— von Cord Kaldrack

Cord Kaldrack, bis zum Ende des Schuljahres Lehrer für Griechisch und Französisch am Canisius-Kolleg, hielt anlässlich seiner Verabschiedung eine bemerkenswerte Rede an seine Schülerinnen und Schüler, die hier dokumentiert werden soll.

Liebe Freunde, liebe Freundinnen,

Können Lehrer und Schüler Freunde sein?

Die Frage an sich hat bereits etwas Verbotenes. Lehrer und Schüler Freunde? Die einen sehen den Typ Kumpellehrer vor ihrem inneren Auge. Aus dem Wunsch heraus, gemocht zu werden, vernachlässigt er seinen Bildungsauftrag; die anderen erinnern sich an die Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg oder in der Odenwaldschule. Vorgebliche Nähe oder gar Freundschaft lieferte den Boden für zahlreiche Missbrauchsfälle. Überhaupt, was für eine widersinnige Frage: Diejenigen, die über mein Wohl und Wehe als Schüler in jeder Klassenarbeit und erst recht im Abitur entscheiden, wie könnten sie, warum sollten sie meine Freunde sein? Welcher Freund gibt bitte Noten?

Das Kopfschütteln und Stirnrunzeln ist voll und ganz berechtigt. Allein: Schüler und Lehrer verbringen viel Zeit miteinander. Lehrer verbringen sehr viel Zeit mit der Vor- und Nachbereitung ihres Unterrichts. Schüler machen Hausaufgaben und bereiten sich auf Tests, Kurzkontrollen, Klassenarbeiten, Klausuren und Referate vor. Was kann ein Lehrer für einen Schüler sein, was darf er auf keinen Fall sein? Und was sollten Schüler für Lehrer sein und was auf keinen Fall?

Die Frage, um die es hier geht, ist keine geringe. Sie trifft mitten ins Leben: Das Leben bis zum Ende der Schulzeit ist gefühlt die Hälfte unseres Lebens. Ein Großteil davon findet in der Schule statt. Die Erfahrungen, die Lehrer in der Schule machen, sind der Großteil ihres Lebens. Die Zeit mit und für Schüler macht nicht nur weit über zwei Drittel des Lebens eines Lehrers im Alter von Ende Zwanzig bis Ende Sechzig aus, sondern sie bestimmt auch einen Großteil seiner Gefühle. Wenn Lehrer und Schüler keine Freunde sein können, was ist dann der Inhalt dieses Großteils unseres Lebens? Freunde? Was sind Freunde? Diejenigen, die meine Söhne im Alter von 4 und 6 zu uns nach Hause einladen? Sind es diejenigen, für die wir zum Abendessen kochen oder mit denen wir uns auf ein Bier treffen? Sind es diejenigen, denen wir von unseren geheimen Gefühlen erzählen oder sind Freunde nur die, die für uns da sind, wenn es uns schlecht geht?

Auf Griechisch heißt Freund „φίλος“. Wir kennen das Wort auch im Deutschen aus vielen Fremdwörtern. Philosoph, Philologe, Philanthrop. Der Philosoph ist der Freund der Weisheit, sie zieht ihn an. Genauso der Philologe: er mag den λόγος, das Wort, die Rede, ihr widmet er seine Zeit, sie will er verstehen. Und der Philanthrop ist ein Freund der Menschen. Ihm sind die Menschen wichtig. Deswegen gründet er Stiftungen und spendet Geld; arbeitet in den Ferien vielleicht für médecins sans frontières in der Dritten Welt, um manchen kranken, mittellosen Menschen von seinem Leid zu befreien. Φίλος ist der derjenige, dem etwas am Herzen liegt.

Wir sind Freunde von denen, die uns am Herzen liegen. Wenn wir bereit sind, uns von dem Bild unseres besten Freundes zu trennen und uns für die weite griechische Bedeutung zu öffnen, dann müssen wir sagen: Schülerinnen und Schüler sind die Freunde von Lehrerinnen und Lehrern. Denn Schülerinnen und Schüler liegen Lehrerinnen und Lehrern am Herzen. Und zwar alle, die guten, genauso wie die schlechten; die höflichen genauso wie die Rüpel, diejenigen, die uns Sympathie und Anerkennung entgegen bringen, genauso wie die, die uns offen ablehnen. Wer Lehrer ist und wem die Schüler nicht am Herzen liegen, wer Lehrer ist, aber kein Freund der Schüler, der hat seinen Beruf verfehlt.

Und doch: wir werden nicht dafür bezahlt, dass wir Schüler mögen. Wir werden dafür bezahlt, dass wir Euch bilden. Unsere Liebe gilt nicht einfach dem Schüler oder der Schülerin, sondern mehr als Euch gilt sie dem, was Ihr sein könnt, dem was Ihr sein wollt, dem Weg, auf dem wir Euch begleiten, damit Ihr diejenigen werdet, die ihr potenziell schon seid.

