— von Josef Rabl

Können Sie sich vorstellen, dass in zweitausend Jahren nichts mehr vom Hamburger Hafen übrig ist, keine Kaimauern, keine Lagergebäude, keine Überreste von Schiffen, Verladetechnik oder Ladung?

Für die alten Zeiten scheint das so zu sein: Es gibt keinen antiken Hafen, der heute noch unverändert in Benutzung wäre, denn das Ende der Antike war auch das Ende der Häfen. Aber warum eigentlich gibt es die antiken Häfen heute nicht mehr? Warum sind in vielen Städten und europäischen Regionen antike Bauwerke bis heute mehr oder weniger gut erhalten, während gerade von den kostspieligen und mit großem Aufwand errichteten Hafenanlagen nichts mehr zu sehen? Diese Fragen stellt sich die Autorin am Schluss ihres Buches (S. 196–203) und nennt vielfältige Gründe für den Untergang von Häfen: Gewaltsame Zerstörung, politische und wirtschaftliche Veränderungen, Naturkatastrophen wie Erdbeben, die zu Veränderungen des Wasserpegels führten, oder Wind und Wellen, die eine schleichende Verlandung brachten, oder den fehlenden Willen für neue Investitionen und notwendige Reparaturen. Viele Häfen sind offensichtlich spurlos verschwunden, neue Methoden der Luftbild- und der Unterwasserarchäologie bieten allerdings die Chance, verborgene bauliche Reste wiederzuentdecken.

Das vorliegende Buch bietet einen Einstieg in die Beschäftigung mit dem Forschungsgebiet der antiken Häfen. Dafür werden die wichtigsten Häfen schlaglichtartig vorgestellt. Die Forschungen der letzten Jahrzehnte haben deutlich gemacht, dass deren Geschichte reichlich komplex ist. „Seit einigen Jahren liegt das Augenmerk nicht mehr nur auf den Hafenanlagen an sich, sondern auch auf den Hafenstädten, ihren Handelsposten und den Marinestützpunkten. Man hat begonnen, Häfen in ihrer geografischen, historischen, ökonomischen und kulturellen Kontext zu setzen. So erkennt man langsam Muster in den Seehandelswegen, der Geostrategie und den Funktionsweisen von Handelsflotte und Marine ... Antike Häfen waren viel stärker und großräumiger vernetzt, als man das vor wenigen Jahren dachte.” (S. 11f).

