— von Andreas Wenzel

»In nova fert animus mutatas dicere formas corpora.«

Der römische Dichter Ovid, der wahrscheinlich vor 2000 Jahren im antiken Tomis im zehnten Jahr seiner relegatio verstorben ist, bildete den inhaltlichen Bezug eines groß angelegten Projektes, das das Berliner Goethe-Gymnasium vom 12. bis 15. Juli 2017 durchführte. Und wenn Ovid auf dieses Projekt zu seinem Andenken blicken konnte, wäre er auf seinen Nachruhm sicherlich sehr stolz. Eine hervorragende Dokumentationsgruppe hat während der Tage eine Vielzahl der Projekte begleitet und dokumentiert1.

Wie begegnen heutige Schülerinnen und Schüler dem Dichter?

Dass Schülerinnen und Schüler durchaus einen eigenen Zugang zum Dichter und seinem Werk finden können, belegen z.B. die Artikel „Gangster Ovid“ und „Famer-Boy Ovid“. Da empfiehlt Ovid seinen Lesern, niemals nach Sulmo zu gehen – wegen der „arschkalten Gewässer“, die nicht als „Strandurlaubsort“ geeignet sind. Er war aus eigener Sicht nicht „krass das coole Kind“, aber sein Vater zwang ihn und seinen Bruder, „zur Schule zu gehen, um bei Klugscheißern zu lernen, die voll die Skills hatten“. „Ich war schon immer der rebellische Bruder. Ich wollte schon immer lieber Schriftsteller werden und nicht, wie meine Eltern meinten, mir einen richtigen Job suchen.“ Auch die Persönlichkeit des Dichters haben die Schülerinnen und Schüler gut getroffen: „Ich bin eigentlich voll der Weichling und werde auch schnell aus der Ruhe gebracht, aber jedes Mal, wenn ich verkackt habe, bin ich ausgerastet und hab' es abgefackelt.“ Wir können eigentlich dankbar sein, dass Ovid das nicht immer realisiert hat.

Gegenüber seinen dichtenden Zeitgenossen hatte er ein gesundes Selbstbewusstsein: „(…) mein Freund Properz nervte mich manchmal mit seinen Schnulzen, war aber trotzdem ein guter Kumpel. Horaz war echt abgefahren mit seiner Sprache. Vergil und Tibull waren wahrscheinlich auch ganz gut, doch kamen sie nicht in den Genuss, mich kennenzulernen. Ich bin vielleicht der Jüngste, aber trotzdem der Beste.“

Dass ihn aber die relegatio sehr getroffen hat, haben auch die Schülerinnen und Schüler nachempfunden. Der Tod der Eltern bewahrte ihn davor, dass sie um ihn getrauert hätten; vielleicht hätten sie „mich angeschrien“, obwohl der Grund für das Urteil „kein Verbrechen, sondern bloß ein Irrtum war.“ Oder der Grund war „Top secret.“ Am Verbannungsort „(…) verstand mich eiskalt niemand und hier war echt nichts los.“ „Trotzdem schreibe ich weiter. Die Frauen dort inspirieren mich sehr. Ich bin jetzt schon der größte Dichter des Jahrhunderts.“

„Verwandelte Gestalten“ – „neue Körper“

Seine Gestalten – die bekannten und weniger bekannten Personen seiner Metamorphosen – sind in diesen Tagen in neue Körper wieder verwandelt worden. Dass dies in so besonderer Weise und sehr beeindruckend gelungen ist, ergab sich aus den sehr unterschiedlichen und mitunter faszinierenden Zugängen zu Ovids Werk: Mathematiker, Naturwissenschaftler, Künstler und Musiker, aber auch die modernen Fremdsprachler entdeckten in seinem Werk Anknüpfungspunkte zu den eigenen Fächern und gewährten dadurch uns Philologen überraschende Quereinblicke in sein Schaffen.

