abringen dürfte. Gerade seine Schmerzen und seine sichtbare Qual, aufgrund derer er keine Freude mehr in seinem Leben empfindet, dürften bei dem Zuschauer eine umso größere (Schaden-)Freude evozieren, als dieses unkonventionelle Mittel, das die Frauen an ihm einsetzen, nun seine Wirkung im Dienste des langfristigen guten Ziels zeigt.

Die raffinierte Komik dieser ganzen Szene im Detail zu erläutern, würde zu weit führen,53 weshalb nur einige Kernpunkte angesprochen werden können. Kinesias fleht mit seinem erigierten und von Krämpfen heimgesuchten Phallos seine Ehefrau an, mit ihm zu schlafen. Diese macht alles, damit ihr Mann sich stets nahe an diesem Ziel wähnt. Zunächst gibt sie sich allerdings noch beleidigt, indem sie zu glauben vorgibt, Kinesias wolle sie gar nicht mehr, wobei Kinesias dies vehement und verzweifelt bestreitet (vv. 870-877). Es kommt für den Rezipienten überraschend und entbehrt nicht der Komik und der Erheiterung, dass Myrrhine, die sich selbst immerhin im Sexstreik befindet, die Situation verkehrt und vorgibt, dass Kinesias sie nicht mehr begehre, was natürlich angesichts des wirklichen Grundes seiner konkreten Qual Unsinn ist. Der Sinn dieser amüsanten Verkehrung dürfte darin liegen, dass Kinesias zum einen noch weiter in seinem Verlangen nach ihr schmoren muss, wie er selbst zugibt (v. 888 und vv. 898-899), und dass zum anderen sein Verlangen nach ihr stetig größer wird, je mehr Schritte sie auf ihn zugeht. Den ersten Schritt auf ihn zu geht sie aber erst, nachdem Kinesias ihr zusichert, dass sie den Krieg beenden werden, nachdem Myrrhine ihm zuvor klar gemacht hat, dass sie vor einem Friedensschluss und dem Kriegsende nicht zu ihm zurückkommen werde (vv. 900-902). Sie weist allerdings zumindest das Begehren ihres Mannes, dass sie sich vor dem Friedensschluss doch wenigstens nun vor Ort auf der Burg zu ihm legt, nicht ganz zurück. Sie macht ihrem Mann also Hoffnungen, findet aber immer wieder Verzögerungen und Gründe, warum sie sich nicht zu ihm legt, und steigert so das Verlangen ihres Mannes nach ihr immer weiter. Zunächst möchte sie nicht vor den Augen ihres Kindes, das Kinesias mitgebracht hat, mit ihm schlafen. Nachdem das Kind weggeschafft worden ist (vv. 907ff.), überlegt sie laut, wo die beiden miteinander schlafen könnten (vv. 910ff.), und befeuert so umso mehr die Hoffnungen ihres Mannes auf eine Befriedigung. Wie dieser sich immer wieder kurz vor seinem Ziel sieht, Myrrhine aber stets neue Hinderungsgründe für den Vollzug des Geschlechtsaktes findet, ist für den Betrachter sehr erheiternd. So ist Kinesias dazu bereit, gleich mit seiner Frau auf dem Boden zu schlafen, diese will aber ein Bett (vv. 916ff.). Als das Bett da ist und Kinesias denkt, dass es nun keinen Hinderungsgrund mehr gebe, möchte Myrrhine noch eine Matratze. Als diese da ist, braucht sie ein Kissen. So geht dies noch eine Weile weiter, bis Myrrhine sich am Ende sogar zum Teil entkleidet. Nachdem sie ihn so vollends in den Zustand des unbedingten Begehrens nach ihr gesetzt hat, sucht Myrrhine noch einmal nach der Versicherung, dass ihr Mann auch ja für den Friedensschluss stimmen werde (vv. 949-951). Als dieser ein weiteres Mal zugestimmt hat, läuft sie vor ihrem Mann davon und erfüllt ihm so seine Begierde nicht, worauf ihm das Mitleid durch den männlichen Chorführer sicher ist (vv. 959ff). Gleichwohl hat sie ihm aber vor Augen gestellt, was ihn erwarten könnte, wenn die Männer den Krieg erst einmal beendet haben. 