Die Autorin, studierte Archäologin, promovierte über römische Binnenhäfen („In Portum Navigare. Römische Häfen an Flüssen und Seen”, Diss. Marburg) und ist heute als wissenschaftliche Kuratorin für die Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim tätig. Nicht erst heute gelten Häfen als Tore zur Welt. Bei der Frage, woraus sich das Bild, das wir heute von antiken Häfen haben, zusammensetzt und wie die Menschen ihre Häfen wahrgenommen haben, untersucht die Autorin „Häfen in Bild und Vorstellung”, etwa auf Münzen, Gemmen, Lampen, Glasflaschen, Mosaiken und Wandmalereien. Die Forma Urbis Romae, ein Stadtplan, der unter Kaiser Septimius Severus in Marmor gemeißelt wurde, liefert ebenso einschlägige Informationen wie die Trajanssäule oder die spektakulären Mosaike am Platz der Korporationen in Ostia. Deutlich wird: ein Hafen ist mehr als nur eine Anlegestelle, er ist auch ein Ort der Repräsentation. Auf der Suche nach den Anfängen („Tatsächlich kam die Schifffahrt über einen langen Zeitraum hinweg völlig ohne Häfen aus.” S. 45) stößt Christina Wawrzinek auf erste künstliche Hafenanlagen in der Levante und der Ägäis. Phönizische Häfen gelten als Stützpunkte für legendäre Seefahrer. Griechische Häfen zeichnen sich durch die optimale Nutzung natürlicher Verhältnisse aus. In hellenistischer Zeit erhöhte sich das Frachtaufkommen; zu dieser Entwicklung gehörten einige megalomane Ausreißer, die einen guten Eindruck vom Geist der Zeit vermitteln. So ließ König Hieron II. von Syrakus ein Schiff von bisher nie dagewesener Größe bauen, das in keinen Hafen an der Ostküste des Mittelmeerraums einlaufen konnte. (S. 63) Unter Ptolemaios IV. (221–204 v.Chr.) lief ein Vierzigruderer von Stapel, der bei einer Länge von ca. 140 Metern für eine Probefahrt über 4000 Ruderer und 400 Personen für weitere Tätigkeiten an Bord benötigte, abgesehen von 2850 Seesoldaten sowie der eigentlichen Schiffsmannschaft. Zu Beginn der römischen Epoche nutzte man – unter Einbeziehung der römischen Technik – die bereits vorhandene Infrastruktur: Zahlreiche Häfen, besonders in der Ägäis wurden renoviert und wiederverwendet. Seit dem späteren 1. Jh. n. Chr. sind dann an vielen Stellen rund um das Mittelmeer neue, große Häfen angelegt worden, ermöglicht durch eine technische Innovation, die neue Art des Betonbaus. Allein an  der Küste Nordafrikas entstanden gut 30 neue Häfen mit ausgesprochen langen künstlichen Molen. Zu den wichtigsten Hafenanlagen im Römischen Reich gehörten diejenigen für Rom. Unter Kaiser Claudius wurde der Komplex des neuen Hafens zum Löschen der Fracht der Getreidefrachter, den größten Schiffen ihrer Zeit, vergleichbar heutigen Supertankern, geplant und in Angriff genommen. Zwei massive Molen reichten 500 Meter ins Meer. Rund um ein Hafenbecken standen ca. 2860 Meter lange Kaianlagen für die Getreidefrachter zur Verfügung. Aus dem Portus Ostiensis (unter Claudius) wurde der unter Kaiser Traian neukonzipierte Portus Augusti et Traiani Felicis mit einem neuen Hafenbecken von hexagonaler Form mit je 358 Metern Seitenlänge und einer Fläche von 33,3 Hektar bei vier bis fünf Metern Wassertiefe. Römische Häfen demonstrierten die neue Macht im Mittelmeerraum und profitierten vom der bahnbrechenden Innovation eines unter Wasser abhärtenden Betons, so dass römische Ingenieure nicht mehr auf natürliche Hafenbuchten oder Aufbauten aus Steinblöcken angewiesen waren. In diese Zeit fällt auch der Bau von Sebastos, dem römischen Hafen der Stadt Caesarea Palaestinae im heutigen Israel; von Flavius stammt eine ausgesprochen ausführliche literarische Beschreibung des Hafens mit seinen eleganten, Türmen und einem Tempel, der alles überragte (Ios. ant. Iud. 15, 331–340 und 411–413). In zwei weiteren umfangreichen Kapiteln widmet sich die Autorin der Technik als Herz des Hafens, der die Sicherheit garantierenden baulichen Grundausstattung, den Leuchttürmen, Werften  und den speziellen Hindernissen wie gefährlichen Riffen, der drohenden Verlandung und den Veränderungen des Meeresniveaus. Interessant die Maßnahmen zur Spülung von Hafenbecken gegen drohende Verschlammung und Versandung. Ein weiteres großes Kapitel (114–167) heißt Systeme und Netzwerke; darin geht es um Arbeitsplätze im Hafen, um Verwaltung und Logistik, um geduldige Fahrgäste, sprich: Reisen auf dem Schiff, um den Hafen als Marktplatz, die Dimensionen des Frachtumschlags und die Infrastruktur im Umfeld des Hafens. Erstaunlich ist, wie viele Passagiere auf Frachtschiffen unterwegs waren. Bei der missglückten Überfahrt des Flavius Josephus 64 n.Chr. von Palästina nach Rom sollen etwa 600 Passagiere an Bord gewesen sein (S.  131f. / Ios. vita 13–16). Im ausführlichen Reisebericht des heiligen Paulus (Apg. 27–28) erwähnt dieser immerhin 276 Mitreisende. Ein letztes Kapitel ist den Marinehäfen gewidmet, wobei für die archaische und klassische Zeit eine klare Unterscheidung zwischen zivilen und militärischen Häfen kaum möglich ist. Erst in hellenistischer Zeit entstanden exklusiv militärische Häfen, Anlagen, die besondere Sicherheitsmaßnahmen erforderten und zum Teil – aufgrund der Bauart spezieller Schiffstypen – aus speziellen Bauten bestanden: den Schiffhäusern. Ein Exkurs über Schiffe und deren Bedienung in der Antike rundet das Hauptthema ab: „Versunkene Zeitzeugen – Schiffe als Informationsquellen”. Unglaublich erscheint die folgende Information: „Von den am Mittelmeer gebräuchlichen Kriegsschiffen konnten erstaunlicherweise bis heute keine Wracks gefunden werden, obwohl sie hundertfach in antiken Quellen, sowohl schriftlich als auch im Bild, bezeugt sind” (S. 178).

