— von Peggy Schaller, Gymnasium A. von Humboldt, Eberswalde

Der große Hörsaal im Haus 6 auf dem Campus Griebnitzsee platzte am Freitag aus allen Nähten, als über 500 Lateinschüler gebannt den lateinischen Begrüßungsworten von Professorin Dr. Ursula Gärtner lauschten.

Es war der Auftakt zum elften Potsdamer Lateintag, an dem Schulklassen aus Berlin und Brandenburg dazu eingeladen waren, einen Tag lang in das Lateinstudium an der Universität Potsdam hineinzuschnuppern.

Der Lateintag stand wie auch in den Jahren zuvor unter einem fachspezifischen Oberthema, das dieses Mal „Würde“ lautete. Dazu gab es am Vormittag zwei Einführungsvorträge. Zum einen erläuterte die an der Humboldt-Universität lehrende Professorin Dr. Claudia Tiersch  das Verständnis der dignitas (lateinisch für „Würde“) in der römischen Gesellschaft. Die Schüler erfuhren hier, dass unser heutiges Verständnis von menschlicher Würde, die wir eng mit den Menschenrechten verknüpfen, zu römischer Zeit eine ganz andere Bedeutung hatte. Dignitas war ein Status, den man sich zum Beispiel durch das Belegen eines politischen Amtes oder durch militärische Erfolge verdiente.

Im Anschluss stellte der für seine anschauliche Vortragsweise bekannte Philosophie-Professor Stefan Büttner-von Stülpnagel den Wandel des Begriffes „Würde“ bis in die heutige Zeit dar und ließ es sich dabei nicht nehmen, pointierte Beispiele zu benennen, um den Schülern den Zugang zu diesem philosophischen Thema zu erleichtern. Dass ein Staubsauger keine Würde besitzt, darüber sind wir uns einig. Was aber, wenn er eines Tages mit uns sprechen kann und eigene Entscheidungen trifft? Müssten wir unsere Definition von Würde dann nicht überdenken?

Dieses doch sehr abstrakte Thema stieß am Vormittag auf gemischte Stimmung. Während einige Elftklässler die Vorträge schon als anstrengend empfanden, zeigten andere Schüler durch interessierte Fragen, unter anderem, wie der Professor zu künstlicher Intelligenz stehe, dass das Thema durchaus einen Bezug zur Lebenswelt der Schüler hat und dass es eine für sie greifbare gesellschaftliche Relevanz besitzt.

Nach der Mittagspause wurde die zweite Runde des Lateintages eingeläutet, in der verschiedene Schnupperseminare für die Schüler angeboten wurden – natürlich alle zum Thema „Würde“. Hier erhielten die Schüler zum Beispiel im Seminar „Ehre, wem Ehre gebührt? – Caesars Kampf um dignitas und auctoritas“ nicht nur einen Eindruck davon, wie Julius Caesar um seine Würde als imperator kämpfte, sondern auch einen Einblick in die wissenschaftliche Textarbeit. Dabei wurden Fragen geklärt wie: Wo kommen antike Texte eigentlich her? Wer hat sie überliefert? Hier lernten die Schüler, dass durch das häufige Abschreiben antiker Texte im Mittelalter oft Fehler passierten, die manchmal den Sinn eines Textes völlig entstellen konnten; so zum Beispiel, wenn durch das falsche Kopieren eines n aus voluntas (der Wille) voluptas (die Lust) wird.

Parallel zu den Seminaren fand eine Besprechung zum Projekt des Brandenburger Antike-Denkwerks statt. Dieses Projekt läuft in zweiter Auflage und wird von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert. Verschiedene Klassen haben in diesem Jahr die Möglichkeit, unter der Betreuung von Studenten der Universität zum Thema „Würde“ ein Projekt zu gestalten, das sie im März 2016 in einem Schülerkongress vorstellen. Den Schülern wird es hierbei ermöglicht, Einsichten in das wissenschaftliche Arbeiten an der Universität zu gewinnen und interessante Aspekte der Antike auch über den normalen Unterricht hinaus zu erfahren und selbst zu erforschen.

Die elfte Klasse des Humboldt-Gymnasiums in Eberswalde nimmt an diesem Projekt teil. Bereits nach den Vorlesungen sammelten die Schüler die ersten Ideen. „Man könnte die Positionen antiker Schriftsteller und Philosophen zum Thema „Würde“ denen von modernen Politikern oder Vertretern von Menschenrechtsorganisationen gegenüberstellen“, überlegte eine Schülerin. Auch die Idee, die Würde von Sklaven, die im römischen Reich bekanntlich keine Rechte hatten, näher zu beleuchten, stieß auf Zustimmung.

Um 14:30 Uhr endete die Veranstaltung, und die Schüler stellten fest, wie lang Ihnen so ein Uni-Tag erschien, an dem sie zwei Vorlesungen und ein Seminar besucht hatten. „Es war zwar ein schwieriges Thema und ich fand es sehr anstrengend, die ganze Zeit zuzuhören“, sagt Miriam vom Humboldt-Gymnasium Eberswalde, „aber es war auch spannend zu sehen, wie so ein richtiger Uni-Tag abläuft.“

Die nächsten Monate werden für die Projektteilnehmer eine spannende Zeit, und am 11. und 12. März heißt es dann beim Schülerkongress: „Ehre, wem Ehre gebührt.“

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