Mit Blick auf Aristophanes’ Einsatz der Komik in der Darstellung des Aufeinandertreffens von Kinesias und Myrrhine lässt sich Analoges zu den vorangegangenen Szenen festhalten. Die Aristophanische Art der Handlungsführung lenkt von einem unmittelbaren Lachen über die sichtbaren Qualen des Kinesias hin zu einer Freude oder auch einem Lachen in Verbindung mit dem Erkennen und Mitverfolgen des konkreten und höchst raffiniert durchgeführten Sexstreiks der Myrrhine, der im Dienste des ernsten Ziels eines Friedensschlusses steht, den sie gar explizit erwähnt. In der poetischen Wirklichkeit zeigt sich das gewählte, für den Zuschauer unkonventionelle Mittel im Dienste des guten Ziels als höchst erfolgversprechend. Auch diese Darstellung dürfte das Potenzial, Freude zu evozieren, in sich tragen. In dem Dialog der beiden wird dem Rezipienten bereits mehr als deutlich angekündigt, dass die Männer aufgrund des Streiks der Frauen dazu bereit sein werden, alles zuzugestehen. Kinesias zeigt sich nicht nur zum Friedensschluss bereit, sondern würde gar Myrrhines Schuld auf sich nehmen wollen, wenn diese ihren Eid, dass sie nicht mit ihrem Mann schlafen werde, breche (v. 915). Er erklärt sich mithin dazu bereit, alles auf sich zu nehmen. 

Der anschließend auftretende Bote aus Sparta berichtet nun (s. v. a. vv. 995ff.), dass es den Männern in Sparta infolge des Agierens der Lampito und ihres Einflusses auf die spartanischen Frauen ebenso ergehe, wie es der Zuschauer gerade im Falle des Kinesias gesehen hat. Kinesias begreift jetzt erst das Ausmaß der Verschwörung der Frauen und fordert den Boten dazu auf, Gesandte mit der Vollmacht für einen Friedensschluss nach Athen zu schicken. Auch dieses nicht ganz des Ernstes entbehrende Gespräch ist mit komischen Elementen versehen (vv. 1007–1012). So leiden der Bote – in ebenfalls sichtbarer Weise für den Zuschauer – und die Spartaner an der gleichen Qual wie auch Kinesias. Kinesias will sich in Athen vor dem Rat um Gesandte kümmern, die mit dem Friedensschluss beauftragt werden. Als Argument für den Friedensschluss will er auf seinen erigierten Phallos verweisen. Sicher ist auch dieses ein für den Zuschauer unerwartetes und aus eigener Erfahrung nicht bekanntes Argument für einen Friedensschluss, das aber gerade deswegen, weil es so nicht bekannt – und in der historischen Wirklichkeit unwahrscheinlich –, darüber hinaus aber eine Folge des amüsanten Mittels ist, das die Frauen gewählt haben, Lachen und Freude beim Zuschauer evozieren kann.

Auch diese Szene als ganze führt damit nicht nur die Dramenhandlung in dem oben genannten Sinne weiter, sondern sie zeigt auch Stringenz in dem Einsatz komischer Darstellungsmittel. Denn das so noch nicht gekannte gewaltlose Mittel des Sexstreiks zur Beendigung des Krieges wird nun in seiner ganzen Wirkung und in seinem Erfolg anschaulich vor Augen geführt. Diese neue Idee der Komik, die so zuvor noch nicht gesehen worden war und den Zuschauer damit unerwartet begegnet, aber als Mittel zum Erreichen eines Ziels eingesetzt wird, das von dem Großteil der Zuschauer im Theater des Jahres 411 v. Chr. als gut und erstrebenswert betrachtet worden sein dürfte, birgt auch weiter das Potenzial Freude und Lachen in Verbindung mit dem Streben und dessen Mittel für ein gutes Ziel der Polis zu evozieren.