Christina Wawrzineks Buch über Häfen in der Antike ist flüssig und leicht verständlich geschrieben und bietet eine unterhaltsame Lektüre zu einem komplexen Thema. Als Philologe hätte ich mir ein gesondertes Kapitel mit den informativsten einschlägigen Texten gewünscht.

buch tore zur welt

Christina Wawrzinek, Tore zur Welt. Häfen in der Antike, Philipp von Zabern /
WBG Darmstadt 2016. 224 S. mit 55 s/w Abb. und Karten, Bibliogr. und Reg., 24,95 €
für WBG-Mitglieder, im Buchhandel 29,95 €,

ISBN: 9783805349253


 

Wer als Lateinschüler oder Lateinlehrer an lateinische Literatur denkt, dem fallen wohl ein oder zwei Dutzend Autoren der klassischen Zeit ein, die in der zweisprachigen Heimeran-Ausgabe ein paar Regalmeter ausmachen; wer bei lateinischen Schulausgaben auf drei oder vier Regalmeter kommt, muss schon ein ganzes Lehrerleben gesammelt haben. Natürlich weiß man, dass es auch mittelalterliche Literatur in lateinischer Sprache gibt und lateinische Texte vom Beginn der Renaissance bis zum heutigen Tag. Dass aber die neulateinische Literatur (zwischen 1400 und 1800) europaweit die bedeutendste Literatur der frühen Neuzeit darstellt und sie die rasanten politischen und geistesgeschichtlichen Entwicklungen dieser Epoche von Lissabon bis Moskau und von Island bis Sizilien maßgeblich mitgeprägt hat, ist einem schon nicht mehr so präsent. Diesem Mangel will das vorliegende Buch abhelfen: der Autor Martin Korenjak, Professor für Klassische Philologie und Neulatein in Innsbruck, gibt einen sehr informativen, kurzweiligen, sehr gut lesbaren und vielfach recht spannenden Überblick über die neulateinische Literatur für eine breite Leserschaft.

Apropos Neulatein: Die Dimensionen, über die hier zu reden ist, wurden mir vor Jahren bei  der Lektüre von Jürgen Leonhardts „Latein. Geschichte einer Weltsprache” (C. H. Beck, München 2009) klar: "Die gesamte Textüberlieferung der römischen Antike, einschließlich der Inschriften, besitzt in der Geschichte der lateinischen Sprache nur einen Anteil von höchstens 0,1 Promille. Und von diesem winzigen Teil entfallen wiederum ungefähr 80% auf die christlichen Autoren der Spätantike. Was gemeinhin als ,die’ Literatur der Römer bekannt ist und in der Schule gelehrt wird, die Werke der Schriftsteller von Plautus über Cicero bis Tacitus, bildet nicht mehr als einen winzigen, wenn auch wie eine helle Sonne strahlenden Punkt im Kosmos der lateinischen Welt.” (S. 2 – Latein als Weltsprache. Europas unbekannte Tote). – Zur Veranschaulichung der Textmengen macht Jürgen  Leonhardt eine Hochrechnung auf: "Gehen wir davon aus, dass die lateinischen Texte der Antike in etwa 500 Bänden zu je 500 Seiten unterzubringen sind. Dann müsste es also zusätzlich noch 10.000mal mehr, insgesamt also mindestens  5 Millionen gleich starke Bände mit lateinischen Texten geben, und zwar wohlgemerkt stets mit verschiedenen Texten; denn die Mehrfachexemplare sind ja nicht zu zählen." (a.a.O.).