Die Genese des Projekts

Vor über einem Jahr kreierte der FB Alte Sprachen der Schule die Idee für dieses Projekt. Aus einer zunächst eher unverkrampften Herangehensweise konkretisierte sich in den Folgemonaten die Zielsetzung: Die Grundidee war, dass alle Fachbereiche der Schule, unterstützt und begleitet von den Kollegeninnen und Kollegen des FBs Alte Sprachen, dazu eingeladen wurden, sich unabhängig von ihren persönlichen Vorkenntnissen, aus dem Blickwinkel ihrer Fächer mit Leben und Werk des Dichters auseinanderzusetzen. Jeder, der an seiner eigenen Schule Projekttage (mit)organisiert hat, weiß um den zeitlichen und organisatorischen Vorlauf, der dafür notwendig ist. Nach ersten informellen Gesprächen innerhalb des Kollegiums, nach der Information von Eltern und Schülern über die konkreteren Planungen, wurde die Idee und die Umsetzung von vielen mit großem Engagement mitgetragen und vorangebracht. Anfang Mai 2017 befasste sich das Kollegium im Rahmen eines Studientages sehr intensiv mit dem Dichter. Die einzelnen Projektplanungen wurden in der Regel in Kollegenteams ausgearbeitet und festgeschrieben. Die Projektliste, in die sich bis Anfang Juli die Schülerinnen und Schüler entsprechend ihrer Altersgruppe eintragen konnten, umfasste mehr als 20 Einzelprojekte: Ein bunter und facettenreicher Strauß von Ideen, die während der drei Tage dann umgesetzt worden sind.

Das Scriptorium

Eines der Projekte, das Scriptorium, ist in besonderer Weise hervorzuheben. Der Kartenraum der Schule wurde durch drei Kolleginnen in Teilen zu einer mittelalterlichen Schreibstube umgestaltet: Ein kleiner Tisch, eine Lampe, eine Textvorlage der „Metamorphosen“ auf einem Pult; Vorhänge, ein Ziegenfell als Teppich, ein großes Brett mit einer Papierrolle im Stile eines antiken Buches und Schreibmaterial. Eröffnet wurde das Scriptorium bereits am 17. März 2017.

Die Idee dazu fand der FB auf einer Radtour nach Ankershagen zum dortigen Schliemann-Museum. Gegenüber dem Museum liegt eine Kirche, in der ein Buch ausliegt, in das die Gäste ihre Lieblingsverse aus dem Alten oder Neuen Testament eintragen können. 

Alle Lehrerkräfte, die Schülerschaft und Gäste der Schule sind seitdem eingeladen, bis zum Ende des Kalenderjahres soweit wie möglich die „Metamorphosen“ abzuschreiben.

Die ersten zwei Bücher konnten während der Projekttage bereits in Kopie in den Gängen der Schule präsentiert werden. 

Die eigentlichen Projekttage

Von Mittwoch, dem 12.07., bis Freitag, dem 14.07.2017, haben sich die Schülerinnen und Schüler und die sie betreuenden Lehrerkräfte in der Kernzeit von 9.00–14.00 Uhr in der Schule getroffen, um die geplanten Projekte umzusetzen. Da wurde recherchiert, gezeichnet, gebastelt, geschrieben, aufgenommen und geprobt. Einige Gruppen nutzten in diesen Tagen die reichhaltigen Angebote der Berliner und Potsdamer Kulturlandschaft, um Recherchen vor Ort vorzunehmen – in der Gemäldegalerie, im Zeiss-Großplanetarium am Prenzlauer Berg und in Sanssouci. Die Endprodukte sollten dann am Sonnabend, dem 15.07.2017, im Rahmen des traditionellen Sommerfestes der Schule präsentiert werden. Frau Prof. Dr. Melanie Möller (Latinistin an der FU Berlin) konnte dankenswerterweise gewonnen werden, am Abend des ersten Projekttages in einem sehr unterhaltsamen Vortrag anschaulich und verständlich Eltern, Schülern, interessierten Laien und Kollegen den „Magier“ Ovid näherzubringen. 

Umrahmt wurde der Vortrag durch drei exzellente musikalische Beiträge von Schülerinnen und Schülern auf dem Klavier.

Die Präsentation der Projekte am 15.07.2017

Das traditionelle Sommerfest der Schule bot schließlich den äußeren Rahmen für die Präsentation der AG-Ergebnisse. Es war beeindruckend, mit welch großem Engagement und Ideenreichtum die Schülerinnen und Schüler ihre Ergebnisse darboten: nachdenklich-besinnlich, teils fröhlich-witzig, aber immer hörens- und sehenswert. Hier eine Auswahl zu treffen, hat nichts mit mangelnder Wertschätzung gegenüber den anderen Projekten zu tun, sondern nur mit den begrenzten Möglichkeiten eigener Anschauung. 

