— von Josef Rabl

Heidrun Derks: Gefahr auf See. Piraten in der Antike, Konrad Theiss Verlag - WBG, 2016. 112 S., 46 farbige und 2 s/w Abbildungen, 3 Karten, € 19,95 [D], ISBN 978-3-8062-3313-1

»Einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen aber war nicht mein Ding (…). Was ich dagegen liebte, waren Ruderboote, Krieg und Gewalt, blank polierte Speere und gefiederte Pfeile: schreckenerregende Dinge, die andere mit Grauen erfüllen« bekennt der wohl berühmteste Seefahrer der Antike in einer weniger bekann­ten Passage des homerischen Textes. (Odyssee. 4, 89). Odysseus also ein Pirat? Man möchte meinen, dass der aus dem trojanischen Krieg heimkehrende Held auf seinen Irrfahrten einer der »Guten« war. Bei näherem Hinsehen fehlt es bei den klassischen Motiven der Odyssee nicht an Raub, Plünderung und Gewalt­taten.

Mit der Entstehung von Hochkulturen und Palaststaaten gewann der Handel ab dem 2. Jahrtausend v. Chr. an Dynamik und der Wohlstand nahm zu. Voraus­setzung dafür waren vor allem die Fortschritte in der Konstruktion von seetaug­lichen Schiffen und die Nutzung der Windkraft durch Segel. Konkrete Hinweise auf Seeräuber finden sich in der Korrespondenz zwischen den Groß­mächten jener Zeit, die sich gegenseitig der Piraterie und des Menschen­raubs bezich­tigten und sich vorwarfen, Seeräuber zu decken oder Söldner zu beauf­tragen, Überfälle auf Küstenorte und Häfen zu verüben. Für Raubzüge auf See eigneten sich die Schiffe jener frühen Zeit noch nicht.

Die Wirren des 13. bis 11. Jahrhunderts v. Chr. zogen weite Teile des Mittel­meerraums in Mitleidenschaft. Zu den weniger schlimm betroffenen Regionen gehörten offenbar die Städte der Levante, deren Bewohner und Kaufleute als Phönizier in die Geschichte eingingen. Sie erkundeten neue Seewege bis in den westlichsten Mittelmeerraum und darüber hinaus. Mit der Gründung von Han­dels­stützpunkten erfolgte quasi en passant eine Expansion in keinesfalls unbe­wohnte Regionen ohne militärische Unterstützung und ohne Blutver­gießen.

Ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. zogen dann die Griechen nach. Man  war sich anfangs zwanglos in den Kontoren der großen Handelszentren begegnet und die Griechen hatten manches von den Phöniziern gelernt: die Kunst des Handels, den Schiffbau und die Schrift. Die Phönizier genossen hohes Ansehen. Die historischen Überlieferungen rühmen die handwerklichen Fertigkeiten der Tyrer und Sidonier, deren Raffinesse und Perfektion sowie die Fertigkeiten ihrer Seeleute.

In dieses Lob mischten sich jedoch bald kritische Töne. Von Betrügern, Schlitzohren und Gaunern war die Rede und von Männern, die Frauen und Kin­der entführten, um sie auf Sklavenmärkten zu verkaufen. Der Ruf verschlech­terte sich derart, dass Cicero rückblickend äußern konnte: "Die Karthager nei­gen zu Arglist und Lüge, nicht durch ihre Natur, sondern aufgrund der Situation ihres Landes. Durch ihre Häfen haben sie Kontakt zu Händlern und Fremden und der Durst nach Profit verführt sie zum Betrug." (Cicero, De lege Agraria II). Offen­sichtlich waren zunehmend Macht- und Territorialinteressen ins Spiel gekommen.

Bei allen Konflikten rund um das Mittelmeer war der Vorwurf der Piraterie ge­gen politische Feinde und wirtschaftliche Konkurrenten offensichtlich schnell zur Hand und die Abgrenzung zwischen "ehrbaren" Kaufleuten und Seeräubern nicht immer eindeutig. Heidrun Derks, Archäologin und Leiterin des Museums in Kalkriese, skizziert die antike Piraterie im Wechselspiel von Wirtschaft und Politik.

Seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. wurde Rom bekanntlich zur See die beherr­schende Macht rund ums Mittelmeer, das die Römer nicht umsonst "Mare Nostrum" nannten. Im östlichen Meer begann der Niedergang der kleineren Mächte. So entstanden Freiräume für Piratenheere, die in dieser Gegend auf Beute­zug waren. Um das Jahr 100 v. Chr. wurden Kreta und Kilikien zu "Pira­ten­nestern", deren Besatzungen angeblich weitgehend unabhängig von staatlicher Kontrolle agierten. In ihrer Blütezeit sollen 1.000 Schiffe mit 10.000 Mann zu den kilikischen Piraten gehört haben. 

