— von Josef Rabl

Karl-Wilhelm Weeber, Neues über die alten Römer. Von A wie Aftershave bis Z wie Zocker, Theiss-Verlag und WBG, Darmstadt 2015, 336 Seiten, 19,95 € (bei der WBG 14,95 €), ISBN 978-3-8062-2841-0

In einer unterrichtlichen Evaluation gefragt, was ihr nach drei Monaten Lateinunterricht am besten gefiele, soll  eine Schülerin geantwortet haben: 'Am schönsten ist es, wenn Herr Weber von römischen Klos erzählt!'" (Vorwort S. 8f). Dieses Argument kann ich absolut nachempfinden, seit ich Weebers horrendes Wissen und sprühende Erzählkunst kenne und die um­fangreiche Münchner Habilitationsschrift von Richard Neudecker "Die Pracht der Latrine" (1994) kenne. Karl-Wilhelm Weeber - den produktivsten deut­schen Buchautor zu Fragen des Lateinunterrichts und der römischen Kultur­geschichte muss man hier nicht vorstellen - begründet die Entstehung dieses Buches weiter mit den vielen Fragen, die seine Schüler an ihn gerichtet haben, die einen Lehrer schon mal ratlos machen können, "weil man es selbst nicht weiß und sich die Antwort nicht ganz einfach finden lässt". Zum Beispiel: "Hatten die Römer schon Kaugummi? Legten sie sich zum Bräunen in die Sonne? Herrschte auf den Straßen Roms Rechts- oder Linksverkehr? Gingen die Leute auf die Straße und demonstrierten, wenn ihnen etwas nicht passte? Stimmt es, dass Kaiser Marc Aurel drogensüchtig war? - Auf solche Fragen geben die Standardlexika zur römischen Antike keine oder allenfalls sehr kurz angebundene Antwort. Das kann mit einer schlechten Quellen­lage zu erklären sein oder auch mit der Tatsache, dass manche kultur­geschichtlichen Splitter nebensächlich erscheinen, nicht selten aber auch mit dem Fragehorizont der Wissenschaftler." (Vorwort, S. 8). Das vorliegende Buch sei in Teilen eine Sammlung solcher Fragen. Weeber bekennt, er habe als Lehrer nunmehr seine Hausaufgaben gemacht und lege sie seinen Kollegen vom Fach und einem interessierten Publikum vor "in der Hoffnung, ein bisschen Neugier zur römischen Kulturgeschichte befriedigen zu können und nach Möglichkeit weitere zu wecken." (Vorwort S. 9). In kurzen Artikeln von A bis Z beantwortet der Autor die vorwitzigen und durchaus aktuellen Fragen zur römischen Zivilisation, die ihm immer wieder gestellt werden. Gab es Verkehrsregeln im alten Rom? Wie funktionierten Polizei und Justiz? Kannten die Römer Deo und Aftershave? Wie gingen sie mit Außenseitern, Migranten und Kriminellen um? Was war angesagt? Überraschendes und Spektakuläres, allemal Wissenswertes zu Alltag, Geschichte, Politik und Wirtschaft verbindet Karl-Wilhelm Weeber in 74 Beiträgen zu einem ebenso informativen wie unterhaltsamen Römer-Schmöker. Vielfach informativ auch für (angehende) Pensionäre: ungewöhnlich ein Artikel zur erklärungs­bedürf­tigen Redewendung "Sechzig­jährige von der Brücke" werfen = "Überaltertes Führungspersonal raus, den Jungen eine Chance" (S. 237ff); unter dem Stichwort "Sonnenbad" lässt Weeber Plinius von seinem gleichnamigen Onkel berichten, der sich, wenn er irgend Zeit dafür fand, "nach dem Essen in die Sonne legte, sich dabei etwas vorlesen ließ und Notizen machte. Bei Cicero gehört die apricatio zu den nicht mehr ganz so vielen kleinen Freuden des Alters (sen. 57) - und der Satiriker Persius spricht mit mildem Spott von den aprici senes, den 'sonnenbadenden Alten' (V 179). Die hatten es in Rom immerhin besser als die mitteleuropäischen Rentner, die auf ihren apricatio-Spuren wandeln: Sie brauchen dafür nicht in den Jet nach Mallorca oder Antalya zu steigen." (S. 248).

