— von Andrea Weiner

Wille. Würde. Wissen.
Zweites Brandenburger Antike-Denkwerk.

In dem von der Robert Bosch Stiftung geförderten Denkwerk wollen wir mit jungen Menschen die Gedankenwelt der Antike zu großen Themen menschlicher Existenz befragen. Dies geschieht unter wissenschaftspropädeutischem Aspekt in enger Zusammenarbeit zwischen Universität und Schulen. In diesem Jahr steht die Behandlung des Themas „Würde“ im Vordergrund, das Anlass bietet, damalige und heutige Vorstellungen miteinander zu vergleichen und dabei wesentliche Kennzeichen des Begriffs in Antike und Gegenwart herauszuarbeiten. Auf dem Potsdamer Lateintag wurde im vergangenen Oktober eine Einführung zum Thema gegeben. In der Zwischenzeit sind an verschiedenen Partnerschulen unter der Betreuung durch Studierende der Fachdidaktik Vorarbeiten für Projekte zu Themen wie „Würde in der römischen Politik und Gesellschaft“ oder „Würde in der römischen und neuzeitlichen Philosophie“ entstanden. Diese wurden auf unserem Schülerkongress am 12.03.2016 in Präsentationen umgesetzt und diskutiert.

Reges Treiben im bis auf den letzten Platz gefüllten Hörsaal am Neuen Palais. Requisiten werden bereitgelegt, Plakate angehängt, Präsentationen ausprobiert. Frau Prof. Gärtner eröffnet bereits zum fünften Mal den Schülerkongress des Brandenburger Antike-Denkwerks. 

Die Schüler des Gymnasiums „Alexander von Humboldt“ lassen in ihrer Spielshow „Digni Wars“ eine Menschenrechtlerin, einen Schüler, die antiken Autoren Plinius, Caesar und Cicero gegeneinander antreten. In Runde 1 (Quem uxorem in matrimoniam ducam?) prallen die Vorstellungen der modernen emanzipierten Frau und  Plinius’ Ideal aufeinander.  Runde 2 stellt die Aufgabe, einen Fluss würdevoll zu überqueren. Der naturverbundene Schüler geht barfuß durch den Fluss, während Caesar von seinen Soldaten eine Brücke errichten lässt. Bei den anschließenden Quizfragen zur Politik reagiert Caesar mit völligem Unverständnis darüber, dass heute Frauen und Sklaven regieren, nur die Diktatur kann nach seiner Überzeugung erfolgreich sein, er hätte gern Amerika erobert. Für die Zuhörer wurde die Übersetzung der lateinischen Passagen eingeblendet. Es gab viele Fragen an die Gruppe, die vom Besuch zweier Menschenrechtlerinnen und ihren Recherchemethoden berichtete.

Das Humboldt-Gymnasium Potsdam hat zu Beginn der Projektarbeit verschiedene lateinische Begrifflichkeiten wie dignitas – gloria – honor – maiestas – pietas – gratia – gravitas – amplitudo geklärt und die Bedeutung des Begriffs Würde in Antike, Renaissance, Aufklärung und Moderne erläutert. Die Vielfalt ihrer Recherchen unter dem Titel Wert – Wandel – Würde veranschaulichten die Schüler in ihrer Zeitung Tempora nova Romana. Hier wurde unter anderem die Flüchtlingsproblematik thematisiert. In der Antike gewährte Romulus allen Zuflucht in Rom, Aeneas floh aus Troja. Es ging um die unterschiedliche  Anerkennung von Leistungen (Boykott der Oscar-Verleihung) mit Bezug auf ein Vitruv-Zitat, der das größere Ansehen griechischer Athleten gegenüber Schriftstellern beschreibt. Weitere interessante aktuelle Fragen waren die der Frauenrechte, des Umweltschutzes, des Sterbens in Würde und der Verbannung aus Würde.

Mit ihrer Zeitmaschine katapultierten sich zwei Schüler des Evangelischen Gymnasiums Hermannswerder zunächst nach Athen. In ihrer Präsentation zum Thema Würde im Wandel der Zeit begegneten sie hier Sokrates und dessen jungen Anhängern vor seiner Verurteilung. Wegen eines Programmierfehlers landen sie dann in Rom und erleben die Reden Caesars und Catos nach der Aufdeckung der Catilinarischen Verschwörung. Zurück in der Gegenwart, erleben wir sie als Zuhörer im Gerichtssaal, wo eine Anklage gegen einen Major der Luftwaffe, der ein Flugzeug mit Terroristen abschoss, um andere Menschenleben zu retten, verhandelt wird. Rege Diskussion im Publikum über die Frage, ob man Menschenleben opfern darf, um Leben zu retten. 

Ihre Frage nach Würde im Exil beantworteten drei Schüler des Marie-Curie-Gymnasiums Dallgow-Döberitz in einem Streitgespräch zwischen Ovid, der sich in seinen Tristia ausführlich dazu äußert, seiner Figur Io und dem Flüchtling Hakim, den sie selbst zu seiner derzeitigen Situation befragt haben. Sie erarbeiteten Charakteristika des Lebens im Exil wie Passivität, Isolation, Sprachverlust, Schrift als Kommunikationsmittel, körperliche Veränderung, Wunsch zur Rückkehr (nur bei Ovid + Io), während Hakim das Exil als Überlebenschance sieht und den Wunsch nach Integration äußert. 

Das Paulus-Prätorius-Gymnasium Bernau stellte in seiner  Diskussionsrunde  Geschichte neu belebt die Frage nach der Würde im Krieg. Eingeladen waren Cicero, Caesar, Iulia Pulchra (die mehrere Söhne in Caesars Kriegen verloren hat), die Sekretärin Heike Meier, die aufstrebende Politikerin Frau Dr. Humboldt und ein Bundeswehrgeneral. Während die Römer betonen, Dienst im Krieg sei die ehrenvollste Aufgabe eines römischen Bürgers und  immer Dienst am Staate, wird auch die Frage aufgeworfen, ob Krieg gerecht sein kann. In einer flammenden Rede bezeichnet der Bundeswehrgeneral heldenhafte Soldaten als Friedensstifter. Dennoch wird die Frage nach der derzeitigen Rolle der Bundeswehr aufgeworfen und die Bereitschaft der Bürger zur Verteidigung ihres Landes hinterfragt.

Die Vielfalt der Beiträge und die Kreativität der Schüler haben mich auch in diesem Jahr begeistert. Den Schülern können wir Studierfähigkeit in hohem Maße attestieren. Dank der fachwissenschaftlichen Unterstützung der Studenten der fachdidaktischen Seminare von Frau Wittich und Frau Forst sowie der engagierten Lehrer der teilnehmenden Schulen konnten wissenschaftliche Arbeitsmethoden und kreative, medial oft aufwendige Umsetzung verbunden werden. Ich bin auch im nächsten Jahr dabei und wünsche dem Kongress zum neuen Thema „Wissen“ noch mehr begeisterte Gäste. 

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