— von Josef Rabl

Theiss-Verlag/Wiss. Buchgesellschaft , Darmstadt 2014, 176 S., geb., 14.95 €, Nichtmitglieder 19.95€. - Auch als Hörbuch/Audio CD erhältlich; 9.95 €, Nichtmitglieder 12.95€.

Das Interview ist eine unverzichtbare Methode der journalistischen Recherche und eine eigenständige journalistische Darstellungsform. Drei Arten lassen sich unterscheiden:

  1. Das Interview zur Sache, das Informationen über Fakten vermitteln will,
  2. das Meinungsinterview, das eine (meist prominente) Person nach ihrem Urteil über ein Ereignis oder einen Sachverhalt befragt, und
  3. das Interview zur Person, das einen Menschen durch seine Antworten skizzieren will.

Definitorische Formulierungen dieser Art findet man in den entsprechenden Handbüchern.

In dieser Zeitschrift hat im vergangenen Jahrzehnt Bernhard Kytzler mehrfach diese moderne Darstellungsform des Interviews gewählt, um jeweils einer großen Persönlichkeit der Antike Raum zu geben:

Kytzler, Bernhard: Interview mit einem Kaiser. Die Antworten erteilte Mark Aurel, Romanus, im 2. Jahrhundert. Die Fragen stellte Bernhard Kytzler, Silesius, im 21. Jahrhundert. LGBB 50, 1/2006, 14-16; Fortsetzung: LGBB 50, 2/2006, 26-27 und 52-53.

Weitere Beispiele sind: ders.:  Interview im Exil mit einem politisch verbannten Poeten. LGBB 52, 4/ 2008, 81-84 und

ders.: Drei Gespräche mit Platon. LGBB 54, 1/2010, 5-6; Fortsetzung: LGBB 54, 3/2010, 51-53 und LGBB 54, 4/2010, S. 74-75.

Karl-Wilhelm Weeber hat in seinem Interviewband mit Seneca (Auf einen Wein mit Seneca, 2012) das Format des kulturgeschichtlichen Sachbuchs in Interviewform ausgiebig genutzt. In dem Folgeband "Wie war ihr Tag, Caesar? Eine römische Kulturgeschichte in Interviews" (Darmstadt 2014) werden fiktive Interviews mit berühmten Persönlichkeiten, aber auch normalen Bürgern der Antike geführt "in der Absicht, kulturgeschichtliches Wissen über die römische Antike in aufgelockerter, eingängiger Form zu vermittelt" (Vorwort, S. 7). Zu den dreizehn interviewten Prominenten zählen Appius Claudius Caecus, Politiker und Erbauer der Via Appia, Marcus Porcius Cato, "Globalisierungsgegner", Cornelia, alleinerziehende Mutter, Gaius Sergius Orata, Luxus-Unternehmer, Iunia Torquata, Priesterin der Vesta, Vespasian, römischer Kaiser und kreativer Steuererfinder, Ummidia Quadrata, lebenslustige Seniorin und Sponsorin, Gaius Plinius Secundus d.J., Statthalter, neben Spartacus, Caesar, Augustus, Messalina und Nero. Es folgen fünfzehn weitere Interviews mit "weniger Prominenten", beispielsweise mit Lucius Orbilius Pupillus, Lehrer, Aurelia Nais, Fischhändlerin, Lucius Trebius Fidus, Vorsteher des Kollegiums der Sandalenschuster, Vacerra, Mahlzeitenjäger, Spurius Sentina, Gerichtsclaqueur, Valeria Verecunda, Hebamme und Ärztin, Tryphon, Buchhändler und Verleger, Gaius Appuleius Diocles, Wagenlenker, Iris, Kellnerin, oder Lucius Tossius Amphio, Bestatter. "Über die nichtprominenten Gesprächspartner sind oft nur dürre biographische Details aus Grabinschriften bekannt; einige wenige Personen sind gänzlich fiktive Gestalten. Die Interviews sollen auf exemplarische Weise Lebens- und Berufswelten, Freizeitvergnügen und soziale Verhältnisse beleuchten - und zwar eben auch der 'kleinen Leute‘, die sonst meist im Schatten der Geschichte bleiben." (Vorwort, S. 7)

Es versteht sich von selbst, dass Appius Claudius Caecus, Ummidia Quadratilla  und all die anderen Personen der Antike nie und nimmer interviewt werden konnten, aber Weeber wählt gerade diese Kommunikationsform, um durch das unterhaltsame und lockere Frage-und Antwortspiel ganz unterschiedliche Bereiche anzusprechen und im Dialog zu erörtern. Übrigens hat darauf schon Cicero großen Wert gelegt, wie er in der Einleitung zu den "Gesprächen in Tusculum" erklärt: "Damit unsere Diskussionen bequemer lesbar seien, werde ich sie lieber in dramatischer als in erzählender Form berichten". Er schätzte das Gespräch als die sokratische Methode der besseren Wahrheitsfindung, und etwas von dieser Wertschätzung ist wohl auch auf die Gattung des Interviews übergegangen, das keine Wahrheit, aber immerhin einige Authentizität verspricht.

Die Interviews vermitteln durch gezielte Fragen und spontane, aber überlegt gesetzte Antworten einen äußerst lebendigen Einblick in die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse Roms. Weeber stellt klar: "Der Interviewer versteht sich als Zeitgenosse der Interviewten, nicht als distanzierter Fragesteller aus dem 21. Jahrhundert. ... Die interviewten Personen sprechen Deutsch - und zwar kein künstlich latinisiertes, sondern das Deutsch, das sie heute sprächen - der Kaiser und der gebildete Aristokrat ein gewählteres als der Gladiator und der Schuster. Deshalb sind Begriffe wie 'Job' oder 'sich outen' keine Fremdkörper. Wenn man sich einmal auf die Fiktion eingelassen hat, sind das keine 'Modernismen', die man aus dem Munde eines alten Römers nicht erwartet." (Vorwort, S. 7f.). So rechtfertigt z.B. Kaiser Augustus sein "Regierungsprogramm in Stein", der Lehrer Lucius Orbilius sieht das Fazit seines Berufs in "Lust durch Frust", der Wagenlenker Gaius Appuleius Diocles baut auf "bis in die Zehenspitzen motivierte Mitarbeiter, ein tolles Betriebsklima und Super-Fans".

Was bringt das Buch für den Lateinunterricht? Ersetzen (oder kombinieren) Sie beim nächsten Mal die Lektüre eines biographischen Wikipedia-Artikels über Caesar, Augustus oder Plinius durch das durchschnittlich sechsseitige Interview mit diesen Personen und lassen Sie Ihre Schüler/innen herausfinden, was an persönlicher Charakterisierung, an individuellem Urteil und an historischen Fakten in diesen Interviews steckt. Mir scheint das eine interessante Aufgabe zu sein. Der zu erwartende Wissens- und Kompetenzzuwachs ist die Mühe wert. Unterhaltsam ist solche Lektüre überdies!

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