In selbst gedrehten Stop-Motion-Filmen z.B. (Biologie und Kunst) schufen die Schülerinnen und Schüler aus Knete und anderen Materialien ihre Interpretationen von Ovids Verwandlungssagen. Hierfür wurden sie anfangs in den Umgang mit der App „Stop-Motion“ eingeführt. „Ein Stop-Motion-Film besteht wie ein richtiger Film aus einzelnen Bildern von unbewegten Objekten, die sich nur minimal voneinander unterscheiden, z. B. verändert sich eine Armhaltung“. Die App setzt dann die einzelnen Aufnahmen zu einem kleinen Film zusammen, der dann eine Abfolge von schnellen Bewegungen simuliert. Vergnügliche Figuren wie Daphne wurden geschaffen, die sich entsprechend dem Mythos in einen Lorbeerbaum verwandelte. Oder Midas, der alles, was er berührte, zu Gold machte. 

„Sintflut und Klimawandel“: Am Anfang dieses Projektes stand ein blaues Plakat. Ein Wandel findet statt, wenn sich das Klima auf seine Umgebung so auswirkt, dass es Naturkatastrophen auslösen kann. Und was geschieht, wenn es heute eine Sintflut gibt? Der erste Ansatz der Schülerinnen und Schüler war, die entsprechende Erzählung bei Ovid nachzuvollziehen: Deukalion und Pyrrha haben die Flut überlebt und durch das Werfen von Steinen eine neue Generation von Menschen geschaffen. Am Ende stand ein Vergleich mit der Erzählung aus dem AT, in der Noah Menschen und Tiere in seiner Arche versammelte.

„Ovid begleitet uns durchs Jahr“: Der Grundgedanke dieses Projektes war, dass die Schülerinnen und Schüler einen Kalender gestalteten, der im ersten Teil auf die Fasti und im zweiten auf Ausschnitte aus anderen Werken Ovids zurückgriff. Die Textgrundlagen nahmen die beteiligten Schülerinnen und Schüler zum Anlass, ihr Kalenderblatt entweder als Bildcollage oder zeichnerisch zu gestalten. Die schön gestalteten Kalender wurden auf dem Sommerfest dann in Schwarz-Weiß-Kopien verkauft.

Ovids Werke wirken nicht nur literarisch, sondern in den Naturwissenschaften fort. In einem anderen Workshop, „Ovid als Schatzkammer für die biologische Nomenklatur“, wurde dies mit den Schülerinnen und Schüler erarbeitet. Für die Schülerinnen und Schüler war es vielleicht eine interessante Erkenntnis, dass das Tagpfauenauge den biologischen Namen „Inachis Io“ trägt. Ein Teilnehmer der Gruppe erläutert es so: „Ovid hat in den Metamorphosen Personen beschrieben, wie zum Beispiel die Tochter des Inachus, und jetzt gibt es auch einen Falter, der sieht so aus wie die Tochter des Inachus.“ Da Io bekanntermaßen in eine Kuh verwandelt worden ist (–> die Augen auf dem Schweif eines männlichen Pfaus sind ja bekanntermaßen die des Argos), ist die Ableitung plausibel. Es ging sicherlich in dem Projekt nicht um den einen Einzelfall, sondern um die enorme Wirkungskraft Ovids in der Geistesgeschichte; für die Schülerinnen und Schüler war das Ergebnis, wo überall Ovids Werk eine Spur hinterlassen hat, wohl das Spannendste.

Der Mythos von Pygmalion wurde getanzt! „Der Weg ist das Ziel“, so das Motto der Kursleiterinnen. Ovid beschreibt im Grunde genommen eine „umgekehrte“ Metamorphose, aus einer Skulptur werde nämlich eine lebendige Person. Für die Choreographie wurde die Musik des amerikanischen Komponisten Philip Glass eingesetzt. 

