— von Josef Rabl

Im vergangenen Jahr machte meine Enkelin – sie war damals fünf Jahre alt – mit ihrer Kindergartengruppe einen Ausflug zu einem Imker. Als sie nachmittags nach Hause kam, teilte sie mir im Brustton der Überzeugung mit: „Opa, ich weiß jetzt alles über Bienen!“

Nach der Lektüre des Katalogbandes „Nero. Kaiser, Künstler und Tyrann“ möchte ich – mit den Worten meiner Enkelin – konstatieren: „Ich weiß jetzt alles über Nero!“ 

Dass das so einfach nicht ist, versteht sich von selbst. Festgestellt sei allerdings schon hier, dass der opulente Band die Lektüre lohnt. Übrigens stellte sich ein spezielles Aha-Erlebnis auch bei den Trierer Ausstellungsmachern ein. Sie waren selbst „überrascht, wie groß der Fundus ist. Ich hätte nie gedacht, dass es so viel zu Nero gibt“, sagt Elisabeth Dürr, Direktorin des Stadtmuseums Simeonstift über die 774 Exponate von 165 Leihgebern aus 21 Ländern. Die Qualität der zusammengestellten Exponate ist enorm.

Trier hat dabei 2016 einen besonderen Grund zum Feiern: Vor genau 30 Jahren wurden die „römischen Baudenkmäler, Dom und Liebfrauenkirche“, wie es in der offiziellen Unesco-Liste heißt, zum Weltkulturerbe ernannt. Sechs römische – Amphitheater, Barbarathermen, Kaiserthermen, Konstantinsbasilika, Porta Nigra, Römerbrücke – und zwei mittelalterliche Baudenkmäler – Trierer Dom und Liebfrauenkirche. Nur Berlin hat genauso viele. 

Trier feiert den Jahrestag mit einer großen, aufklärenden Ausstellung, denn Nero ist noch vor Augustus der bekannteste römische Kaiser und nach Christus und (natürlich) Hitler die vielleicht am meisten thematisierte Person der Weltgeschichte und - Nero war bisher nie Gegenstand einer anspruchsvollen kulturhistorischen Ausstellung. Partiell zumindest ist sie eine Ehrenrettung für den fünften Kaiser des Imperium Romanum, denn es habe sich „in den letzten Jahrzehnten eine Betrachtungsweise durchgesetzt, die den Kaiser, sein Handeln und seine Zeit in einem etwas milderen Licht sieht“ (Marcus Reuter, Wer war Nero? Versuch einer Annäherung, S. 12). Alexander Batz schreibt am Ende des Katalogbandes (Nero – eine Bilanz, 390 ff). „Es liegt neuerdings im Trend der altertumswissenschaftlichen Forschung, brutale Despoten der Antike nicht mehr als solche wahrhaben zu wollen und stattdessen Handlungsmuster und Taten zu relativieren. Doch womöglich wird damit verharmlos, was nicht verharmlost werden darf. Auch bei Nero läuft man Gefahr, und daher ist seine Rehabilitierung auf keinen Fall das Mittel der Wahl. Doch ein objektiverer Blick auf den Kaiser, Künstler und Tyrannen lohnt allemal.“ (S. 399).

Die dreiteilige Ausstellung in Trier „Nero. Kaiser, Künstler und Tyrann“ gilt als eine der wichtigsten kulturhistorischen Ausstellungen des Jahres in Europa. 2000 Quadratmeter Ausstellungsfläche bieten drei Museen auf, das Rheinische Landesmuseum mit den eigentlichen archäologischen Schätzen, das Dom-Museum zum Thema Nero und die Christen sowie das Stadtmuseum Simeonstift über den Nero-Mythos.

