— von Vera Engels

Seneca ist ein guter Autor für den Schulunterricht. Seine Briefe an Lucilius schlagen eine Brücke zwischen der Antike und unserer Zeit, sie behandeln Fragen und Probleme, die die Jugendlichen ansprechen, und präsentieren die Antworten, die ein lateinischer Philosoph auf diese Fragen und Probleme hat – so können die Schüler vergleichen, was ihre Antworten von Senecas Antworten unterscheidet, und was sie vielleicht auch gemeinsam haben. Lernen von der Antike, angebunden an die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen von heute. Doch, Seneca ist ein guter Autor für den Schulunterricht. Naja, zumindest der halbe Seneca. Denn neben Seneca philosophus gibt es ja auch noch Seneca tragicus. Aber der eignet sich nicht für den Schulunterricht: das Metrum zu schwierig, die Vokabeln zu abwegig, die Themen zu blutrünstig, die Moral der Geschichte zu fragwürdig – und überhaupt, wenn man sich schon mit Tragödien beschäftigen will, dann doch lieber mit den griechischen Originalen, die können das schließlich eh alles besser. 

Das ist zumindest die gängige Meinung, wenn man in die Forschungsliteratur schaut. Im Grunde beschäftigt sich die Literatur zu Senecas Tragödien mit lediglich vier großen Fragen: Wie hängen die Tragödien mit dem politischen Zeitgeschehen zusammen? Waren die Tragödien zur Aufführung gedacht? Wie passen die Tragödien zu Senecas philosophischen Überzeugungen? Und wie schneiden sie im Vergleich mit den griechischen Originalen ab? 

Die erste Frage kann abschließend beantwortet werden mit: Wir wissen es nicht. Seneca hat so wenig über sein literarisches Schaffen verlauten lassen, dass wir nicht einmal wissen, in welcher Reihenfolge seine Tragödien entstanden sind,1  geschweige denn, in welchem Zeitraum. So lassen sich zwar wunderbare Vermutungen anstellen, welche Person des Kaiserhofs sich in welcher Figur der Tragödien wiederfindet, und auf welche Intrige oder welchen Skandal diese oder jene leicht obskure Äußerung in einer Tragödie anspielt – die Parallelen sind sicherlich vorhanden, aber mehr als Vermutungen kann man eben nicht aus ihnen ableiten,2 und für das Verständnis des Stückes ist damit nichts getan. 

Die Aufführungs-Frage wurde (und wird immer mal wieder) kontrovers diskutiert, doch auch hier konnte die Forschung nicht einmal zu einem groben Konsens kommen. Das Fehlen von Regieanweisungen, die Monolog-Lastigkeit der Stücke, die nur erzählte und nicht gezeigte Gewalt, die dennoch plastischen Erzählungen der Gräueltaten, die politische Brisanz der Tyrannentragödien: All diese Punkte werden aufgeführt, unterschiedlich gewichtet, gegeneinander abgewogen – mit dem Ergebnis, dass eine Aufführung aus literarisch-dramatischen Gesichtspunkten gewünscht, angedacht oder auch unmöglich sei, und aus politischer Sicht stattgefunden haben könnte – oder auch gerade nicht. Da hilft es auch nicht, dass das Nationaltheater Mannheim im Jahr 2001 den Beweis angetreten ist und den Thyestes kurzerhand in einer Übersetzung von Durs Grünbein3  auf die Bühne gebracht hat – man kann sich immer noch trefflich darüber streiten, ob diese Aufführung dem Original nahe genug kommt, um Rückschlüsse zu ziehen, und ob das soziokulturelle und politische Klima der damaligen Zeit nicht ein unabdingbarer Faktor in der Frage ist, ob das Stück denn nun auf die antiken Bühnen kam oder nicht.

Die Frage, wie genau Senecas Tragödien zu seinen philosophischen Schriften passen, ist da schon interessanter: Die ‚Antihelden‘ der Rachetragödien sind Figuren, die sich ihren Emotionen hingeben und, getrieben von ungezügelter Wut und Vergeltungssucht, furchtbare Verbrechen begehen, die das gesamte Universum an die Grenzen seiner moralischen Belastbarkeit bringen. Die Verbindung zur stoischen Affekt-Lehre rund um apathia und ataraxia ist augenfällig und auch naheliegend, da es sich ja – anders als Sidonius Apollinaris vermutet hatte – bei Seneca tragicus und Seneca philosophus doch um ein und denselben Autor handelt. Doch Sidonius’ Vermutung kommt nicht von ungefähr: Zu krass ist der Erfolg der anti-stoischen Antihelden, zu absolut ihr Triumph über ihre Gegenspieler – um die Tragödien als stoische Lehrstücke gelten zu lassen, dürfte sich für die überemotionalen Antihelden kein Erfolg einstellen, oder er müsste zumindest einen schalen Beigeschmack haben. In Senecas Tragödien – keine Spur davon: Ein zerstörter Kosmos hält Atreus nicht davon ab, den Triumph über seinen verhassten Bruder auch rhetorisch bis ins Letzte auszukosten, und Medea entkommt nach ihrem Königs-, Prinzessinnen- und zweifachen Kindermord ungestraft in einem Sonnenwagen mit zwei Drachenstärken – das ist keine Flucht ins Exil, sondern der Beginn ihres ganz persönlichen Triumphzugs. 