Cornelius Hartz, Orgien, wir wollen Orgien! So feierten die alten Römer,  Theiss-Verlag und WBG, Darmstadt 2015, 175 Seiten mit 16 s/w Abbildungen, 19,95 € (für WBG-Mitglieder 14,95€), ISBN: 9783806231083

"Der Titel dieses Buches", so Cornelius Hartz in seinem Vorwort, "ist einem Asterix-Abenteuer entlehnt; die Asterix-Comics ... verwenden den Begriff 'Orgie' denn auch so, wie er heute allgemein verstanden wird. Dies dient der Komik - beispielsweise wenn es im 'Kauf-Domus' eine Abteilung für 'Orgien-Artikel' gibt - ist aber dennoch ein (durchaus bewusst eingesetzter) Anachro­nismus. Es entsteht der Eindruck, eine zünftige Orgie hätte einfach zum Alltag der Römer dazugehört, doch das war natürlich nicht der Fall. Für einen traditionsbewussten Römer, der sich am mos maiorum, an den Sitten und Werten der Vorfahren, orientierte, waren Gelage und Schlemmereien ein Graus."  Sittenlosigkeit, Völlerei und Dekadenz sind freilich ein Merkmal, das bis heute das Bild der römischen Gesellschaft prägt. Dabei hat es Orgien als ausschweifende Zusammenkünfte beispielsweise bei rituellen Kulthand­lungen gegeben; in Privathäusern wurde hinter verschlossenen Türen wohl auch bisweilen zügellos gefeiert; Tacitus, Sueton und andere haben genüsslich kolportiert, wenn ein Fest einmal aus dem Ruder lief.

Cornelius Hartz - in Hamburg in Klassischer Philologie promoviert, tätig als freier Übersetzer, Lektor und Autor von Romanen, Krimis und Sachbüchern -  hat die Quellen gesammelt. Das Buch beginnt mit einer ausführlichen Darstellung (alt-)römischer Feierkultur: die meisten Feste folgen einem stren­gen Kalender mit altüberlieferten Bräuchen, rituellen Opfern und natürlich auch Wein und gutem Essen. In den noch folgenden drei Kapiteln steigt der Unterhaltungswert, wenn es um den Bacchuskult, Triumphzüge und Blut und Spiele geht.  Eher privater Natur sind die Gründe für Festveran­staltungen, die die zweite Buchhälfte ausmachen: "Von der Wiege bis zur Bahre: Familienfeiern - Flamingohirn in Weintunke: Gelage und Völlerei - Um acht ist Orgie bei Caesars: private Ausschweifungen - Venus und Hundswurf: Gaststätten und Rotlichtviertel - Aber, aber, Herr Kaiser: Dekadenz bei Hofe."

Cornelius Hartz nimmt uns mit auf eine unterhaltsame Reise durch die Viel­falt der römischen Feste und Feiern, die er mit zahlreichen Literatur­bei­spielen und Infokästen veranschaulicht. Der Rezensent der Tageszeitung DIE WELT meinte: "Hartz hat eine Fülle einschlägiger Zeugnisse zusammen­getragen, die in der Regel aus Büchern stammen, die im Lateinunterricht nicht vorkommen." - Na, dann aber los!

Brüder Grimm. Et nisi mortui sunt ... / Und wenn sie nicht gestorben sind ... Die 12 schönsten Märchen der Brüder Grimm

Lat. / dt. Ausgewählt und übersetzt von Franz Schlosser. Mit einem Vorwort von Andreas Fritsch. 2015. 152 S. mit 12 Abb., Lambert Schneider, Darmstadt, Bestellnummer: 1016067, 24,95 Euro (für WBG-Mitglieder)

Vor vierzig Jahren erschien (1975) in New York das Buch "Kinder brauchen Märchen" (dt. 1977) von Bruno Bettelheim, das in hierzulande mittlerweile in der 32. Auflage vorliegt. Darin interpretierte Bettelheim die Volks­märchen der Brüder Grimm psychoanalytisch. Nach seiner Auffassung machen sie den Unterschied zwischen Lustprinzip und Verantwortungs­prinzip deutlich. Trotz aller Grausamkeiten hielt er die Märchen für wertvoll, weil sie stets gut ausgingen. In der Bundesrepublik amüsierte man sich zu jener Zeit an Märchen­parodien und kritisierte die Lebenswelt der Märchen in ihrer Ferne von der gesellschaftlichen Realität.