Lange Jahrzehnte versuchte Rom vergeblich, dem Treiben Einhalt zu gebieten. Erst Gnaeus Pompeius hatte 67 v. Chr. den gewünschten Erfolg: Er konnte in weni­ger als sechs Monaten über 100 Piratennester besetzen und unschädlich machen. Nach dem Seekrieg zeigte er sich gnädig und ließ den Großteil der ehe­maligen Piraten am Leben, sofern sie zustimmten, in Orte fernab der Küsten umzusiedeln und bürgerliche Berufe zu ergreifen. Es sollte allerdings noch ein halbes Jahrhundert dauern, bis die "Pax Romana" unter Kaiser Augus­tus das Mittelmeer langfristig befriedete. In den vorangegangenen Bürger­kriegswirren wirkte der "Piratenkrieg" mit umgekehrten Vorzeichen fort: Während Sextus Pompeius, der Sohn von Pompeius Magnus, als gesetzloser Pirat verfolgt wurde, avancierte der kilikische Kapitän Menodoros zu einem Befehlshaber der römischen Flotte und stieg in den Ritterstand auf.

Heidrun Derks nimmt in ihrem spannend geschriebenen und faktenreichen Buch die archäologischen Spuren der Seeräuber aus phönizischer, griechischer und römi­scher Zeit in den Blick, erläutert die wesentlichen Fortschritte im Schiff­bau und gibt - indem sie neuesten Erkenntnisse der Unterwasser­archäologie heranzieht - interessante Einblicke in den Seehandel dieser Zeit.  Um die Ursachen antiker Piraterie zu verstehen, muss man - so ihre These - deren Umfeld beleuchten: den Kontext, der sie hervorbrachte, die Triebkräfte, die sie beförderten, und die Umstände, die sie duldeten. So entpuppt sich die Suche nach den Ursachen und der Geschichte der Piraterie in der Antike als eine Spurensuche rund um das Mittelmeer und eine Zeitreise von der Bronzezeit im Osten des Mittelmeeres bis zum Beginn der römischen Kaiserzeit im Westen.

Am 23. April startete im Museum und Park Kalkriese die gleichnamige Sonderausstellung „Gefahr auf See – Piraten der Antike“ (bis 3. Oktober 2016), die Heidrun Derks mit diesem empfehlenswerten Buch begleitet.

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John Freely: Zurück nach Ithaka. Auf Odysseus' Spuren durch das Mittel­meer, Aus dem Engl. von Jörg Fündling, Verlag Philipp von Zabern - WBG, 2016. 392 S., 16 s/w Abbildungen und 8 Karten, geb. € 29,95 [D], ISBN 978-3-8053-4987-1

John Freely, geboren 1926 in Brooklyn, Physik- und Geschichts­studium in New York und Oxford, lebt und unterrichtet seit 1960 in Istanbul an der Bosphorus-Universität Physik und Wissenschafts­geschichte. In meinem Bücherregal stehen aus seiner Feder die beiden neueren Titel  "Platon in Bagdad. Wie das Wissen der Antike zurück nach Europa kam" (Stuttgart 2012) und "Aristoteles in Oxford: Wie das finstere Mittelalter die moderne Wissenschaft begründete" (Stuttgart 2014). Freely ist freilich Autor von mehr als vierzig Büchern zur Geschichte der Türkei und Istanbuls, Athens und Griechenlands sowie von Reise- und Archi­tektur­führern zu vielen Stätten des östlichen Mittelmeers. In den letzten Jahren schrieb er mehrere Bücher zur Entstehung der Wissenschaft und der Thematik des wissenschaftlichen Austauschs zwischen der islamischen Welt und dem Westen.  Im 90. Lebensjahr entstand das vorliegende Buch "Zurück nach Ithaka. Auf Odysseus' Spuren durch das Mittel­meer", in dem sich auch viele Spuren von seinen in bald fünf Jahrzehnten unternommenen Reisen in diesem Kultur­raum wiederfinden. Das gibt diesem Buch eine besondere Note.

Auf der Einbandrückseite liest man: "John Freely taucht ein in Homers Welt. Die Reise beginnt in Troia, dem Schauplatz des Troianischen Krieges, und führt uns die türkische Ägäisküste entlang, dann durch das Mittelmeer auf den Spuren des listigen Odysseus, der viele Aben­teuer bestehen muss, bevor er den Weg nach Hause findet, zurück nach Ithaka. Im Wechselspiel zwischen Homerlektüre und der Erkundung vor Ort ist Freely der ideale Reisebegleiter zu Ilias und Odyssee."