Von „gewaltigen Textmassen” (S. 21) spricht auch Martin Korenjak, der eine ihm vertraute Region, die historische Grafschaft Tirol, zur Bestimmung von Größenordnungen heranzieht: „Für dieses Gebiet, das etwa der heutigen Europaregion Tirol – Südtirol – Trentino entspricht und flächenmäßig 1/4 Prozent Europas umfasst, wurden vom ausgehenden Mittelalter bis heute rund 2400 Autoren und 7300 Werke namhaft gemacht, wobei Inschriften und Urkunden nicht mitgerechnet sind.” (21)

Zahlen (hier überschlagsweise drei Millionen lateinische Bücher) sind das eine, die sprachlich-literarische Qualität der Werke das andere. Natürlich waren die meisten Texte Dutzendware und fanden nur regionale Bedeutung, „daneben findet sich eine Fülle von Werken, die man ohne weiteres der Weltliteratur zurechnen darf. Petrarcas Briefe und Traktate im 14. Jahrhundert, die autobiographischen Commentarii („Aufzeichnungen”) Pius' II. im 15., Erasmus’ Laus stultitiae („Lob der Torheit”) im 16., Jacob Baldes Oden im 17. und Ludvig Holbergs Iter subterraneum („Unterirdische Reise”) im 18. wurden auf dem jungen Buchmarkt nicht nur zu Bestsellern für den Augenblick, sondern erlebten über Generationen hinweg immer neue Auflagen und erhoben ihre Autoren in den Rang literarischer Klassiker” (22). (Übrigens zählen einige dieser Titel heute wieder zur Schullektüre im Lateinunterricht). Korenjak hebt neben ihrem literarischen Rang aber auch die geistes-, mentalitäts- und kulturgeschichtliche Wirkung hervor, die in ihrer Tragweite kaum zu unterschätzen sei: „Auf Latein wurde die Stellung des europäischen Menschen in der Welt neu bestimmt – vom Weltall bis hinunter zum Aufbau des eigenen Körpers, von der Erde, auf der immer neue fremde Länder und exotische Völker auftauchten, bis hin zur geschichtlichen Vergangenheit. Die großen naturwissenschaftlichen Disziplinen wie Mathematik, Physik, Astronomie, Geologie, Zoologie, Botanik und Medizin, aber auch zahlreiche speziellere wie Glaziologie, Pilzkunde oder Sportwissenschaft wurden auf Latein etabliert oder entscheidend vorangetrieben. Aul Latein lernte man auch die Erfindungen und technischen Neuerungen im Umfeld dieser Naturwissenschaften von der Kanone bis zum Teleskop kennen – in manchen Fällen, etwa in dem des Luftschiffs, sogar vor der tatsächlichen Erfindung” (23). ... Wo immer man hinsieht, überall wurden die entscheidenden Durchbrüche zu einem modernen Weltverständnis auf Latein erzielt oder zumindest popularisiert” (24). Nach Korenjaks Einleitungskapitel „Was ist lateinische Literatur?” (9–29) ist die Neugier so weit geweckt, dass es nicht schwer fällt, unter den beiden Anläufen, die der Autor anbietet, einen ersten Weg durch die Geschichte der neulateinischen Literatur nach gusto zu wählen. Der erste Teil der Darstellung (33–114) ist chronologisch strukturiert, Ziel ist es, die wichtigsten Rahmenbedingungen, Autoren, Gattungen und Entwicklungen zu benennen und kurz zu charakterisieren. Der zweite Weg (den man dem chronologischen problemlos vorziehen kann, S. 116–255) ist thematisch gegliedert; er erschließt die Bedeutung des Neulateinischen für die Bildung, die Übersetzung und Briefkultur, die schöne Literatur, das Geschichtsbild, die Religion, die Politik und die Naturwissenschaften. Martin Korenjak versteht es meisterlich, seine Darstellung mit zahlreichen Anekdoten zu würzen, gleich ob es um Küchenlatein, lateinkundige Frauen des 15. Jahrhunderts, die Epigrammdichterin Martha Marchina (Tochter eines römischen Seifensieders, die ausgezeichnetes Latein lernte, weil sie ihren Brüdern immer bei den Hausaufgaben half) oder den Botaniker Albrecht von Haller handelt, der bei der Herausgabe des Briefwechsels mit Carl von Linné die vitia styli, die sprachlichen Ungeschicklichkeiten, so stehen ließ, wie Linné sie hingeschrieben hatte, da er sich mit ihm überworfen hatte.