Bettelheim freilich "weist in Kinder brauchen Märchen eine Entsprechung zwischen Märchenwelt und kindlichem Erleben und Denken nach. Dabei argumentiert er auf unterschiedlichen Ebenen und setzt die Struktur des Märchens mit dem kindlichen Denken, Märcheninhalte mit Entwicklungs­aufgaben des Kindes sowie Märchenthemen mit kindlichen Entwick­lungskrisen in Beziehung." (Heike vom Orde, Bruno Bettelheim: Kinder brauchen Märchen, in: Televizion 25/2012/2, S. 8)

Mehrere Autoren haben sich in den vergangenen drei Jahrzehnten an die Übersetzung von Märchen ins Lateinische gemacht und der Poesie dieser Gattung Geltung verschafft; Andreas Fritsch nennt Sigrid Albert und Rainer Nickel in seinem Vorwort zur Auswahl und Übersetzung von Franz Schlosser "Et nisi mortui sunt ... Und wenn sie nicht gestorben sind ... Die 12 schönsten Märchen der Brüder Grimm. (Zu ergänzen wäre noch Nicolaus Groß als Übersetzer, der nach eigenen Angaben bislang über 60 Märchen ins Lateinische übertragen hat - vgl. seinen Briefwechsel mit Andreas Fritsch in: EPISTULA LEONINA, LXXXVIII, September 2015, S. 21,

http://ephemeris.alcuinus.net/leonina/).

Neben ›De Cinerella apologus‹ (Aschenputtel), ›De Hanne fortunato apologus‹ (Hans im Glück) und ›De Mamma Nivali apologus‹ (Frau Holle) findet man in diesem mit Abbildungen aus dem Bestand der Brüder Grimm-Gesellschaft e.V. Kassel illustrierten schönen Buch die Märchen / apologi "De Niviella" (Schneewittchen), "De Hannulo Gretulaque" (Hänsel und Gretel), "De Mitella rubra" (Rotkäppchen), "De Sopitula bella" (Dornröschen), "De ranunculo rege" (Froschkönig), "De lupo septemque capellis" (Der Wolf und ie sieben Geißlein), "De vestificulo animoso" (Das tapfere Schneiderlein), "De Rumpelstiltulo" (Rumpelstilzchen) und "De Bremae civitatis musicis" (Die Bremer Stadtmusi­kan­ten).

Ich finde es durchaus interessant, den lateinischen Text hie und da mit dem deutschen Original zu vergleichen (wie wird übersetzt: "und sie ward gelb und grün vor Neide") und habe schon vor Jahren die Erfahrung gemacht, dass "Amor und Psyche" in einem Lektürekurs des Inhalts und der Sprache wegen sehr gut ankam. Andreas Fritsch meint: "Ob das Latein den Geist und die Stimmung der deutschen Märchen wiedergibt und ob das Latein des Übersetzers dem Latein der alten Römer entspricht, muss der kundige Leser, die kundige Leserin selbst beurteilen. In jedem Fall wird die Lektüre unterhaltsam, anregend und in vielfacher Hinsicht lehrreich sein." Vielleicht sollte man im Unterricht wieder einmal probieren, wie Märchen heute bei Jugendlichen ankommen. - Übrigens: Aus der Feder von Franz Schlosser gibt es auch Märchenparodien ("Fabulae! Zehn lateinische Märchenparodien", Göttin­gen 2008). Dazu muss man freilich die Grimm­schen Märchen kennen.

Reuter, Marcus / Thiel, Andreas, Der Limes. Auf den Spuren der Römer, 2015. 224 S. mit 218 farbige und 13 s/w Abb., Glossar u. Reg., Theiss, Darmstadt 2015 Subskriptionspreis Mitglieder 39,95 € (ab 01.07.16 49,95 €) Subskriptionspreis Nichtmitglieder 49,95 € (ab 01.07.16 59,95 €) ISBN: 9783650401144

Zu den markanten archäologischen Denkmälern, die die Römer hinterlassen haben, gehört der Limes. Vor zehn Jahren, 2005, wurde er in die UNESCO-Welterbe-Liste aufgenommen. Forschung und Tourismus nehmen sich gleicher­maßen verstärkt der Grenzen des Römischen Reiches an. Die Archäologie konnte seither wichtige Entdeckungen machen und manche  Aspekte des Limes neu bewerten. Um diese in den bisherigen Wissensbestand einzuarbeiten, braucht es Fachleute wie Andreas Thiel und Marcus Reuter. Thiel ist Oberkonservator beim Landesamt für Denkmal­pflege Baden-Württemberg. Er koordinierte den länderüber­greifenden Antrag zur Aufnahme des Obergermanisch-Raetischen Limes in die Welterbeliste. Reuter war von 2011 bis 2012 Leiter des LVR-RömerMuseums Xanten und ist derzeit Direktor des Rheinischen Landesmuseums Trier.