Ein Lehrer in der Tradition der Jesuiten ist ein Jünger von Sokrates. Wie er sind wir Hebammen der Erkenntnis. Unsere Aufgabe ist es, Euch zu helfen, die Gedanken zu gebären, deren nahende Ankunft wir beobachtet haben und für deren Geburt Ihr unserer Hilfe bedürft. Ihr seid keine Gefangenen und wir sind keine Gefängniswärter. Wir können Euch bei der Geburt Eurer Gedanken nur helfen, wenn Ihr das wollt. Und doch kommen wir zu Euch und nicht Ihr zu uns. Sollte sich ein neuer Gedanke in der Schule ankündigen, so stehen wir parat. Wenn wir unseren Beruf nicht verfehlt haben, sollte die Geburt Eurer Gedanken mit unserer Hilfe leichter und sicherer von statten gehen als ohne uns. 

Alles schön und gut. Aber was soll das ganze Gerede? Angenommen, Herr Kaldrack, wir liegen unseren Lehrern wirklich am Herzen, by the way manchmal können sie das ganz schön gut verbergen, Sie, Herr Kaldrack, übrigens auch! Dann sind wir doch noch lange nicht ihre Freunde? Freundschaft beruht doch auf Gegenseitigkeit! Nur weil da ein Lehrer mein Bestes will, liegt er doch mir noch lange nicht am Herzen! Ja, das stimmt. Oft kommt es vor, dass uns jemand mag, wir ihn aber nicht. Und natürlich ist ein wohlwollender Lehrer noch lange nicht mein Freund! Auch ich müsste ihm wohlwollend gegenüber stehen. Als Lehrer müssen uns Schüler am Herzen liegen, als Schüler darf man jeden Lehrer doof finden. Aber welcher Schüler tut das schon?

Es reicht nicht, dass Lehrer Schüler mögen, sie müssen sie auch bilden können. Unsere Aufgabe ist es, Euch in Eurer Entwicklung zu unterstützen, in Eurer geistigen, aber auch in Eurer emotionalen. Wenn wir das nicht schaffen, wenn der Lehrer den Schülern mehr Probleme bereitet als zur Lösung bestehender beiträgt, dann ist es nicht verwunderlich, wenn ihr uns doof findet. Andererseits ist es, so denke ich, ausgeschlossen, dass ein Lehrer, der eine bedeutende Hilfe in der Entwicklung eines Schülers ist, diesem nicht am Herzen liegt. Jedem echten Lehrer liegen die Schüler am Herzen, jeder gute Lehrer wird von seinen Schülern gemocht. Und das ist Freundschaft. Und trotzdem: Kann denn das sein? Dass Menschen, die in einer so asymmetrischen Beziehung stehen wie Lehrer und Schüler, Freunde sind? Über Begriffe kann man trefflich streiten. Sicher ist, dass wir in der Regel davon ausgehen, dass Freunde auf derselben Ebene stehen und nicht der eine, qua Amt, über den anderen Macht ausübt. Wenn wir aber Griechisch lernen und uns auf dem steinigen Weg zu den großen Alten aufmachen, dann können wir verstehen, dass Gleichheit nicht nur zwischen Gleichen existiert, sondern auch zwischen Ungleichen hergestellt werden kann. Aristoteles schreibt in der Nikomachischen Ethik (1158b):

„Es gibt aber noch eine andere Art von Freundschaft, bei der ein Verhältnis der Überlegenheit besteht, so die Freundschaft des Vaters mit dem Sohn, überhaupt die eines Älteren mit einem Jüngeren (…) und die eines jeden Vorgesetzten mit dem Untergebenen.“ (1158b)

Die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern ist ein Spezialfall der Beziehung zwischen Vorgesetzten und Untergebenen. Wie jeder Vorgesetzte besitzen auch Lehrer Macht über Schüler, mehr aber als jeder Vorgesetzte haben sie eine Fürsorgepflicht. Trotz dieser Ungleichheit kann in einer solchen Beziehung Freundschaft entstehen. Sie ist dann möglich, wenn Lehrer wie Schüler ihre Aufgabe erfüllen, also Lehrer guten Unterricht geben und Schüler engagiert lernen. Jeder muss seine Aufgabe erfüllen und gemäß seiner Aufgabe lieben. „Denn“, so schreibt Aristoteles, „wenn beide Teile nach Würden geliebt werden, entsteht gewissermaßen Gleichheit, was ja als Grundzug aller Freundschaft gilt.“

Liebe Freundinnen und Freunde, Freundschaft in diesem Sinne ist das Wichtigste für jede Schule, am wichtigsten aber für die, die am besten sein will. Das Canisius-Kolleg darf sich mit nichts weniger als Freundschaft zwischen so vielen Schülern und Lehrern abfinden wie nur irgend möglich. Dies ist das Band, das das Canisius-Kolleg stark gemacht hat und weiterhin zusammenhält. Es macht seine Schüler erfolgreich und Lehrer und Schüler gleichermaßen glücklich. Als Altphilologen, aber auch als Christen dürfen wir uns mit nichts weniger abfinden als mit dem guten Leben. Es gibt aber kein gutes Leben ohne Freundschaft. Um mich ein letztes Mal auf die Schultern des Riesen Aristoteles zu stellen: „Ferner ist die Freundschaft fürs Leben das Notwendigste. Ohne Freundschaft möchte niemand leben, hätte er auch alle anderen Güter.“

Danke für Eure Aufmerksamkeit!

Cord Kaldrack

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