Freely widmet dem zugegeben komplexen Troia-Thema drei lange (und wegen der Fülle von Informationen etwas ermüdend zu lesende) Kapitel und nimmt erst in der Mitte des Buchs den Faden der 'Odyssee' neu auf, um (dann sehr lebendig und kurzweilig!) von den Spuren des Odysseus auf dessen Irrfahrten und seinen eigenen Reiseerlebnissen zu erzählen. Insofern ist der Titel des Verlags verwirrend. Wer einen Touristenführer erwartet, in dem alle Stationen des Helden übersichtlich aufgelistet und geografisch dargestellt sind, wird enttäuscht sein.

Zum ersten Mal besuchte Freely die Stätte des antiken Troia im April 1961 mit seiner Frau und drei kleinen Kindern: "Noch gab es keinen Tourismus in der Türkei, also hatten wir Troia ganz für uns, abgesehen von einem türkischen Polizisten, der die Ruinen bewachte. Zur Vorbereitung auf unseren Besuch hatte ich erneut die Ilias gelesen, dazu die Werke der Archäologen, die den Fundort bis dahin untersucht hatten. Es war ein herrlicher Frühlingstag ..." (145). An anderer Stelle erzählt John Freely, dass quasi die Anfänge dieses Buchprojekts und die Reise in die Welt Homers noch viel weiter zurückreichen: "Meine erste Fahrt über das Mittelmeer erlebte ich im Oktober 1945 an Bord eines Truppentransporters der US-Navy, der uns nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus Kalkutta durch den Suezkanal und weiter nach New York brachte. Zwei Jahre zuvor hatte ich die Odyssee gelesen (sc. im Alter von 17 Jahren), ehe ich die High School abbrach und zur Marine ging, um die Welt zu sehen; und als wir den Kanal passierten und westwärts das Mittelmeer durchfuhren, wusste ich, bald würde ich das Kielwasser des Odysseus kreuzen." (223). Freely zitiert dann auf den nächsten Seiten aus der Odyssee, er lässt Strabon, Herodot, Hesiod, Thukydides, Pindar, Platon und Hadrian  sprechen und natürlich immer wieder Homer. So sehr er nach den historischen Schauplätzen der Odyssee sucht (und sich dabei durchwegs an Ernle Bradford, Reisen mit Homer. Die wiedergefundenen Inseln, Küsten und Meere der Odyssee, München 1964, TB 1995, hält), er belässt etwa im Kapitel 11 "Die Welt der Wunder" der phantastischen Sphäre ihren märchenhaften Charakter. "Eratosthenes (ca. 276-194 v.Chr.), Leiter der berühmten Bibliothek von Alexandria und Herausgeber der homerischen Gedichte, hielt die Geographie der Odyssee für überwiegend erfunden und märchenhaft: 'Den Schauplatz der Irrfahrten des Odysseus wirst du finden, wenn du den Schuster findest, der den Sack für die Winde genäht hat.'" (222)

Beeindruckt hat mich bei der Lektüre dieses Buchs immer wieder - wie könnte es auch anders sein! - die Sprache und der Inhalt der Homerischen Epen, die John Freely ausgiebig zitiert, will er es doch als "Reiseführer zu Homers Ilias und Odyssee" und "in die verschwundene Welt der antiken Dichtkunst" verstehen. Er hat dazu seine Reiseberichte von Troia aus die türkische Ägäisküste entlang, rund ums Mittelmeer und zurück nach Ithaka "verwoben mit Richmond Lattimores Übersetzungen der Ilias und der Odyssee, von denen mich auf all meinen homerischen Reisen stets einer der beiden Bände begleitete." (S. 7) Für die deutsche Ausgabe wurde, so merkt der Übersetzer an, die Wortwahl Lattimores in Abgleich mit den gängigen Homerübersetzungen, soweit möglich, nachempfunden (363).

Dem Rezensenten der NZZ am Sonntag (24.4.2016 - http://www.nzz.ch/buecher_am_sonntag-1.768644), André Behr, ist zuzu­stimmen: "Freelys Buch ist eine Hommage an seine Jugendliebe Homer, der bis in unsere Zeit unzählige andere Dichter und Schriftsteller entzückte. Eine Liebeserklärung, die von mehr als 70 Jahren Forschen und Reisen beseelt und prall voll Wissen ist." Durch Freelys Buch wird der Dichter und wird seine Welt lebendig. "Homers Geschichten aus dem Quellgebiet unserer Kultur sind zu gut erzählt, um je ihre Inspirationskraft zu verlieren."