Welchen Zweck soll ein weiteres Buch über den Limes in Deutschland erfüllen? Im Vorwort notieren die beiden Autoren ihre Intentionen: "Der vorliegende Band soll die Fülle der unterschiedlichen Limesanlagen in einer Gesamtschau zeigen und mit den aktuellen Ergebnissen der archäologischen Forschung verbinden. Gleichzeitig wollten wir das Erbe der römischen Militärmacht an Rhein und Donau auch in ansprechenden Bildern sammeln, die zu einem Besuch der historischen Statten und Museen am Limes anregen sollen." (S. 7)

Das Buch ist klar und schlüssig gegliedert. Die beiden Autoren präsentieren das Material dem Leser in fünf Kapitel, wobei sich das erste (Der lange Weg zum Limes. Entwicklung der römischen Grenzanlagen) mit der geschicht­lichen Entwicklung beginnend bei Caesar und Augustus sowie der Varus-Schlacht als zentralem Element bis hin zum Aufbau eines Schutzwalls an den Nordgrenzen des Römischen Reichs beschäftigt. Es folgt in drei Kapiteln die Abhandlung der  einzelnen Limesabschnitte: "Der Niederger­manische Limes" entlang des Rheins, "Der Obergermanische Limes" vom Rhein zur Rems und "Der Raetische Limes" von der Rems bis an den Inn, in denen die Autoren die markantesten Stellen der fast eintausend Kilometer langen Grenze näher beschreiben. Schließlich richten sie ihren Blick auf "Das Ende des Limes" und schildern, wie der Limes hier und da versetzt und schließlich ganz fallen gelassen wurde. "Das Ende der römischen Grenz­verteidigung zog sich ebenso wie der Zerfall der politischen Strukturen über viele Generationen hin. ... Der Mangel an Soldaten und weitere Bürgerkriege führten dazu, dass die Grenzen schließlich nur noch durch Geldzahlungen an die Germanen gehalten werden konnte." (S. 201) Im Abschnitt "Vom Umgang mit dem Limes in nachrömischer Zeit" vergegen­wärtigt die nun schon Jahrhunderte dauernde Wiederentdeckung und Erforschung des Limes. "Wozu diese Bemühungen? Die Grenzen des Römischen Reiches eignen sich sehr gut dazu, zu vermitteln, dass der Schutz archäologischer Stätten - ob sichtbar oder nicht - für den Erhalt des kollektiven Gedächtnisses de Menschheit unerlässlich ist" (S. 214).

Anschauliches Kartenmaterial in allen Kapiteln erlaubt dem Leser eine vorzügliche Navigation, insbesondere in den drei zentralen Kapiteln, wenn sich die Autoren entlang des Limes ostwärts fortbewegen und die markantesten Stellen der fast eintausend Kilometer langen Grenze näher beschreiben. Übersichtskarten, Glossar, Register und informative Themen­kästen runden den Band ab. Die Verweise auf neu eingerichtete Museen, faszinierende Landschaftsaufnahmen, Bilder von herausragenden Fund­stücken, eine Fülle von Informationen und neuen Erkenntnissen formen ein gelungenes Kompendium über die römische Nordgrenze - man möchte gleich aufbrechen, um "auf den Spuren der Römer" den Limes selbst in Augenschein zu nehmen.

Archäologie der Brücken. Vorgeschichte, Antike, Mittelalter, Neuzeit = Archaeology of bridges / Bayerische Gesellschaft für Unterwasser­archäologie (Hrsg.) in Verbindung mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Red.: Marcus Prell - Regensburg, Verlag Friedrich Pustet 2011, 328 S., 360 Abb., 49,90 Euro, ISBN 978-3-7917-2331-0

Brücken sind faszinierende Bauwerke. Spätestens seit der Sesshaftwerdung im Neolithikum überquerte der Mensch auf Bohlenwegen und Holzbrücken schwieriges Gelände, seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. auch auf Steinbrücken. Doch was ist von diesen alten Bauten geblieben?