(h) Auflösen der inneren Zerstrittenheit durch Wohlwollen

Auch die folgende Chorpartie (vv. 1014-1071) greift in ihrem Zentrum das Streben nach Frieden auf. Es repräsentiert in gewisser Weise eine Entwicklung der von Lysistrate am Beispiel der Wolle demonstrierten Notwendigkeit, dass Wohlwollen und eine innere Einheit für einen Frieden unerlässlich sind. Dabei spiegelt das Chorlied auf der individuellen Ebene des Chorführers und der Chorführerin auch Gründe für das Konfliktpotenzial auf größerer Ebene (z. B. zwischen Athen und Sparta) wider. Die Chorführerin hält dem Chorführer vor, dass er, obwohl er sie zur Freundin haben könne, den Krieg mit ihr vorziehe. Schon in diesen ersten Worten der Chorführerin dringt aber auch eine Bereitschaft durch, ihren Konflikt zu beenden, und ein erster Hauch von Wohlwollen der Chorführerin gegenüber dem Chorführer. Der Chorführer dagegen bleibt zunächst stur und gibt als Grund für sein Verhalten an, dass er seinem Hass auf Frauen nie ein Ende setzen werde (v. 1018: ὡς ἐγὼ μισῶν γυναῖκας οὐδέποτε παύσομαι). Die Chorführerin ist es nun auch, die wohlwollend auf den alten Mann zugeht, ihm einen Mantel gibt und ihn, obwohl er durch und durch ein störriger Mann (v. 1030: δύσκολος) sei, von einer Schnake im Auge befreit. Nun endlich preist der alte Mann sie, weil sie ihm nützlich gewesen sei (v. 1033: ὤνησάς γέ μ’). Diese und weitere Handlungen führen dazu, dass der Chorführer – aufgrund des Wohlwollens – tatsächlich Frieden schließt mit der Chorführerin (v. 1040). Wieder besteht die Komik dieser Chorpartie auch darin, dass eine Tat, die sonst wohl kaum einen Friedensschluss zwischen zwei verfeindeten Personen oder Gruppen zur Folge haben würde, nämlich das Entfernen einer Schnake aus einem Auge, letztlich maßgeblich für den Sinneswandel der verfeindeten Parteien ist und letztlich sogar zu einem Friedensschluss führt. Dies entbehrt – gemessen an einer lebensweltlichen Wirklichkeit – jeder Wahrscheinlichkeit. Auch in diesem Fall schafft die in diesem Sinne reale Unwahrscheinlichkeit, in dem die Tat zu ihrer Konsequenz steht, die Möglichkeit, dem Zuschauer etwas so noch nicht Erfahrenes und damit von ihm nicht Erwartetes zu präsentieren. Da dieses neu präsentierte Missverhältnis zwischen der Schlichtheit der Tat und der immensen Bedeutung dieser Tat für den Frieden im Dienste des guten und erstrebten Ziels steht, verfügt auch diese Darstellung über das Potenzial, beim Zuschauer eine Freude und womöglich auch Lachen zu evozieren, wenn er diese Handlungsdarstellung mitverfolgt. 

Nicht unwahrscheinlich aber ist das Handeln mit dieser Intention aus der Perspektive des inneren Bestrebens der Frauen, den Frieden herzustellen. Denn sie haben offenkundig erkannt, dass irgendjemand als erstes einen Schritt auf die andere Partei zugehen und ihr gegenüber Wohlwollen nicht nur in Worten, sondern auch im Handeln zeigen muss. Als Folge des Friedensschlusses treten beide zuvor zerstrittenen Halbchöre zusammen und formieren so die von Lysistrate bereits als Ideal herausgestellte Einheit. In ihrem gemeinsamen Chorlied (vv. 1043-1071) besingt der Chor nun auch u. a., wie diese Einheit funktioniert: Sie seien z. B. nicht mehr dazu bereit, über irgendeinen Bürger etwas Schlechtes zu sagen, sondern sie wollten nichts als Gutes sagen und tun. Ferner zeigen sie sich dazu bereit, ihr Geld den Bedürftigen zuteilwerden zu lassen, ohne dass sie eine Rückerstattung verlangen (vv. 1044–1057).54

(i) Der Friedensschluss

Der Friedensschluss, den der Chor im Kleinen demonstriert hat, wird im abschließenden Teil der Komödie noch einmal ins Große entfaltet, wobei die Mittel der Komik weiter denen, die wir bereits in der Komödie der Lysistrate kennengelernt haben, entsprechen. Es treten zunächst spartanische Gesandte auf (vv. 1072-1085). Der Bote war also offenkundig erfolgreich, sie zu einer Friedensgesandtschaft zu veranlassen. An den Ausbuchtungen in ihrer Kleidung wird erkennbar, dass auch sie an ihren erigierten Phalloi, die einer Befriedigung durch ihre Frauen bedürfen, leiden. Im Drama wird dem Zuschauer somit ein weiteres Mal vor Augen geführt, wovon ihr Bote zuvor bereits berichtet hatte. Dass der Chorführer sich dann noch besorgt nach ihrem Zustand erkundigt, worauf ein Gesandter antworten muss, dürfte allein bereits für Erheiterung und Lachen sorgen. Gleiches trifft nun auch für die athenischen Gesandten zu (vv. 1086ff.), die nach Lysistrate suchen.