Was können nun wir Lateinlehrer an dieser Stelle tun? Ganz einfach: Sein Buch lesen! Martin Korenjak nennt die lateinische Literatur der Neuzeit einen versunkenen Kontinent, der sich gerade zu heben beginnt. Ihm ist es wichtig, dass die Erkenntnisse über diesen Kontinent nach außen getragen werden, „angefangen bei der schlichten Feststellung, dass es Neulatein überhaupt gibt. Die scientific community (von der breiten Öffentlichkeit ganz zu schweigen) kann heute größtenteils kein Latein mehr, und niemand wird ernsthaft darauf hoffen, dass sie sich in absehbarer Zeit in eine lateinkundige res publica litteraria zurückverwandelt. ... Gleichzeitig ist Latein im allgemeinen Bewusstsein nach wie vor fast ausschließlich als Sprache der alten Römer präsent. Dass es auch die wichtigste lingua franca und Literatursprache des Mittelalters und der frühen Neuzeit war, ist den wenigsten klar, und nicht alle, denen man es erklärt, wollen es auch wissen” (255). 

buch humanismus

Martin Korenjak, Geschichte der neulateinischen Literatur. 
Vom Humanismus bis zur Gegenwart, 
C. H. Beck Verlag, München 2016, gebunden, 304 Seiten mit 13 Abbildungen, 

ISBN 978-3-406-69032-7, € 26,95, 

E-Book 21,99 Euro.


Mehrfach habe ich mit meinen Schülerinnen und Schülern im Unterricht den Eid des Hippokrates gelesen, in einer lateinischen Fassung. Die Lektüre stieß immer auf spürbares Interesse, wohl wegen der ethisch-philosophischen Thematik und weil der Text Informationen und Aspekte enthält, die uns heute fremd sind („Meinen Lehrer in dieser Kunst meinen Eltern gleich zu achten, mein Leben mit ihm zu teilen und, wenn er Not leidet, ihn mitzuversorgen ...”). Seit einigen Jahren fahren viele meiner Schüler auf ihrem täglichen Schulweg mit der Berliner S-Bahn an einer modernen Fassung des Eides an einem fünfstöckigen Gebäude vorbei. An dem Ärztehaus am Stuttgarter Platz, Ecke Wilmersdorfer Straße, reicht der Text in großen Buchstaben vom Dachbereich bis hinunter ins Parterre. „Die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein. Ich werde meinen Beruf mit Würde und Gewissenhaftigkeit ausüben.” Wer in der S-Bahn sitzt, kann den langen Text nicht im Vorüberfahren lesen, vielleicht nimmt er ihn nicht einmal wahr. Sicherlich bleibt aber auch mancher Passant stehen und folgt in angemessener Entfernung den Zeilen vom Dach bis auf Gehweghöhe. Beim Weiterlesen erfährt er die Quelle des zu Anfang zitierten Versprechens: Es sind Worte aus dem Eid des Hippokrates: Siehe S. 99f.