Wo bleibt da die stoische Moral? Wie kann man dem Kaiser einen tragischen Tyrannen als mahnendes Beispiel vor Augen führen, wenn der tragische Tyrann am Ende als strahlender Sieger dasteht, unangefochten von menschlichem und göttlichem Gesetz? Die Forschung tut sich dementsprechend schwer mit ihrem Urteil: Manche Wissenschaftler streiten den philosophischen Zusammenhang ab oder beschränken ihn auf bestimmte Teile der Tragödien,4 andere finden die Verbindung zu Senecas philosophischen Schriften in genau den Textteilen, die andere für hinderlich in Bezug auf die stoische Interpretation halten5 – nur in einer Hinsicht sind die meisten Forscher sich einig: Als stoische, philosophisch wirklich relevante Schriften eignen sich die Tragödien nicht.

Ein ähnlich negatives Urteil fällen die Forscher, die Senecas Tragödien nicht als philosophische, sondern als tragische Texte untersuchen. Auch wenn es ästhetisch betrachtet ein paar positive Aspekte gibt, bleiben die Tragödien doch weit hinter ihren griechischen Vorgängern zurück: Die Figuren sind psychologisch unglaubwürdig, die Dialoge gestelzt,6 und jede Szene behandelt das tragische Kernproblem so umfassend, dass es gar nicht erst zu einem allmählichen Aufbau dramatischer Spannung kommen kann.7 So sind die einzelnen Szenen zwar spannend zu lesen, aber „der ganze Seneca“8 kann eben doch nicht gegen die griechischen Originale bestehen. Oder, krasser formuliert: Seneca ist nur dann gut, wenn er die Griechen nachahmt.9

Sowohl der Vergleich mit den philosophischen Texten als auch der mit den griechischen Vorgängern birgt ein Problem in sich: Die verglichenen Texte passen nicht zueinander, denn Senecas Tragödien sind nun mal keine philosophischen Schriften, und von den Griechen trennen sie ein paar Jahrhunderte literarischer und politischer Entwicklung. Die andauernden Versuche, Senecas
Tragödien über inhaltlich oder zeitlich fernere Texte einzuholen, hängen damit zusammen, dass diese Tragödien ziemlich alleine in der literarischen Landschaft herumstehen, die uns in die heutige Zeit überliefert wurde: Seneca war bei weitem nicht der einzige tragische Dichter seiner Zeit,10und er konnte auf eine lange Tradition römischer Tragödiendichtung zurückblicken,11die sich schon in Zeiten der Republik mit der Tragoedia praetexta von ihren griechischen Vorbildern emanzipiert hatte – nur sind uns von diesen Texten leider nur winzige Fetzen erhalten, und so können selbst die kühnsten Forscher keine stringente Theorie zu Formsprache und dramatischer Struktur der römischen Tragödie entwickeln, an der man Senecas Texte messen könnte. Aber aus diesem Kontext heraus ist dann gar nicht mehr so erstaunlich, dass die Tragödien in der Forschung lange Zeit abgewertet wurden: Sie werden an Maßstäben gemessen, die für andere Texte, andere Textsorten entwickelt wurden. Alles, was an Senecas Tragödien anders ist, ist damit automatisch auch schlechter, denn es entspricht nicht den formalen und inhaltlichen Anforderungen – allerdings, denen der anderen Texte. 

So kann im intertextuellen Vergleich schon mal untergehen, welche rhetorische Wucht sich in den Tragödien versteckt – ein Beispiel: In der Tragödie Thyestes unterhält sich der Herrscher Atreus mit seinem Diener darüber, welche Reaktion seine Rache wohl beim Volk hervorrufen wird. Dabei entwickelt sich folgender Dialog: 

[Satelles] Fama te populi nihil / adversa terret? [Atreus] Maximum hoc regni bonum est, / quod facta domini cogitur populus sui / tam ferre quam laudare. [S] Quos cogit metus / laudare, eosdem reddit inimicos metus. / at qui favoris gloriam veri petit, / animo magis quam voce laudari volet. / [A] Laus vera et humili saepe contingit viro, / non nisi potenti falsa. 