Das komische Orakel, das Lysistrate erwähnte, um die Frauen zum Durchhalten zu bewegen, bewahrheitet sich somit. Lysistrate wird gesucht. Sie und die Frauen haben damit den Hochstatus im politischen Gefüge erreicht. Dies wird auch der Fortgang dieser Szene noch weiter demonstrieren. Noch bevor die Gesandten Lysistrate finden, beschließen sie bereits die Versöhnung (v. a. vv. 1101–1103). Das komische, gewaltlose Mittel des Sexstreiks erweist sich damit endgültig als erfolgreich beim Erreichen des Ziels. Auch in diesem Fall geht das ernsthafte Moment des Friedensschlusses einher mit der Komik, die weiter darin besteht, dass ein so in der historischen Realität nicht gekanntes und unerwartet gewähltes Mittel ein den Figuren der Komödie und vermutlich auch den Menschen im Theater Freude bereitendes Ziel erreicht.

Die letzte Szene dieser Komödie bleibt ebenfalls nicht ohne ernsthafte Anspielungen an die gegenwärtige Situation. Darüber hinaus führt auch diese Szene die zentrale Handlung der Komödie weiter: das Bestreben der Lysistrate, Griechenland zu retten und für einen Friedensschluss zu sorgen. Wieder seziert Lysistrate in ihrer Kritik vor dem Friedensschluss vor allem das Denken und Handeln der Athener und Spartaner im Krieg. Sie leitet ihren Tadel ein, indem sie darauf verweist, dass sie zwar eine Frau sei, ihr aber Verstand innewohne (v. 1124: ἐγὼ γυνὴ μέν εἰμι, νοῦς δ’ ἔνεστί μοι), was später auch die Gesandten zugeben (s. z. B. v. 1157). Sie hält letzteren mehrfach vor Augen, dass Athen und Sparta einer Familie angehörten und somit doch eigentlich Schwesterstädte seien (vv. 1129–1134), bevor sie sowohl die Spartaner als auch die Athener konkret an Ereignisse erinnert, in denen eine Stadt jeweils durch die andere gerettet wurde (vv. 1136–1156). Sie versteht also nicht, warum sie untereinander kämpfen müssen, obwohl ihnen in der Vergangenheit doch so viel Gutes voneinander zuteilwurde (vv. 1159–1161). 

Lysistrate weitet mit ihren Worten den Blick der ihr Zuhörenden von dem unmittelbaren Hass aufeinander weg auf Argumente, die für die Freundschaft untereinander und damit für die Beendigung des Krieges sprechen.

Doch auch diese ernsthaften Worte werden wieder flankiert von Elementen der Komik. So äußern die Spartaner, dass sie schon Frieden schließen würden, wenn ihnen jemand das runde Ding (v. 1162: τὤγκυκλον), womit er auf Nachfrage der Lysistrate die Stadt Pylos meint (v. 1163), zurückgegeben werde. Auch mit dieser Wortwahl kleidet Aristophanes das Ernsthafte meisterhaft komisch ein, da die Wortwahl bestimmte Assoziationen bei den Zuschauern wecken kann. Einerseits meint er ganz konkret die Stadt Pylos, die in dem Peloponnesischen Krieg an die Athener gefallen ist. Für einen Friedensschluss fordern sie diese zurück. Andererseits kann mit dem ,runden Ding‘ auch die Vagina der Frau gemeint sein, die sie zur Befriedigung ihres Triebs und Beendigung ihrer körperlichen Qual benötigen. Auch scheint Aristophanes’ Wahl von Pylos als Stadt, die hier angeführt wird, unter dem Gesichtspunkt einer Doppeldeutigkeit raffiniert zu sein, da Pylos an Pyle (πύλη – „Öffnung“) erinnert.55 Verstärkt wird diese Assioziation dadurch, dass sich im Moment der Verhandlung die Dramenfigur einer nackten Frau, die die Versöhnung repräsentiert, auf der Bühne befindet. In jedem Fall versteht der erste Athener die Worte des Spartaners wohl in genau diesem sexuell-triebhaften Sinn (v. 1166).56 Diese Anspielungen und Wortspiele dürften den Zuschauern des Jahres 411 v. Chr., der diese verstanden haben dürfte, wohl in Erheiterung versetzt haben, wobei auch diese Erheiterung wieder mit dem Verfolgen eines ernsten und guten Ziels, nämlich des Friedensschlusses, einhergeht. 