Ein internationaler Fachkongress »Archäologie der Brücken – Archaeology of Bridges« der Bayerischen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie, der Deutschen Wasserhistorischen Gesellschaft und weiterer Partner nahm vom 5. bis 8. November 2009 in Regensburg das Thema „Brücken“ zeit- und regionsübergreifend in den Blick. Daraus entstand die vorliegende Publi­kation mit 54 reich bebilderten Beiträgen von 72 Autoren unterschiedlicher Disziplinen aus zwölf Ländern Europas, die einen hervorragenden Einblick in den gegenwärtigen Stand ­archäologischer Brückenforschung gibt. Alle Auf­sätze sind in Deutsch oder Englisch publiziert (gegebenenfalls in eine diese Sprachen übersetzt) und mit einem Resümee in der jeweils anderen Sprache versehen. Ein Sammelwerk nicht nur für Archäologen, Bauforscher und Histo­riker, sondern für alle Brückenliebhaber.

Der zeitliche Bogen ist von vorgeschichtlichen Befunden bis hin zu neuzeitlichen Bauten gespannt. Sechs Beiträge nehmen prähistorische Brücken in den Blick, 19 Anlagen des klassischen Altertums, fünf frühmittelalterliche Brücken, die übrigen Beiträge befassen sich mit Bauten des hohen und späten Mittelalters sowie der Neuzeit. Neben Grabungsberichten zu - oft überraschenden - Neufunden finden sich regionale Überblicksdarstellungen, neben Beobachtungen zur Bautechnik auch einzelne Beiträge zu Paläohydrologie, zu Schrift- und Bild­quellen. Die interdisziplinäre Auswertung von Befunden und Funden führte teils zu unerwarteten Resultaten, so halfen beispielsweise Dendrodaten, Reste mehrphasiger Holzbrücken chro­­nologisch zu ordnen, und experimentelle Archäologie, wichtige Erkenntnis­se zur Errichtung römischer Holzbrücken zu gewinnen.

Mit dem römischen Brückenbau befassen sich u.a. die Aufsätze von Klaus Grewe, Neues zur Baustellenorganisation im römischen Aquädukt­brückenbau (61-66), Mathias Döring, Das 'Eiserne Tor' von Antiochia/Türkei. Römische Aquäduktbrücke, Stadtmauer und Talsperre (67-72), Henning Fahlbusch, Wasserbrücken als Trassierungselement der Kaikosleitung in Pergamon (73-76), Paul Kessener, The Triple Siphon at Aspendos and its Bridges (77-83), Horst Fehr, Römische Rheinbrücken. Wie kamen die Pfähle in den Flussgrund? (96-101), Marcus Prell, Die römische Donaubrücke bei Stepperg. Eine Brücke bislang unbekannten Typs? (110-115), Annie Dumont, Neue Entdeckungen römischer Brücken in Holz- und Mischbauweise in Frankreich (122-130), es geht um römische Brücken an der Rhone (131-135), in Hispanien (136-142) und Dakien (143-147), Johannes Nollé untersucht die Darstellung antiker Brücken auf Münzen (148-155).

Ein interessanter Aspekt ist die multifunktionale Nutzung von Brücken. Sie dienen beispielsweise als Stauwerk, Mühlendamm oder Baugrund (u.a. Old Londonbridge, Pont Notre Dames in Paris, Ponte Vecchio in Florenz oder die Krämerbrücke in Erfurt). Brücken waren dabei stets die Orte von Begeg­nungen und des Austauschs. Der mit Karten, Grafiken und Fotos aufwendig bebilderte Band lädt dazu ein, den Spuren von Brückenbauten in Europa und Vorderasien durch die Jahrtausende zu folgen.

Eine gute Ergänzung zu dem eben beschriebenen Band stellt ein etwa zeitgleich erschienenes Zeitschriftenheft dar: Brücken in Bayern. Geschichte, Technik, Denkmalpflege, in: Denkmalpflege Themen Nr. 2, 2011, 100 Seiten, hrsg. vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, online unter: www.blfd.bayern.de/medien/themen2_bruecken_k.pdf - lesenswert darin z.B. der Beitrag von Karlheinz Hemmeter, Auf dieser Brücke gilt das kaiserliche Gesetz: Brücken und Kulturgeschichte (21-30).

