— von Christian Badura

Dies fasti und nefasti – das sind die juristischen Bestimmungen von Tagen im römischen Kalender, die ihm seinen Namen geben. An ersteren durfte „gesprochen“ (fari) werden, d.h. der Prätor durfte seines Amtes als Gerichtsherr walten und die Formel do, dico, addico aussprechen:1  Diese „Spruchtage“ waren für Advokaten und Rhetoren, was wir heute „Werktage“ nennen. Auch die moderne Bezeichnung „Kalender“ ist römisch, wie unser heutiges westliches System der Zeitrechnung des Jahres, aber in ihrer Etymologie erst sekundär abgeleitet vom kalendarium, dem „Schuldbuch“ der Geldverleiher. Als Vorfahre unserer Taschenkalender verzeichnete dieses ein Fälligwerden der Schulden immer am Monatsersten, den Kalenden, die neben Nonen und Iden die wichtigsten Strukturtage des römischen Monats waren. Das Bedeutungsspektrum des Wortes wurde bis zu unserem „Kalender“ immer mehr metonymisch erweitert. Auch die Kalenden waren dabei zunächst, zumindest noch in der Königszeit, Ereignisse regelmäßiger Sprechakte, da an diesen Tagen der rex sacrorum je nach Erscheinen des Neumondes „ausrief“ (cf. griech. καλῶ), ob die Nonen des jeweiligen Monats auf den 5. oder 7. Tag fallen würden.

Ist all das, mag manch eine(r) sich jetzt fragen, nicht viel zu technisch für ein Gedicht des praeceptor amoris, des Ovid der Amores und Ars amatoria? Mitnichten, denn genau diese iura dierum werden zu Beginn der Fasti abgehandelt (1.45–62). Gewiss, sie werden nur kurz durchgegangen, um, wie es heißt, den Reigen an mythischen Aitiologien und Episoden aus allen Phasen der römischen Geschichte nicht zu unterbrechen (ne seriem rerum scindere cogar, 62).2 Aber die Ordnung und Entstehungsgeschichte des Kalenders bleibt durchweg ein wichtiges Thema dieses Lehrgedichts über römische Feste, die tempora cum causis Latium digesta per annum / lapsaque sub terras ortaque signa [canam] (ibid., 1 f.). Immer wieder wird das Wissen über den Kalender in den Vordergrund gerückt, wozu als wichtigste Erkenntnisformen die in hellenistischen Texten so prominenten Techniken der Etymologie und der Aitiologie dienen. Die Ableitung der Sache aus dem Wort, wie sie Kallimachos, Varro und viele andere vorführen, gibt auch in Ovids Text und dort gerade in der Frage nach den Monatsnamen an jedem der sechs erhaltenen Buchanfänge Anlass zu weitschweifigen Diskussionen und Streitfällen: Während die Lage der Herkunft der Monatsnamen für Januar, Februar und März noch klar ist (die ianua, das februum [ein Ritual der Reinigung], der Gott Mars), scheiden sich die Geister bzw. Musen (zu Beginn von Buch 5) und Göttinnen (zu Beginn von Buch 6) in der Frage nach den anderen Namen: Der Aprilis könnte, wie etwa Varro es will, von aperire abgeleitet sein, einer „Öffnung“ des Jahres im Frühling also ihren Namen geben. Aber der praeceptor amoris lässt seine „wahre“ Identität als Anhänger der Liebesgöttin und -dichtung dann doch wieder durchblicken, wenn er diese Meinung zwar referiert, sich aber entschieden gegen sie positioniert (Fasti 4.85–90):

quo non livor abit? sunt qui tibi mensis honorem   85

eripuisse velint invideantque, Venus.

nam, quia ver aperit tunc omnia densaque cedit

frigoris asperitas fetaque terra patet,

Aprilem memorant ab aperto tempore dictum,

quem Venus iniecta vindicat alma manu.                90

Wohin reicht der Neid nicht? Es gibt Leute, die dir die Ehre des Monats entreißen wollen und dir neiden, Venus. Denn, weil der Frühling dann alles „öffnet“ und die dichte Schroffheit der Kälte weicht und die trächtige Erde offensteht, mahnen sie, dass der April nach der „geöffneten Zeit“ benannt ist, den aber doch die sanfte Venus mit auferlegter Hand beansprucht. (Übers. d. Verf.)

Ovid beharrt auf der Matronage der Venus-Aphro-
dite über den April und kann sich dabei auf eine ebenfalls bei Varro überlieferte Debatte beziehen – wobei die sprachübergreifende Katachrese (Aprilis > Ἀφροδίτη) aus linguistischer Sicht freilich nicht zulässig ist und auch dem römischen Auge und Ohr recht gezwungen erscheinen musste. Dass bei dieser Entscheidung, wie im Proöm zum vierten Buch sehr deutlich wird (so in Fasti 4.8 an Venus: tu mihi propositum, tu mihi semper opus), vor allem poetologische und werkbiographische Überlegungen und Ansprüche im Vordergrund stehen, dürfte bei einem Autor, der seine Inhalte immer mit Gattungsfragen aufzuladen weiß, nicht überraschen.

In den folgenden Büchern, die Maius und Iunius behandeln, ist die Lage noch komplizierter: Ist der Name des Mai von den maiores abgeleitet (wie es die Muse Polyhymnia will), von der allegorisch dargestellten maiestas der Götter und Menschen (nach Meinung der Urania), oder von Maia, der Mutter des Hermes/Merkur (was von Kalliope vorgetragen wird)? Ovid legt sich in diesem Fall genauso wenig fest wie in der Frage nach der Herkunft des Namens „Juni“, auch wenn die Göttermutter Juno neben Hebe/Iuventas, die für die iuniores votiert, und Concordia, der, ihrem eigenen, Harmonie verheißenden Namen getreu, die Ableitung von iungere am plausibelsten erscheint, sicher den gewichtigsten Platz besetzt. Ganz im Sinne der Mehrfach-Aitiologie, die sich nicht entscheiden muss, erinnert der didaktische Sprecher an das Parisurteil und dessen verheerende Folgen (Fasti 6.97–100):

dicta triplex causa est. at vos ignoscite, divae:

res est arbitrio non dirimenda meo.

ite pares a me. perierunt iudice formae

Pergama: plus laedunt, quam iuvat una, duae.             100

Das dreifache Aition wurde besprochen. Aber verzeiht mir, ihr Göttinnen: Die Angelegenheit ist durch mein Urteil nicht zu entscheiden. Geht gleichauf von mir fort. Troja ging durch den Richter über die Schönheit zugrunde: Zwei schaden mehr, als eine hilft. (Übers. d. Verf.).

Ovid verknüpft in den Fasti, das wird an diesen Beispielen ersichtlich, die schwierigen Fragen der Namensableitungen, wie auch die vieler anderer Phänomene des römischen Festjahres und seiner Rituale, mit der antiken Literaturgeschichte und seinem eigenen Werk. Die Dichtung mit ihren Bildern und Verfahren, ihren Formen und Ansprüchen hat in der Präsentation des Wissens um den römischen Kalender in diesem einzigartigen Text eine ebenso laute Stimme wie die römische Tradition der antiquarischen Erforschung von Bräuchen und Festen, Namen und kulturellen Ordnungsmustern.

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