Auch der erste Athener formuliert den Ort, den sie verlangen, nicht weniger doppeldeutig: Indem er womöglich auf die entsprechenden Körperteile der auf der Bühne anwesenden nackten Figur der Versöhnung zeigt, sagt er, dass sie Echinos (den „Stachelhaar-Ort“57), den malischen (Meer-)Busen und die Schenkel von Megara zurückhaben wollen, was dem Spartaner dann zunächst doch zu viel des Guten ist (vv. 1168–1171). Es sieht damit fast so aus, als würden sich die Gesandten um die Körperteile der nackten Frauenfigur der Versöhnung zum Zwecke der Befriedigung ihrer Triebe und der Beendigung ihrer Qualen streiten. Auch diesen Streit löst Lysistrate nicht ohne sprachliche Komik auf, wenn sie beide Parteien dazu anhält, sich doch nicht um ein paar Schenkel zu streiten, wobei mit den Schenkeln natürlich auch die langen Mauern bezeichnet werden können, die Megara mit dem Hafen Nisaia, der sich in athenischer Hand befand, verband.58 

Am Ende dieser Auseinandersetzung steht der Beschluss, Frieden zu schließen. Auf Rat der Lysistrate sollen sie sich zunächst waschen, bevor sie sich zur Burg begeben, wo die Frauen sie bewirten werden. Auf der Burg sollen sie sich dann die Eide und Bürgschaften geben. Danach dürfen sie, wie Lysistrate ihnen in Aussicht stellt, mit ihren Frauen davongehen. Der Streik endet also mit dem Erreichen des Ziels und dem guten Ausgang, der einem Nutzen für Griechenland und für die Frauen gleichkommt.

Während des Gastmahls äußern sich die Athener dann sogar positiv über die Spartaner (z. B. v. 1226). Vorbei ist der Hass, und Lysistrate scheint Recht gehabt zu haben, als sie darauf hinwies, dass Athener und Spartaner mehr verbunden als getrennt habe. Zu den letzten Worten der Lysistrate gehört so folgerichtig, dass sie sich davor hüten sollen, zukünftig noch einmal (den gleichen) Fehler zu begehen (vv. 1277-1278: εὐλαβώμεθα / τὸ λοιπὸν αὖθις μὴ’ ξαμαρτάνειν ἔτι).

V Fazit zur Behandlung des Textes der Lysistrate:

Ausgegangen wurde angesichts der Forschungsproblematik von Fragen, ob das derbe persönliche Verspotten und eine ebenso derbe Obszönität vereinbar mit Aristophanes’ Anspruch an ein richtiges Maß sei und in welcher Weise sich der persönliche Spott in eine Dichtung integrieren kann, die den Anspruch erhebt, einen Beitrag zum Nutzen und Wohl der Polis zu leisten. Diese Fragen stehen in Verbindung damit, ob eine Erkenntnis des Richtigen oder Gerechten, wie sie Aristophanes selbst mit seiner Dichtung verbindet, überhaupt über – vermeintlich – lose zusammengefügte, episodische komische Szenen ohne einen intrinsischen Zusammenhang möglich sei. Eine Antwort kann nach der Textanalyse unter den Gesichtspunkten der Komik, der komischen Handlung und einer Reinigung des Lachens erfolgen:

Komik und komische Handlung und Reinigung des Lachens: Die Komödienhandlung lässt sich durchaus als eine geschlossene und durchgestaltete – und insofern als eine syntagmatische Handlung – begreifen. Denn sie beginnt mit der Darstellung des inneren Bestrebens und Entschlusses der Lysistrate, den Krieg zu beenden, wofür sie die Mittel des Sexstreiks und der Besetzung der Akropolis wählt. In den folgenden Szenen wird dieses Bestreben in konkreten Fällen und erfolgreich von Lysistrate und den Frauen, die sie von ihrem Plan überzeugt hat, in die Tat umgesetzt. Die Handlung findet ihr Ende, als dieses innere Bestreben und der konkrete Plan ihr Ziel erreicht haben. Aus der Perspektive eines solchen Bestrebens und damit letztlich auch eines Charakters, wie ihn Lysistrate aufweist, kann es zumindest als wahrscheinlich erachtet werden, dass sie ihrem Plan konsequent folgt und in den einzelnen Szenen so spricht und handelt, wie es der Dichter vorführt, und somit ihren Plan beharrlich verwirklicht. Gemessen an dem inneren Bestreben der Protagonistin Lysistrate kann deshalb von einer einheitlichen und geschlossenen Handlung gesprochen werden, wenn – wie in der angeführten Forschung geschehen – als Kriterium für die Einheitlichkeit angeführt wird, dass sich die Mitte einer Handlung wahrscheinlich oder notwendig aus dem Anfang ergeben muss und das Ende einer Handlung wahrscheinlich oder notwendig der Mitte zu folgen hat. 