Der Verlagshinweis, dass Hellmut Flashar in seinem neuesten Buch über Hippokrates, den Meister der Heilkunst, sich auch dem berühmten Eid des Hippokrates zuwende, machte mich neugierig. Flashar hat sich schon in seiner Habilitationsschrift mit der antiken Medizingeschichte beschäftigt und „in den sechziger und siebziger Jahren Pionierarbeit geleistet, als das Thema noch relativ unbeachtet war” – so Philip van der Eijk in der FAZ vom 29.10.2016: Einig war man sich unter Ärzten nie. Was damals galt, gilt heute noch: Helmut Flashars exzellente Darstellung der antiken hippokratischen Medizin. Ein weiteres zentrales Forschungsgebiet des Autors (neben dem griechischen Drama und seiner Aufführungspraxis bis in die Gegenwart) ist die griechische Philosophie (vgl. z.B. sein Buch Aristoteles. Lehrer des Abendlandes, 3. Aufl. 2015 bei C.H. Beck, München). Immer habe ich gedacht, das wären zwei weit entfernte Fachgebiete und höchst unterschiedliche Welten. Mit diesem Buch habe ich gelernt, dass das eine sehr vordergründige Sichtweise ist.

Hippokrates gilt als Begründer einer wissenschaftlichen und ethisch verantworteten Medizin, die – das ist unbestritten – für die Entwicklung der westeuropäischen Wissenschaftsgeschichte und der ärztlichen Praxis maßgeblich gewesen ist. Hellmut Flashar zeigt souverän, wie sich dieses methodische Bewusstsein der hippokratischen Medizin mit ihrer Reflexion auf Möglichkeiten und Grenzen der ärztlichen Kunst und ihren moralischen Überlegungen zum Verhältnis von  Arzt und Patient im Dialog mit der griechischen Philosophie entwickelte, die ja  im selben Zeitraum entstand. Die Neigung zur Verantwortung, zur Rechenschaft – was im Griechischen mit dem Wort logos gemeint ist – das hatte die griechische Medizin mit der Philosophie gemeinsam und sie artikulierte (dies der Einfluss der griechischen Rhetorik), diese Rechenschaft auch sprachlich möglichst klar und überzeugend. 

Hippokrates wurde von seinen Zeitgenossen für seine ärztliche Kompetenz bewundert. Sein Wissen war so überragend, dass seine Schriften wie ein Kristallisationskern auf medizinische Texte anderer Ärzte wirkten und in der Überlieferung mit diesen eine Einheit bildeten – das Corpus Hippocraticum. Ein erstaunliches Dokument ist das berühmteste Stück dieser Sammlung, das bis heute als Inbegriff der ärztlichen Ethik gilt und in jeder Diskussion über die Grenzen der Medizin mahnend erwähnt wird: der Eid des Hippokrates (S. 36-50), den heutzutage kein Arzt schwört, sondern der nur noch „an mehreren Universitäten auf schönem Pergamentpapier neben die Promotionsurkunde gelegt“ wird, wie Hellmut Flashar schreibt. Der Eid, wohl in die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts zu datieren, steht absolut isoliert da, es ist kein anderer medizinischer Eid überliefert und die späteren Eide hängen alle von dem uns überlieferten Eid ab. Flashar erläutert schrittweise die neun Abschnitte des Eides und verweist auf Probleme, die nach wie vor kontro-vers diskutiert werden. Etliche Passagen sind nur noch zeitgebunden zu verstehen und werden heutigen Doktores nicht mehr zur Nachahmung empfohlen: Welcher Arzt (so Werner Bartens in der Süddeutschen Zeitung vom 26.10.2016: Mann mit Eid, vgl. http://www.sueddeutsche.de/kultur/hippokrates-mann-mit-eid-1.3262842)  würde noch seinen Lehrer „seinen Eltern gleich achten“, das Leben mit ihm teilen und ihn, „wenn er Not leidet, mitversorgen und seine männlichen Nachkommen wie seine Brüder halten?“ Der Schwörende wird nicht in irgendeinen Ärztestand versetzt, sondern steht einem Lehrer „in einer exklusiven Zweierbeziehung” gegenüber (Flashar S. 39).