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Mary Beard: Das Lachen im alten Rom. Eine Kultur­geschichte, Aus dem Englischen von Carsten Drecoll. 2016. 384 S. mit 6 s/w Abb., Zabern, Darm­stadt. WBG-Mitglieder 39,95 € , Nichtmitglieder 49,95 €

Mary Beard, Jahrgang 1955, ist Professorin für Klassische Philologie an der Universität Cambridge. Einem großen Publikum ist sie durch ihre BBC-Serien zur Geschichte Roms (»Meet the Romans«) sowie als Herausgeberin des Bereichs Altertums­wissen­schaften für das Times Literary Supplement bekannt; sie führt das Blog A Don’s Life in Times Online (das gleichzeitig als Kolumne in The Times erscheint) und hat zahlreiche Bücher zur Geschichte und Kultur der antiken Welt veröffentlicht; in deutscher Übersetzung erschienen eine "Kleine Einführung in die Altertumswissenschaft", Basisbiblio­thek Antike (zu­sam­men mit John Henderson), J. B. Metzler, Stuttgart 2015, bei Reclam "Der Parthenon" (UB 18593) und (mit Keith Hopkins) "Das Kolosseum" (UB 18611), zuletzt "Pompeji: Das Leben in einer römischen Stadt". Für dieses Buch erhielt sie 2008 den Wolfson History Prize, einen seit 1972 vergebenen Preis für Geschichts­schrei­­bung in Großbritannien, die sich an eine allgemeine Leser­schaft wendet. Im Herbst erscheint bei S. Fischer "SPQR. Die tausendjährige Geschichte Roms" (Originalausgabe: SPQR: A History of Ancient Rome, London 2015). Im Juli 2010 wurde Mary Beard zum Fellow of the British Academy gewählt. Im Herbst 2008 hielt sie als Sather Professor of Classical Literature (einer festen Gastprofessur für Altertumswissenschaft, die seit 1913 jährlich neu besetzt wird) an der Uni­versity of California in Berkeley eine Vorlesungs­reihe zum Thema Roman Laughter.

Das hier vorzustellende Buch "Das Lachen im alten Rom" ist denn das zentrale Produkt dieser Sather Professur: "Selten hatte ich so viel Vergnügen wie bei meinen Lehrveranstaltungen in Berkeley 2008. Und ich hoffe, dass dieses Buch etwas von dem Spaß vermittelt, den wir hatten, als wir uns dort mit der Frage beschäftigten, was die alten Römer zum Lachen brachte, wie, wann und warum sie in Gelächter ausbrachen oder dies zumindest behaupteten. Jede meiner Vorlesun­gen konzentrierte sich damals auf einen bestimmten Aspekt des römi­schen Lachens - von den Witzen des Kaisers über das 'Affen­theater' auf der Bühne bis hin zu den gelehrten, manchmal auch irr­witzigen Reflexionen römi­scher Intellektueller darüber, warum Leute lachen, wenn man sie kitzelt" (Vor­wort, 6).


Eine Erwartung an Beards Buch ist freilich unbedingt zu relativieren: Es stellt beileibe keine kommentierte Sammlung von Witzen dar: solch eine vergnügliche Sammlung findet man etwa in Karl-Wilhelm Weebers Reclambändchen "Humor in der Antike" (2006), das die "hei­tere, fröhliche Seite unseres kultur- und geistes­geschicht­lichen Erbes aus dem Altertum be­leuch­tet und vornehmlich literarische Texte präsentiert, die die Ein­bettung des Humorvollen in die Lebenswirklichkeit des antiken Menschen ver­an­­­schaulichen.“ Es ist bis heute ein unverzeihlicher Fehler, wenn Latein- und Griechischschüler nur mit den ehrwürdigen Schriften eines Cicero, Caesar, So­pho­kles, Platon oder Thukydides konfrontiert werden. Es stünde daher einem modernen Humanismus gut, „den Humor als genuinen Ausdruck spezifisch mensch­licher Gefühlswelt und Lebensbewältigung deutlich stärker zu berück­sichtigen, um nicht zu sagen: ihn ernster zu nehmen“ (K.-W. Weeber).