Was nun komisch in der Handlungsdarstellung des Dramas ist, lässt sich am ehesten an den wiederholten Mustern der Darstellung innerhalb des Dramas festhalten. Das Potenzial, um Freude und Lachen beim Mitverfolgen der Dramenhandlung zu empfinden, scheint in der Lysistrate vor allem in dem Unerwarteten zu gründen, das für den Menschen aufgrund seiner Natur oder auch seiner Erfahrungen eine lustvolle Vorstellung evoziert. Momente des Unerwarteten gründen im Unkonventionellen, in der Verkehrung von Bekanntem oder auch in dem so noch nicht in der historischen Wirklichkeit und Realität Erfahrenen, und damit in dem, was gemessen an der äußeren Realität – im Gegensatz zum inneren Bestreben des Menschen – unwahrscheinlich ist. Der gemessen an der äußeren Realität unwahrscheinliche ,große Plan‘ des Sexstreiks für die Lösung der Notsituation des Kriegs ist das zentrale Moment der Komik und der komischen Handlung in der Lysistrate. Dadurch, dass dieses Unerwartete aber etwas präsentiert oder im Dienste von etwas steht, mit dem die Menschen Freude verbinden, nämlich das Erlangen des Friedens, verfügt die Darstellung dieses Plans auch über das Potenzial, Freude und Lachen beim Zuschauer zu evozieren. 

Doch auch eine possenreißerische Komik scheint in dieser Verkehrung des Erwartbaren ihren Ursprung zu finden: Das Ausmaß oder auch die Schärfe der obszönen Sprache, wie sie die Frauen im Prolog zeigen, dürfte in dieser Dichte den Gebrauch obszöner Worte im Alltag überbieten oder zumindest für den Zuschauer unerwartet kommen. Dennoch steht der Gebrauch derselben in Verbindung mit der Erfüllung eines sexuellen Bedürfnisses, die dem Menschen Freude bereitet. Deshalb dürfte der Zuschauer auch in diesem Fall beim Mitverfolgen des Sprechens und Denkens der Kalonike lachen oder Freude empfinden können. 

Diese Form der possenreißerischen oder auch hämischen Komik – zu der auch das Potenzial eines Verlachens der Denkhaltung und des Agierens einer hoch gestellten Person wie im Falle des Probulens zu zählen ist –, die im Drama die Darstellung von Denkhaltungen, Bestrebungen und Handlungen begleitet, die der Polis nicht für den Frieden nutzen, scheint dabei durchaus den Sinn haben zu können, einen Kontrast zu der komischen Handlung der Lysistrate und der Frauen zu bilden, die diesen Nutzen im Blick hat und in kluger Weise verfolgt. Gerade in dem Kontrast zu der komischen Handlung und der Freude, die das Mitverfolgen ihrer Umsetzung in ein unkonventionelles Mittel begleitet, wird das Lachen über diese Bestrebungen und Handlungen, die langfristig kein Wohl für die Polis bedeuten, und über die obszönen Sprechweisen zu einem Verlachen derselben. Dies geschieht besonders im Falle von Personen, die Denkhaltungen offenbaren, in denen sie ihre eigenen Möglichkeiten überschätzen (wie in den Fällen des Probulen oder der alten Männer). Das Verlachen dieser Tendenzen, wie z. B. der Triebhaftigkeit (bei den Frauen) oder der Impulsivität und des Starrsinns (des Probulen), kann in dem stetigen Gegenüber zu der komischen Handlung der Lysistrate, die von diesen ebenso wie von dem unverständigen Handeln wegruft, umso mehr zu dem Empfinden einer Freude führen, die mit dem Verfolgen des Wohles und des Richtigen oder gar des Gerechten verbunden ist. Denn es gibt auch eine Reihe kleinerer komischer Elemente, die sich mit der Handlung der Lysistrate und der Frauen verbinden: Die Frauen, die nicht herrschen dürfen, gelangen tatsächlich an die Herrschaft und in den Hochstatus, was den realen Konventionen und Gewohnheiten der Zeit nicht entspricht. Die gewaltlosen Waffen der Frauen gewinnen bereits, indem sie (wie im Falle der Myrrhine gegenüber ihrem Mann Kinesias) nur präsentiert werden. Die in ihren Fehltendenzen entlarvten Männer erleiden eine (gerechte) Strafe mit der Qual ihrer erigierten Phalloi. Momente, die so eigentlich für Freude da sind, werden in Momente der Qual verkehrt. Indem diese aber im Dienste des erstrebten Ziels stehen, dürfte das Mitverfolgen dieser unerwarteten Verkehrung Freude bereiten. Und man könnte noch vieles Weitere anführen.