[Diener:] Und die Stimmung des Volks gegen dich macht dir keine Angst? [Atreus:] Dies ist das höchste Gut der Königsherrschaft, dass das Volk gezwungen ist, die Taten seines Herrschers sowohl zu ertragen als auch zu loben. [D] Wen die Angst zwingt zu loben, den macht sie auch zum Feind. Wer aber den Ruhm wahrer Zuneigung begehrt, will lieber mit dem Herzen als mit der Stimme gelobt werden. [A] Echtes Lob wird auch einem einfachen Menschen oft zuteil, aber falsches Lob nur dem Mächtigen.

Ist das ein guter, elegant geschriebener Dialog? Nein – so spricht kein Mensch, die Dialogpartner (insbesondere Atreus) gehen nicht aufeinander ein, und es findet keine Entwicklung bei den Figuren statt. Ist die Stelle philosophisch interessant? Nun ja: Atreus’ moralischer Kompass als Herrscher ist erschreckend verdreht, aber da er – aus diesem Gespräch und dem Stück insgesamt – als Sieger hervorgeht, kann man ihn nicht wirklich als Negativbeispiel verwenden, denn er ist trotz (oder wegen?) dieser Verdrehtheit unheimlich erfolgreich. Aber dieses Erschreckende, das Unbehagen, das den Leser/Zuhörer/Zuschauer packt, wenn er diese Szene vor sich hat – das liegt nicht allein an Atreus’ moralischer Verkommenheit. Es ist die Art, wie Atreus seine Überzeugungen präsentiert: lapidar, schnörkellos, fast schon ‚unrhetorisch‘ – und gerade deshalb wie eine wuchtige Ohrfeige. Atreus wird zum aalglatten Fels, an dem jede Kritik, jedes Argument abperlt. Auch wenn er später mit Doppeldeutigkeiten und absichtlichen Missverständnissen spielt und damit ein vielschichtiger Intrigant wird – hier zeigt uns Seneca, dass das Böse auch ganz einfach, ganz konkret daherkommen kann: Und das ist in seiner Absolutheit fast noch erschreckender als der Ränkespieler, den wir später im Stück sehen.

Senecas Tragödien besitzen eine ganz eigene Ästhetik des Schreckens, die weder durch die Bezugnahme auf philosophische Schriften, noch durch den Vergleich mit den griechischen Vorgängern klar zutage treten kann. Die moderne Senecaforschung ist sich dieses Phänomens bewusst geworden und hat ihm einige interessante Schriften gewidmet: Als anregende Lektüre (vielleicht nicht unbedingt vor dem Schlafengehen) gäbe es zum Beispiel Alexander Kirichenkos Untersuchung zum Zusammenhang zwischen Sprache und Visualisierung von Gewalt, Antje Wessels’ Buch über ästhetische Gewalt in Senecas Tragödien, und Kathrin Winters Abhandlung zu der in Kommentaren oft erwähnten Inszenierung des Bösen als Kunstwerk, auf die man in den Tragödien immer wieder stößt.12 

Nun sind diese Bücher in ihrer Gesamtheit leider zu dick – und, geben wir es ruhig zu, auch inhaltlich etwas zu umfangreich –, um als ergänzende Schullektüre dienen zu können. Kann man die Tragödien trotzdem im Schulunterricht verwenden? Ich denke, ja – wenn man das Ziel des Lateinunterrichts etwas weiter begreifen möchte, als die meisten Lehrpläne es im Moment tun. Die Tragödien sind zwar nur bedingt dazu geeignet, etwas über stoische Philosophie zu lernen, und vermitteln (hoffentlich) auch kein treffendes Bild der römischen Lebenswelt – aber sie zeigen uns, wozu Literatur als Kunstform fähig ist, welch großartige Charaktere und Szenarien der Dichter Seneca entwickeln konnte. Eigentlich sind die Tragödien von Seneca ein bisschen Filme von Quentin Tarantino: Man schaut sie sich nicht an, weil sie besonders realistisch wären, und sie sagen nur sehr versteckt etwas darüber aus, wie ein Mensch oder unsere Gesellschaft funktioniert. Aber wenn man sich von der dargestellten Gewalt und Brutalität der Charaktere nicht abschrecken lässt, zeigt sich in ihnen ein hoher künstlerischer Anspruch, und wenn man aus dem Kino kommt oder das Buch zuschlägt, ist man vielleicht nicht schlauer, hatte aber trotzdem jede Menge Spaß. 

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