Dem wird auch Mary Beard zustimmen; sie befasst sich im ersten Teil des Buches mit "einigen grundsätzlichen Fragen, die sich bei jeder historischen Unter­suchung des Lachens stellen - und bei einer über das römische Lachen ganz besonders. Können wir je wissen, wie oder warum Leute in der Vergan­genheit gelacht haben? Was macht es aus, dass wir selbst kaum erklären können, warum wir lachen? Gibt es so etwas wie ein 'römisches' Gelächter etwa im Gegensatz zu einem 'griechischen'?" (Vorwort, 6). Die vier ersten Kapitel sind überschrieben: Lachen in Rom - eine Einführung, 9ff., Fragen des Lachens, in der Antike und heute, 36ff., Die Geschichte des Lachens, 71ff., Römisches Lachen auf Latein und Griechisch, 101ff. - Die vier Kapitel­über­schriften des zweiten Teils lauten: Der Redner, 138ff., Vom Kaiser zum Witz­bold, 176ff., Zwischen Mensch und Tier, vom Affen zum Esel, 213ff., Der Lachliebhaber, 252ff. Das Buch ist mit einem sehr umfangreichen zwei­spaltigen Anmerkungsteil ausgestattet (292-345), reichen bibliogra­phischen Angaben (348-365) und einem hilfreichen Index von Abdera bis Zwerchfell (366-384).

Herausgekommen ist eine bemerkenswerte Entdeckungsreise in die römische Kultur. "Die Behauptung, die Römer hätten den Witz erfunden, bleibt gewagt, und natürlich wollte ich mit ihr auch ein Stück weit provozieren. Doch eins ist sicher: Jene Witzbolde und Gelehrte der Renaissance, die mit ihren klugen De­bat­ten, überaus beliebten Witzesammlungen und 'Lustigen Geschichten' ihren Teil dazu beigetragen haben, die europäische Lachkultur zu prägen, haben direkt auf das antike Rom zurückgegriffen, das für sie unangefochtene Ahn­herrin und Inspirationsquelle war. Ciceros De oratore versorgte sie nicht nur mit so etwas wie einer Theorie des Lachens, sondern auch mit einer Samm­lung von Aperçus, die sie entweder in antiker oder in modernisierter Form in ihre eigenen Sammlungen von 'facetiae' übernehmen konnten. Macrobius' Satur­nalia wurden ebenso ausgeschlachtet, und auch darin waren Ciceros Sprüche zu finden. Im 18. Jahrhundert waren Teile des Philogelos verbreitet und zugänglich. ... Natürlich hat es noch jede Menge anderer Einflüsse auf das moderne Lachen gegeben. Es wäre lächerlich, eine direkte Abstammungslinie von der römischen Lachkultur bis zu unserer eigenen zu konstruieren. ... Dennoch bilden die Witze, die sie aus dem römischen Fundus ausgewählt, wieder­erzählt, angepasst und überliefert haben, das Fundament unserer eige­nen Witzsprache und prägen unsere eigenen komischen Entwürfe und Sprüche." (286f.) - Mary Beard berichtet von einem Café-Gespräch mit dem Alt­historiker Erich Gruen, der die These vertrat, "dass nicht das Fremd­artige am römischen Gelächter ihn überrasche. Natürlich könne es manchmal rätselhaft, sogar unverständlich erscheinen. Nicht weniger erstaunlich sei doch wohl die Tat­sache, dass wir 2000 Jahre später, in einer radikal anderen Welt, immer noch über manche Gags lachen können, über die sich offenbar schon die Römer kaputtgelacht haben. Stellt nicht eher die Verständlichkeit römischen Lachens ein Problem dar, fragte er, als andersherum?" (285)


Ulrich Schmitzer: Rom im Blick. Lesarten der Stadt von Plautus bis Juvenal, WBG Darmstadt 2016. 296 S. mit 22 s/w Abb., Bibliogr. und Reg., ISBN: 9783534267682, Mitglieder 49,95 €, Nichtmitglieder 79,95 €

Johann Stockenreitner: Projekt Rom. Reisebegleiter in der Urbs aeterna, 204 Seiten, zahlreiche Abbildungen & Pläne, 4-farbig, Paperback, Wien, erweiterte Neuauflage Nov. 2015, erschienen im Eigenverlag des Autors, www.projekt-rom.at , ISBN 978-3-200-04374-9, Preis: € 15,00, erhältlich über die o.g. Webseite sowie im Klosterladen des Schottenstifts, 1010 Wien, Freyung 6

Zwei Autoren, eine Intention: mit Studenten und Schülern Rom erkunden, seine Historie ausloten und die Stadt lieben lernen, seine Geschichte, Architektur, Kunst, Literatur und Lebensart. Der eine, Professor für Latinistik an der Humboldt Universität zu Berlin, arbeitet an diesem Anliegen seit Referendarszeiten, hat die wohl umfassendste Webseite über Rom (www.kirke.hu-berlin.de/ressourc/roma.html) eingerichtet und nun eine Art Literaturgeschichte "Rom im Blick" vorgelegt. Der andere, Lehrer am Schottengymnasium der Benediktiner in Wien, legt ein nicht weniger gewichtiges Buch vor, das Ergebnis von mehr als 25 Jahren Erfahrung mit Projektwochen, die seit 1987 regelmäßig am o.g. Schottengymnasium veranstaltet werden.