Es muss somit nicht zu weit hergeholt sein, dass Aristophanes in der Lysistrate in meisterhafter Weise eine komische Handlungsdarstellung konzipiert hat, die vor allem über das Potenzial verfügt, Freude und Lachen in Verbindung mit dem Bestreben eines für alle guten Ziels zu evozieren. Oder mit anderen Worten: Sie verfügt über das Potenzial, das Lachen und die Freude in der Rezeption der Handlungsdarstellung insofern zu reinigen, als das Lachen und die Freude dem Bestreben und dem Ziel, das verfolgt wird und das die komische Handlung der Komödie kennzeichnet, angemessen ist. Indem diese Freude gerade ein direktes und oft unmittelbares Korrektiv zu einer zuvor in einer Szene zunächst evozierten momentanen Freude eines Verlachens, Verspottens oder Entlarvens von Bestrebungen ist, die z. B. Ausdruck des Hochmuts sind, die der Polis keinen Nutzen erweisen oder ihr sogar schaden, reinigt die Komödie in den einzelnen Szenen auch von einer anderen Art des Lachens und der Freude: nämlich der Freude, die mit einem bloßen Verlachen oder Verspotten von Fehltendenzen einhergeht, wie sie Lysistrate am Ende der Komödie kritisiert.

Für den Rezipienten ermöglicht die Komödie des Aristophanes über diese Gestaltung der komischen Handlung sowohl ein Erkennen dessen, was der Polis nicht nützlich oder gar schädlich ist, als auch ein Empfinden der Freude beim Mitverfolgen und Erkennen dessen, was für die Polis nützlich ist. In dieser Weise macht sie den Nutzen als freudvoll erfahrbar und kann so durchaus Einfluss auf Denkhaltungen der Bürger nehmen, die, wie Aristophanes selbst festhält, zum Aktualisieren dieses Erkenntnis- und damit auch EmotionsPotenzials in der Lage sind.

Ernsthaftigkeit und politischer Bezug der komischen Handlung oder Spaß des Spaßes wegen?

Die Darstellung der Komödienhandlung der Lysistrate nimmt Maß an Charakteren oder auch Charakterzügen, die sich in Form von inneren Bestrebungen dokumentieren. Letztere wiederum treten in der Art und Weise, wie die Personen handeln und sprechen, hervor. Es ist, wie gezeigt wurde, nicht unwahrscheinlich, dass in der Lysistrate bekannte Denkhaltungen, wie sie in einzelnen Personen oder Personengruppen der Polis dieser Zeit präsent und auffindbar waren, über Denkhaltungen und Bestrebungen einzelner Figuren des Dramas aufgenommen wurden.59 Insofern scheint auch ein ernsthafter Bezug zur Polis und ihren Bürgern durchaus begründbar, so dass die Komödie in dieser Hinsicht auch politisch genannt werden kann. Gerade problematische Haltungen von Menschen in der Polis wie ein triebhaftes, nur auf den eigenen Vorteil bedachtes und unverständiges Agieren, schnelle und unüberlegte Entscheidungen, eine impulsive Aggressivität gegenüber Personen oder Gruppen, die Freunde sein könnten oder sogar müssen, konnte der Dichter aufgreifen und auf der Bühne in der Dramenhandlung als schädlich für die Bürger selbst und auch für die Polis offenlegen. Das Drama verweist so über die Motive, die in den Menschen selbst gründen, auf die Ursachen für die Zerrissenheit Griechenlands, aber auch für die Zerrissenheit in der athenischen Gesellschaft. Demnach muss der politische Hintergrund, in den die Komödie eingebettet ist, nicht zwingend allein als Medium für eine Darstellung des Spaßes um des Spaßes willen fungieren, sondern der Spaß kann auch im Dienste des Verlachens von Fehltendenzen in Bürgern der Polis dienen, die für das Wohl der Polis nicht zuträglich sind, und Freude in Verbindung mit der Vorstellung guter – auch politischer – Bestrebungen evozieren. Immerhin verlangt Lysistrate am Ende des Dramas, nicht wieder (die gleichen) Fehler zu begehen. Als Fehler ist aber in der Darstellungsart des Aristophanes wohl kaum allein eine äußere Handlung wie der mittlerweile 20 Jahre währende Krieg zu deuten, sondern als fehlerhaft werden die Denkhaltungen und Bestrebungen offengelegt, die in den Krieg oder zu fatalen Entscheidungen geführt haben und nun der Grund dafür sind, dass die Männer nicht aus dem Krieg herausfinden oder wie im Falle des Probulen nicht zum Erreichen eines konkreten Ziels führen. Durch die Worte der Lysistrate, die auf die Fehlerhaftigkeit ihres Handelns hinweisen, scheint an dieser Stelle der Dichter zu sprechen. Jede einzelne Szene entlarvt, wie anzudeuten versucht wurde, eine solche Fehlhaltung, ohne dass die Komödie dadurch eine episodenhafte oder paratagmatische Handlungsstruktur aufweisen muss.