Wie entstand unsere Welt? Dieser Frage gingen Schülerinnen und Schüler in einem Projekt nach, das sich vergleichend mit den Schöpfungsmythen auseinandersetzte. Anfangs beschäftigte sich die Projektgruppe mit den Begriffen „Schöpfung“ und „Mythos“, und die Teilnehmer verglichen die Schöpfungsmythen verschiedener Kulturen miteinander. Abgerundet wurde das Projekt mit einem Besuch im Planetarium in Prenzlauer Berg, um die wissenschaftliche Perspektive kennenzulernen.

Ein Renner auf dem Sommerfest war die „Römerzeitung“, ein Renner deshalb, weil die betreuende Kollegin den ganzen Vormittag damit beschäftigt war, weitere Exemplare zu kopieren. Können Schülerinnen und Schüler eine Tageszeitung mit all ihren Informationen erstellen, wie sie vielleicht zu Zeiten Ovids, konkret zum Zeitpunkt seiner Verbannung, erschienen wäre? Offenbar ist das gelungen! Dem Bericht der Dokumentationsgruppe zufolge arbeiteten die Schülerinnen und Schüler der Unterstufe sehr konzentriert an ihren Artikeln, die Informationen zu vielen Bereichen des antiken Alltags zusammenstellten: „Wir hoffen, dass alle Projekte fertig werden, weil wir zwar schon fertig sind, alleine die Zeitung aber nicht herausbringen können.“ Die Schülerinnen und Schüler haben schon früh etwas über den Autor Ovid erfahren: „Dass Ovid verbannt wurde, wahrscheinlich weil er Augustus kritisiert hat. Weil er immer seine Meinung gesagt hat. Augustus wollte, dass man nur Gutes über ihn schreibt, aber Ovid hat das nicht gemacht.“

Für den Mathematiker sind Fraktale vielleicht nichts Außergewöhnliches, aber für den Philologen? „Dies sind graphische Figuren, die entstehen, wenn man durch Iteration das Ergebnis einer Gleichung wieder in die Ausgangsformel einsetzt. Die Ergebnisse stellt man z.B. in einem Koordinatensystem dar. Legt man nun fest, dass Punkte, die sich der Unendlichkeit annähern, mit einer bestimmten Farbe markiert und Punkte, die gegen Null streben, mit einer anderen Farbe dargestellt werden, so ergeben sich in dem scheinbaren Chaos aus Zahlen eindeutige Strukturen, die als Fraktale bezeichnet werden.“

Für eine szenische Aufführung der Handwerkerszene (es geht um den Mythos von Pyramus und Thisbe) aus Shakespeares „Sommernachtstraum“ gab es zwei Projekte. Während sich das eine Projekt („Playing with Ovid and Shakespeare“) um eine szenische Darbietung kümmerte und dies mit einfachen Mitteln und großer Begeisterung nachspielte, trafen sich andere Schülerinnen und Schüler unter dem Titel „Stoffbändiger“ in einer Gruppe, um hierfür eigenhändig und mit „ganz viel Fingerspitzengefühl“ die Kostüme nach den Wünschen der Darsteller herzustellen. Grundlage waren hier wie in allen Projekten zunächst die entsprechenden Textgrundlagen. Dann „haben wir einfach mal losgelegt“! Auch hier war das Ergebnis – sowohl von der Kostümierung her als auch vom Spiel der Schülerinnen und Schüler - wirklich beeindruckend.

Weitere Projekte befassten sich mit der Geographie des antiken Tomis oder mit Christoph Ransmayrs Roman „Die letzte Welt“, der in einer digitalen Präsentation interpretiert wurde; eine Gruppe von Unterstufenschülern stellten unter dem Titel „Verwandlungen in Ton“ Szenen der Metamorphosen – Arachne und die Lykischen Bauern - in Ton, Keramik und Holz dar.

Fazit: 

Der Aufwand, der für ein solches Großprojekt notwendig ist, hat sich definitiv gelohnt! Der Fachbereich Alte Sprachen hat sich auf ein großes Wagnis eingelassen, aber die Mitarbeit so vieler Beteiligter – ob nun Eltern, Schülerinnen und Schüler oder Kollegen, haben uns nicht nur unterstützt, sondern das gesamte Projekt zu einem großen Erfolg werden lassen.

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