 "Das fächerübergreifende Projekt (Latein, Religion, Geschichte, Kunsterziehung) basiert auf einer mehrwöchi­gen Vorbereitung - teils gemeinsam im Unterricht, teils durch individuelle Übersetzungsarbeit und Recherche - und wird als Chance gesehen, eine Stadt in ihrem kulturellen, historischen und litera­rischen Kontext zu erleben. Lehrerinnen und Lehrer sind Begleiter und Moderatoren, nicht Führer. So bleibt Rom für die Schülerinnen und Schüler nicht ein touristischer Konsumartikel, sondern wird zu einem Ort der Auseinandersetzung mit seiner Geschichte und Kultur. Trägerfach ist Latein, denn diese Sprache gibt die Impulse für das Programm. Die Texte im Abschnitt Roma aeterna dienen zur Einstimmung, Inschriften und Originaltexte können individuell vorbereitet und in situ präsentiert werden ... Auch an Kunst und Kultur interessierte Erwachsene - ob sie nun mit ihrem Latein schon fast am Ende sind oder noch nie damit begonnen haben - werden von diesem Buch verlässlich zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten begleitet werden." (Vorwort, S. 3). Eine 60-seitige Broschüre im gleichen Format "Additamenta. Texte und Inschriften zur Ergänzung und Erweiterung" (erschienen im Sommer 2015, Preis: 3 €) bietet überdies 40 lateinische Romtexte mit Lektürehilfen und Erläuterungen, zumeist geeignet für Schüler/innen  ab dem 3. Lernjahr Latein. Beide Bändchen, die in jedem Reisegepäck problemlos Platz finden, stellen eine fast unerschöpfliche Materialbasis dar für Kulturspaziergänge im antiken und christlichen Rom: Originaltexte zur Einstimmung und als Erklärung in situ, Informationen zu Archäologie und Kunstgeschichte, Lagepläne, Rekonstruktionszeichnungen, Modellabbildungen, Transkriptionen von Inschriften mit Übersetzungshilfen, Exkursionen nach Ostia, Tivoli und Cerveteri, Geschichte Roms und Kunstgeschichte im Überblick, Praktische Tipps - Öffnungszeiten, Aussichtsplätze, Restaurants, Appendix culinaria - (lebens)wichtiges Glossar italienischer Speisen, Stadtplan - vom Autor eigens für dieses Buch gestaltet. In den vergangenen Jahren sind bei ziemlich allen Schulbuchverlagen Broschüren für die Hand der Schüler mit lateinischen Romtexten und/oder Materialien für eine Exkursion nach Rom erschienen. Die beiden ebenso gehaltvollen wie preiswerten reich illustrierten Broschüren von Johann Stockenreitner übertreffen sie um Längen und empfehlen sich bestens für jede Lehrkraft, gleich ob sie zum ersten oder zehnten Mal nach Rom reist, ob sie zu Hause bleibt und in corde unterwegs ist oder sich für den täglichen Lateinunterricht kompetent präparieren will. Drin­gende Empfehlung: gehen Sie auf Seite www.projekt-rom.at - Sie finden dort z.B. auch "Lateinische Inschriften in Wien I", eine Farbbroschüre (40 S.), für den Unterrichtsgebrauch kommentiert und illustriert, Einzelpreis   € 3,00.

Jeder versierte Rom-Besucher weiß: Keine andere Stadt der Antike ist so intensiv literarisch behandelt worden wie Rom. Allerdings lassen die Rom-Texte viele verschiedene Roms entstehen - je nach Zugriff und Intention. Jeder Autor entwickelt sein eigenes, spezifisches Bild der Stadt. Deshalb die naheliegende Frage: Kann man von den Beschreibungen antiker Autoren auf die städtebauliche Realität in der Stadt Rom zurückschließen?