Aristophanes’ Erfüllen seines eigenen poetologischen Anspruchs:

Angesichts dieser Ergebnisse wird Aristophanes’ Lysistrate jedenfalls den Ansprüchen, die er selbst an seine Komödien und an sich als Dichter hat, damit wohl in vollem Umfang gerecht:

(a) Seine Dichtung verfügt über das Potenzial, dem erkenntnisfähigen Zuschauer und damit auch der Polis einen Nutzen zu erweisen, indem sie in den Handlungen der Figuren deren innere Strebetendenzen erkennbar macht. Die Lysistrate (b) lehrt, indem sie an konkreten Strebetendenzen, die 411 v. Chr. unter bestimmten Gruppen in der Polis präsent gewesen sein dürften, vor Augen führt, welche von diesen gut für die Polis sind und welche ihr schaden. Aristophanes’ Darstellungen und Szenen beinhalten (c) nicht allein eine possenreißerische Komik. Vielmehr stellt er possenreißerisch anmutende Späße komischen Darstellungen, die im Dienste eines guten Bestrebens und Ziels stehen, gegenüber. Seine Darstellungen lassen mithin darauf schließen, dass der (d) teils derbe Spott und die derbe Obszönität ihre Funktion auch darin haben, von einer Freude an solchem Spott und solcher Obszönität weg- und zu einer Freude in Verbindung mit dem Erkennen eines guten Ziels hinzulenken. Durch das Korrektiv des komischen Agierens der Lysistrate im Gegensatz zu dem possenreißerischen Sprechen der triebhaften Kalonike wird etwa gerade das triebhafte und libidinöse Streben der Kalonike als unangemessen für ihr eigenes Ziel in der derzeitigen Kriegssituation entlarvt. Analoges kann man auch z. B. für das Handeln des Probulen festhalten. Dies impliziert, dass Aristophanes (e) bei seiner Konzeption einer Komödie darauf geachtet hat, seine Dramenhandlung mit einem ganz bestimmten Erkenntnispotenzial, das im Dienste der Polis und ihrer Bürger stand, zu versehen und seine Handlungskomposition auf dieses Erkenntnispotenzial hin zugeschnitten hat. Die Freude, die die Komik beim Mitverfolgen der Umsetzung von Lysistrates Plan evoziert, macht somit das Erkennen des Guten für die Polis auch als angenehm erfahrbar. Durch dieses Potenzial kann (f) das Urteil des in gewisser Hinsicht urteils- und erkenntnisfähigen Zuschauers im Publikum zum Wohle der Polis geschult werden und ihm dieses Wohl und das Erstreben eines solchen als angenehm erfahrbar machen. 

Aristophanes selbst kann aus dieser Perspektive tatsächlich als ein verständiger und innovativer politischer Dichter beurteilt werden.

Dass auch antike und spätantike Zeugnisse über das Wesen der Komödie und ihrer Wirkung der hier vorgelegten Deutung nicht widersprechen, sondern diese sogar eher unterstreichen, wird in einem zweiten Teil dieses Beitrags noch gezeigt. werden.

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