— von Klaus Bartels

Vom Doppelwettkampf eines „Biath-lon“ mit Langlauf und Schiessen reicht das Alphabet der lateinischen Bi-Komposita über die alle zwei Jahre gefeierte „Biennale“, die „zweiseitigen“, zwischen zwei Seiten geschlossenen „bilateralen“ Verträge bis zum „zweiköpfigen“, doppelt am Gelenk angesetzten „Bizeps“ hinüber. Italienische und französische Zahlenakrobaten haben die mille, die „tausend“, durch zweimaliges Potenzieren erst zur „Million“ und dann zur „Billion“ erhoben, und jüngst haben sich diesen hergebrachten Zweier-Kombinationen noch der zweiteilige „Bikini“, ein Kuckucksjunges im Nest, und das aus dem binary digit zusammengezogene „Bit“ samt dem „Bitcoin“ hinzugesellt. Zweier-Kombinationen? Das ist eigentlich schon doppelt gemoppelt; zum Kombinieren gehören, wenn wir das Wort beim Wort nehmen, allemal genau zwei.

Die kaufmännische „Bilanz“, gleich neben den „Bilateralen“, entschlüsselt sich nicht ganz so leicht. Hinter dem „Bi-“ steht wie in allen diesen Wörtern das Zahlwort bis, „zweimal, zweifach“; alten Lateinern kommt hier der Merkvers „Semmel biss der Kater“ für die Reihe semel, bis, ter, quater, „einmal, zweimal, dreimal, viermal“, in den Sinn. Für den Rest, das „-lanz“, bietet das Schulwörterbuch zwei Anklänge zur Wahl: zunächst die lancea, die „Lanze“, und dann die lanx mit dem Genitiv lancis, eine flache „Schale“. Aber keine Frage: Ein Jahresabschluss von Soll und Haben kann es doch kaum mit zwei Lanzen, sondern einzig mit zwei Schalen zu tun haben. Grössere Lexika verzeichnen denn auch eine spätlateinische, selten bezeugte bilanx libra, eine „zweischalige Waage“, oder kurz bilanx, eine „Zweischalige“, wie die unbestechlich Pro und Contra, Schuld und Unschuld abwägende Justitia sie vor sich her trägt.

Im Mittelalter ist die spätantike Prägung zunächst in Gestalt einer bilancia und später noch eines kaufmännischen bilancio ins Italienische und in Gestalt einer balance ins Französische gelangt; im 17. Jahrhundert ist das Wort dann in beiderlei Lautgestalt über die italienische Kaufmannssprache als „Bilanz“ und über die französische Artistensprache als „Balance“ ins Deutsche gekommen. Das anschauliche Bild einer solchen Waage mit ihren beiden Waagschalen und dem Zünglein dazwischen passt ja gleicherweise stimmig zu der kaufmännischen Bilanz eines Jahres- oder Quartalsabschlusses, zu der artistischen Balance eines Seiltänzers und zu der politischen Bilanz oder auch Balance einer ersten Hundert-Tage-Amtszeit oder eines ersten Präsidentschaftsjahres, wo dann hier die Wahlversprechen und dort das „Gelieferte“ auf die Waage, in die Schalen kommen. 

Zu diesen lances, diesen flachen „Schalen“, noch ein Nachgedanke: Wenn es jetzt um die Bilanz der Bilateralen geht und eine Partei dazu eine eidgenössische Initiative „lanciert“ – bedeutet das, dass die Initianten ihren zwischen Soll und Haben, Für und Wider ausbalancierten Textentwurf dem Souverän wenn schon nicht gleich auf der Waagschale selbst, so doch sonst einer edlen „Schale“ servieren? Schön wär’s ja, und so fein gesittet hatte ich mir dieses „Lancieren“ lange Zeit bildhaft vorgestellt, bis eine Zufallsbegegnung mit dem spätlateinischen lanceare, „(eine Lanze) schwingen, schleudern“, die Brücke von jener lancea zum französischen lancer schlug und mich unversehens eines Besseren und Gröberen belehrte. Eine Initiative „lancieren“: das klingt so behutsam. Aber nichts von lanx und Silberschale, nichts von Waage und Balance: Da wird der Initiativtext vielmehr auf eine Lanzenspitze gespiesst und in hohem Bogen auf den Bundesplatz und unters Stimmvolk geschleudert ...

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