Dieser spannenden Frage geht Ulrich Schmitzer in der Verbindung von philologischer, archäologischer und urbanistischer Forschung nach, und dies schon lange! "Hoc erat in votis: ein Buch, das die Begeisterung für die lateinische Literatur mit der Begeisterung für ihre Stadt, für Rom, zusammenführt" - so beginnt er sein Vorwort (S.7) - Die grundlegende Fragestellung, was die Literatur mit der urbanen Topographie und Architektur anstellt, wie sie diese aufgreift, von ihr geprägt wird, ihrerseits umschreibt und verändert, begleitet mich seit meiner Dissertation. Ich habe mich ihr in vielfacher Weise gewidmet ... Dieses Buch ist keine creatio ex nihilo, vielmehr die Synthese und Fortschreibung dieser jahrelangen Forschungen - nun ist ein vorläufiges Ende erreicht."

Schmitzer konstatiert, dass der spezifische Beitrag der latinistischen Literatur­wissenschaft zu einem Verständnis der Stadt primär in der Interpretation von Texten bestehe, "die eine nicht-monumentale Perspektive auf die Stadt einnehmen und so eine alternative Blickrichtung generieren. ... Das Ziel ist also nicht (zumindest nicht vordergründig) die Erhellung historischer oder archäologischer Sachverhalte, sondern aufzuzeigen, wie die Integration von Stadt, Stadtlandschaft und städtischem Geschehen in die lateinische Literatur von der Republik bis zum Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. vonstattengeht. Die Texte werden also nicht als Fußnotenmaterial für Sachfragen verwendet, sondern in ihrer Aneignungs- und Konstruktionsleistung ernst genommen: Sie schaffen ein ganz eigenes Rom mit Worten, das neben dem gebauten Rom und dem Rom als Schauplatz (welt)historischer Ereignisse voll und ganz bestehen kann." (13)

Der Befund für die Anfangszeit ist freilich auf den ersten Blick paradox: "In einer Zeit, in der sich Rom von einer antiken Regional- zur Großmacht entwickelt, in der Rom auch anfängt, sich auf ein städtebauliches Niveau zu erheben, das mit anderen Zentren des mediterranen Raums architektonisch mithalten kann, ist die Stadt selbst nur in (allerdings signifikanten) Ausnahmefällen ein Thema der Literatur. Den Personen und deren politischem oder alltäglichem Handeln gilt das Hauptaugenmerk der Texte dieser Zeit, nicht dem räumlichen Rahmen in seiner visuellen Gestalt, historischen Fundierung und architektonischen Veränderung." (70)

Reizvoll wird der Untersuchungsansatz erst bei Horaz, Ovid und anderen Autoren der Kaiserzeit. Über die Schwätzersatire resümiert Schmitzer: "Die Stadt Rom hat in der Satire I,9 eine doppelte Funktion. Sie gibt der Handlung eine konkrete topographische Fundierung und positioniert sie gezielt in Rom - es ist also ein römisches, nicht nur ein allgemein menschliches Thema, das verhandelt wird. Darüber hinaus wird der Stadtraum durch Inklusion und Exklusion als Maecenastopographie (nicht als Augustus­topographie) definiert." (90) Naheliegend wiederum erscheint, dass der Alltag des genügsam lebenden Horaz vollkommen in die Stadtlandschaft des unspektakulären (!) Rom eingebunden ist. Entsprechend dem satirisch-epikureischen Lebensentwurf (procul negotiis, epod. 2,1) "wählt Horaz gezielt die Orte aus, die in ein solches satirisches Konzept passen, die Orte des unspektakulären Alltagslebens, die von der heroischen Architektur und deren forciert zur Schau gestellten Programm genauso weit entfernt sind wie von den wirklichen Elendsquartieren, den Bordellen, Färbereien und sonstigen häuslichen Produktions­stätten." (92) Schmitzer betont freilich, dass dieser satirische Zugriff bei Horaz nicht "zur charakterlichen Konstante" verallgemeinert werden dürfe, denn in anderen Gattungen sehe es bei Horaz anders aus: "Das zeremonielle Rom, das in den ludi wie im carmen konstituiert wird, ist ein ganz anderes Rom als das satirische Rom. Indem Horaz in den sermones dezidiert die Rolle des Flaneurs einnimmt, der von politischem Ehrgeiz wie von politischen Verpflichtungen frei ist, entwirft er ein Rom des otium und der von ihren traditionellen politischen Implikationen gereinigten amicitia. Die alltäglichen Begeben­heiten sind in dieser Perspektive bei weitem allen offiziellen Indienstnahmen der Stadt, mögen sie auch noch so glanzvoll sein, vorzuziehen. Modum servare ist auch das Kriterium für die Bewertung der Stadt." (103)