Thomas Fischer: Die Armee der Caesaren. Archäologie und Ge­schichte. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2012. 415 Seiten, 59,95 Euro, ISBN 9783791724133

Was haben Xanten, Augst, Eining, Mayen, Hüfingen, Hechingen-Stein, Bergkamen, Carnuntum, Augsburg, Rottenburg, Bad Gögging, Weißen­burg und Höchst im Odenwald gemeinsam? Sie sind Veran­staltungsorte von Römerfesten, zu denen Besucher zu Tausenden kommen. Viele Akteure kleiden sich in Tunika, Rüstung oder Gla­dia­torenkluft. Das Interessante an diesen Gruppen ist, dass sie ihre Leidenschaft für das Nach-Leben und das Nach-Empfinden - neudeutsch das Reen­actment - von Geschichte ziemlich ernst nehmen und deshalb auch ernst genommen werden wollen.

Thomas Fischer, der Herausgeber des anzuzeigenden Prachtbandes über die Aus­rüstung des römischen Militärs, hat die immer größer werdende Zahl solcher Laien im Blick, die betonen, sie seien um seriöse, streng wissen­schaftliche experimentelle Archäologie bemüht, die in den letzten Jahr­zehnten - ausgehend zum Beginn der 1970-er Jahre in Großbritannien - die archäologische Wissenschaft fraglos maßgeblich voran­gebracht haben: "Die meisten 'Freizeitrömer' beziehen inzwischen jedoch ihre Ausrüstung als in Indien gefertigte und vielfach nicht mehr authentische Massenware aus dem Internet ... Dieses Buch wurde also auch mit der erklärten Absicht geschrieben, die populären Vorstellungen und Bilder, die sich immer mehr bei der öffentlichen Wahrnehmung in den Vordergrund drängen, auf den Prüfstand zu stellen. Dort wo es nötig ist, sollen sie konsequent kritisch hinterfragt werden, denn die phantasievolle Begeisterung von Laien und die nüchternen Erkenntnisse der Fachwissenschaft laufen nicht immer parallel!" (S. 13). Mit gemischten Gefühlen zu bewerten sei auch eine "eigene Subkultur außerhalb der professionellen wissenschaftlichen Literatur", die sich "in immer mehr einschlägigen Computerspielen zeige, in denen römi­sches Militär in seiner charakteristischen Bewaf­fnung agiert". Nicht zuletzt fehle aber im deutschsprachigen Raum für die historische Forschung ein Überblickswerk, so sei man immer noch auf den einschlägigen Band im Handbuch der Altertums­wissenschaften von Krohmeyer/Veit von 1928 ver­wiesen "trotz einer fast ins Uferlose angeschwollenen und stetig wach­senden Spezial­literatur zum Thema der römischen Armee" (Seite 12f).

Ein Vergnügen stellt es bereits dar, sich ins höchst detaillierte Inhalts­verzeichnis zu vertiefen, das über fünf Seiten mit zehn eng beschriebenen Spalten geht. In Teil I (S. 32-61) geht es um "Bildquellen des römischen Militärs", Teil II (S. 62-111) handelt von "Allgemeine(n) Fragen zum römischen Militär", Teil III (S. 112-249) stellt "Tracht, Bewaffnung und Ausrüstung des Heeres anhand archäologischer Originalfunde" dar, Teil IV (S. 250-317) präsentiert "Die Bauten des römischen Heeres", Teil V (S. 318-351) skizziert die "Entwicklungsperioden der römischen Militärgeschichte" und Teil VI (S. 352-395) geht auf "Die römische Kriegsmarine" ein. Ein 20-seitiger Anhang mit einem großen Literaturverzeichnis und mehreren Registern (Namen, Geografische Begriffe, Sachregister) schließt den gewichtigen Band ab, eben­so umfangreich ist die Einführung mit dem "Stand der Forschung" und "Grundbemerkungen zur Geschichte und Gliederung des römischen Heeres".

Der in Köln lehrende Professor für die Archäologie der römischen Provinzen  Thomas Fischer  hat sich bei diesem Opus Magnum die Aufgaben geteilt. Er übertrug einzelne Abschnitte seinem Kollegen Dietrich Boschung aus seiner Fakultät und zwei Forschern des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz, Ronald Bockius und Thomas Schmidts. Es erübrigt sich her­vor­zu­he­ben, dass diese wich­ti­ge und ge­lehr­te Pu­bli­ka­ti­on im­mens nütz­lich für his­to­risch-​ar­chäo­lo­gisch In­ter­es­sier­te wie für ver­sier­te Fach­leu­te ist. Wer prä­zi­se, zu­ver­läs­si­ge In­for­ma­tio­nen und ge­ball­tes Fak­ten­wis­sen zur rö­mi­schen Ar­mee sucht, ist bei den Autoren dieses Prachtbandes gut auf­ge­ho­ben.

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