Der Katalogband versammelt auf 440 Seiten 44 wissenschaftliche Beiträge, die die Person Neros und seine Zeit beleuchten und aktuelle Forschungsergebnisse mit vielen spannenden Details ausbreiten. So geht es unter der Überschrift „Neros Weg zur Macht“ um seine Jugendjahre und die goldenen Zeiten in den ersten Regierungsjahren. Ehefrauen und Geliebte, sein Hofstaat und seine germanische Leibwache werden zum Thema im Kapitel „Am Hofe Kaiser Neros“, außerdem ein Zeitbild „Mehr Muße wagen! – Politik, Ethik und Gesellschaft im Urteil der Zeitgenossen Neros“. Der Abschnitt „Die Kaiserliche Selbstdarstellung“ widmet sich den Porträts Neros, seiner Repräsentation auf Münzen und „Nero im Spiegel der Inschriften“. Zehn Aufsätze befassen sich mit Nero als Politiker, dabei geht es um Neros Personalpolitik, sein Verhältnis zu Senat, zum römischen Volk und zum Militär, es geht um Außen- und Wirtschaftspolitik und seine Münzreform. Unter der Kapitelüberschrift „Nero, der Bauherr“ wird seine Bautätigkeit in Rom, in Italien und den Provinzen betrachtet und die Domus Aurea als „neues Konzept eines Herrschersitzes“ dargestellt. Es folgen „Nero, der Künstler“ und „Nero, der Tyrann“; hier werden zahlreiche Aspekte diskutiert, die mit seinem Namen Größenwahn, Grausamkeit und Verschwendungssucht verknüpften – die Ermordung seiner Mutter Agrippina, seine politischen Opfer, der Brand Roms, die römische Christenverfolgung im Jahr 64, es geht auch um die Verehrung der Apostel Petrus und Paulus und die Stätten ihrer Memoria in Rom und die Darstellung frühchristlicher Martyrien in der nachantiken Kunst. Harald Aschauer fragt: „Nero – ein Fall für den Psychiater?“ und kommt zum Ergebnis: „In diesem Zusammenhang muss man eindeutig sagen, dass Nero keinesfalls durch Grausamkeiten, Lust am Morden oder ähnliche Gewalttätigkeiten gegenüber Zeitgenossen in ähnlicher Position hervorsticht. Aus psychiatrischer Sicht kann man keine Merkmale bei ihm finden, die ihn als außergewöhnliches menschliches ,Ungeheuer‘ dastehen lassen“ (S. 288). Sieben Aufsätze umkreisen „Das Ende“, vier widmen sich der „Rezeptionsgeschichte“, so D. Marcos, „Vom Monster zur Marke – Neros Karriere in der Kunst“, P. Larsen, „Ein Leben für die Bühne – Nero in der Oper“, K. Schug, „Der lange Schatten des schlechten Rufes – Nero in der Literatur“ und D. Henschel, „Quo vadis? – Nero im Film“. Die vielen Fäden wissenschaftlicher Erkenntnis führt Alexander Bätz dann zusammen in „Nero –
eine Bilanz“ (390–399): „Nero ist zum Stereotyp des Tyrannen geworden, zu einem Abziehbild, das mit der historischen Figur längst nichts mehr zu tun hat. Dieses Bild zu hegen und zu pflegen, ist allemal bequemer, als es zu überwinden“ (S. 390). –
Für mich die interessanteste Erkenntnis: „Die Geschichte der julisch-claudischen Kaiser ist auch eine Geschichte der enttäuschten Erwartungen ... Die idealtypische Kaiserrolle auszuüben, gelang zunächst keinem Amtsinhaber ... Auf je eigene Art und Weise scheiterten anschließend Tiberius, Caligula, Claudius und zuletzt auch Nero an den Ansprüchen, die der Übervater Augustus bei Volk, Aristokratie und Militär hatte entstehen lassen“ (S. 392).

Jetzt aber auf nach Trier, die jährliche Ferien-Fahrradtour führt in diesem Jahr – ein schöner Zufall – von Metz die Mosel entlang bis Koblenz, und da liegt Trier als Perle auf dem Weg.

http://www.nero-ausstellung.de/ausstellungen/

Trier, bis 16. Oktober. Katalog in der Ausstellung und bei der WBG 29,90 Euro.


buch nero

Nero. Kaiser, Künstler und Tyrann, Herausgegeben von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Direktion Rheinisches Landesmuseum Trier in Verbindung mit dem Stadtmuseum Simeonstift und dem Museum am Dom. 2016. 449 S. mit 280 farb. Abb., Kt. und Zeichn., 

6 Tabellen, Bibliogr. 24 x 28 cm, Fadenheftung, geb. mit SU. Theiss, Darmstadt, 

ISBN: 9783806233094, 39,95 €


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