Spannend ist Schmitzers Recherche bei Ovid. Auf den ersten Blick am wenigsten spürbar ist die Bedeutung der urbs in den Amores - "nicht weil Rom bedeutungslos wäre, sondern umgekehrt, weil Rom als Ort des Geschehens so selbstverständlich ist, dass die ausdrückliche Nennung poetischer Ökonomie zuwider liefe" (143). Für die ars amatoria und die Remedia amoris gilt anderes: "Die Elegisierung der römischen Topographie greift mit besonderer Brisanz auf die Orte der politischen Repräsentation zu, v.a. auf das Forum Romanum und dessen Erweiterungen" (148). Interessant sind weitere Beobachtungen Schmitzers: "Das Rom der Männer und das Rom der Frauen erweisen sich über weite Strecken als deckungsgleich, in liebeselegischer Lesart ist die traditionelle römische Trennung von öffentlichem Raum als männlich und häuslicher Privatheit als weiblich suspendiert" (151). Mehr noch: "Die Elegisierung und Erotisierung der Stadtlandschaft wird nicht selten als ein offener oder versteckter Affront gegenüber dem von Augustus geprägten Rom gelesen" (151). "Ovids Zugriff auf Rom ist voller Überraschungen" (159), meint Schmitzer und findet sogar in den Metamorphosen Anspielungen auf Rom, doch "aus Ovids Metamorphosen wird kein Epos, das die Größe von Augustus' Rom preist. Dieses in nuce vorliegende Konzept hätte das Potenzial gehabt, zum Ausgangspunkt einer panegyrischen Rom-Literatur zu werden - wie sie allerdings erst viel später tatsäch­lich geschrieben wurde. Aber Ovid folgt auch mit dem Konzept einer monumenta­listischen Stadtdichtung seiner erzählenden Generallinie, die Leser nicht durch schematischen Gleichklang zu langweilen, sondern immer wieder überraschende Wendungen zu finden" (163).

Für die augusteische Zeit bilanziert Schmitzer: "Die bukolische, satirische und elegische Stadt sind drei exemplarische Spielarten, in denen die Stadt in gegenläufiger Weise zur offiziellen Perspektive des Princeps und des Prinzipats und der sich daraus ableitenden Monumentalität gelesen wird. Es ist eine Ironie der (Überlieferungs-)Geschichte, dass diese alternativen Perspektiven wesentlich umfangreicher repräsentiert sind als die offiziellen Konzepte. Sieht man einmal von Vitruvs Traktat De architectura ab ... dann bleiben als Zeugnisse nur die Inschriften und der Tatenbericht des Augustus." (176)

Martial und die Autoren der Kaiserzeit dagegen rücken die kaiserlichen Gunsterweisungen und die Wünsche des Volkes in den Fokus. Und bei Juvenal bekommt man schließlich den Eindruck einer düsteren Stadt: "Die Stadt Rom ist bei Juvenal im Grunde genommen kein bauliches Ensemble mehr, sondern durch seine degenerierte Bevölkerung definiert. Sobald er auf die Gebäude zu sprechen kommt, handelt es sich nicht um die repräsentativen Plätze und Baukomplexe, die zuletzt durch Traian neuen Glanz erhalten hatten, sondern ... die Stadtquartiere der sozial Deklassierten" (255).

Plutarchs Quaestiones Romanae, "entstanden in nachdomitia­nischer Zeit, sind ... als virtueller antiquarischer Rundgang durch Rom konzipiert. ... Diese performative Topographie klammert aber die Gegenwart dezidiert aus und beschäftigt sich nur mit der römischen kanonisierten Vergangenheit ... Rom wird auf diese Weise von einem Netzwerk antiquarischer Gelehrsamkeit durchzogen, das die sichtbare Stadttopographie prägt und fundiert" (262). In der Spannung von "antiquarischem Rundgang" und davon mehr oder weniger "subjektiver Aneignung" steht wohl jede Romreise. Schmitzer hat kenntnisreich aufgezeigt, dass es gar nicht anders geht: "Denn die lateinische Literatur ist bis in die Spätantike vor allem römische Literatur. Über die eigene Stadt muss man für Bewohner und Kenner dieser Stadt nicht das alltäglich Vertraute wiederholen, sondern kann das gemeinsame Kontextwissen voraussetzen, um vor diesem Hintergrund, das dramatische, historiographische, satirische, bukolische, elegische oder epigrammatische Rom hervortreten zu lassen. Romliteratur für Römer ist nur dann reizvoll, wenn sie dem Bekannten unbekannte Seiten abgewinnt" (263).

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