Flashar gibt nach den beiden Einleitungskapiteln über die Anfänge der Medizin in Ägypten, bei Homer und bis in die Zeit des Hippokrates sowie dem biographischen Abschnitt über Leben und Werk (und sein Bildnis) unter der großen Überschrift „Werke und Themen” (S. 36–207) auch einen Überblick über spätere Modernisierungen des hippokratischen Eides, der im Genfer Ärztegelöbnis von 1948 am ehesten das abbilde, was wir heute unter dem Berufsethos eines „guten Arztes“ verstehen. Nach dem evidenten Missbrauch ärztlicher Kenntnis und Praxis unter der Herrschaft des Nationalsozialismus hat der Weltärztebund in dem Bemühen, dem ärztlichen Ethos international eine neue Grundlage zu geben, zweifellos auf den hippokratischen Eid zurückgegriffen. Eine Bedingung für die Aufnahme der deutschen Ärzteorganisation in den Weltärztebund war, dass eine deutsche Übersetzung der o.g. Genfer Fassung als Präambel der Berufsordnung für die deutschen Ärzte vorangestellt wurde. Das Genfer Gelöbnis und damit mittelbar der hippokratische Eid klingen auch noch in einem 1971 in der Sowjetunion obligatorisch zu schwörenden Eid nach, den Flashar zitiert: „Der Eid war ein Staatsakt. Von ihm hing die Verleihung des Titels ,Arzt’ ab” (S. 49). Dieser Eid wurde dann 1994 bzw. 1999 durch neue Fassungen ersetzt, dabei verschwanden die Hinweise auf die Verpflichtungen auf die sozialistische Gesellschaft. 

Nicht zuletzt durch den Eid ist der Name Hippokrates unsterblich geworden, das ärztliche Schweigegebot z.B. wird hier überhaupt zum ersten Mal in der Medizingeschichte formuliert. Das Wohl und Wehe der Patienten zur alleinigen Richtschnur des eigenen Handelns zu machen und alles zu unterlassen, was ihm schaden könnte, ist eine zeitlos gültige Maxime. Hippokrates etablierte die Medizin als Wissenschaft, befreite sie von Magie und dem Glauben an übernatürliche Kräfte und erzielte große Fortschritte auf dem Gebiet der medizinischen Prognostik. Seine Schüler und Nachfolger haben dann bedeutende Kenntnisse zur Frauenheilkunde, zur Diätetik, zur Gesundheitsvorsorge, zur Chirurgie und zu weiteren Bereichen der Heilkunst hinzugefügt, wie wir sie im Corpus Hippocraticum lesen. Hellmut Flashar legt mit diesem Buch eine anregende Einführung in die antike Heilkunst vor - aber auch einen profunden Überblick über die Wirkmächtigkeit des Hippokrates während der letzten 2000 Jahre.

buch hippokrates

Hellmut Flashar, Hippokrates.
Meister der Heilkunst. Leben und Werk, 
C. H. Beck Verlag, München, 2016. 297 S.: mit 10 Abbildungen.
Gebunden, 

ISBN 978-3-406-69746-3, 26,95 €

Nachtrag: Am 9. Februar 2917 kam der Film von Baltasar Kormákur in die Kinos, ein Thriller mit dem Titel „Der Eid”:. In einer Kritik heißt es dazu: „Der berühmte Eid des Hippokrates verpflichtet Mediziner, nach bestem Wissen und Gewissen im Interesse ihrer Patienten zu handeln. Dass der Imperativ des Helfens einen Arzt auch in ein moralisches Dilemma stürzen kann, darum geht es im neuen Film des Isländers Baltasar Kormákur („101 Reykjavík“, „Everest“), der den ebenso schlichten wie präzisen Titel „Der Eid“ trägt. Der Regisseur selbst verkörpert die Hauptfigur, einen Herzchirurgen, der durch tragische, zum Teil selbst verschuldete Umstände in eine Situation gerät, in der er seinem Berufsethos kaum noch folgen kann. Der Filmemacher Kormákur treibt den Familienvater mit voll angezogener Spannungsschraube konsequent in die Enge: „Der Eid“ ist ein kompakt inszeniertes psychologisches Thriller-Drama mit doppeltem Boden, das grundsätzliche Fragen über die menschliche Natur aufwirft.” (Quelle: http://www.filmstarts.de/kritiken/245133.html)

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